Rabid – Der brüllende Tod (Originaltitel: Rabid; deutsche Alternativtitel: Überfall der teuflischen Bestien und Rabid – Bete, dass es dir nicht passiert) ist ein kanadischer Spielfilm von David Cronenberg aus dem Jahr 1977. In diesem Horrorfilm mit Anleihen beim Wissenschaftsthriller spielt Marilyn Chambers eine junge Frau, die Opfer eines medizinischen Experiments wird und über ein penisartiges Organ, das ihr als Folge in der Achselhöhle wächst, für eine tollwutartige Epidemie sorgt. Zusammen mit Parasiten-Mörder (1975) und Die Brut (1979) bildet Rabid Cronenbergs Beitrag zum Subgenre des Venereal Horror (zu deutsch: Geschlechtlicher Horror).

Handlung

Das junge Paar Rose und Hart hat mit seinem Motorrad einen schweren Verkehrsunfall. Die beiden werden gerettet und in die nahegelegene Keloid Clinic, ein Institut für plastische Chirurgie, gebracht. Während Hart nur leicht verletzt ist, hat Rose schwere Verbrennungen davongetragen. Dr. Dan Keloid, der Leiter der Klinik, entschließt sich, an Rose ein hochriskantes neues Behandlungsverfahren anzuwenden. Er entnimmt ihr gesundes Gewebe, das anschließend „morphogenetisch neutralisiert“ wird, indem die Programmierung des Zellkerns aufgehoben wird, damit es mit großer Anpassungsfähigkeit zerstörtes Gewebe andernorts ersetzen kann. Keloid nimmt das Risiko einer unkontrollierten Wucherung des unerprobten Transplantats in Kauf. Nach Wochen im künstlichen Koma erwacht Rose, scheinbar wieder gesundet. Bald stellt sich heraus, dass sie nicht mehr in der Lage ist, normale Nahrung zu sich zu nehmen, sondern sich vom Blut anderer Menschen ernähren muss, das sie mittels eines neu entstandenen penisartigen Organs in ihrer Achselhöhle ihren Opfern aussaugt. Ihr erstes Opfer ist ein Mitpatient, den sie erst verführerisch anlockt, um ihn dann in ihrer Blutlust zu attackieren. Eine weitere Patientin wird ihr nächstes Angriffsziel, und schließlich Dr. Keloid selbst. Es stellt sich heraus, dass ihre Opfer an einer über den penisähnlichen Stachel übertragenen tollwutähnlichen Krankheit erkranken, die aus ihnen unkontrollierbare Monster macht, die die Krankheit durch Bisse weiterübertragen; die Klinik versinkt in Chaos.

Rose, verängstigt durch ihre Mutation, flieht in Richtung Montreal, um ihren Freund Hart zu finden. Ein Farmer und ein Lastwagenfahrer werden auf dem Weg dorthin ihre nächsten Opfer. Die Seuche breitet sich aus, Montreal gerät unter Ausnahmezustand und das Militär macht gnadenlos Jagd auf die Infizierten. Währenddessen ist Rose in Montreal, an Entzugserscheinungen leidend, auf der Suche nach weiteren Opfern, weigert sich aber zu glauben, dass sie für die grassierende Seuche verantwortlich ist. In einem Einkaufszentrum und in einem Pornokino wird sie fündig; die von ihr dort verführten Männer werden weitere Träger der Infektion. Hart, der zusammen mit Keloids Geschäftspartner Murray Cypher ahnt, dass Rose die Quelle der Epidemie ist, begibt sich auf die Suche nach ihr. Er findet sie, als sie gerade in ihrer Verzweiflung ihre beste Freundin Mindy angefallen hat. Hart macht ihr klar, dass sie der Ursprung der Seuche ist, doch Rose schlägt ihn nieder. In einem Selbstversuch will sie klären, ob sie wirklich die Krankheit auslöst. Sie zapft einem jungen Mann Blut ab und wartet, bis dieser erkrankt. Tatsächlich wird dieser von der Seuche befallen und stürzt sich auf Rose. Man sieht ihren leblosen Körper inmitten von Müll auf einem Hinterhof liegen. Männer in Schutzanzügen transportieren ihre Leiche in einem Müllwagen ab.

Entstehungsgeschichte mini|hochkant|David Cronenberg im Jahr 2002, 26 Jahre nach den Dreharbeiten zu Rabid Cronenbergs Vorgängerfilm Parasiten-Mörder war in der Fachpresse und Öffentlichkeit als „pervers“ und „geschmacklos“ verrissen worden. Die Arbeit an einem neuen Filmprojekt gestaltete sich deshalb für Cronenberg schwierig. Die staatliche Filmfinanzierungsorganisation Canadian Film Development Corporation (CFDC) scheute sich trotz des Markterfolgs von Parasiten-Mörder, bei der Finanzierung eines weiteren Films behilflich zu sein.Rodley: S. 51 Zusammen mit der Produktionsgesellschaft Cinepix arbeitete Cronenberg ein Skript namens Mosquito aus. Eine Frau sollte darin als moderner Vampir nach einem missglückten medizinischen Versuch eine ganze Stadt mit einer Seuche infizieren. Im Zuge seiner Vorbereitungen wohnte Cronenberg auch der dreistündigen Operation eines plastischen Chirurgen bei. Cronenberg befürchtete im Fortschreiten seiner Arbeit, die von ihm erfundene Geschichte sei als Grundlage für einen Film nicht tragfähig und er würde sich damit beim Publikum lächerlich machen. Cronenbergs Produzenten John Dunning und Ivan Reitman versuchten jedoch, seine Bedenken zu zerstreuen und halfen mit, das Drehbuch in eine verfilmbare Form zu bringen.Rodley: S. 53 Die CFDC willigte schließlich ein, den Film über Umwege zu finanzieren. Indem sie eine Gruppe von zwei oder drei Filmen gleichzeitig aus einem einzigen Budget mit Finanzmitteln versorgte, hatte sie im Zweifelsfall immer die Möglichkeit, eine direkte Finanzierungsbeteiligung an Rabid abzustreiten.Grünberg: S. 40

Cronenberg wünschte sich für die weibliche Hauptrolle Sissy Spacek, die gerade in Badlands – Zerschossene Träume erste Erfolge gefeiert hatte. Reitman und Dunning lehnten die Amerikanerin aber wegen ihrer Sommersprossen und ihres texanischen Akzents ab. Reitman kam auf die Idee, Marilyn Chambers zu engagieren, die bereits eine etablierte Pornodarstellerin war und Interesse zeigte, in einem nicht-pornografischen Film mitzuspielen. Sein Kalkül war, den Film mit der Zusatzattraktion eines bekannten Pornostars als Hauptdarstellerin weltweit besser vermarkten zu können.Rodley: S. 54 Die Dreharbeiten fanden vom 1. November 1976 bis zum 5. Dezember 1976 in Montreal und Umgebung statt. Cronenberg bezeichnet die Arbeit mit Chambers als schwierig. Durch ihr Engagement in Geschäfte in Las Vegas zusammen mit ihrem damaligen Ehemann und Manager Chuck Traynor empfand er ihre Ausstrahlung als hart und bereits vom Leben gezeichnet, während er ihre Rolle eigentlich unschuldiger und naiver anlegen wollte. Letztlich war er jedoch mit ihren schauspielerischen Qualitäten aufgrund der harten Arbeit, die sie für den Film geleistet hatte, recht zufrieden.Rodley: S. 56

Rezeption Veröffentlichung, Markterfolg und zeitgenössische Kritik Uraufführung des Films war am 8. April 1977. In der Bundesrepublik Deutschland lief er am 24. Juni 1977 an. Bei einem Budget von Can$ 530.000 spielte Rabid $ 7.000.000 an den Kinokassen einRodley: S. 57 und war damit der erste Film, der für die CFDC Gewinn abwarf. Anders als Parasiten-Mörder erregte der Film kein öffentliches Aufsehen, sondern wurde von der Kritik und der Fangemeinde des Genres wohlwollend aufgenommen.Grünberg: S. 34 Cronenberg vermutet, dass die Gründe darin lagen, „dass sich die Gesellschaft zu dieser Zeit weiterentwickelt hatte“.zitiert in: Grünberg: S. 40 Jill McGreal resümiert: „Ab dem Erscheinen von Rabid riefen Bildsprache und Inhalte der Filme Cronenbergs eher begeisterte Kritiken denn provinzielles Moralisieren hervor, und vor allem in Frankreich und Großbritannien hat der Regisseur eine stetig wachsende Fangemeinde.“Jill McGreal: Kino in Kanada in: Geoffrey Nowell-Smith (Hrsg.): Geschichte des internationalen Films. Verlag J.B. Metzler. Stuttgart und Weimar 2006, ISBN 3-476-02164-5, S. 699

In Deutschland urteilte das Lexikon des internationalen Films: „Der technisch gut gemachte Horror-Schocker von Kultregisseur David Cronenberg knüpft monoton die immergleichen Effekte aneinander, wobei die Spannung leidet. Die abstruse Story ist so überzogen, daß sie schon fast parodistisch wirkt.“ So schrieb bereits Jahre zuvor der Filmdienst: „Der technisch passable Film fädelt monoton immer die gleichen Horroreffekte aneinander, so daß die abstruse Gruselmär nur wenig Spannung erzeugt und nicht selten unfreiwillig Heiterkeit hervorruft.“Ronald M. Hahn, Volker Jansen: Lexikon des Science Fiction-Films. Heyne, München 1997, ISBN 3-453-11860-X, S. 713 (zitiert).

Auszeichnungen Rabid gewann beim Sitges Festival Internacional de Cinema de Catalunya Preise für das Beste Drehbuch (David Cronenberg) und Beste Spezialeffekte (Al Griswold)Auszeichnungen für Rabid in der IMDb

Filmwissenschaftliche Beurteilung Edward R. O’Neill stellt fest, Rabid bilde mit Parasiten-Mörder und Die Brut „ein einheitliches Triptychon, in dem Cronenberg metaphorische Mutationen des menschlichen Körpers erschafft, die die Selbstkontrolle des Individuums zerstören, genau wie sie auch in der Folge drohen, die gesamte Gesellschaft auseinanderzureißen“.Edward R. O’Neill: David Cronenberg in: Geoffrey Nowell-Smith (Hrsg.): The Oxford History of World Cinema. Oxford University Press, Oxford und New York 1996, ISBN 0-19-874242-8, S. 736 Grünberg urteilt über den Film, er nehme „das Universum von Val Lewton für sich in Anspruch, voll von unterschwelligem Sex und Horror, nur in den Schatten sichtbar gemacht. Oder das von Herschell Gordon Lewis, eine ausgesprochen blutrünstige, aber trotzdem paradoxerweise unschuldigere Welt, erfunden, um Teenager zum Petting in Autokinos zu verführen.“ Cronenberg nutze den Film, „um einige der Hauptthemen des Undergroundfilms einzuschmuggeln: Orgien, sexuelle Befreiung, die Art von Kontamination und viraler Infektion, wie William Burroughs sie mag, Kritik an Stadtplanung usw“. Der Film sei eines der „exzentrischen, unklassifizierbaren Werke“ Cronenbergs, „als würde er in einer ihm fremden Sprache drehen.“Grünberg: S. 32 Beard hebt den Aspekt der Darstellung einer geschundenen Kreatur hervor: „Eines der Dinge, die Cronenbergs Arbeit (…) von ihren Genre-Artgenossen unterscheidet, ist die Tatsache, dass sie etwas anderes darstellt als nur ein Spektakel des Verlangens und des Horrors, nämlich eine (…) Perspektive menschlicher Traurigkeit und menschlichen Leidens.“Beard: S. 52

Filmanalyse

Inszenierung

Visueller Stil

Zahlreichere und opulentere Schauplätze geben Rabid einen deutlich höheren Schauwert als seine Vorgängerfilme. Beard stellt fest, Locations wie die Klinik und das Einkaufszentrum, die der Mise-en-scène zugrunde liegen, böten „einen ironischen Kontrast zwischen dem Ausdruck einer Gesellschaft, die meint, alles unter Kontrolle zu haben und den chaotischen Anzeichen, dass diese Ordnung in Wirklichkeit sehr unsicher ist“.Beard: S. 69 Cronenbergs „wachsende Fähigkeiten als Filmemacher“ fänden Ausdruck in visuellen Details wie dem in einer Angriffsszene inszenierten gelb-weißen abstrakten Gemälde. Durch einen roten Schmierer aus Blut werde es „zu einem neuen abstrakten Kunstwerk, das nun die wahren Verhältnisse besser als zuvor ausdrückt“. In derselben Weise wirke auch das Kunstwerk eines gespaltenen Kopfes in einer anderen Szene. Es verkörpert laut Beard „die Vision des Menschen als schizoider Kreatur, deren Kopf im Kampf mit dem Körper liegt und doch unentrinnbar mit ihm verbunden ist“.

Dramaturgie

Beard konstatiert, Rabid biete den „flotten Spaß einer gut erzählten Geschichte.“ Die Action-Szenen seien „mit großer Finesse und Selbstbeherrschung“ inszeniert, den gezeigten spektakulären Autounfall halte er etwa für „einen perfekten Leckerbissen des Actionkinos.“Beard: S. 70 Zur Spannungslenkung setzt Cronenberg umfänglich das Mittel der Parallelmontage ein. Damit bindet der Regisseur in die laut Riepe „apokalyptische Makrostruktur“ des Films, „deren Systematik Cronenberg spannungsdramatisch geschickt entfaltet“, mehrere Nebenhandlungen ein. Die vergebliche gegenseitige Suche von Rose und Hart sei die „dramaturgische Klammer“ des Films. In diese werde etwa die Geschichte von Murray Cypher eingebunden, der als zu Beginn des Films liebevoller Familienvater die gewaltsame Auflösung seiner Familienstruktur erleben muss, indem er zum Ende des Films sein totes Baby findet.Riepe: S. 36