mini|Geosteter Ortsgrundriss von Kirchhausen 1791 Kirchhausen ist ein Stadtteil von Heilbronn in Baden-Württemberg und liegt im Nordwesten der Stadt, rund zwölf Kilometer Luftlinie vom Stadtzentrum entfernt.
Boden Die Gäulandschaften, in denen Kirchhausen liegt, sind geprägt von sanften Hügeln, fruchtbaren Böden und einer reichen Vegetation. Die Parabraunerden aus Lössablagerungen bilden die Grundlage der Bodenlandschaft.
Geschichte
Kirchhausen wurde erstmals in Urkunden des Klosters Weißenburg erwähnt, in denen von im 10. Jahrhundert verwüsteten Klostergütern die Rede ist. Kirchhausen wird dabei gemeinsam mit dem Ort Ascheim genannt. An beiden Orten wurden, vermutlich während der Ungarneinfälle im Jahr 926, insgesamt 20 Häuser und die Kirche verwüstet. Bei der verwüsteten Kirche handelt es sich wohl um den Vorläuferbau der heutigen Kirche St. Alban.Denkmaltopographie 2007, S. 204.
Der wohl ursprünglich im Zuge der merowingischen Besiedlung gegründete Ort kam über die Vaihinger Nebenlinie der Grafen von Calw im 14. Jahrhundert an Württemberg. Graf Eberhard II. gab in der Mitte des 14. Jahrhunderts je eine Hälfte der Burg und einen Teil des Dorfes als Lehen an Bernger und Gerhart von Kirchhausen. Schon wenig später kamen diese Güter an die Herren von Talheim sowie an die Wimpfener Patriziatsfamilie Otter. Weiteren umfangreichen Besitz am Ort sowie das Kirchenpatronat hatte das Kloster Adelberg im frühen 14. Jahrhundert von den Herren von Magenheim erworben. Darüber hinaus besaß das Stift Wimpfen zwei Erblehenshöfe im Ort. Der Adelheimer Besitz kam 1391 an die Herren von Helmstatt, die mit den Talheimern verschwägert waren. Der Otter’sche Besitz kam 1421 an Hans von Stein.
Ab 1404 erwarb der Deutsche Orden sukzessive Besitz in Kirchhausen. Bis 1435 hatte der Orden auch beide Burghälften in seinem Besitz. Die Deutschordensballei Franken errichtete ein Amt in Kirchhausen und übte die Ortsherrschaft und das Patronatsrecht aus. Während der Reformation blieb der Ort daher katholisch. Im 16. Jahrhundert erhielt der Ort durch eine Erweiterung nach Osten (Bereich Deutschritterstraße) und durch den Neubau des Deutschordensschloss Kirchhausen von 1570 bis 1576 die bis heute die Ortsmitte prägende Struktur.
Der Dreißigjährige Krieg brachte wie überall im Umland große Not, die Zahl von 82 Hofstätten im späten 16. Jahrhundert verringerte sich bis 1681 auf 46 Häuser. Erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts erreichte der Ort wieder die Größe wie vor dem Dreißigjährigen Krieg. Das Deutschordensamt Kirchhausen, zu dem ab 1681 auch der Nachbarort Biberach zählte, war der zweitwichtigste Getreidelieferant für die Deutschordensballei in Gundelsheim.
Johann Wolfgang von Goethe fuhr am 27. August 1797 durch Kirchhausen und notierte: „Kirchhausen liegt zwischen anmuthigen Garten und Baumanlagen; dahinter ist eine schöne Aussicht nach den Gebirgen des Neckars; man kommt durch ein artiges Wäldchen und durch eine Pappelallee bis Frankenbach.“
Bei der Mediatisierung des Deutschen Ordens im Jahre 1805 wurde Kirchhausen württembergisch. 1807 wurde Kirchhausen Sitz eines Oberamts, das jedoch schon 1808 aufgelöst und dem Oberamt Heilbronn zugeschlagen wurde. 1811 wurde der Friedhof an seinen heutigen Standort vor dem damaligen Dorf verlegt. Wegen einer 1814 errichteten Unteramtsarztstelle und dem 1826 eröffneten Notariat behielt der Ort eine gewisse Bedeutung als Mittelzentrum.
1833 erwarb die Gemeinde das Schloss und nutzte es künftig als Amtsgebäude. Die bedeutendste bauliche Veränderung im Ort zu jener Zeit war der von 1841 bis 1844 durchgeführte Neubau der Albanskirche, während der mittelalterliche Steinturm erhalten blieb. Der Ort blieb bis weit ins 20. Jahrhundert hinein nahezu rein landwirtschaftlich geprägt. Vorrangig wurden Brot- und Futterfrüchte sowie Kartoffeln angebaut.Denkmaltopographie 2007, S. 205. Bereits die älteste Überlieferung zur Ortsnennung deutet darauf hin, dass die in den Weißenburger Quellen erwähnte Kirche mit hoher Wahrscheinlichkeit am Standort der heutigen St.-Alban-Kirche stand. Für 1468 ist eine weitere Kirche urkundlich belegt. 1901 wurden 1287 Einwohner gezählt.
Ein bedeutendes Wachstum erfuhr Kirchhausen vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg durch den Zuzug von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen, die 1950 rund 20 % der Bevölkerung ausmachten. Um den Bedarf an Wohnraum decken zu können, entstanden verschiedene Neubaugebiete, während im Ortskern die Altbebauung zumeist unsaniert erhalten blieb.
Am 1. Juli 1972 erfolgte die Eingemeindung nach Heilbronn. Zu diesem Zeitpunkt hatte Kirchhausen knapp 3000 Einwohner und eine Gemarkungsfläche von 1148 Hektar, von denen 97 % als Wirtschaftsflächen ausgewiesen waren. Zur Zeit der Eingemeindung waren die beiden großen Gewerbegebiete des Ortes, Mühlberg und Härkersäcker gerade im Entstehen begriffen. 1979 wurde Kirchhausen gemeinsam mit ebenfalls kurz zuvor eingemeindeten Nachbarort Biberach in das Streckennetz der städtischen Heilbronner Verkehrsbetriebe aufgenommen.Stadt Heilbronn, Verwaltungsbericht 1979–1982, S. 26.
Nachdem der Anteil der Landwirtschaft stetig zurückging, wurden gegen Ende des 20. Jahrhunderts im Ortskern zahlreiche Altbauten abgerissen, darunter vor allem ehemalige landwirtschaftliche Nutzgebäude.
Seit den 2010er Jahren wurde der Ortskern weiter umgestaltet: Das Schloss wurde 2015/2016 saniert und beherbergt das Bürgeramt. Im Nordostturm betreibt der Interessenkreis Heimatgeschichte seit 2011 ein Museum. Die Zehntscheune wurde im Rahmen der Ortskernsanierung zu einer Kultur- und Sommerhalle umgebaut. Mit dem Neubaugebiet „Wittumäcker West“ und der Erweiterung des Gewerbegebiets um den Bereich „Mühlberg/Weirach II“ wuchs der Ort weiter. Ab September 2026 wird das Baugebiet „Buckelgärten“ erschlossen, in dem bis zu 60 Wohneinheiten in Ein- und Mehrfamilienhäusern entstehen sollen; die Arbeiten sollen bis Oktober 2027 dauern.
Im November 2023 gab der Heilbronner Gemeinderat den Startschuss für die Planung eines Windparks im Kirchhausener Stadtwald Stöckach mit bis zu fünf Anlagen, für die jeweils ein Ertrag von etwa 12 bis 14 Gigawattstunden pro Jahr erwartet wird. Geplant wird der „Windpark Stöckach“ von den Stadtwerken Heilbronn und der ZEAG Energie AG. In Kirchhausen stießen die Pläne teilweise auf Kritik. An einer Informationsveranstaltung im November 2023 nahmen rund 200 Menschen teil.
Einwohnerentwicklung 1901: 1.287 1939: 1.528 1945: 1.608 1961: 2.091 1970: 2.636 1972: 2.949 1990: 2.900 1997: 3.546 2005: 3.900 2009: 3.729 2013: 3.735 2015: 3.809 2018: 3.901 2020: 3.967 2023: 4016
Religion Aufgrund der einstigen Zugehörigkeit zum Deutschen Orden und auch aufgrund des Zuzugs von überwiegend katholischen Flüchtlingen aus den Ostgebieten nach dem Zweiten Weltkrieg waren rund 60 % der Bevölkerung katholisch. Mit Stand Ende 2020 waren von den Einwohnern 28 % evangelisch, 36 % katholisch und auch 36 % waren konfessionslos oder gehörten einer anderen Glaubensgemeinschaft an.Stadt Heilbronn Stadtteilprofil zum 31.12.2020 für den Stadtteil: Kirchhausen, abgerufen am 6. November 2021 Der Anteil der Katholiken ist demnach im beobachteten Zeitraum gesunken.
Die katholische Kirchengemeinde erbaute 1980 das Adolph-Kolping-Gemeindezentrum und renovierte die Albanskirche. Die Zahl der Mitglieder der evangelischen Kirchengemeinde stieg von rund 300 im Jahr 1974 auf etwa 1000. Sie erbaute von 1985 bis 1986 die Dietrich-Bonhoeffer-Kirche an der Poststraße, die am 21. September 1986 eingeweiht wurde.
Eine syrisch-orthodoxe Gemeinde hat sich ebenfalls angesiedelt, die seit 1992 nach einer eigenen Kirche mit Gemeindezentrum strebt. Dazu wurde zuerst das ehemalige Katholische Vereinshaus in der Deutschritterstraße von der syrisch-orthodoxen Gemeinde erworben. Aufgrund von Problemen mit der Nutzungsgenehmigung erwarb die Gemeinde das WLZ-Raiffeisen-Lagerhaus im Ort. Sie waren solange auch Gäste in den beiden Schwesternkirchen – der St. Albanskirche und der Evangelischen Dietrich-Bonhoeffer-Kirche. Seit 2000 hat die Gemeinde eine eigene Kirche, die Jakob von Nisibis geweiht ist.Pfarrer Sefer Demirdag: Syrisch-orthodoxe Kirche St. Jakob. In: Ortskartell Kirchhausen (Hrsg.): 25 Jahre Stadtteil Heilbronn-Kirchhausen: 12. großes Schloßfest; Kirchhausen 4. bis 6. Juli 1997, Heilbronn 1997, S. 75–76.
Juden sind in Kirchhausen bereits seit 1598 nachgewiesen, allerdings lebten zeitweise nur einzelne Familien meist als Schutzjuden des Deutschen Ordens in Kirchhausen, so dass sich keine eigenständige Gemeinde bildete. Der letzte Jude in Kirchhausen verstarb 1733, danach sind keine weiteren Ansiedlungen von Juden bekannt.
Politik
Wappen Das Wappen von Kirchhausen zeigt auf Silber eine blaue Pflugschar unter einem schwarzen Deutschordenskreuz, flankiert von zwei Pflugmessern. Die ältesten Darstellungen des Wappens (noch ohne Deutschordenskreuz) sind in der Pfarrkirche auf einem Stein von 1731 sowie auf der Glocke von 1749 belegt. Pflugschar und Pflugmesser deuten auf Landwirtschaft hin. Das Deutschordenskreuz ist auf Dienstsiegeln erst ab 1903 und auf dem Wappen erst bei der Festlegung durch die Archivdirektion im Jahr 1919 belegt. Es weist auf die Zugehörigkeit zum Deutschen Orden bis 1805 hin. Auf einem Stein beim Deutschordensschloss sind beide Wappenversionen dargestellt.
Wahlen
Als Stadtteil von Heilbronn hat Kirchhausen keinen eigenen Gemeinderat, sondern einen Bezirksbeirat; dessen Sprecher war 2024 Theo Rappold.
Bei der Gemeinderatswahl 2024 wurde die CDU in Kirchhausen mit 27,74 Prozent stärkste Kraft vor der SPD mit 16,18 Prozent, der AfD mit 15,51 Prozent und der UfHN mit 14,98 Prozent. Bei der Bundestagswahl 2025 erreichte die CDU in Kirchhausen mehr als 30 Prozent der Stimmen. Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg 2026 lag die Wahlbeteiligung in Kirchhausen bei 70,7 Prozent und damit deutlich über dem Wert der Gesamtstadt Heilbronn mit 60,2 Prozent.
Kultur und Sehenswürdigkeiten mini|Deutschordensschloss Denkmäler Das Deutschordensschloss (erbaut 1570 bis 1576) ist ein ehemaliges Wasserschloss des Deutschen Ordens. Beim Schloss befinden sich die historische Zehntscheune und der Schlossbrunnen, der von Karl-Henning Seemann 1994/95 entworfen wurde. An den Deutschen Orden erinnert außerdem der Amtmannshof des Deutschordens-Amtmanns Hans Hofman von 1628 mit schmuckvollem Inschriftenstein in der nahen Deutschritterstraße. Die katholische Albanskirche geht auf eine im 15. Jahrhundert erwähnte Kapelle zurück. Der Turm der Kirche stammt von 1579; das übrige Gebäude wurde ab 1841 nach Plänen von Gottlob Georg Barth und Ludwig Abel neu errichtet und am 1. November 1844 geweiht. Die Dreifaltigkeitskapelle wurde 1718 südöstlich außerhalb des Ortes errichtet. In und um Kirchhausen befinden sich weitere religiöse Standbilder, neben verschiedenen Bildstöcken und Wegkreuzen auch die Nepomukstatue in der Poststraße. In Kirchhausen befinden sich einige historische Gebäude, die aufgrund ihrer kulturgeschichtlichen Bedeutung inzwischen unter Denkmalschutz gestellt wurden. Dazu zählen die bereits im 16. Jahrhundert bezeugte Alte Mühle sowie denkmalgeschützte historische Anwesen wie das Gehöft Schlossstraße 92, das Handwerkerhaus Schlossstraße 47, das Handwerkerhaus Deutschritterstraße 9 und das Wohnstallhaus. Auf der Markung von Kirchhausen befinden sich der uralte Baum Annalinde und das St. Annakreuz, neben denen seit 2012 eine Annakapelle steht. Renaissance-Gewölbekeller Schlossstraße 101 (Bauinschrift „1554“), 2025 abgebrochen. Bei der bauhistorischen Begleitung kamen am Kellerhals die Ziffern „1554“ als älteste bekannte Bauinschrift des Orts zum Vorschein. Der hochwertig ausgeführte Keller wird aufgrund von Material und Bauweise dem Deutschen Orden zugeschrieben (mutmaßlich Weinkeller). Der Befund deutet darauf hin, dass sich das herrschaftliche Areal in der Frühen Neuzeit weiter nach Westen erstreckte als bisher angenommen; der Keller wurde vor dem Abriss eilig dokumentiert.