Tiberius Sempronius Gracchus der Ältere (* um 220 v. Chr.; † um 150 v. Chr.) war ein römischer Politiker des 2. Jahrhunderts v. Chr. Er unterstützte als Volkstribun den im Verlauf der Scipionenprozesse verurteilten Lucius Cornelius Scipio, obwohl er ein politischer Gegner der Scipionen war. In seiner Prätur 180 v. Chr. erhielt er Hispania citerior als Provinz und kämpfte dort erfolgreich gegen die Keltiberer. Auch in den beiden folgenden Jahren setzte er den Krieg fort und schloss schließlich 178 v. Chr. mit dem iberischen Stamm einen langfristigen Frieden. Für diese Kriegstaten durfte er einen Triumph abhalten und 177 v. Chr. sein erstes Konsulat antreten, in welcher Stellung er in bis ins folgende Jahr dauernden Kämpfen einen Aufstand sardischer Stämme niederschlug. Dafür wurde ihm 175 v. Chr. ein zweiter Triumph gewährt. Die ihm 169 v. Chr. übertragene Censur übte er sehr streng aus und ging vor allem gegen römische Kapitalisten vor. 165 und 161 v. Chr. reiste er als Gesandter in die Staaten des hellenistischen Ostens und war 163 v. Chr. zum zweiten Mal Konsul. Verheiratet war er mit Cornelia, einer Tochter des Publius Cornelius Scipio Africanus, mit der er die beiden als Volkstribunen bekannten Söhne Gaius und Tiberius Sempronius Gracchus hatte.
Leben Abstammung und frühes Leben Tiberius Sempronius Gracchus stammte aus der plebejischen Nobilität und gehörte damit zur Führungsschicht der römischen Republik. Er war der Sohn eines nicht näher bekannten, wahrscheinlich jung verstorbenen Publius Sempronius Gracchus und der Enkel des Konsuls von 238 v. Chr., Tiberius Sempronius Gracchus.Filiationsangaben für Gracchus in den Fasti Capitolini zu den Jahren 177, 169 und 163 v. Chr.; u. a. Außerdem war er wohl der jüngere Bruder des Volkstribunen von 189 v. Chr., der den gleichen Namen wie sein Vater führte.
Über die frühe Laufbahn (Cursus honorum) des Gracchus liegen nur ungenügende Informationen vor. 190 v. Chr. nahm er unter dem Konsul Lucius Cornelius Scipio in bereits angesehener Stellung am Krieg gegen Antiochos III. von Syrien teil. Als sich das römische Heer in Griechenland befand, begab er sich auf Befehl des Konsuls und von dessen Bruder Publius Cornelius Scipio Africanus aus dem römischen Militärlager in Amphissa als Gesandter zu Philipp V. von Makedonien, um dessen Haltung gegenüber Rom zu erkunden. Die konsularische Armee musste nämlich auf ihrer Expedition gegen den Seleukidenkönig Philipps Territorium passieren. Den weiten Weg von Amphissa nach der makedonischen Hauptstadt Pella legte Gracchus in drei Tagen zurück, wurde von Philipp V. zuvorkommend empfangen und vollendete seine Rückreise mit derselben Geschwindigkeit.Titus Livius, Ab urbe condita 37, 7, 8-14.
Rolle während der Scipionenprozesse; Ädil Der Dienst unter den beiden scipionischen Brüdern hatte indessen Gracchus nicht zum Anhänger dieser Männer und ihrer Politik gemacht; im Gegenteil erscheint er einige Jahre später als Volkstribun unter ihren entschiedenen politischen Gegnern. Er spielte damals eine wichtige Rolle in den von 187–184 v. Chr. sich hinziehenden sog. Scipionenprozessen, in denen die scipionischen Brüder beschuldigt wurden, sie hätten einen Teil der von Antiochos III. bezahlten Kriegsentschädigung und der Beute unterschlagen oder wären vom König bestochen worden. Die sachlichen Details und Chronologie dieser Prozesse sind nicht vollkommen aufgehellt worden. Hauptquellen sind ein erhaltenes Fragment des als zuverlässig eingestuften Historikers Polybios, zwei wohl aus Cornelius Nepos entlehnte Kapitel der Noctes Atticae des lateinischen Schriftstellers Aulus Gellius sowie die Darstellung des römischen Geschichtsschreibers Titus Livius.Polybios, Historíai 23, 14; Aulus Gellius, Noctes Atticae 4, 18 und 6, 19; Livius, Ab urbe condita 38, 50-60. Der von Gellius zitierte Nepos schöpfte aus älterer glaubwürdiger Annalistik, sodass sein Bericht demjenigen des Polybios ebenbürtig und diesen ergänzend an die Seite tritt. Dagegen beruht Livius’ Schilderung im Wesentlichen auf dem verschollenen Geschichtswerk des unzuverlässigen römischen Annalisten Valerius Antias, der offenbar bei seiner Darstellung der Prozesse weitgehende Fälschungen vornahm.
Umstritten ist, ob Gracchus 187Für die Ansetzung von Lucius Scipios Verurteilung im Jahr 187 v. Chr. tritt beispielsweise Karl-Heinz Schwarte (Publius Cornelius Scipio Africanus der Ältere. In: Karl-Joachim Hölkeskamp, Elke Stein-Hölkeskamp (Hrsg.): Von Romulus bis Augustus. München 2000, ISBN 3-406-46697-4, S. 117) ein. oder – wie etwa der Althistoriker Friedrich Münzer annimmt – 184 v. Chr. Volkstribun war. Jedenfalls wurde Lucius Scipio während Gracchus’ Amtszeit von einem anderen Volkstribun, Gaius Minucius Augurinus, angeklagt und zur Zahlung einer hohen Strafe verurteilt, verweigerte aber die zur Sicherung der Entrichtung dieser Strafsumme geforderte Stellung von Bürgen. Als Augurinus daraufhin den Verurteilten ins Gefängnis abführen lassen wollte, rief dessen Bruder Publius Scipio die anderen Volkstribunen um Interzession an. Nur Gracchus gewährte – trotz seiner politischen Gegnerschaft zu den Scipionen – seinen Beistand und ersparte so Lucius Scipio große Schmach, indem er erklärte, es sei für den römischen Staat unwürdig, den früheren Triumphator in dasselbe Gefängnis abzuführen, wohin durch ihn die Führer der Feinde Roms gelangt waren. Dennoch ändere sich dadurch seine Parteistellung gegenüber den Scipionen in keiner Weise.Aulus Gellius, Noctes Atticae 6, 19, 1-8; Livius, Ab urbe condita 38, 60, 3-7, vgl. 38, 57, 4; Cicero, De provinciis consularibus 18.
Laut Livius soll Gracchus als Volkstribun 187 v. Chr. auch Marcus Fulvius Nobilior, der für sich einen Triumph über die Aitoler forderte, gegen die anderen Volkstribunen unterstützt haben. Friedrich Münzer hält diese Episode für eine annalistische Fälschung.Livius, Ab urbe condita 39, 5, 1-6; dazu 185 v. Chr. begab sich Gracchus gemeinsam mit dem Konsular Quintus Caecilius Metellus und dem Prätorier Marcus Baebius Tamphilus als Gesandter nach Makedonien, um im Namen des Senats in mehreren Konflikten, die zwischen dem makedonischen König Philipp V. auf der einen, dem König Eumenes II. von Pergamon und den Thessalern auf der anderen Seite bestanden, zu vermitteln. Noch im gleichen Jahr kehrte er wieder heim.Polybios, Historíai 22, 1, 2 ff. und 22, 9, 6; Livius, Ab urbe condita 39, 24, 13 ff und 39, 33, 1. Zwei Jahre später, 183 v. Chr., erhielt Gracchus den Auftrage, mit zwei anderen Triumvirn, Quintus Fabius Labeo und Gaius Afranius Stellio, eine römische Bürgerkolonie nach Saturnia, dem Hauptort des Ager Caletranus in Etrurien, zu deduzieren.Livius, Ab urbe condita 39, 55, 9. 182 v. Chr. amtierte er als kurulischer Ädil und veranstaltete in dieser Eigenschaft außerordentlich glanzvolle Festspiele. Später kritisierte der Senat anlässlich der Bewilligung der Geldmittel für die Spiele der Amtsnachfolger des Gracchus den Aufwand des Semproniers scharf und zog ähnlicher Verschwendung Grenzen. Die hohen Kosten der von Gracchus abgehaltenen Spiele hatten nämlich laut Livius’ Angabe die italischen Bundesgenossen und auswärtigen Provinzen finanziell stark belastet.Von Livius (Ab urbe condita 40, 44, 12) nachträglich beim Jahr 179 v. Chr. berichtet.
Prätor in Spanien; Beendigung des Keltiberischen Kriegs 180 v. Chr. bekleidete Gracchus die Prätur und bekam als Provinz Hispania citerior zugewiesen. Als Nachfolger des Quintus Fulvius Flaccus sollte er dessen Krieg gegen die Keltiberer fortsetzen.Livius, Ab urbe condita 40, 35, 2 und 40, 35, 9. Da Flaccus den Großteil seiner Streitkräfte nach Italien zurückbringen wollte, sah sich Gracchus genötigt, zuerst umfangreiche Aushebungen auf der Apenninhalbinsel durchzuführen, um eine frische schlagkräftige Armee aufstellen zu können.Livius, Ab urbe condita 40, 35, 3 – 36, 12. So kam er erst spät auf der Iberischen Halbinsel an und übernahm in Tarraco von Flaccus jenen Teil von dessen Heer, der weiter im Land stationiert blieb.Livius, Ab urbe condita 40, 39, 1-4 und 40, 40, 14 f.
Gracchus führte den Krieg gegen die Keltiberer nicht nur in seiner Prätur, sondern auch in den beiden folgenden Jahren und brachte ihn 178 v. Chr. zum erfolgreichen Abschluss. Seine dabei vollbrachten Kriegsleistungen wurden von Anfang an übertrieben großartig dargestellt, wofür zuerst vor allem er selbst durch seine Berichterstattung an den Senat sorgte. Die von ihm gelieferte Darstellung seiner militärischen Verdienste ging in die Berichte der römischen Annalisten ein, wurde aber auch von Polybios übernommen.
Aufgrund der späten Ankunft in seiner Provinz im Jahr 180 v. Chr. vermochte Gracchus nicht mehr, wie Livius behauptet,Livius, Ab urbe condita 40, 40, 15. mit seinen Truppen ins feindliche Keltiberien einzumarschieren. Allenfalls war es ihm damals – gemäß dem Bericht des AppianAppian, Iberike 43. – möglich, den ins römische Ebro-Gebiet eingedrungenen Keltiberern, die den mit den Römern verbündeten Ort Caravis (wohl beim heutigen Magallón in der Provinz Saragossa) belagerten, entgegenzutreten. Erst im nächsten Jahr 179 v. Chr., als ihm sein Kommando verlängert und außerdem seine Truppenmacht verstärkt wurde,Livius, Ab urbe condita 40, 44, 4 f. begann er die Kriegsoffensive. Dabei zog er am Jalón entlang und drang ins iberische Hochland vor. Zur selben Zeit stieß Lucius Postumius Albinus, der Hispania ulterior verwaltete und wohl schon in Rom mit Gracchus ein einheitliches Vorgehen gegen die Keltiberer beschlossen hatte, von Westen her gegen die Vaccäer vor.
Beim Vormarsch eroberte Gracchus mehrere von Livius namentlich aufgezählte Städte, deren Lage meist nur unsicher feststellbar ist, sowie viele kleine Orte. Zunächst nahm er MundaNach Adolf Schulten mit dem heutigen Munébrega bei Calatayud im Tal des Jalón identisch (). bei einem nächtlichen Angriff ein, ließ sich Geiseln übergeben und stationierte eine Garnison in der Stadt. Daraufhin erstürmte er mehrere keltiberische Festungen, verwüstete das umliegende Land und zog dann gegen das stark befestigte Certima, dessen Einwohner sich, als keine Aussicht auf Entsatz bestand, ergaben. Sie mussten eine hohe Kriegsentschädigung zahlen und 400 junge Adlige, die in der römischen Kavallerie dienen sollten, als Pfand für ihre Bündnistreue ausliefern.Livius, Ab urbe condita 40, 47. Danach wandte sich Gracchus gegen Alce, in dessen Nähe ein keltiberisches Heer lagerte. Zuerst kam es nur zu kleineren Gefechten, bis Gracchus eine Scheinflucht seiner Soldaten anordnete und so die Keltiberer, welche die Verfolgung aufnahmen, aus ihrem Feldlager fortlockte. Ihr Angriff auf das römische Lager wurde zurückgeschlagen und ihr eigenes von den Römern erobert; dabei sollen 9000 Keltiberer gefallen sein. Anschließend durchzog der Proprätor mit seinen Truppen wieder plündernd und verheerend die Umgegend und soll 103 Ortschaften zur Kapitulation gezwungen haben. Mit großer Beute beladen zog er wieder vor Alce und belagerte die Stadt, bis sie sich ergeben musste. Erneut fiel ihm große Beute in die Hände, und er gewann auch einen keltiberischen Anführer namens Thurrus für den Übertritt auf die Seite der Römer, denen Thurrus in der Folge ein loyaler Verbündeter blieb.Livius, Ab urbe condita 40, 48 f. Nach diesen Erfolgen öffnete die bedeutende keltiberische Stadt Ergavica (möglicherweise beim heutigen Cañaveruelas in der Provinz Cuenca gelegen) den Römern ihre Tore. Einige römische Annalisten gaben laut Livius an, dass sich die Keltiberer stets nach ihrer jeweiligen Unterwerfung wieder erhoben, wenn Gracchus mit seinen Truppen weitergezogen war, bis sie nach einer desaströsen Niederlage in einer großen Schlacht am Mons Chaunus (wohl der heutige 2314 m hohe Berg Moncayo) derartige Verluste erlitten hätten, dass sie nun zu einem dauerhaften Frieden bereit gewesen wären.Livius, Ab urbe condita 40, 50.