mini|hochkant=1.5|Weltkarte nach Herodot. Rechts oben sind die Länder der Issedonen und Arimaspen, dahinter im äußersten Nordosten die Hyperboreer.
Hyperborea () ist ein sagenhaftes, von den antiken griechischen Geographen und Mythographen weit im Norden lokalisiertes paradiesisches Land. Seinen Bewohnern, den Hyperboreern (), wurde eine besonders enge Verbindung mit dem Gott Apollon und dessen Kult zugeschrieben.
Die antike Etymologie des Namens „jenseits des Nördlichen“ (Boreas war der Gott des Nordwinds) gilt als wissenschaftlich ungesichert.Annemarie Ambühl: Hyperboreioi. In: Der Neue Pauly Enzyklopädie der Antike. Metzler, Stuttgart 2010, Bd. 5, Sp. 801. Denkbar ist auch eine Ableitung von nordgriechisch „Berg“, was einen Wohnsitz „jenseits der Berge“ anzeigen würde.Hans von Geisau: Hyperboreioi. In: Der Kleine Pauly. dtv, München 1979, Bd. 2, Sp. 1274.
Im 19. und 20. Jahrhundert wurde der Mythos von Hyperborea von Okkultisten und rechtsextremen Esoterikern rezipiert.
Hyperborea in der Mythologie
Phaeton, der Sohn des Helios, soll dort in den nahen Eridanos gestürzt sein. Seine Schwestern, die Heliaden, seien am Ufer des Eridanos in Schwarzpappeln und ihre Tränen in BernsteinOvid Metamorphosen 2.324; 2.365Hyginus Mythographus Fabulae 152; 154Apollonios von Rhodos Argonautika 4.594ff verwandelt worden. Außer den Heliaden trauerten auch zahlreiche Schwäne um den gestürzten Jüngling und ihr Trauergesang brachte die Nachricht von dem tragischen Fall in alle Lande.Flavius Philostratos imagines 1.11 Hier klingt auch die Sage von Kyknos an, dem am Ufer des Eridanos um den gestürzten Phaeton trauernden Freund, der von Apollon aus Mitleid in einen Schwan verwandelt wird. Hier ist auch die mythologische Wurzel des sprichwörtlichen Schwanengesangs.
Hyperborea galt in der antiken Mythologie wie sein südliches Gegenstück, das Land der Aithiopier, als paradiesischer Ort mit besonders günstigem Klima und einer besonderen Nähe zu den Göttern. Pindar (ca. 522–446 v. Chr.) beschreibt die Hyperboreer als ein gesegnetes Volk, das weder Alter noch Krankheit kennt und sich mit Tanz, Gesang, Flöte und Leier ganz dem Dienst der Musen hingibt.Pindar Pythische Oden 10.27ff Allerdings sei es „weder zu Schiff noch zu Fuß“ möglich, dorthin zu gelangen, nur Göttern und Heroen gelinge die Reise.Annemarie Ambühl: Hyperboreioi. In: Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike. Metzler, Stuttgart 2010, Bd. 5, Sp. 801. Zu diesen gehört auch Perseus, der nach einer Ode Pindars an den Festen der Hyperboreer teilnahm, bei dem sie dem Apollon Hekatomben von Eseln opferten, ein sonst ganz ungewöhnliches Opfertier.Auch Kallimachos (Fragment 187) erwähnt die hyperboreischen Eselsopfer für Apollon. Allerdings scheint das Opfern von Eseln für Apollon nur in Hyperborea erwünscht gewesen zu sein. Ein Besucher Hyperboreas aus Babylon, der, in die Heimat zurückgekehrt, dem Apollon ebenfalls Esel opfern wollte, wurde von diesem mit dem Tod bedroht.Antoninus Liberalis, Metamorphosen 20. Der Dichter Bakchylides (520/516–451 v. Chr.) berichtet, dass Apollo den frommen König Krösus, der sich nach der Eroberung der Stadt Sardes das Leben nehmen wollte, vom Scheiterhaufen nach Hyperborea versetzte.Annemarie Ambühl: Hyperboreioi. In: Der Neue Pauly Enzyklopädie der Antike. Metzler, Stuttgart 2010, Bd. 5, Sp. 801.
Der Garten der Hesperiden mit den goldenen Äpfeln soll sich nach der Bibliotheke des Apollodor (1. Jahrhundert n. Chr.) in Hyperborea befunden haben und auch Atlas soll dort, in der Nähe des nördlichen Poles, das Himmelsgewölbe getragen haben. Auf der Suche nach den Äpfeln kam Herakles dorthin und überlistete Atlas, ihm drei der Äpfel zu bringen.Bibliotheke des Apollodor 2,5,11. Von dort brachte Herakles jene Ölbäume nach Olympia, aus deren Zweigen die Preiskränze der Sieger bei den Olympischen Spielen gewunden wurden.Pindar Olympische Oden 3,12 ff.
Der hellenistische Autor Hekataios von Abdera (um 300 v. Chr.) nutzte den Mythos von Hyperborea, um in seinem Roman Peri Hyperboreion () ein utopisches Modell zu entwerfen.Annemarie Ambühl: Hyperboreioi. In: Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike. Metzler, Stuttgart 2010, Bd. 5, Sp. 801. Der Text ist verloren, doch aus verschiedenen Fragmenten lässt sich rekonstruieren, dass Hekataios eine fiktive Reise vom Kaspischen Meer in den Okeanos und weiter auf die hyperboreische Insel Helixoia beschrieb, die nördlich des Keltenlandes liegen soll. Das Klima erlaube zwei Ernten im Jahr. Ihre Herrscher und oberste Opferpriester der Hyperboreer seien die Boreaden, riesenhafte Kinder des Boreas. Zum Apollonfest kämen von dem Riphäengebirge Schwärme von Schwänen und stimmten in die Hymnen der menschlichen Sänger ein.Marek Winiarczyk: Die hellenistischen Utopien. De Gruyter, Berlin/Boston 2011, S. 49–68 (abgerufen über De Gruyter Online). Dieser Teil wird in den Tiergeschichten des Claudius Aelianus (1./2. Jahrhundert n. Chr.) referiert.Claudius Aelianus, Tiergeschichten 11,1.
Hyperborea und die Kulte von Delos und Delphi
Am ausführlichsten berichtet Herodot (490/480–424 v. Chr.) von den Hyperboreern. Er beginnt damit, dass es eigentlich keinerlei zuverlässige Auskunft über die Lage des Landes gebe, dass aber das Heiligtum des Apollon in Delos regelmäßig in Weizenstroh gewickelte Weihegeschenke aus dem Land Hyperborea erhalte. Diese Geschenke machten einen weiten Weg, wobei sie von Volk zu Volk weitergereicht würden: von den Hyperboreern zu den Skythen, von dort weiter bis zur Adria, dann zu den Dodonern, quer durch Griechenland nach Euböa und von dort nach Delos.
Bei der erstmaligen Sendung von Weihegeschenken seien diese allerdings nicht von Volk zu Volk gereicht worden, sondern Hyperoche () und Laodike (), zwei Jungfrauen aus Hyperborea in Begleitung von fünf Männern (deren Nachkommen Perpherees, Amallophoroi oder Ulophoroi genannt wurdenKarl Otfried Müller: Geschichten hellenischer Stämme und Städte. Bd. 2, Breslau 1824, S. 271f) hätten die Geschenke gebracht. Die Überbringer seien in Delos hoch geehrt worden und dort verstorben. Bis in Herodots Zeit hätten die delischen Jünglinge und Jungfrauen Hyperoche und Laodike geehrt, indem sie eine abgeschnittene Haarlocke auf deren Grab niederlegten. Als aber von der Gesandtschaft niemand ins Land der Hyperboreer heimkehrte, seien diese dazu übergangen, wie beschrieben ihre Geschenke durch vermittelnde Völker nach Delos zu senden.Herodot, Historien 4,32–34. Nach Kallimachos handelte es sich nicht um in Weizenstroh gewickelte Weihgeschenke, sondern um Garben von den Erstlingen des Getreides.Kallimachos 4. Hymnos (auf Delos) 275 ff.
Vor diesen sieben Sendboten seien aber schon zwei andere Jungfrauen aus Hyperborea namens Arge () und Opis nach Delos gekommen. Diese hätten aber nicht Weihegeschenke, sondern die Götter selbst nach Delos gebracht, denn sie seien in Begleitung von Apollon und Artemis-Eileithyia nach Delos gekommen und von dort habe sich der Kult dieser Götter über die Inseln und ganz Ionien verbreitet. Die Asche aus den Schenkelstücken des Opfers habe man auf ihr neben dem Artemision gelegenes Grab gestreut.Herodot, Historien 4,35.
Die beiden Gräber werden von Herodot unterschieden: das Grab ( „Wahrzeichen“, „Grabmal“ bei Herodot) von Hyperoche und Laodike liegt ihm zufolge linkerhand innerhalb des Heiligtums der Artemis, das Grab von Opis und Arge ( „Aufbewahrungsort“, „Behälter“ bei Herodot) liegt hinter dem Tempel der Artemis. Zwei der angegebenen Lage entsprechende bronzezeitliche Gräber wurden auf Delos gefunden. Es handelt sich um Tholoi, die Entsprechungen zu minoischen Gräbern aus den Periode Frühminoisch III / Mittelminoisch I aufweisen.Charlotte R. Long: Greeks, Carians, and the Purification of Delos. In: American Journal of Archaeology, Bd. 62, Nr. 3 (Juli 1958), S. 297–306. Diese Gräber sind insofern bemerkenswert, als es die einzigen auf Delos gefundenen Gräber sind. Bekanntlich wurde 425/426 v. Chr. Delos „gereinigt“: alle Gräber auf Delos wurden geöffnet, die Gebeine zu der benachbarten Insel Rheneia gebracht und fortan durfte niemand mehr auf Delos sterben oder geboren werden.Thukydides, Peloponnesischer Krieg 1,8,1–2; 3,104,1–2. Dass man bei diesen beiden Gräbern eine Ausnahme machte, weist darauf hin, dass es sich nicht um einfache Gräber, sondern um die Heroa der kultisch verehrten hyperboreeischen Jungfrauen handeln könnte. Dementsprechend werden sie auch in der Literatur bezeichnet.
Insbesondere Opis scheint mit Artemis eng verbunden, da Opis auch ein Beiname der Artemis war. Die Einführung des Kultes von Opis und Arge war nach Herodot Gegenstand der Hymnen des legendären Dichters Olen.Herodot Historien 4,35. Olen erscheint in ganz ähnlicher Rolle auch in einem Bericht des Pausanias (115–180 n. Chr.) über die Etablierung des Orakels des Apollon in Delphi. Er erwähnt nämlich eine delphische Hymnendichterin namens Boio und zitiert einen ihrer Hymnen, in dem die Gründung des Orakels den Hyperboreern, unter ihnen zwei namens Pagasos und Agyieos, zugeschrieben wird. Der erste Priester des Apollon in Delphi sei dann Olen gewesen, der auch als erster Orakelsprüche in Form von Hexametern gegeben habe und damit der Vorläufer der Pythia gewesen sei. Pausanias schränkt ein, dass die Tradition von Priesterinnen des Apollon in Delphi weiß.Pausanias, Beschreibung Griechenlands 10,5,7–9.
Bei Kallimachos von Kyrene (ca. 303 – 245 v. Chr.) erscheinen neben Opis die Namen Loxo und Hekaerge; alle drei werden als Töchter des Boreas bezeichnet.
Aus den Legenden, die sich um den Sieg der Griechen über die keltischen Invasoren unter Brennus 279 v. Chr. bei Delphi ranken, berichtet Pausanias weiter, dass sich die Geistergestalten sagenhafter Krieger unter die Verteidiger gemischt hätten, darunter neben dem in Delphi bestatteten Neoptolemos, Sohn des Achilleus, die Hyperboreer Hyperochos () und Amadokos ().Pausanias, Beschreibung Griechenlands 1,4,4.
Da die heiligen Ölbäume in Olympia auch aus Hyperborea stammten, sind somit mit Delos, Delphi und Olympia drei der bedeutendsten religiösen Zentren im antiken Griechenland durch Mythen mit Hyperborea verknüpft.
Hyperborea in der antiken Geographie Herodot Herodot erwähnt, dass der Dichter Aristeas in seinem nicht überlieferten Gedicht Arimaspeia () erzählt habe, dass hinter dem von ihm besuchten Land der Issidonen das Land der Arimaspen liege, hinter diesen das Land der Gold bewachenden Greife und dahinter das Land der Hyperboreer, und dass all diese Völker beständig Krieg miteinander führten, außer den Hyperboreern.Herodot, Historien 4,13–15. Schließlich führt Herodot noch an, dass der Prophet Abaris angeblich aus Hyperborea stamme.Herodot, Historien 4,36; zur hyperboreischen Herkunft des Abaris vergleiche auch Platon, Charmides 158c. Dies alles referiert Herodot mit ausgeprägter Skepsis und einigem Spott.
Strabon Noch dezidierter als Herodot bestreitet Strabon (63 v. Chr.–23. n. Chr.) die Existenz Hyperboreas, der Riphäen und ähnlicher sagenhafter Gegenden. Er meint, dergleichen Lügengeschichten, wie sie etwa Pytheas von Massilia (ca. 380–310 v. Chr.) verbreitet habe, würden nur aufgrund mangelnder geographischer Kenntnisse über die betreffenden Gegenden (hier die Länder jenseits der Skythen) überhaupt zur Kenntnis genommen.Strabon, Geôgraphiká 7,3,1.
Pomponius Mela Nach Pomponius Mela (1. Jahrhundert n. Chr.) lebten die Hyperboreer jenseits der Küste des Kaspischen Meeres, wo die Komaren, Massageten, Kadusier, Hyrkanier und Hiberer ansässig waren. Sie seien so langlebig, dass sie ihrem Leben freiwillig ein Ende setzten. Tag und Nacht dauerten bei ihnen jeweils ein halbes Jahr.Pomponius Mela, Chorographia 1,12; Marek Winiarczyk: Die hellenistischen Utopien. De Gruyter, Berlin/Boston 2011, S. 61 f. (abgerufen über De Gruyter Online).
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