Das Buch Samuel ist Teil der hebräischen Bibel. Es ist nach dem Propheten Samuel benannt, mit dessen Geburtsgeschichte die Erzählung beginnt. Thema des Buches ist die Entstehung des Königtums Israel mit Saul und David als den ersten beiden Königen. Trotz der heute üblichen Teilung in Erstes und Zweites Buch Samuel handelt es sich historisch gesehen um ein zusammenhängendes Buch, das traditionell auf einer Schriftrolle notiert war. Die Unterteilung geht auf die Septuaginta zurück (Bücher der Königtümer) und wurde erst im Zeitalter des Buchdrucks zusammen mit der Kapiteleinteilung der Vulgata zum Zitationsstandard auch für den hebräischen Text. Der Artikel behandelt die beiden Samuelbücher daher als Einheit.
Inhalt Inhaltsangaben in der Reihenfolge des Textes finden sich in den Artikeln zum 1. und 2. Buch Samuel.
Der Text des Samuelbuches 400px|mini|Stemma codicum des Samuelbuches (nach Benjamin Ziemer)Vgl. Benjamin Ziemer: Kritik des Wachstumsmodells. Leiden / Boston 2020, S. 179. Vom Samuelbuch existieren mehrere Textfassungen, die streckenweise größere Differenzen untereinander aufweisen. Die bedeutendsten sind die Qumranhandschriften, der Masoretische Text, sowie die verschiedenen griechischen Textfassungen. Weil die ursprüngliche Septuaginta (Old Greek) in keiner Handschrift rein erhalten ist, sind für das Samuelbuch neben dem Codex Vaticanus auch die sogenannten lukianischen Handschriften (Antiochenischer Text) von besonderer Bedeutung.
Qumran Die ältesten erhaltenen Handschriften des Samuelbuches stammen aus Qumran. Dort wurde im letzten Jahrhundert in zwei Höhlen eine große Anzahl an Schriftrollen-Bruchstücken gefunden, die zu insgesamt vier verschiedenen Samuel-Rollen gehören (1QSam, 4QSama-c). Zusammengenommen enthalten diese Bruchstücke etwa ein Zwölftel des gesamten Textes des Samuelbuches.
Bei 4QSamb handelt es sich um eine der ältesten erhaltenen Bibelhandschriften überhaupt. Sie kann als eine von ganz wenigen Qumran-Funden in das dritte vorchristliche Jahrhundert datiert werden. Die anderen drei Samuel-Handschriften (1QSam, 4QSama+c) dürften (wie die große Mehrheit der Bibelhandschriften aus Qumran) in das zweite oder erste vorchristliche Jahrhundert zu datieren sein.
Der Text der Samuel-Rollen aus Qumran weicht in vielen Fällen signifikant vom späteren masoretischen Text ab. Oft decken sich die Abweichungen mit dem Text der Septuaginta, besonders häufig im Fall von 4QSama, der am besten erhaltenen Handschrift. Obwohl das Verhältnis zwischen Qumran und masoretischem Text im Einzelfall oft kontrovers beurteilt wird, herrscht dahingehend Konsens, dass insbesondere 4QSamb an vielen Stellen einen im Vergleich zum masoretischen Text älteren und besseren Text des Samuelbuches bezeugt. Allerdings erschwert der fragmentarische Erhaltungszustand der Qumranhandschriften das textkritische Urteil.
Septuaginta mini|Eine Handschrift des antiochenischen Textes aus dem 13. Jahrhundert (Royal MS 1 D. II der British Library = Rahlfs 93): Anfang des 1. Buchs der Königtümer (= 1. Sam 1) Der zweite wichtige Textzeuge für das Samuelbuch ist die im 3./2. vorchristlichen Jahrhundert angefertigte Bibelübersetzung ins Griechische, die Septuaginta (LXX). Die Übersetzung des Samuelbuches ist im Vergleich zu anderen Übersetzungen der Septuaginta relativ wörtlich. Allerdings verwendet der Übersetzer auch freie Wiedergaben.Raimund Wirth: Die Septuaginta der Samuelbücher. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2016, ISBN 978-3-525-53694-0, S. 29; S. 219–221. Mit übersetzungstechnischen Kenntnissen kann man gut zurückschließen auf den hebräischen Text, der dem Übersetzer vorlag. Die so erkennbaren Übereinstimmungen zwischen Lesarten der Septuaginta und Lesarten aus Qumran gegen Lesarten des masoretischen Textes lassen unterschiedliche Schlüsse zu: Die Übereinstimmungen zwischen 4QSamb und der Septuaginta gegen den Masoretischen Text bezeugen nach Auffassung von Frank Moore Cross keine Nähe dieser beiden Textzeugen, sondern die jeweils ursprünglichen Lesarten. Dagegen gibt es, so Cross, zwischen 4QSama und der Septuaginta auch Übereinstimmungen in sekundären Lesarten, so dass eine gemeinsame Vorlage von 4QSama und LXX angenommen werden müsse, der gegenüber dem masoretischen Text nicht in jeder Hinsicht der Vorzug gehört.Frank Moore Cross, Donald W. Parry, Richard J. Saley und Eugene C. Ulrich: Qumran Cave 4.XII: 1–2 Samuel (= Discoveries in the Judaean Desert XVII). Clarendon Press, Oxford 2005, ISBN 0-19-924923-7
An einigen Stellen hat die, hier durch den Codex Vaticanus bezeugte, älteste Septuaginta einen deutlich kürzeren Text als der masoretische Text (Kap. 17 f.; Näheres im Abschnitt David). Wie sich der masoretische Langtext und der griechische Kurztext entstehungsgeschichtlich zueinander verhalten, ist in der Forschung umstritten. Nach Emanuel Tov repräsentiert die hebräische Vorlage der Septuaginta ein früheres Stadium in der Entwicklung des Samueltextes. Der masoretische Text sei demgegenüber sekundär durch Aufnahme einer parallelen Überlieferung erweitert worden.Emanuel Tov: The Composition of 1 Samuel 16–18 in the Light of the Septuagint. In: Emanuel Tov: The Greek and Hebrew Bible. Brill, Leiden 1999, ISBN 978-90-04-11309-1, S. 333–362. Dagegen ist es nach Dominique Barthélemy die einfachere Annahme, die hebräische Septuaginta-Vorlage gehe auf eine bewusste Kürzung zurück.Dominique Barthélemy, David W. Gooding, Johan Lust und Emanuel Tov: The Story of David and Goliath, Textual and Literary Criticism (OBO 73); Fribourg/Göttingen: University Press/Vandenhoeck & Ruprecht, 1986, S. 99.
Die Handschriften des Antiochenischen Textes haben eine abweichende Trennung zwischen den Samuel- und Königsbüchern und rechnen 1. Könige 1,1 – 2,12 noch zu Samuel. Die Mehrzahl der Handschriften sowie der masoretische Text bezeugen jedoch die übliche Trennung zwischen Samuel- und Königsbüchern nach 2. Samuel 24,25 (Davids Volkszählung). Ab 2. Samuel 10 ist der Text nur in zwei Rezensionen (Kaige-Rezension und lukianische Rezension) überliefert. Das Original muss aufwändig textkritisch rekonstruiert werden (Göttinger kritische Ausgabe).
Masoretischer Text mini|Beginn des Samuelbuches nach drei Leerzeilen in einer Handschrift des masoretischen Textes der Vorderen Propheten mit Targum Jonathan und Masora (British Library, Ms. Or. 2210) Die einzige vollständig in der hebräischen Originalsprache erhaltene Textform des Samuelbuches ist der masoretische Text. Im Vergleich zu vielen anderen biblischen Büchern ist die Qualität seiner Überlieferung eher schlecht: Er ist mit erheblichen textkritischen Problemen belastet, für deren Lösung oftmals die Septuaginta und neuerdings auch die Qumran-Funde, manchmal auch die Chronik herangezogen werden.
Der masoretische Text wurde im nachchristlichen Judentum und in weiten Teilen des westlichen Christentums als einzig autoritativer Text rezipiert (anders in der Orthodoxie, wo die Septuaginta als autoritativ gilt). Daher bildet der masoretische Text auch die Grundlage fast aller modernen Bibelübersetzungen außerhalb der orthodoxen Länder. Als einzige vollständige originalsprachliche Textform bildet der masoretische Text für die meisten Forscher den Ausgangspunkt der Exegese des Samuelbuches.
Unterschiedliche Stellung im Kanon Für Qumran lässt sich sagen, dass das Samuelbuch als kanonisch galt, da es nicht nur kopiert wurde, sondern auch kommentiert wurde: In 4Q174 („eschatologischer Midrasch“) wird die Nathansweissagung von zitiert und aktualisierend ausgelegt.Fragmente 1–2, Kolumne 1, Zeilen 2–11. Über die Platzierung des Samuelbuches in einem möglichen qumranischen Schriftenkanon ist aber keine Aussage möglich. Nach der Einteilung der Septuaginta gehören die Bücher der Königtümer zu den historischen Büchern oder Geschichtsbüchern. In der hebräischen Bibel gilt Samuel als prophetisches Buch, zusammen mit Josua, Richter und Könige bildet es die Gruppe der Vorderen Propheten.
Thematik und Hauptpersonen Thema des Samuelbuches ist die Entstehung des Königtums im alten Israel. Die Handlung des Buches spielt im 11. Jahrhundert v. Chr. Sie erreicht ihr Ziel und ihren Höhepunkt in der Gründung der davidischen Dynastie (, siehe auch unter Verheißung an David). Die Erzählungen von Samuel und Saul lesen sich wie ein Vorspann zur Geschichte vom Aufstieg des Hirtenknaben David zum König .
Im Folgenden werden wichtige Personen und Personengruppen des Samuelbuches vorgestellt. Für Inhaltsangaben entlang der Reihenfolge des Bibeltextes vergleiche die Artikel 1. Buch Samuel und 2. Buch Samuel.
Eli und die Priester mini|„Hanna vor Eli, dem Hohepriester“ Malnazar (armenischer Künstler), 1637–1638.
Eli, der Priester von Schilo, spielt im Samuelbuch eine große Rolle. Das nach ihm benannte Geschlecht der Eliden ist ein unabhängiges Priestergeschlecht, das auf alte Traditionen verweisen kann . Zunächst begegnet Eli in . Eli verkündet Hanna, dass sie durch Jahwe einen Sohn gebären werde. Als er geboren wird, nennt sie ihn Samuel und er wächst im Tempel bei Eli auf.
Elis Söhne sind Hofni und Pinchas. Sie sind ebenfalls Priester, halten sich aber nicht an die Kultvorschriften. Daraufhin verkündet ein „Gottesmann“ in den Tod der beiden und die Vernichtung fast des ganzen Geschlechts.
Elis Söhne sterben in der Schlacht bei Eben-Ezer gegen die Philister, in der die Lade Gottes verloren geht . Bei der Überbringung der Nachricht an Eli stirbt dieser ebenfalls.
Spätere Nachkommen sollen, nach dem Orakel des „Gottesmannes“, abhängig von der Willkür anderer sein . In erfolgt eine genealogische Verknüpfung der Eliden mit den Priestern von Nob. Demnach seien Ahija, Priester unter König Saul, Ahitub und Ahimelech Nachfahren Elis. Bei der Vernichtung der Priester von Nob entkommt allein Abjatar, der Sohn Ahimelechs. Auch er wäre damit ein Elide. Somit wäre der Hauptpriester König Davids ein Elide gewesen.
Die Verlässlichkeit der genealogischen Verbindung von Eli und Ahimelech bzw. Abjatar ist aber fraglich, da sie lediglich auf die eine Notiz in zurückgeht. Es wird davon ausgegangen, dass es sich um eine deuteronomistische Ergänzung handelt.
Weiterhin werden die Söhne Davids in als Priester bezeichnet. Jedoch werden sie in „Erste zur Seite des Königs“ genannt. Ob sie wirklich Priester waren, muss offen bleiben.
Samuel und seine Söhne mini|Samuel als alter Mann (St Mungo Museum of Religious Life and Art, Glasgow) Die Person Samuel wird in einem Textpassus charakterisiert, der ihn in die Reihe der kleinen Richter des Richterbuchs (; ) stellt (1. Samuel ; ). Als Richter erscheint Samuel auch nach 1. Samuel .
Im Wesentlichen wird Samuel jedoch nicht als Richter, sondern als Prophet gesehen (zuerst 1. Samuel 3,20 ). Insbesondere seine wunderbare Geburt (1. Samuel 1 f. ) und Berufung (1. Samuel 3 ), sein fürbittendes Handeln für das Volk (1. Samuel 7 ), seine Reden über das vom Volk begehrte Königsamt (1. Samuel ; ) sowie seine Vorwürfe gegenüber Saul (1. Samuel ; ) lassen ihn als Propheten erscheinen, der viele Züge des „Ur-Propheten“ Mose trägt (vgl. ).
Viele der Samuel-Berichte gelten in der Forschung als späte redaktionelle Bildungen, aus denen nicht ohne weiteres historische Fakten über die Person Samuel gewonnen werden können. Versucht man, die gezeichneten Samuelbilder zu gewichten, ist Samuels Rolle als Richter glaubhafter als die des Propheten, gerade weil letztere breit ausgeschmückt ist und für die Etablierung der davidischen Dynastie instrumentalisiert wird (Peter Mommer).
Samuels Söhne werden in 1. Samuel eingeführt. Als Samuel alt wird, werden Joel und Abija in seiner Nachfolge als Richter über Israel eingesetzt, ihr Amtssitz ist Beerscheba. Die Korruption und Bestechlichkeit der beiden Söhne Samuels (1. Samuel ) führen dazu, dass das Volk von Samuel die Einsetzung eines Königs fordert (1. Samuel ).
Saul und die Sauliden mini|Die Marmorstatue König Saul wurde 1865 angefertigt von William Wetmore Story. Sie steht im North Carolina Museum of Art.