mini|Eveline Goodman-Thau (2017)

Eveline Goodman-Thau (, Chawa Thau; * 1934 in Wien) ist Rabbinerin und Professorin für jüdische Religions- und Geistesgeschichte. Sie ist Gründerin und Direktorin der Hermann-Cohen-Akademie für Religion, Wissenschaft und Kunst in Buchen (Odenwald) sowie der Hebraic Graduate School of Europe.

Leben Eveline Goodman-Thau wurde am 20. Juni 1934 in Wien geboren. 1938 immigrierte sie mit ihren Geschwistern, der späteren Literaturwissenschaftlerin Gerda Elata-Alster und dem späteren konservativen orthodoxen Rabbiner Zvi Thau, nach Hilversum und lebte bis 1945 mit ihren Eltern im Versteck.Ilse Korotin (Hrsg.): biografıA. Lexikon österreichischer Frauen. Band 1: A–H. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2016, ISBN 978-3-205-79590-2, S. 1059. Sie besuchte 1945 bis 1955 das Gymnasium und danach die Universität in Amsterdam, wo sie Englische Literatur und Jüdische Studien belegte. Sie arbeitete als Hebräischlehrerin und gründete den ersten hebräischsprachigen Kindergarten in Amsterdam. 1956 heiratete sie und zog nach Israel. Sie bekam fünf Kinder und war in der religiösen Frauenbewegung für Bildungs- und Kulturprogramme aktiv. Gleichzeitig führte sie ihre Jüdischen Studien mit Fokus auf Bildung, Jüdische Geschichte, Bibel, Midrasch und mündliche Lehre weiter. Da sie fließend Deutsch, Niederländisch, Hebräisch, Englisch und Jiddisch spricht, arbeitete sie als Übersetzerin und unterrichtete Studenten und Erwachsene in Hebräisch und Englisch.

Arbeit Eveline Goodman-Thau war von 1966 bis 1976 Direktorin des Institute for Research on Dutch Jewry, errichtete dort die Bibliothek und organisierte Studienkonferenzen, Ausstellungen und Publikationen. Von da studierte sie an der Hebräischen Universität Jerusalem, im Department für Jüdische Philosophie und Literatur, und gab Kurse zu den Themen Bibel, Midrasch, philosophische Texte, Jüdische Identität, Holocaust, Jüdisches Gebet und Werte. Anschließend schrieb sie ein Lexikon über holländische Gerechte unter den Völkern für Yad Vashem, und schuf einen Lehrplan für das Studium des Holocaust, einschließlich Film. Sie absolvierte einen zweijährigen Kurs zur Gruppenberatung des Ministeriums für Bildung. Von 1983 bis 1987 war sie Dozentin für Contemporary Jewish Thought, akademische Beraterin des WZO Youth and Hechalutz Department, des Martin Buber Institute of the Hebrew University und des Brookdale Institute for Human Development. Sie erarbeitete ebenso einen Lehrplan für religiösen Pluralismus für Gymnasien in Verbindung mit dem Moshe Sharett Institute.

1987 begann sie mit einer umfangreichen Lehrtätigkeit in Deutschland an verschiedenen Universitäten unter anderem an der Kirchlichen Hochschule in Berlin und an den Universitäten Tübingen und Heidelberg, an der Universität Kassel und in Oldenburg. 1993 promovierte sie in Philosophie an der Universität Kassel zum Thema: „Zeitbruch – Zur messianischen Grunderfahrung in der jüdischen Tradition“. 1993 übernahm sie eine Karl-Jaspers-Gastprofessur an der Universität Oldenburg. Gleichzeitig war sie bis 1997 Gastprofessorin für Jüdische Studien und gründete das Seminar für Jüdische Studien an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

1998 gründete sie die Hermann-Cohen-Akademie für Religion, Wissenschaft und Kunst in Buchen (Odenwald), deren Direktorin sie ist. Von 1998 bis 2000 war sie Gastprofessorin und Associate Researcher an der Harvard Divinity School. 2000 absolvierte sie ihre Habilitation in Philosophie (Jüdische Philosophie) an der Universität Kassel und erhielt eine orthodoxe Ordination als Rabbinerin in Jerusalem.

Von 2001 bis 2002 war sie erste Rabbinerin Österreichs an der liberalen Gemeinde Or Chadasch in Wien. Ein paar Jahre später konnte sie ihre eigene Synagoge in der Robertgasse einweihen. Zur selben Zeit war sie auch als Gastprofessorin an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz sowie an der Universität Wien tätig. Ihr Leitthema ist das jüdische Erbe Europas, das nicht nur „der Erinnerung an die Zerstörung“ dient, vielmehr darauf schaut für ein „neues Ethos im gemeinsamen Suchen nach Grundlagen eines kulturellen und politischen Zusammenlebens“.

Es folgte 2005/2006 eine Fellowship am Kolleg Friedrich Nietzsche der Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlungen und von 2007 bis 2008 forschte sie für die Gründung der Hebraic Graduate School of Europe.

2010 war sie Gastprofessorin an der Universität Osnabrück, seit 2014 an der Leuphana Universität Lüneburg.

Eveline Goodman-Thau verfasste zahlreiche Publikationen zur Jüdischen Philosophie und Frauen- und Geschlechterstudien, die auch der christlichen feministischen Theologie Anstöße gaben.

Sie ist seit 2010 Mitglied im Kuratorium der Gesellschaft Freunde Abrahams (München) und Ehrenmitglied der Internationalen Rosenzweig-Gesellschaft.

Auszeichnungen Ehrenmedaille der Stadt Buchen (Odenwald) (2004) Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien in Silber (2005) Ehrendoktorat der Babeș-Bolyai-Universität Cluj (2009) Friedenstaube für Menschenrechte (2013) Bundesverdienstkreuz am Bande (2019)

Publikationen Bücher Holocaust: A Literary Approach. Kiryat Moria, Jerusalem 1979. A Bunch of Grapes, documentary film, ebd. 1981. Righteous Gentiles in the Netherlands. Lexicon, Yad Vashem, Jerusalem 1981. Prayer in the Jewish Tradition. Source Book, Jerusalem 1981. In Search of Self – Modern Jewish Philosophers. Curriculum Reader, WUJS-Arad 1982. From Sources to Forces. Source Book, Sapir Center of Jewish Heritage, Jerusalem 1986. Religious Pluralism in Israel. Curriculum and Source Book, Moshe Sharett Institute, Jerusalem 1986. Zeitbruch – Zur messianischen Grunderfahrung in der jüdischen Tradition. Akademie-Verlag, Berlin 1995. Abendländische Eschatologie. Ad Jacob Taubes, Hrsg. Richard Faber und Eveline Goodman-Thau, Würzburg 2001. Aufstand der Wasser: Jüdische Hermeneutik zwischen Tradition und Moderne. Berlin; Wien 2002. Fremd in der Welt, Zu Hause bei Gott. Bruch und Kontinuität in der jüdischen Tradition. Münster 2002. Eine Rabbinerin in Wien. Betrachtungen. Czernin: Wien 2003. Erbe und Erneuerung: Kulturphilosophie aus den Quellen des Judentums. Wien: Picus 2004. Illa Meisels, Erinnerung der Herzen. Mit einem Nachwort versehen und herausgegeben von Eveline Goodman-Thau, Wien: Czernin-Verlag, 2004. Das Jüdische Erbe Europas. Krise der Kultur im Spannungsfeld von Tradition, Geschichte und Identität. Hrsg. Eveline Goodman-Thau, Fania Oz-Salzberger, Philo-Verlag Berlin 2005. Liebe und Erlösung. Das Buch Ruth, LIT-Verlag, Münster 2006. Das Eigene Erinnern: Gedenkkultur zwischen Realität und Normalität. Hrsg. Eveline Goodman-Thau, Passagen-Verlag Wien 2007. Arche der Unschuld: Versuch einer Kulturkritik nach Auschwitz. LIT-Verlag, Berlin 2009. – engl. Übersetzung: In the Ark of Innocence. A Critique of Reason after Auschwitz (in Vorbereitung) Zwischen Formation und Transformation: Die Religionen Europas auf dem Weg des Friedens. Hrsg. Arnulf von Scheliha und Eveline Goodman-Thau, Universitätsverlag Osnabrück, V&R unipress in Göttingen 2011. Zur Aktualität des Unzeitgemäßen, Beiträge zum Jüdischen Denken, (hrsg. zusammen mit Hans-Georg Flickinger), Verlag Traugott Bautz, Nordhausen 2013, ISBN 978-3-88309-827-2 Wissen und Bildung: Moderne jüdische Philosophie als Kulturkritik. Verlag Traugott Bautz, Nordhausen 2016, ISBN 978-3-95948-140-3 Memory and Morality after Auschwitz. Verlag Traugott Bautz, Nordhausen 2017, ISBN 978-3-95948-227-1 Vom Archiv zur Arche. Geschichte als Zeugnis Verlag Edition AV, Bodenburg 2018, ISBN 978-3-86841-222-2

Reihen Studien zu Religion, Wissenschaft und Kunst. Hrsg. von Hermann-Cohen-Akademie – Bd. I: Zeit und Welt. Denken zwischen Philosophie und Religion. Hrsg. von Eveline Goodman-Thau, Heidelberg 2002. – Bd. II: Kanon, Kontext und Kultur. Hrsg. Eveline Goodman-Thau, Heidelberg 2006. – Bd. III: Martin Buber. Denker im europäischen Zwischen-Raum. Hrsg. von Eveline Goodman-Thau, Heidelberg 2006. RIMONIM (Hebr. Granatäpfel) – Festschriften zur Verleihung der Hermann Cohen Medaille für Jüdische Kulturphilosophie. Hrsg. Eveline Goodman-Thau, C. Winter Verlag, Heidelberg 2005 ff. – Micha Brumlik: „… ein Funke des römischen Gedankens...“. Leo Strauss’ Kritik an Hermann Cohen. (2006). – Rivka Horwitz: Levinas’s Interpretation of the Talmud. (2006). – Helmut Holzhey: Das Problem der Vernunft und die Vernunft des Systems. Eine philosophische Besinnung in Anschluss an Hermann Cohen. (2006). Jüdisches Denken in der europäischen Geistesgeschichte, Berlin 1994 ff. Herausgegeben von Eveline Goodman-Thau u. a. – Bd. I: Messianismus zwischen Mythos und Macht, hrsg. Eveline Goodman-Thau und Wolfdietrich Schmied-Kowarzik, Akademie-Verlag, Berlin 1994. – Bd. II: Bruch und Kontinuität, hrsg. Eveline Goodman-Thau und Michael Daxner, Berlin 1994. – Bd. III: Vom Jenseits, hrsg. Eveline Goodman-Thau, Akademie-Verlag, Berlin 1996. Jüdische Quellen [Mit Christoph Schulte (Hrsg.)], Berlin 1993 ff. – Bd. I: Das Buch Jezira, Berlin 1993. – Bd. II: Maimonides. Das Buch der Erkenntnis, Berlin 1994. – Bd. III: Salomo Ibn Gabirol: Krone des Königtums, Berlin 1994. – Bd. IV: Abraham Isaak HaCohen Kook. Orot HaTora – Die Lichter der Tora, Berlin 1995. Kabbala und Romantik, Tübingen 1994 ff., hg. Eveline Goodman-Thau u. a. – Bd. I: Kabbala und Romantik, hrsg. Eveline Goodman-Thau, Gert Mattenklott und Christoph Schulte (Conditio Judaica 7), Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1994. – Bd. II: Kabbala und die Literatur der Romantik. Zwischen Magie und Trope, hrsg. Eveline Goodman-Thau, Gert Mattenklott, Christoph Schulte (Conditio Judaica 27), Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1996. SCHIBBOLETH – Forum Jüdische Kulturphilosophie. Studien zu Religion und Moderne, hrsg. Eveline Goodman-Thau, Münster, 2002 ff. – Bd. I: Fremd in der Welt, Zu Hause bei Gott. Bruch und Kontinuität in der jüdischen Tradition, Münster 2002. – Bd. II: Irmgard Zepf (Hrsg.), Nathan Peter Levinson: Widerstand und Eigensinn. Sechs jüdische Lehrer, Münster (2005). – Bd. III: Fania Oz-Salzberger, Countering Injustice. Jewish and Western Perspectives from Isaiah to Modern Culture, Münster (in Vorbereitung) – Bd. IV: Eveline Goodman-Thau, Liebe und Erlösung. Das Buch Ruth (2006) – Bd. V: Julian Voloj, Der Vater, der Sohn und das Heilige Russland. Biographische Notizen zu Leonid und Boris Pasternak, Münster (2006) HAGUT – Studien zu Jüdischer Religions- und Geistesgeschichte, hrsg. Eveline Goodman-Thau, Münster 2006ff. (Reihenplanung in Vorbereitung) Jüdische Pfade – Jewish Pathways, hrsg. Eveline Goodman-Thau – Das Eigene Erinnern. Gedenkkultur zwischen Realität und Normalität, hrsg. Eveline Goodman-Thau, Passagen Verlag, Wien 2007.

Abhandlungen On Remembering the Story – Jewish Tradition and the Recognition of Origin, Women and Halacha Conference, Jerusalem 1986. Religiöse Identität der Frau im Judentum. Guest lecture at the Gesamthochschule Paderborn and the Catholic Theological University in Amsterdam 1987. „Zurück zum Garten Eden“ – Auf der Suche nach Gemeinschaft. In: Eleonore Siegele-Wenschkewitz (Hrsg.): Verdrängte Vergangenheit, die uns bedrängt. München 1988, 104–116. „Women and the Art of Remembering“, International Conference on Private Woman – Public Work, ed. Miriam Ben Peretz and Devorah Kalekin-Fishman, University of Haifa 1988, 231–249. „Höre ihre Stimme“, in: Feministisch gelesen, hrsg. Eva Renate Schmidt, Mieke Korenhof, Renate Jost, Bd. II, Stuttgart 1989,63-74. „Wie heeft u verteld dat gij nankt zijt?“, in: lezen Joden en Christenen dezelfde bijbel?, OJEC Serie 8, ed. Ralph Evers, Edward van Voolen e.a., Kampen 1990, 63–70. „Zusammen und getrennt“ – Über die Notwendigkeit des Konflikts als Voraussetzung für den Jüdisch-Christlichen Dialog. Herrenalber Protokolle 70, Schriftenreihe der Ev. Akademie, Karlsruhe 1990, 7–20.