Länder: Verlaufsrichtung: Nord–Süd

Die Rail Baltica ist eine im Bau befindliche Hochgeschwindigkeits-Eisenbahnverbindung, die von Tallinn über Riga und Kaunas nach Warschau führen und das Baltikum an das europäische Bahnnetz mit Normalspur anbinden soll. Daran beteiligt sind die EU-Mitgliedsländer Polen, Litauen, Lettland, Estland und Finnland. Rail Baltica ist das prioritäre Projekt der Transeuropäischen Netze V 27. Die Eröffnung in Teilen ist für 2028 angesetzt, die vollständige Inbetriebnahme soll 2030 erfolgen. Der Anschluss nach Helsinki geschieht mit Fähren,Rudolf Hermann: Ambitiöses Projekt «Rail Baltica»: Höchste Eisenbahn für den baltischen Express. In: Neue Zürcher Zeitung, 16. Dezember 2016. der Bau des Helsinki-Tallinn-Tunnel ist als mögliche Fortsetzung in Diskussion.

Technische Parameter In den baltischen Staaten war bisher die russische Breitspur von 1520 mm üblich. Die Strecke wird abweichend davon in der in Mitteleuropa üblichen Normalspur von 1435 mm ausgeführt. Die Radsatzlast beträgt 25 t. Güterzüge mit einer maximalen Länge von 1050 m sollen hier verkehren. Die Strecke wird durchgehend elektrifiziert. Die Gesamtlänge zwischen Tallinn und der litauisch-polnischen Grenze wird 870 km betragen, davon 213 km in Estland, 265 km in Lettland und 392 km in Litauen. Die angestrebte Geschwindigkeit beträgt 249 km/h, auf den anschließenden Ausbauabschnitten in Polen 160 km/h. Betreiber der Eisenbahninfrastruktur sollen die jeweils national dafür zuständigen Stellen sein.bac: Rail Baltica: Kostensteigerungen beim Bau. In: Eisenbahn-Revue International, Jg. 2024, Heft 8–9, S. 370–371.

Geschichte Vorgeschichte und Planungen Das Projekt wurde seit Anfang der 1990er Jahre auf paneuropäischen Verkehrskonferenzen diskutiert und 1994 erstmals in dem Strategiepapier „Vision and Strategies around the Baltic Sea 2010“ beschrieben.bac: Rail Baltica: Kostensteigerungen beim Bau. In: Eisenbahn-Revue International, Jg. 2024, Heft 8–9, S. 370. Beschlossen wurde der Bau der Verbindung 2001 in Wismar, die Fertigstellung war damals für 2015 geplant. Nachdem Estland, Lettland und Litauen 2004 EU-Mitglieder geworden waren, wurde die Eisenbahnstrecke Rail Baltica von der Europäischen Union als „vorrangiges Projekt Nr. 27“ gelistet.

Mehrere Faktoren hinderten einen schnellen Fortschritt: Da der geplante Trassenverlauf keinen Umweg über die litauische Hauptstadt Vilnius vorsah, stand die litauische Regierung dem Projekt zunächst zögerlich gegenüber, die Weltfinanzkrise 2007–2008 und damit verbundene Haushaltsprobleme erschwerten die Finanzplanung.OWC Verlag für Außenwirtschaft: , 29. September 2014. 2010 wurde die Kooperation zwischen Polen, Litauen, Lettland, Estland und Finnland erneuert und die Beteiligten gingen von einer Fertigstellung 2020 aus. 2012 wurde ein Baubeginn für 2018 und die Fertigstellung für 2023 angestrebt.Estonian Economy Minister: Finland an important factor in Estonian success. In: Helsingin Sanomat, abgerufen am 26. März 2012.

Im Juni 2014 unterzeichneten die drei baltischen Staaten ein Abkommen zum Bau der Strecke. Im gleichen Jahr gründeten die drei baltischen Länder das Gemeinschaftsunternehmen RB Rail, das die Projektdurchführung koordiniert. Das Abkommen über die Beschaffungsrichtlinien konnte im November 2016 unterzeichnet werden.

Am 31. Januar 2017 unterzeichneten die Regierungschefs Estlands, Lettlands und Litauens eine Vereinbarung über die Umsetzung, die von den Parlamenten der drei Staaten ratifiziert werden musste.Arnis Kluinis: Rail Baltica Vereinbarung unterzeichnet. nra.lv, 1. Februar 2017 (lettisch). Darin wurden die Fristen, der Verlauf der Trasse und die technischen Standards festgelegt.Baltische Staaten wollen Eisenbahnprojekt umsetzen. In: Neue Zürcher Zeitung, 1. Februar 2017, S. 2 Vorgesehen war, 2018 oder 2019 mit den Bauarbeiten zu beginnen. Die Fertigstellung des Abschnitts Tallinn–Riga–Kaunas wurde für 2025 angekündigt, die Verbindung nach Warschau für 2030. Donald Tusk als damaliger Ratspräsident der EU sagte bei dieser Gelegenheit Unterstützung zu.Peter Kleinort: „Rail Baltica“ vereinbart. Regierungschefs unterzeichnen Projektvertrag. EU finanziert mit. In: Täglicher Hafenbericht, 2. Februar 2017, S. 2. Am 19. Juni 2017 ratifizierte der estnische Riigikogu, am 22. Juni die lettische Saeima und am 10. Oktober des gleichen Jahres der litauische Seimas die Vereinbarung.

Bau 2019 wurde der erste Planungsvertrag unterzeichnet, die Bauarbeiten kamen aber erst 2024 in Gang. Es handelte sich um etwa 150 km Strecke, davon 21 km in Estland und 29 km in Litauen. Am 21. Mai 2024 wurde der Bau des 230 km langen Abschnitts in Lettland mit einem Festakt begonnen.bac: Rail Baltica: Kostensteigerungen beim Bau. In: Eisenbahn-Revue International, Jg. 2024, Heft 8–9, S. 371.

Mittlerweile wurde das Projekt in zwei Ausbaustufen gegliedert. Die erste Ausbaustufe umfasst die minimale Ausstattung, um die Strecke überhaupt nutzen zu können. Dies bedeutet voraussichtlich bei insgesamt zweigleisig ausgelegtem Planum streckenweise zunächst eingleisigen Betrieb, eine vereinfachte Anbindung des Flughafens Riga und wohl auch die Rückstellung der Anbindung von Vilnius. Die zweite Stufe ist dann der Vollausbau, der zusätzlich 8,5 Mrd. kosten soll. Die erste Ausbaustufe soll – so die Schätzung 2024 – 2030 in Betrieb gehen.

Betrieb Am 18. März 2026 vereinbarten Vertreter von staatlichen Eisenbahnverkehrsunternehmen der drei baltischen Länder die gemeinsame Beschaffung von elektrischen Normalspur-Triebwagen für den künftigen Betrieb der Rail Baltica: Elron (Estland) 5 Exemplare + 2 weitere optional, Vivi (Lettland) bis zu 5 Expl., LTG Link (Litauen) bis zu 8 Expl. Die Ausschreibung sieht 200 km/h schnelle und 106 Meter lange Einheiten mit mindestens 200 Sitzplätzen in zwei Klassen und ETCS-Ausrüstung vor. Vom estnischen Unternehmen wurde bekannt, dass es mit einem Stückpreis von 12 bis 15 Mill. Euro kalkuliert.

Kosten Frühe Studien gingen von 3,68 Milliarden Euro aus. Die Kosten wurden 2017 auf 5,79 Mrd. Euro geschätzt, wovon die Europäische Union 85 Prozent, also 4,634 Mrd. Euro tragen sollte.

2024 wurde allein für die erste Stufe mit Kosten in Höhe von 15,3 Milliarden Euro gerechnet, was etwa 26 Mio. Euro pro Kilometer entspricht. Etwa ein Drittel dieser Kostensteigerung geht auf eine Ausweitung des Projektumfangs zurück, etwas mehr als die Hälfte auf „genauere Kostenschätzungen“. Das lässt den Schluss zu, dass, um das Projekt durchzusetzen, anfänglich zu niedrige Kosten angesetzt worden waren. Die Kosten für den Vollausbau nach 2030 werden auf 23,8 Milliarden Euro beziffert, was eine Vervierfachung der ursprünglichen Kosten bedeutet. Gleichwohl kommt eine aktualisierte Kosten-Nutzen-Analyse zu dem Schluss, dass das Projekt weiterhin gerechtfertigt sei.

Verlauf

Anbindung von Finnland

Ein Tunnel unter dem Finnischen Meerbusen zwischen Helsinki und Tallinn würde zusätzlich 13 Milliarden Euro kosten.Carsten Schmiester: Pläne für Supertunnel „Talsinki“ unter der Ostsee. In: Deutschlandfunk, 8. Januar 2016. Die maximale Breite des Finnischen Meerbusens beträgt 130 Kilometer. Die durchschnittliche Tiefe beträgt 38 und die maximale Tiefe 115 Meter. Die Länge des Tunnels würde von der Trasse abhängen. Bei der kürzesten Entfernung würde er eine Länge von etwa 50 km haben und wäre damit der längste Unterwassertunnel der Welt.

Am 7. März 2019 wurde bekannt, dass die chinesische Beteiligungsgesellschaft Touchstone Capital Partners und die Tunnelbaugesellschaft FinEst Bay Area Development unter der Leitung von Peter Vesterbacka bereit sind, im Rahmen der Belt-and-Road-Infrastrukturinitiative (Neue Seidenstraße) rund 15 Milliarden Euro in das Bauprojekt zu investieren. 2019 fanden noch geologische Vorplanungen statt. Die Regierungen von Finland und Estland verlautbarten jedoch, dass ein solches Projekt nur unter einer Vereinbarung der beiden Staaten verwirklicht werden kann. Die politische Entscheidung zum Bau dieses Tunnels steht noch aus.

Estland Strecke Die Arbeiten der Rail Baltica begannen offiziell im November 2019.Varsha Saraogi: Works begin on Rail Baltica high-speed line. Railway Technology, 29. November 2019, abgerufen am 30. Dezember 2019.

Der nordöstlich von Tallinn gelegene Hafen Muuga bei Maardu markiert das vorläufige nördliche Ende der Rail Baltica und soll zu einem Umschlagplatz zwischen See-, Straßen- und Schienenverkehr mit Eisenbahnanschluss beider Spurweiten umgebaut werden.Rail Baltica Estonia : Rail Baltics brings major changes to Muuga cargo port vom 8. Mai 2020; abgerufen am 11. August 2024.

Im Januar 2024 wurden die Arbeiten für den Abschnitt Soodevahe (östlich von Tallinn)–Kärpla ausgeschrieben. Sie umfassen eine Strecke von 52,6 km und ein Volumen von 400 Mio. Euro.pd: Arbeiten für Rail Baltica in Estland ausgeschrieben. In: Eisenbahn-Revue International 2/2024, S. 82.

Tallinn Ülemiste / Linda mini|Bau der Rail-Baltica-Strecke nahe der Endstation Ülemiste in Tallinn Die Rail Baltica erhält in Tallinn einen eigenen, neuen Personenbahnhof. Bereits seit Herbst 2023 fanden Tiefbauarbeiten statt, die Grundsteinlegung war dann am 29. Mai 2024. Das Auftragsvolumen beträgt 45 Mio. Euro. Die Architektur stammt aus dem Büro von Zaha Hadid. Nach einem Namenswettbewerb soll der Bahnhof „Linda“ genannt werden. Der Bahnhof erhält Straßenbahnanschluss sowohl in die Innenstadt (etwa 3,5 km entfernt) als auch zum Flughafen (etwa 1 km entfernt).

Lettland Ein von 2014 bis 2016 erarbeiteter erster Entwurf zur Streckenführung blieb folgenlos. 2020 wurden die Aufträge für die Entwurfsarbeiten für die lettischen Streckenabschnitte erneut vergeben. Die Entwürfe sollten bis Ende 2022 vorliegen.The design works to start for the whole Rail Baltica main line in Latvia. 6. April 2020, abgerufen am 21. Mai 2020.

Für den Güterverkehr soll im Bereich von Salaspils, südöstlich von Riga, ein Güterbahnhof entstehen. Der Planungsauftrag dafür wurde am 16. Juni 2022 an eine Projektgruppe aus mehreren Firmen (Joint venture) vergeben. Der Güterbahnhof wird eine Schnittstelle im Güterverkehr zwischen der Normalspur und der Breitspur sein. mini|Bau der Eisenbahnbrücke über die Daugava in Riga Am 24. März 2024 erklärte der lettische Verkehrsminister Kaspars Briškens, dass der Abschnitt nördlich des Hauptbahnhofes von Riga zwischen Kilometer 321,7 (Saurieši) und Kilometer 338,06 (Hauptbahnhof Riga) bis 2030 nicht fertiggestellt werden kann. Außerdem fehlten rund 3 Milliarden Euro. In der ersten Ausbaustufe soll Riga deshalb noch nicht in Normalspur angebunden werden. Der Bahnhof am Flughafen wird zunächst breitspurig gebaut und das bestehende Breitspurnetz für eine Verbindung vom Flughafen über den Hauptbahnhof Riga zur Rail Baltica Hauptstrecke genutzt. Der Umstieg zwischen normalspurigen und breitspurigen Zügen soll in Salaspils erfolgen.

Für die Rail Baltica wird der Hauptbahnhof Riga (Rīgas dzelzceļa stacija) von Grund auf umgebaut. Die Arbeiten begannen 2022. Daneben soll auch eine Umgehungsbahn entstehen.

In Lettland sind 16 Stationen nur für den Regionalverkehr vorgesehen. Zusätzliche Züge von einem Betreiber, der nicht notwendigerweise Teil des Projekts Rail Baltica sein muss, sollen die Hochgeschwindigkeitsstrecke nutzen und die regionale Anbindung an den Bahnverkehr verbessern.

Litauen Vorstufen

Im Juli 2011 wurde ein Ausbau mit Vierschienengleis des 15 km langen Teilstückes zwischen Šeštokai und Mockava fertiggestellt.Kallas: EU’s support should be focused on visible transeuropean projects. In: The Baltic Course vom 15. Juli 2011, abgerufen am 4. Oktober 2011. Im Juli 2013 unterzeichnete die staatliche litauische Eisenbahngesellschaft einen Vertrag über den Umbau des Abschnitts von Marijampolė nach Šestokai auf Normalspur. Der Umbau des 28 km langen Abschnittes sollte 19 Monate dauern und 217 Millionen Euro kosten.Standard gauge to reach Marijampole. In: Railway Gazette vom 24. Juli 2013, abgerufen am 1. August 2013.