Die Raab-Oedenburg-Ebenfurter Eisenbahn AG (ungarisch Győr-Sopron-Ebenfurti Vasút Zrt.), kurz: GYSEV oder Raaberbahn, ist ein Eisenbahnunternehmen mit dem Firmensitz in Sopron in Ungarn sowie österreichischen Zweigniederlassungen in Wulkaprodersdorf und Wien. Mehrheitseigentümer ist mit rund 66 Prozent der ungarische Staat, rund 28 Prozent hält die Republik Österreich sowie rund sechs Prozent das Bauunternehmen Strabag. Hauptverbindung der Gesellschaft ist die grenzüberschreitende Bahnstrecke Győr–Sopron–Ebenfurth, für weitere Strecken der Region in Ungarn und Österreich wurde die Betriebsführung übernommen. Das frühere deutsche Eigentümerkürzel ROeEE findet sich heute nur noch in der österreichischen Halterkennung und wird sonst offiziell nicht mehr verwendet.
Unternehmen mini|280px|Generaldirektion in Sopron Die Aktiengesellschaft mit Hauptsitz in Sopron (Ödenburg) hat seit 2024 folgende Eigentümerstruktur:
75,0101 % Ungarn 24,9899 % Republik Österreich, Anteilsverwaltung durch Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und TechnologieBundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie (BMK): Direkte Beteiligungen. In: bmvit.gv.at, abgerufen am 1. Februar 2020.
Bis 2009 betrug der österreichische Anteil 33,3 Prozent und anstelle der STRABAG war die Speditions Holding, eine Tochter der Rail Cargo Austria, Teilhaber der GySEV.Ungarn erhöht Anteile an Raaberbahn. In: volksgruppen.orf.at, 9. Juni 2009, abgerufen am 15. Mai 2022.
Generaldirektor der GySEV war von 2007 bis 2010 der Österreicher Csaba Székely. Am 23. Juli 2010 wurde Ilona Dávid von der ungarischen Regierung (Kabinett Orbán II) als Generaldirektorin ernannt. Ihr folgte im Jahr 2012 Szilárd Kövesdi als Generaldirektor und Vorstandsvorsitzender. Er war zuvor Direktor für Infrastruktur und Engineering, danach Generaldirektor-Stellvertreter. Kövesdi leitet operativ den ungarischen Betriebsteil.
An der Spitze des österreichischen Betriebsteils stand ab Anfang 2017 Generaldirektor-Stellvertreterin und Vorstandsvorsitzende-Stellvertreterin Hana Dellemann. Sie wurde in einer ungarischereits einseitig einberufenen Hauptversammlung am 2. November 2023 mit sofortiger Wirkung von allen ihren Funktionen abberufen.
Die Konzession der GySEV hatte ursprünglich eine Geltungsdauer von 90 Jahren und wurde seitdem mehrmals verlängert. Seit der letzten Verlängerung im Jahr 2007 ist die Konzession in Ungarn bis zum 31. Dezember 2032 und in Österreich bis 18. Dezember 2022 gültig.
Eine Zweigniederlassung in Österreich mit Sitz in Wien ist im Firmenbuch beim Handelsgericht Wien unter der Nummer 114215p mit dem Firmenwortlaut „Györ-Sopron-Ebenfurti Vasut Reszvenytarsasag Raab-Oedenburg-Ebenfurter Eisenbahn Aktiengesellschaft“ seit 14. März 1924 registriert. Eine weitere österreichische Zweigniederlassung ist in Wulkaprodersdorf, wo sich die Direktion und die Hauptbetriebsstätte des österreichischen Firmenteils befinden.
Die GySEV/Raaberbahn verfügt über ein Streckennetz von 509,2 km. Davon befinden sich 445,7 km auf ungarischem Staatsgebiet, 63,5 km in Österreich. Die Strecken in Österreich sind vollständig elektrifiziert, die Strecken in Ungarn zu 89,6 Prozent (Stand: 2021).
In Ungarn machte die Raaberbahn AG laut Jahresbericht einen Nettoumsatz von 11,6 Mrd. HUF (28,5 Mio. Euro) und erzielte ein Ergebnis von 569 Mio. HUF (1,4 Mio. Euro) nach Steuern. In Österreich erreichten die Umsätze im selben Jahr 32,8 Mio. Euro, bei einem Ergebnis nach Steuern in Höhe von 1,6 Mio. Euro.
Weitere Unternehmensbereiche sind: GySEV Cargo Zrt. (Umsatz 2021: 17,2 Mrd. HUF/42 Mio. Euro; Ergebnis nach Steuern: 550 Mio. HUF/1,3 Mio. Euro), Raaberbahn Cargo GmbH (Umsatz 2021: 15,8 Mio. Euro, Ergebnis nach Steuern: 1,6 Mio. Euro) sowie eine Beteiligung an der Neusiedler Seebahn (NSB AG). Die GySEV/Raaberbahn beförderte 2021 insgesamt 5,3 Mio. Fahrgäste sowie transportierte 6,6 Mio. Frachttonnen (3,5 Mio. von der ungarischen Cargo-Tochter, 3,2 Mio. von der österreichischen Cargo-GmbH). Im ungarischen Betriebsteil sind 2075 Personen beschäftigt, im österreichischen Teil 223 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (Stand: 2021).
Die GySEV/Raaberbahn ist zur internationalen Kooperation und Interessenvertretung Mitglied in:
UIC – Internationaler Eisenbahnverband mit Sitz in Paris CER – Gemeinschaft der Europäischen Bahnen und Infrastrukturgesellschaften mit Sitz in Brüssel UITP RailNetEurope
In der Organisation für die Zusammenarbeit der Eisenbahnen (OSShD) mit Sitz in Warschau hat die GySEV/Raaberbahn den Status eines Beobachters.
Geschichte
Die Konzession für eine Bahnstrecke von Raab (Győr) über Ödenburg (Sopron) bis zur damaligen Landesgrenze bei Neufeld an der Leitha (Lajtaújfalu) wurde am 15. Oktober 1872 an Viktor Freiherrn von Erlanger (1840–1894)Dessen Bruder Ludwig (1836–1898) war ab Betriebsbeginn Vizepräsident des in Budapest angesiedelten Verwaltungsrates; Präsident des Organs war k.u. Unterstaatssekretär Victor Graf Zichy-Ferraris (1842–1880), der wenige Jahre nach Antritt seines Amtes in einem von ihm gesuchten Pistolenduell zu Tode kam. – Siehe: Raab-Oedenburg-Ebenfurter Eisenbahn. In: Eisenbahn-Schematismus für Österreich-Ungarn. Manz, Wien 1876, S. 305 (301), Volltext online, sowie und Konsorten vergeben. Infolge der Finanzkrise 1873 konnte der Anfang März 1873 begonnene Bau des ersten Teilstückes von Győr nach Sopron erst am 2. Jänner 1876 vollendet werden.Gemäß der am 14. März 1924 erfolgten Eintragung der Gesellschaft am Handelsgericht Wien fand die Betriebseröffnung am 28. Oktober 1879 statt. (Siehe: Einzelnachweis Amtlicher Teil. (…) Eintragung einer Gesellschaftsfirma). Die 1871 bewilligte Verlängerung über Wulkaprodersdorf nach Neufeld wurde am 28. Oktober 1879 eröffnet. Durch einen Péagevertrag mit der Südbahngesellschaft konnte kurz darauf über deren Streckenstück nach Ebenfurth an der Pottendorfer Linie gefahren werden, wo Anschluss nach Wien bestand. Durch die notwendige Lizenz erwarb man das Recht, auf dem damals sehr kurzen Stück in Österreich Personenverkehr öffentlich anzubieten. Das restliche Stück lag komplett in Ungarn. mini| Aktie der Raab-Oedenburg-Ebenfurther Eisenbahn über 200 Gulden ö.W. vom 1. Februar 1876 Das Kapital der am 1. Februar 1875 gegründeten Aktiengesellschaft betrug anfangs 5.260.000 Gulden ö.W. in 26 300 Stammaktien zu 200 Gulden. Um 1910 war es nach mehreren Kapitalerhöhungen auf etwa 46,5 Millionen Kronen angewachsen. Sitz der Gesellschaft war Budapest.Daten auf geerkens.at Die Betriebsdirektion wurde in Sopron eingerichtet.
Mit der 1881 eröffneten Aspangbahn bzw. deren Betreibergesellschaft EWA gab es bald eine rege Zusammenarbeit, die sich in der Führung direkter Züge und Kurswagen von Wien (Nordbahnhof) über die Aspangbahn und die Lokalbahn Wittmannsdorf-Ebenfurth der kkStB nach Sopron, Györ und später auch Köszeg äußerte.
Am 19. Dezember 1897 eröffnete die Neusiedler Seebahn (Fertővidéki Helyiérdekű Vasút; FHÈV) ihre Lokalbahn zwischen Parndorf (Pándorfalu) und Celldömölk. Die GySEV übernahm die Prioritätsaktien und wurde auch Bauherr und Betriebsführer dieser Strecke.
Nach Umgliederung des heutigen Burgenlandes von Ungarn an Österreich im Jahr 1921 lag ein Teil des Bahngebietes der GySEV fortan auf österreichischem Staatsgebiet. Mit der Kundmachung des Bundesministeriums für Handel und Verkehr vom 7. Juli 1923 bestätigte die Republik Österreich die weitere Geltung der im Königreich Ungarn ausgestellten ersten Konzession vom 18. Oktober 1872. Die Konzessionsdauer wurde auf 90 Jahre ab dem 28. Oktober 1879 festgesetzt. Seither wurde die Konzession mehrmals verlängert. Der österreichische Staat behielt sich zudem das jederzeitige Recht auf Einlösung – d. h. die Verstaatlichung – der konzessionierten Eisenbahn vor. Die Gesellschaft wurde darüber hinaus verpflichtet, in Österreich eine Zweigniederlassung einzurichten, diese wurde 1924 in Wien eingerichtet. Seit 1933 befindet sich die österreichische Hauptbetriebsstätte und damit eine weitere Zweigniederlassung in Wulkaprodersdorf.Bundesgesetzblatt für die Republik Österreich vom 24. Juli 1923
Ab 1926 setzte die Gesellschaft die diesel-mechanischen Nebenbahntriebwagen Type BCmot ein und führte mit diesen sogar ab 1932 Triebwagenzüge von Sopron nach Wien Südbahnhof. Sie kamen ab 1928 auch auf der von der Gesellschaft betriebenen Neusiedler Seebahn zum Einsatz.
Lücke im Eisernen Vorhang Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem politischen Umbruch hin zu einer kommunistisch regierten Volksrepublik blieb die GySEV in Ungarn auch weiterhin als privatwirtschaftlich organisierte Aktiengesellschaft eigenständig, da man sonst die Betriebsrechte in Österreich verloren hätte. Aufgrund der zwangsweisen Enteignung der früheren Eigentümer befand sie sich seitdem vollständig in ungarischem Staatsbesitz.
Auf der aufgelassenen Anschlussbahn einer Zuckerfabrik wurde 1970 die schmalspurige Széchenyi-Museumsbahn errichtet, die bis heute von der GySEV betrieben wird. 1979 wurde der Verkehr zwischen Celldömölk und Fertőszentmiklós eingestellt.
Ab 1959 und noch mehr in den 1970er Jahren nahm der Verkehr einen starken Aufschwung. Insbesondere der Güterverkehr nahm stark zu. In den Jahren 1972 bis 1979 lösten Diesellokomotiven die bis dato eingesetzten Dampflokomotiven sukzessive ab. Die Infrastruktur wurde von 1976 bis 1979 zudem vollständig erneuert und bis 1987 mit elektrischer Oberleitung ausgerüstet. Der elektrische Eisenbahnbetrieb konnte am 31. Mai 1987 zwischen Győr und Sopron und am 28. Oktober 1987 zwischen Sopron und Ebenfurth aufgenommen werden. Dabei wird auch der in Österreich gelegene Abschnitt mit der in Ungarn üblichen Wechselspannung von 25 kV mit 50 Hz gespeist, was in Ebenfurth umfangreiche Umbauten an der Fahrleitungsanlage und die Einrichtung einer Systemtrennstelle erforderte.
Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs Im Jahr 1989 fiel der Eiserne Vorhang als jahrzehntealte Trennlinie zwischen West- und Osteuropa, am 27. Juni des Jahres durchtrennten die Außenminister der Staaten Österreich und Ungarn bei Klingenbach symbolisch den Grenzzaun.
Im Jahr 1994 finanzierte die Republik Österreich den Ausbau des Güterterminals in Sopron und übernahm dafür von der bis dahin vollständig in ungarischem Staatsbesitz befindlichen Gesellschaft einen Anteil von einem Drittel am Aktienanteil.
Am 1. Jänner 2002 übergab die ungarische Staatsbahn MÁV aufgrund staatlicher Anordnung die Strecken Sopron–Szombathely und Sopron–Staatsgrenze nächst Loipersbach-Schattendorf an die GySEV. In diesem Jahr änderte sich auch die Eigentümerstruktur der Neusiedler Seebahn/Fertővidéki Helyiérdekű Vasút. (49 % Republik Österreich, 25 % Land Burgenland). Der elektrische Betrieb auf dieser Strecke wurde am 24. April 2002 aufgenommen.
Am 1. Mai 2004 wurde Ungarn Mitglied der Europäischen Union.
Im Jahre 2006 übernahm die GySEV den Streckenabschnitt Szombathely–Szentgotthárd–Staatsgrenze nächst Mogersdorf der ehemaligen Ungarischen Westbahn von der MÁV. Mit einem Investitionsaufwand von 72 Millionen Euro wurde der 53,3 km lange Streckenabschnitt für Geschwindigkeiten bis 120 km/h und eine Achslast von 22,5 Tonnen ausgebaut. Die GySEV begann im September 2009 mit den Bauarbeiten und stellte die Strecke bis Dezember 2010 fertig. Die Verbindung ist seitdem im Nord-Süd-Güterverkehr eine leistungsfähige und neigungsarme Alternative zur Österreichischen Südbahn über den Semmering. Die GySEV erhofft sich dadurch, die Tonnagen von 800 000 Tonnen auf 2,5 Millionen mehr als verdreifachen zu können.
Im Jahr 2009 erhöhte der ungarische Staat im Rahmen einer Kapitalerhöhung, an der die seit 2004 mit 33,3 % beteiligte Republik Österreich nicht teilnahm, seinen Anteil von 61 auf nunmehr 65,6 %. Das ungarische Ministerium für nationale Entwicklung beschloss am 18. Juni 2011, die Betriebsführung mehrerer Staatsbahnen mit einer Gesamtlänge von 214 Kilometern ab Dezember 2011 auf die GySEV zu übertragen.