mini|Titelblatt des Erstdruckes, 1781 Die Kritik der reinen Vernunft (KrV; im Original Critik der reinen Vernunft) ist das erkenntnistheoretische Hauptwerk des Philosophen Immanuel Kant, in dem er den Grundriss für seine Transzendentalphilosophie liefert. Die KrV wird als eines der einflussreichsten Werke in der Philosophiegeschichte betrachtet und kennzeichnet einen Wendepunkt und den Beginn der modernen Philosophie. Kant schrieb die KrV als erste seiner drei „Kritiken“; es folgten die Kritik der praktischen Vernunft und die Kritik der Urteilskraft. An die KrV schließen zudem die Prolegomena von 1783 an.

Die Kritik der reinen Vernunft erschien in deutscher Sprache in erster Auflage (A) im Jahr 1781 bei Johann Friedrich Hartknoch. Eine zweite Auflage (B), in Abschnitten wesentlich verändert und erweitert, kam 1787 heraus. In den 1790er Jahren erschienen weitere Fassungen, die sich aber nur unwesentlich von der zweiten Auflage unterschieden.

Dem Artikel wird vorwiegend die zweite Auflage zugrunde gelegt.Nach dem üblichen Vorgehen in der Literatur wird die KrV in diesem Artikel nach der Original-Seitenzählung zitiert. Wird ein A vorangestellt, bezieht sich das Zitat auf die erste Auflage, bei einem B auf die zweite Auflage.

Entstehungsgeschichte Die Kritik der reinen Vernunft ist ein grundlegender Wendepunkt in der Philosophie Immanuel Kants. In seinen frühen Jahren war er geprägt durch seine Lehrer an der Universität, insbesondere durch den Rationalisten Martin Knutzen. In dieser Zeit beschäftigte er sich stark mit naturwissenschaftlichen Fragen und mit der Physik und Naturphilosophie Isaac Newtons.Vgl. zum folgenden Abschnitt die verschiedenen Biographien zu Kant, die im Literaturverzeichnis des Artikels „Immanuel Kant“ angegeben sind. Sein frühes Hauptwerk ist die Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels, in der er eine auch von Astronomen anerkannte Theorie über die Entstehung des Planetensystems und des Kosmos entwickelte, die über hundert Jahre als die Kant-Laplace-Theorie Aktualität hatte. Je mehr sich Kant auch mit metaphysischen Themen befasste, umso mehr sind wachsende Zweifel an der Position des Rationalismus erkennbar. Sein Interesse galt weniger der Entwicklung eines Systems, sondern vor allem der Aufklärung, weshalb man in Während Kant bis zu seiner Dissertation für die Professur (Von der Form der Sinnen- und Verstandeswelt und ihren Gründen, 1770, original in Latein) regelmäßig eine große Anzahl von Schriften veröffentlicht hatte, unterbrach er bis auf wenige Ausnahmen seine schriftstellerische Tätigkeit für einen Zeitraum von zehn Jahren.

Zunächst wollte Kant nur seine Dissertation für eine Veröffentlichung überarbeiten. In seinen Briefen dieser Zeit äußerte er mehrfach die Ansicht, dass sein Werk bald fertig gestellt sein werde. Doch je tiefer er sich mit den erkenntnistheoretischen Fragen befasste, umso mehr musste er seine vorhergehenden Positionen überarbeiten und umso mehr verzögerte sich die Veröffentlichung. Anlass hierfür war wohl die skeptische Position Humes, dessen Lektüre

Am Ende dieser Neuorientierung konnte Kant das Buch „innerhalb etwa 4 bis 5 Monaten, gleichsam im Fluge“ niederschreiben.Vgl. Otfried Höffe: Immanuel Kant. 6. Auflage. Beck, München 2004, ISBN 3-406-45977-3, S. 35. Doch nach seiner Veröffentlichung im Jahre 1781 war die Reaktion auf das Buch zunächst sehr verhalten. Moses Mendelssohn bezeichnete es als „Nervensaft verzehrendes Werk“. Allgemein wurde die Schrift als dunkel und unverständlich eingestuft. Kant, der sehr enttäuscht war, schrieb darauf die Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können (1783), in der er seine neue philosophische Position statt nach „synthetischer Lehrart“ in „analytischer Methode“ darstellte. Allmählich nahm die Rezeption zu und mit Erscheinen der zweiten, stark überarbeiteten Auflage der Kritik der reinen Vernunft im Jahre 1787 wurde Kant zum führenden und meistdiskutierten Philosophen seiner Zeit, der auch bald im Ausland Aufmerksamkeit erregte.

In die Zeit der Niederschrift zur Kritik der reinen Vernunft fällt die enge Freundschaft mit dem aus England stammenden, hoch gebildeten Händler Joseph Green. Mit ihm soll Kant den Inhalt seines Werkes noch vor der Publikation ausführlich diskutiert haben.Manfred Kuehn: Kant. A Biograph. Cambridge University Press, 2001, ISBN 0-521-52406-7, S. 154 f. ()Rudolf Malter (Hrsg.): Immanuel Kant. In Rede und Gespräch. Felix Meiner Verlag, Hamburg 1990, ISBN 978-3-7873-0919-1, S. X ()

Das Werk wurde 1827 von der katholischen Kirche auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt.

Unterfangen der Kritik Kant hielt seine Vorlesungen zur Metaphysik nach dem Lehrbuch von Alexander Gottlieb Baumgarten,Alexander Gottlieb Baumgarten: Metaphysica. Halle 1739. einem Vertreter der rationalistischen Schule von Christian Wolff. Zurückgehend auf René Descartes, Baruch de Spinoza und im deutschen Sprachraum vor allem Leibniz vertrat der Rationalismus die Auffassung, dass alle Erkenntnis Vernunfterkenntnis ist. Sinnliche Erfahrung hingegen ist dunkel und täuschungsanfällig; erst durch die Vernunft, die erkennt, was Wirklichkeit und Wahrheit ist, wird die sinnliche Erfahrung geordnet und erhellt.

Die Grundthese des Empirismus, wie sie in der Tradition von Francis Bacon und Thomas Hobbes und vor allem von John Locke vertreten wurde, besagt hingegen, dass alle Erkenntnis auf der kausal verursachten Erfahrung der Welt durch die Sinne und deren Reflexion im Verstand beruht. Der Inhalt des Denkens ist durch die Wahrnehmung bestimmt, alle Ideen und Begriffe beruhen auf Erfahrung. Die Wahrheit von Ideenverknüpfungen entscheidet sich aber wiederum allein in den beobachtbaren Tatsachen.

Kant suchte diesen unversöhnlich erscheinenden Konflikt zu lösen, indem er beide Grundpositionen einer Kritik unterzog: Dem Rationalismus hielt er entgegen, dass die Sinne ebenfalls Erkenntnisquelle seien. Sie liefern in der Alltagserkenntnis das Material für den Verstand, ohne das eine Erkenntnis überhaupt nicht möglich wäre. Gegen den Empirismus brachte er vor, dass nicht alle Vorstellungen aus der Erfahrung stammen können. Dabei teilte er den Befund von David Hume, dass vor allem notwendige und allgemeine Verknüpfungen von Vorstellungen, wie sie in Naturgesetzen vorliegen, sich so nicht in den Beobachtungen der Sinne finden lassen. Er akzeptiert jedoch nicht Humes skeptische Konsequenz, die Notwendigkeit für eine illusorische Überhöhung bloßer Gewohnheit zu halten. Kant erschien es vielmehr notwendig, dass Erkenntnis erst entsteht, wenn Sinnesdaten im menschlichen Verstand, der Vorstellungen a priori enthält, verarbeitet werden. Erst die Einheit aus Sinnen und Verstand führe zu Erkenntnis, die Notwendigkeit ergibt sich aus einem reinen, erfahrungsunabhängigen „Verstandesbegriff“. Diese Grundeinsicht hat Kant plakativ formuliert:

Dabei ist es nach Kant zuerst der Verstand, der die Erscheinungen für sich auf der Basis der Empfindungen formt und konstruiert. Dazu wählt er die für seine Handlungs- oder Denkschemata geeigneten oder notwendigen Sinneseindrücke aus. Ohne Tätigkeit des Verstandes wären alle sinnlichen Empfindungen bloße unstrukturierte „Data“. Bezogen auf den Verstand formuliert Kant:

So ist auch die Organisation und der Zusammenhang, wie die Natur dem Menschen erscheint, nicht von dieser vorgegeben, sondern davon abhängig, wie sie durch den Erkenntnisapparat verarbeitet wird:

Kants KrV liefert nicht nur eine neue Erkenntnistheorie, sondern klärt auch das Verhältnis des Erkenntnisvermögens zur Logik, Mathematik, zu den Naturwissenschaften sowie zur Metaphysik und Ontologie. Als Methodenlehre ist sie zugleich Ausgangspunkt des Kritizismus. Sie ist eine „Propädeutik, welche das Vermögen der Vernunft in Ansehung aller reinen Erkenntnisse a priori untersucht […].“ (B 869) Die Ergebnisse aus der KrV wurden zur Grundlage von Kants Ethik, in der Ästhetik, aber auch in der Geschichts- und Religionsphilosophie.

Inhalt Bedeutung des Titels Kritik der reinen Vernunft Kritik ist nicht als Beanstandung, Tadel oder Herabwürdigung zu verstehen, sondern im ursprünglichen Sinn des griechischen Wortes κρίνω krino, Infinitiv krinein „scheiden, unterscheiden, beurteilen“ als Analyse und Überprüfung im weitesten Sinne. Die KrV trennt dabei die Beiträge der reinen Vernunft zur Erkenntnis von der Spekulation, deren Wahrheitsgehalt nicht feststellbar ist. Der Genitiv (der) kann sowohl als genitivus objectivus wie als genitivus subjectivus gelesen werden, also als eine Kritik an der Vernunft und durch die Vernunft. Als oberstes Erkenntnisvermögen kann sich die Vernunft selbst zum Gegenstand einer Selbstkritik machen. Kant spricht vom „Gerichtshof der Vernunft“ (B 779), vor dem die Vernunft Kläger, Angeklagter und Richter zugleich ist. Die reine Vernunft umfasst nach Kant die Fähigkeit des menschlichen Denkens, Erkenntnisse ohne Rückgriff auf vorhergegangene sinnliche Erfahrung zu erlangen. Rein ist das Erkenntnisvermögen, wenn es keine bestimmte Erfahrung voraussetzt, sondern nur mit Vorstellungen arbeitet, die das Subjekt in sich selbst vorfindet oder erzeugt. Diese Erkenntnisse sind a priori, da ihre Wahrheit ohne Überprüfung in der Erfahrung feststellbar ist. Der Erkenntnisapparat des Subjektes im Sinne der Kritik der reinen Vernunft umfasst die Sinnlichkeit als das Vermögen der Anschauung, den Verstand als das Vermögen, Anschauungen unter (einfache) Begriffe zu bringen, sowie die Vernunft im Allgemeinen als das Vermögen, die Verstandeserkenntnis zu ordnen; als das Vermögen, nach Prinzipien zu denken.

Damit bedeutet der Buchtitel: Überprüfung der Möglichkeiten der Erkenntnisfindung ohne Verwendung der Erfahrung und Beschränkung der Erkenntnis auf das ihr Zugängliche. Oder wie Kant es ausdrückt: „Was sind die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis?“

Aufbau der Kritik der reinen Vernunft