Dieser Artikel behandelt die Nietzsche-Rezeption. Das Werk des Philosophen Friedrich Nietzsche hat seit dem Ende des 19. Jahrhunderts eine ungewöhnlich vielfältige Wirkung entfaltet.
Wirkungsgeschichte Frühe Rezeption und das Nietzsche-Archiv Erst nach Beginn seiner geistigen Umnachtung begannen sich Nietzsches Zeitgenossen für den bis dahin praktisch unbekannten Denker zu interessieren. Als erster Entdecker Nietzsches gilt Georg Brandes, der im Frühjahr 1888 an der Universität Kopenhagen eine Vortragsreihe über ihn hielt und noch bis zu Nietzsches Zusammenbruch im Januar 1889 in Turin in brieflichem Kontakt mit ihm blieb. Nietzsches fulminanter Stil wirkte dann, etwa gleichlaufend mit der Jugendbewegung, weit in die deutsche Intelligenz hinein. Unterschiedlichste Gruppierungen ließen sich von Nietzsches Werk beeinflussen. Darunter zählten auch frühe Vertreter des Zionismus wie Theodor Herzl, der sich allerdings von Nietzsches Persönlichkeit bald distanzierte.
miniatur|Eingriffe ins Druckmanuskript von Ecce homo Nietzsches Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche versuchte bald, als Inhaberin des 1894 in Naumburg gegründeten, ab 1897 in Weimar ansässigen Nietzsche-Archivs, maßgeblichen Einfluss auf die rasch anwachsende und widersprüchliche Rezeption zu nehmen. Sie verbreitete ein Bild ihres Bruders, das ihn einerseits als Person mythifizierte, andererseits seinen Lehren, so wie sie sie verstand, zu Popularität verhelfen sollte. Sie verfügte über die Gesamtausgabe, schrieb eine offizielle Biographie mit ihrer eigenen Deutung des Werks und gab eine selektive und tendenziöse Kompilation von Nachlassmaterial unter dem Titel Der Wille zur Macht heraus. Im ebenfalls von ihr herausgegebenen Briefwechsel Nietzsches wurden später Fälschungen, Auslassungen und Hinzufügungen durch ihre Hand nachgewiesen. Schon früh bildete sich als Gegenstück zu dieser „Weimarer Tradition“ die von Nietzsches Freund Franz Overbeck begründete „Basler Tradition“ des Umgangs mit Nietzsches Schriften und Nachlass heraus.
Vielfältige Wirkung Aufnahme in Kunst und Gesellschaft miniatur|hochkant|Nietzschefigur von Peter Lenk Im Umkreis der ersten Nietzsche-Rezeption sind etwa Harry Graf Kessler, Lou Andreas Salomé, Rudolf SteinerRudolf Steiner: Nietzsche – Ein Kämpfer gegen seine Zeit. (PDF; 729 kB) 1895. und Julius Langbehn zu finden. In der Umbruchszeit um die Jahrhundertwende lasen viele aus Nietzsches Werk vor allem einen kulturpessimistischen Ansatz. Es kam zeitweise zu einem regelrechten Nietzsche-Kult, der auch außerhalb Deutschlands, besonders in Frankreich und Italien, Anhänger fand. Marcel Proust lässt in seinem Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit bildungsbürgerliche Salongespräche im Paris der späten 1880er Jahre um Nietzsche und Wagner kreisen.Etwa in dem (vor 1913 geschriebenen) Kapitel Autour de Mme Swann zu Beginn des zweiten Bandes der Recherche, À l’ombre des jeunes filles en fleurs („Im Schatten junger Mädchenblüte“). Sowohl in fortschrittlichen und avantgardistischen als auch in konservativen Kreisen fand Nietzsche in ganz Europa erklärte Anhänger ebenso wie radikale Gegner. Die Breite der Rezeption schon vor dem Ersten Weltkrieg charakterisierte 1922 Ernst Troeltsch:
Im Ersten Weltkrieg änderte sich diese Wahrnehmung: auf deutscher Seite fanden die vom Archiv autorisierten Kriegsausgaben ausgewählter Nietzsche-Texte reißenden Absatz – redensartlich hatte jeder deutsche Soldat „den Zarathustra im Tornister“ –, während umgekehrt in britischer, französischer und US-amerikanischer Kriegspropaganda Nietzsche als Vordenker des deutschen Weltmachtstrebens und der brutalen deutschen Kriegsführung dargestellt wurde.
Von der poetischen Sprache in Also sprach Zarathustra waren von Anfang an vor allem Künstler tief beeindruckt; sehr bekannt ist Richard Strauss’ gleichnamige Komposition. Weitere Bewunderer Nietzsches waren Hans Olde, Henry van de Velde und Edvard Munch. Das Nietzschebuch Ernst Bertrams und die Deutung Nietzsches als mystischer Dichter, wie sie besonders vom George-Kreis vertreten wurde, waren nach dem Ersten Weltkrieg zentral und wirkten etwa auf Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal, Christian Morgenstern, Heinrich Mann, Thomas Mann, Hermann Hesse, Hugo Ball, Gottfried Benn, Gabriele D’Annunzio und Georges Bataille. Insbesondere galt Nietzsche als Wegbereiter der Expressionisten. Später waren es die Surrealisten, die von Nietzsche begeistert waren und inspiriert wurden. Eine Rezeption zeitgenössischer Künstler zeigte die Ausstellung „Artistenmetaphysik“ (2000/2001) im Haus am Waldsee in Berlin.
Aufnahme in Geistes- und Sozialwissenschaften Erst nach der ersten Welle künstlerischer Nietzsche-Rezeption begannen Teile von Nietzsches Denken auch auf Geistes- und Sozialwissenschaftler zu wirken. Unter den ersten Philosophen im engeren Sinne, die sich mit Nietzsche befassten oder sich sogar auf ihn beriefen, waren etwa Hans Vaihinger, Alois Riehl und Theodor Lessing sowie die Vertreter der Lebensphilosophie. In der Soziologie wirkte Nietzsche auf Ferdinand Tönnies und Max Weber, in der Geschichtstheorie auf Oswald Spengler und in der Tiefenpsychologie (Psychoanalyse) auf Sigmund Freud und Carl Gustav Jung.
Wiederholt wurde diskutiert, ob Nietzsche überhaupt als Philosoph gelten dürfe. Das Nietzsche-Archiv bestand unbedingt darauf, bezog sich dabei natürlich auf seine eigene Auslegung dieser Philosophie, und versuchte dies – in der Annahme, ein echter Philosoph zeichne sich durch ein System aus – unter anderem durch die erwähnte Herausgabe der systematischen Schrift Der Wille zur Macht zu untermauern. In Literaten- und Künstlerkreisen wurde dagegen der Inhalt von Nietzsches Büchern im Vergleich zu seinem literarischen Stil, insbesondere im Zarathustra, vernachlässigt. Die Nachfolger der erwähnten Basler Interpretation, die ihre anfangs gegen die Nietzsche-Verklärung gerichtete Kritik immer mehr auf Nietzsche selbst ausweiteten, wandten sich ebenfalls gegen die Deutung Nietzsches als systematischer Philosoph. Josef Hofmiller schrieb 1931:Hofmiller, Josef: Nietzsche In: Süddeutsche Monatshefte, 29. Jahrgang, Heft 2 (November 1931), S. 131; zustimmend zitiert von Podach, Erich in Ein Blick in Notizbücher Nietzsches, Heidelberg 1963, S. 10 f.
Dennoch begannen immer mehr Philosophen, Nietzsches Denken zu deuten und fortzuführen, allerdings auf sehr unterschiedliche Weise. In Frankreich bezogen sich die Existentialisten auf Nietzsche, in Deutschland einerseits Martin Heidegger, andererseits auch Karl Jaspers und der emigrierte Karl Löwith. Heidegger sah in Nietzsche den Vollender der abendländischen Metaphysik, in dessen Lehre vom „Willen zur Macht“ sich der Nihilismus als Wesen der Metaphysik offenbare.Heidegger, Martin: Nietzsche. Zwei Bände, Pfullingen 1961. Eine einführende Zusammenfassung von Heideggers Nietzsche-Deutung ist auch sein Text Nietzsches Wort «Gott ist tot» In: Holzwege. Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 1950. Dabei ist Heideggers Nietzsche-Deutung uneinheitlich. Zwischen der Rektoratsrede (1933) und noch im ersten Band der Nietzsche-Interpretation stellt sich Heidegger hinter Nietzsches Willensphilosophie, im zweiten Band ist es dann gerade der Wille, der die Offenheit verhindert und ein neues Denken unmöglich macht. Im WS 1938/39 veranstaltete er ein Seminar über Nietzsche. Martin Heidegger: Zur Auslegung von Nietzsches II. Unzeitgemäßer Betrachtung. Bd. 46 der Gesamtausgabe, hrsg. von Hans-Joachim Friedrich. Vittorio Klostermann Verlag, Frankfurt am Main 2003. Jaspers stellt Nietzsche zusammen mit Søren Kierkegaard in die Reihe der existentiellen Philosophen und vergleicht beide auch mit Karl Marx. Was man an Nietzsche lernen könne, sei weniger eine Philosophie als das Philosophieren.Karl Jaspers: Nietzsche. Einführung in das Verständnis seines Philosophierens. de Gruyter, Berlin und New York 1981 (Erstauflage 1935), ISBN 3-11-008658-1. Löwith schließlich stellt Nietzsches Bedeutung heraus in der Säkularisierung der Philosophie im 19. Jahrhundert sowie seine antichristliche Weltanschauung, etwa in Also sprach Zarathustra.In der Gesamtausgabe von Löwiths Sämtlichen Schriften, Stuttgart 1981–1988, s. besonders Band 4: Von Hegel zu Nietzsche und Band 6: Nietzsche.
Auch die kritische Theorie um Theodor W. Adorno und Max Horkheimer interpretierte Teile von Nietzsches Werk. Der zweite Exkurs Juliette oder Aufklärung und Moral in der Dialektik der Aufklärung, entstanden zur Zeit der nationalsozialistischen Nietzsche-Vereinnahmung, behandelt Nietzsche ambivalent als denjenigen Philosophen, der „die Wissenschaft beim Wort genommen“ und „den Gedanken der Aufklärung [bis an den] Punkt des Umschlags weitergetrieben“ habe.Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Taschenbuchausgabe, Fischer, Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-596-27404-4, Zitate S. 127 und 123
Frühe Kritiker Der sozialistische Historiker Franz Mehring deutete 1891 Nietzsches Schrift Jenseits von Gut und Böse als Philosophie und Poesie des Kapitalismus und warf Nietzsche vor, das ausbeutende Großkapital mit seinen Lorbeeren zu umkränzen.Franz Mehring: Philosophische Aufsätze. Berlin/DDR 1961, S. 159–166 Nietzsches angeblich bahnbrechende Erkenntnis, dass gerade die bösen Eigenschaften des Menschen wie Habsucht und Herrschsucht zu Hebeln der geschichtlichen Entwicklung geworden seien, findet sich bereits bei Hegel. Nietzsche schloss daraus aber nicht – so Mehring – auf die historische Bedingtheit von Moral; er sah in der Unterdrückung der Sklaven durch die Herren ein Naturgesetz und wollte die dem entgegenstehende „Sklavenmoral“ der menschlichen „Herdentiere“ vollkommen beseitigen. Nietzsche, so Mehring, predigte den Herren, den „freien Geistern“: Beutet die Sklaven aus, unterjocht sie, tut es ohne schlechtes Gewissen, ohne jeden Gemeinsinn, ohne Rücksicht, ohne Mäßigung, es ist das Beste, was ihr tun könnt!
Als 1896 einige nachgelassene Polemiken Nietzsches gegen die sozialistische Arbeiterbewegung veröffentlicht wurden, entdeckte Mehring dort nur eine Ansammlung antisozialistischer Phrasen, wie sie damals gang und gäbe waren; z. B. die These Heinrich von Treitschkes, alles würde gut, wenn die Arbeiter sich nur entschließen könnten, einen Lobgesang auf die „fröhliche Armut“ anzustimmen. Den ganzen Sozialismus habe sich Nietzsche offenbar nur dadurch erklären können, dass Sozialisten Menschen mit notorisch finsterem, grüblerischen und gallichten Temperament seien.Franz Mehring: Philosophische Aufsätze. Berlin/DDR 1961, S. 167–172
Im Jahre 1897 kritisierte der Feuerbach-Anhänger Julius Duboc in seiner Schrift Nietzsches Übermenschlichkeit das Nietzschesche „Übermenschentum“ als „Kanaillenaristokratie“, als die Herrschaft einer rücksichtslosen Verbrecherkaste, die nach Überwindung aller moralischen Schranken nur noch ein Recht kenne, das Recht des Stärkeren, des Böseren.Zitiert bei Franz Mehring: Philosophische Aufsätze. Berlin/DDR 1961, S. 174 f.
Im gleichen Jahr analysierte der Soziologe Ferdinand Tönnies in seiner Schrift Der Nietzsche-Kultus Nietzsches Werke biographisch und teilte sie in drei Phasen ein, die vom inneren Kampf des Künstlers mit dem Wissenschaftler Nietzsche geprägt seien. In der ersten Phase, in der Nietzsche Anhänger Schopenhauers und Wagners war, habe der Künstler dominiert, in der zweiten (Unzeitgemäße Betrachtungen, Die fröhliche Wissenschaft) der Wissenschaftler, in der dritten (Also sprach Zarathustra, Jenseits von Gut und Böse) der an sich und der Welt verzweifelnde Weder-Künstler-noch-Wissenschaftler, der „rasende, heulende und ganz besinnungslose Zarathustra“.Zitiert bei Franz Mehring: Philosophische Aufsätze. Berlin/DDR 1961, S. 175–181
Faschismus und Nationalsozialismus