Ein Freiwilligendienst (früher auch Arbeitsdienst), in der Schweiz auch Freiwilligenarbeit genannt, ist eine institutionalisierte Form ehrenamtlicher Arbeit, die zeitlich von vorneherein befristet ist und nach vorheriger Vereinbarung über Ausmaß und Art der Tätigkeit stattfindet. Die Freiwilligen setzen sich für das Allgemeinwohl ein, insbesondere im sozialen, ökologischen und kulturellen Bereich sowie im Bereich des Sports, der Integration und des Zivil- und Katastrophenschutzes oder der Völkerverständigung gegen ein gewöhnlich geringes oder auch gar kein Taschengeld. Bei jugendlichen Teilnehmern wird auch deren Bildungsfähigkeit gefördert. Freiwilligendienste zeichnen sich heute durch eine Vielfalt von Trägern unterschiedlicher Wertorientierungen und Inhalte, Methoden und Arbeitsformen aus. Freiwilligendienste gibt es auf nationaler Ebene oder im Ausland, für Fachkräfte oder Laien, in Gruppen als Jugendgemeinschaftsdienst (Workcamps) oder einzeln und in unterschiedlicher Dauer.Geudens, S. 13.

Jugendfreiwilligendienste sind Teil der Jugendarbeit und damit der Jugendhilfe.

Im Gegensatz zum Freiwilligendienst steht die staatlich angeordnete zivile Dienstpflicht.

Begriff Freiwilligendienste werden in der Schweiz als Freiwilligenarbeit bezeichnet. Wenn Freiwilligendienste der Gegenwart als „Arbeitsdienst“ bezeichnet werden, so ist diese Begriffswahl insofern als unglücklich zu bewerten, als bei dem Begriff „Arbeitsdienst“ viele an den obligatorisch abzuleistenden „Reichsarbeitsdienst“ denken, der das nationalsozialistische Herrschaftssystem abzustützen half. Bereits in den 1920er und 1930er Jahren hatten Freiwilligendienste außer dem Namen „Arbeitsdienst“ nur wenig mit Konzeptionen des Typs Reichsarbeitsdienstes gemeinsam.

Abgrenzungen Gegenstand Gegenstand von Freiwilligendiensten ist die Erbringung gemeinnütziger Arbeit. Abzugrenzen sind Freiwilligendienste von Programmen im Bildungsbereich, bei denen keine gemeinnützige Arbeit geleistet wird, wie der Schüleraustausch, Schülerpraktika, Jugendbegegnungen im nicht-formellen Bildungsbereich, dem Auslandsstudium oder dem Austausch von Auszubildenden oder Ausbildern im beruflichen Bildungsbereich. Bei Work & Travel leistet der Reisende ebenfalls keine gemeinnützige Arbeit, sondern verrichtet Gelegenheitsarbeiten zur Finanzierung seiner Auslandsreise. Bei Au-pair-Programmen steht ebenfalls keine gemeinnützige Arbeit, sondern neben dem Erwerb von Sprach- und Kulturkenntnissen, Kinderbetreuung und gegebenenfalls leichte Hausarbeiten im Vordergrund.

Institutionalisierte Form Der Freiwilligendienst setzt eine stärkere formelle Festlegung von Zielen und Mitteln vorausTony Geudens: T-Kit No. 5. International voluntary service. 2013, S. 11.. Trägern obliegt die rechtmäßige Durchführung und bei Jugendlichen auch die pädagogische Begleitung der Freiwilligenarbeit. Jeder Träger wählt geeignete Einsatzstellen für die Freiwilligenarbeit aus. Das unterscheidet ihn vom klassischen Ehrenamt und anderen Formen des bürgerschaftlichen Engagements.

Gemeinnützigkeit und Beweggründe Teilnehmer Allen Freiwilligendiensten ist gemeinsam, dass die Teilnehmer in wirtschaftlicher Hinsicht selbstlos handeln und keine eigenen wirtschaftlichen Interessen verfolgen. Teilnehmer erhalten meistens als Aufwandsentschädigung ein Taschengeld oder müssen sogar bei kommerziellen Anbietern Teilnahmegebühren entrichten. Das grenzt einen Freiwilligendienst von Work & Travel oder den Wanderjahren von Handwerksgesellen ab.

Die ideellen Beweggründe sind vielgestaltig. Sie reichen von dem Willen anderen Menschen zu helfen, sich solidarisch zu verhalten, über Neugierde und Abenteuerlust, bis hin zum Interesse an anderen Kulturen, dem Ziel Lebenserfahrung zu gewinnen oder seinen Lebenslauf zu verbessern. Ein Freiwilligendienst kann auch zur Überbrückung von Leerzeiten von der Schule zum Studium oder Berufsausbildung oder vorübergehender Arbeitslosigkeit dienen. Gerade bei Einsätzen von kurzer Dauer ist der Übergang zum Voluntourismus fließend.

Träger und öffentliche Förderung Freiwilligendienste können danach unterschieden werden, ob ihre Träger gemeinnützig sind oder eine Gewinnerzielungsabsicht haben. Die meisten öffentlichen Fördergramme, wie der Bundesfreiwilligendienst, Europäischer Freiwilligendienst oder das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) setzen die Gemeinnützigkeit des Trägers für die Förderfähigkeit voraus. Kommerzielle Anbieter verlangen Teilnahmegebühren.

Geschichte Internationale Freiwilligendienste als Friedensprojekte ab 1920 mini|Pierre Cérésole (links) mit zwei internationalen Freiwilligen in Esnes-en-Argonne (1920) Der erste internationale Freiwilligendienst wurde 1920 vom Schweizer Pazifisten Pierre Cérésole als karitatives Friedensprojekt nach dem Ersten Weltkrieg organisiert. Er versammelte junge Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern in Esnes-en-Argonne in Frankreich, um den Wiederaufbau des durch den Krieg zerstörten Dorfes zu unterstützen und dadurch gleichzeitig durch das gemeinsame Arbeiten und Leben den Nährboden für zukünftige Konflikte in Europa zu nehmen, also zur Völkerverständigung beizutragen.

Die Organisationen Service Civil International (SCI), Internationaler Versöhnungsbund und Youth Action for Peace wurden mit diesem Hintergrund gegründet, oft von Quäkern oder Mennoniten. Durch die Zulassung beider Geschlechter zu ihren Diensten sowie durch den Fokus auf zivilgesellschaftliche Prinzipien anstelle von militärischer Disziplin waren sie ungewöhnlich.Geudens, S. 14 Die organisierten Projekte für Gruppen internationaler Freiwilliger wurden dabei als Workcamps bezeichnet.

In Deutschland war Eugen Rosenstock-Huessy an der Konzeption solcher Projekte beteiligt. Eines davon war die 1927 gegründete Löwenberger Arbeitsgemeinschaft.

Arbeitsdienste als Militärersatz ab 1920 Als Folge davon, dass ihnen im Vertrag von Neuilly-sur-Seine 1919 der Militärdienst verboten wurde, dachten einige Staaten wie Österreich, Deutschland, Ungarn und Bulgarien über verpflichtende Arbeitsprogramme für junge Männer nach, die den erzieherischen Wert von Militärdiensten widerspiegeln sollte. Tatsächlich zur Umsetzung hiervon brachte es 1920 der bulgarische Staat unter Aleksandar Stambolijski. Aus sozialpolitischen Motiven heraus führte er einen Zwangsarbeitsdienst ein, zu dem jährlich 30 Prozent der Bevölkerung eingezogen wurden, um gemeinnützige Arbeiten zu verrichten.

Das bulgarische Beispiel war in Deutschland in zahlreichen Kreisen beachtet worden, auch von konservativen und gemäßigt linken Politikern. Als beeindruckend wurde es von den Politikern empfunden, dass in Bulgarien die Arbeitslosen von der Straße waren und notwendige Arbeiten bei niedrigsten Kosten verrichtet wurden; der Arbeitsdienst erschien zudem als eine nationale Schule, in welcher junge Menschen zu loyalen Staatsbürgern erzogen wurden – unter dem Leitmotiv „Za Balgarija trud“ (Arbeit für Bulgarien) – und daneben lernten sie noch Lesen, Schreiben, Körperhygiene etc.Wolf Oschlies: Der Reichsarbeitsdienst (RAD). RAD – Jugend mit dem Spaten. Arbeitskreis „Zukunft braucht Erinnerung“. 15. Oktober 2004, überarbeitet am 8. Juli 2017

Bündische Jugendgruppen forderten 1924 die Einführung eines Arbeitjahres für Jugendliche. Eine wesentliche Bedeutung für die bündische Arbeitslagerbewegung hatte die Schlesische Jungmannschaft (SJ). Engagiert zeigten sich vor allem die etwa 200 älteren Führer des Wandervogels in der SJ für die Erziehungsarbeit, die durch Arbeitsdienste verwirklicht werden sollte. Seit 1925 begannen Bündische Gruppen nach einer Experimentierphase Arbeitslager einzurichten. Als eifrigster Verfechter einer „allgemeinen gleichen Arbeitsdienstpflicht“ trat allerdings schon seit 1924 Artur Mahraun, Vorsitzender (Hochmeister) des Jungdeutschen Ordens (J.O.) auf. Dieser Verband strebte sogar ein Volksbegehren zur Einführung der Arbeitsdienstpflicht an, was aber wegen Finanzmangels und formaler Gesetzbestimmungen zu dieser Zeit nicht zustande kam Vgl. auch Joh. Hille, Mahraun, der Pionier des Arbeitsdienstes, Leipzig: R. Kittler (1933), Seite 36.

Neben romantischen bis emanzipatorischen Aspekten (z. B. hinsichtlich der Selbständigkeit von Jugendlichen, ihrer „Selbsterziehung“ durch Arbeit) und einer Klassen übergreifenden Verständigung wurden auch national-romantische Vorstellungen mit dem Arbeitsdienst verbunden:

Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen als Folge der Weltwirtschaftskrise 1929 mini|Freiwilliger Arbeitsdienst des Reichsbanners im Dezember 1931 an der Talsperre Lehnmühle im Erzgebirge. Alle Arbeitsfreiwilligen waren Handwerker und erhielten neben freier Beköstigung und Unterkunft 50 Pf. täglich. Als Reaktion auf die durch die Weltwirtschaftskrise ab 1929 verursachte hohe Arbeitslosigkeit gründeten mehrere Nationalstaaten Programme für Freiwilligendienste, um jungen Arbeitslosen einen Ersatz zu bieten.

In Deutschland wurde mit Inkrafttreten eines Gesetzes unter Reichskanzler Heinrich Brüning am 3. August 1931 der „Freiwillige Arbeitsdienst“ (FAD) gegründet, bei dem Arbeitslose unter 25 Jahren bis zu 20 Wochen vor allem in der Sozial- oder Jugendarbeit beschäftigt werden konnten. Das erste Arbeitsdienst-Projekt wurde vom J.O. in Zusammenarbeit mit der Kommune Bautzen/Sachsen mit der Regulierung des Albrechtsbaches durchgeführt. Bis zum Verbot des J.O. im Juli 1933 organisierte und leitete allein dieser Verein 454 derartige gemeinnützige Projekte. Ab der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland 1933 diente der Freiwillige Arbeitsdienst einem überwiegend propagandistisch und militärisch definiertem Nutzen. 1935 wurde er in einen Zwangsarbeitsdienst umfunktioniert, in Reichsarbeitsdienst umbenannt und war Teil der Aufrüstung der Wehrmacht und der Erziehung im Nationalsozialismus.

In den USA wurde im Frühjahr 1933 das „Civilian Conservation Corps“ (CCC) gegründet, ebenfalls als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für junge Arbeitslose in den Jahren 1933 bis 1942. Das CCC war das umfangreichste Programm im Rahmen des New Deal, mit dem Präsident Franklin D. Roosevelt die Great Depression in der Folge der Weltwirtschaftskrise bekämpfte. Während seines Bestehens leisteten 3.463.766 freiwillige Teilnehmer unter Anleitung von Reserve-Offizieren der US Army Arbeiten an der öffentlichen Infrastruktur.

Nach dem Zweiten Weltkrieg Wie bereits nach dem Ersten Weltkrieg war nach 1945 der Bedarf nach Völkerverständigung und Hilfe beim Wiederaufbau hoch. Zahlreiche Organisationen für internationale Freiwilligendienste wurden gegründet. Die UNESCO schuf 1948 mit dem Co-ordinating Committee for International Voluntary Service (CCIVS) einen Dachverband für NGOs, die in diesem Bereich tätig waren.Geudens, S. 15.

Durch die Nachklänge des Reichsarbeitsdienstes erhielt der Begriff „Arbeitsdienst“ in Deutschland seine negative Bedeutung. Einige Elemente der ursprünglichen Konzepte überlebten jedoch vielenorts unter anderem Namen, etwa als internationale Freiwilligeneinsätze in den Internationalen Jugendgemeinschaftsdiensten, in der Entwicklungshilfe und/oder dem US-amerikanischen Peace Corps als Konzept einer Hilfe zur Selbsthilfe sowie als regulative Maßnahme in der Gemeinwesenarbeit als Einsatz etwa von Sozialhilfeempfängern. Auch in der DDR wurde in den fünfziger Jahren unter dem Namen Dienst für Deutschland an die positiven Grundgedanken eines Arbeitsdienstes angeknüpft.

Öffentlich geförderte Freiwilligendienste