mini|Beginn der Chronik als letztes Buch der Bibel in einer aschkenasischen Handschrift. Im Zentrum der Mikrografik steht das erste Wort des Buches, „Adam“. Die Chronik oder das Buch der Chronik ist ein Buch der Hebräischen Bibel, das die Geschichte Israels als Geschichte Davids und seiner Dynastie zum Gegenstand hat und dabei besonderes Interesse an genealogischen Zuordnungen sowie an der Ordnung des Jerusalemer Tempelkultes zeigt. Es nimmt in der Hebräischen Bibel dadurch eine besondere Stellung ein, dass es das einzige Buch ist, dessen Quellen weitgehend bekannt sind und mit dem Buch selbst verglichen werden können. Das Buch wurde für die griechische Übersetzung in zwei Bücher geteilt. Diese Trennung in zwei Bücher der Chronik oder Chronikbücher hat sich zusammen mit der Kapitelzählung seit dem Zeitalter des Buchdrucks allgemein durchgesetzt. Bei Stellenangaben wird daher immer zwischen dem 1. Buch der Chronik (1 Chr) und dem 2. Buch der Chronik (2 Chr) differenziert.
Namen des Buches seite=470|mini|Die Chronik in der Lutherbibel von 1545 Der traditionelle Titel des Buches lautet . Das ist der übliche hebräische Ausdruck für ‚Annalen‘ oder ‚Tagebücher‘. Dadurch wird der Eindruck erweckt, es handele sich bei diesem Buch um diejenigen Annalen der Könige Judas, auf die im Königebuch regelmäßig als Quelle für weitere Detailinformationen verwiesen wird.; 15,7.23; 22,46; ; 12,20; 13,12; 14,15.18.28; 15,6.36; 16,19; 20,20; 21,17.25; 23,28; 24,5.
So lautet die Schlussformel für Joschafat im Königebuch (revidierte Einheitsübersetzung):
Auch der Buchname in der Septuaginta knüpft an diese Zitationsformeln an. Hier heißen die Chronikbücher Biblia ton paraleipomenon (). Damit wird dem Rechnung getragen, dass im Königebuch regelmäßig nur für ‚das Übrige‘ (, z. B. ) auf die Chronik verwiesen wird.
mini|links|Überschrift über die Chronik im Codex Amiatinus (Vulgata) Hieronymus übernimmt in der Vulgata beide Titel, den griechischen aus der Septuaginta sowie den hebräischen, den er ins Lateinische übersetzt ().So das Incipit im Codex Amiatinus, . Doch gibt Hieronymus in der Vorrede zum Buch der Könige (= Samuel und Könige) eine inhaltliche Beschreibung des Buches:
In Anknüpfung an diese inhaltliche Charakterisierung, für die Hieronymus ein griechisches Fremdwort benutzte (das Chronikon), hat Martin Luther in seiner Bibelübersetzung die Bezeichnung Chronica als Überschrift gewählt, die latinisierte Form, die aus dem griechischen Plural einen femininen Singular gemacht hat. Seitdem hat sich die Bezeichnung „die Chronik“ allgemein als Buchtitel durchgesetzt.
Stellung im Kanon mini|Die Chronik im Codex von Aleppo Im Tanach gehört die Chronik zum dritten Kanonteil, den Ketuvim. Dort steht sie in den ältesten masoretischen Handschriften – so im Codex von Aleppo und im Codex Petropolitanus B19a (Codex L) – am Anfang, vor dem Psalter. In den sefardischen und aschkenasischen Handschriften steht die Chronik dagegen am Schluss der Ketuvim und damit der Bibel. Diese Schlussposition wurde in den ersten hebräischen Bibeldrucken übernommen und hat sich seitdem allgemein durchgesetzt. Auch die Biblia Hebraica Stuttgartensia weicht in diesem einen Punkt von der Reihenfolge ihrer Vorlage, dem Codex L, ab. Dagegen soll die Chronik in der Biblia Hebraica Quinta am Anfang des Schriftenkanons stehen. Die Schlussstellung der Chronik ist auch entstehungsgeschichtlich ausgewertet worden.Georg Steins: Die Chronik als kanonisches Abschlußphänomen. Studien zur Entstehung und Theologie von 1/2 Chronik, Beltz-Athenäum, Weinheim 1995. Allerdings ist es sehr unwahrscheinlich, dass eine bestimmte Stellung im Kanon intendiert war, da es bis zur Einführung des Codex ohnehin keine verbindliche Reihenfolge der Schriften gab und geben konnte.
In der Septuaginta gehört die Chronik zu den Geschichtsbüchern und steht meist nach den Büchern der Königtümer (= 1–2 Samuel und 1–2 Könige), gefolgt vom 1. Buch Esra (sogenannter 3. Esra) und dem 2. Buch Esra (= Esra–Nehemia). In der Vulgata wurde diese Platzierung übernommen, aber der nicht zum hebräischen Kanon gehörende „1. Esra“ als 3. Buch Esra gezählt und in den Anhang verschoben, so dass nun Esra und Nehemia auf die Chronik folgen. Das ist die Reihenfolge, die sich bis heute in den meisten christlichen Bibeln findet.
Abschnittseinteilungen und Aufteilung in zwei Bücher mini|links|Liste der Sedarim in der Chronik in der Schlussmasora des Codex L (fol. 463r) Der hebräische Text enthielt ursprünglich keine Kapiteleinteilung. Der Text war lediglich durch optische Abschnitte (Petucha und Setuma) untergliedert. Die ältesten masoretischen Handschriften kennen aber bereits eine traditionelle Einteilung in 25 Sedarim, zudem markieren sie mit den Akzenten die traditionelle Verseinteilung und notieren die Zahl von 1765 Versen.Beginn der Schlussmasora im Codex L mit der Angabe der Zahl der Verse, dem mittleren Vers, der Zahl der Sedarim und den Anfangsversen der einzelnen Sedarim der Chronik (linke Spalte oben). Die Sedarim werden im Text auch nummeriert.
Die Septuaginta hat anscheinend den Text von Anfang an auf zwei Buchrollen verteilt. Das hat damit zu tun, dass die griechische Übersetzung, zumindest in der Majuskelschrift, nahezu doppelt soviel Platz benötigt wie das hebräische Original. Während die Chronik im hebräischen Text des Codex L ca. 99.500 Buchstaben umfasst, enthalten die Chronikbücher im griechischen Text des Codex Vaticanus ca. 182.000 Buchstaben. Z. B. steht für „in seinen Tagen“ im hebräischen Text ein Wort von fünf Buchstaben, das Präposition und Suffix enthält (, ), während die griechische Übersetzung vier Wörter mit 18 Buchstaben benötigt (, ). Der Einschnitt wurde nach dem Tod Davids gesetzt, weil das in Analogie zu anderen biblischen Büchern (Genesis, Deuteronomium, Buch Josua) als klassischer Buchschluss gelten konnte.
Mit der Einführung des Codex konnten auch die griechischen Chronikbücher in einem Buch zusammengestellt werden. Sie wurden immer als zusammengehörig verstanden. Im Codex Vaticanus gibt es eine durchgehende Kapitelzählung, die die Chronik in 93 Kapitel teilt, wobei das zweite Buch mit Kapitel 41 beginnt.S. 526 des Codex Vaticanus mit Beginn des zweiten Buchs der Chronik. Die Zahl 41 (ΜΑ) links über dem großen initialen [Κ|Kappa], Kapitel 42 (ΜΒ) beginnt in der zweiten Zeile der dritten Spalte, Kapitel 43 (ΜΓ) in der vorletzten Zeile.
Allgemein durchgesetzt hat sich allerdings im Zeitalter des Buchdrucks diejenige Kapiteleinteilung, die Stephan Langton für die Vulgata erstellt hatte. Nach dieser werden heute alle Versionen der Chronik nach Buch und Kapitel zitiert, während die Verszählung sich nach der masoretischen Verseinteilung richtet.
Datierung Der terminus post quem für die Chronik als Buch ergibt sich aus der Genealogie der Davididen. Diese wird in über Jojachin, der 597 v. Chr. im Alter von 18 Jahren ins babylonische Exil geführt wurde ( und ) und dessen Enkel Serubbabel, der um 520 v. Chr. in Jerusalem Statthalter war , noch mindestens sieben Generationen weitergeführt. Die Chronik kann also frühestens im 4. Jahrhundert v. Chr. abgeschlossen worden sein.
100px|mini|Dareikos aus dem 5. Jh. v. Chr. Einige Anachronismen lassen sich ebenfalls am einfachsten mit einer spätpersischen oder frühhellenistischen Entstehung erklären. So sind nach zur Zeit Davids 10.000 für den Tempel gestiftet worden. Der Begriff (zu ) ist mit der nachexilischen wortverwandt, taucht ansonsten nur noch in auf und wird mit Dareikos übersetzt, also einer Währung, die frühestens im Achämenidenreich geprägt wurde.
Zu den historischen Argumenten kommen die sprachgeschichtlichen Indizien für eine im Vergleich zu den Büchern der Tora und der Vorderen Propheten deutlich spätere Entstehungszeit: Vokabular, Syntax und Orthographie der Chronik gehören zum spätbiblischen Hebräisch (LBH, Late Biblical Hebrew), wie es sich auch in den Büchern Esra–Nehemia und Esther zeigt.Ronald Hendel und Jan Joosten: How Old Is the Hebrew Bible? A Linguistic, Textual, and Historical Study. Yale University Press, New Haven / London 2018, S. 36–42.
Die in der Chronik verwendeten Quellen Die Parallelen der Chronik zu weiteren Büchern der Hebräischen Bibel lassen sich am einfachsten mit einer Benutzung dieser Bücher durch die Chronik erklären (Sara Japhet). Im Einzelnen wurden folgende Quellen verwendet: Die Genesis, insbesondere Kap. , , und für Das Buch Numeri, insbesondere , sowie das Josuabuch für Das Buch Samuel, insbesondere , , , und , für die Erzählung vom Tod Sauls und die Davidgeschichte Das Buch der Könige für Das Jesajabuch für Das Jeremiabuch für Der Psalter für Das Buch Esra–Nehemia für (vgl. ) und für (vgl. ) Die Hauptquellen sind das Samuel- und das Königebuch. Inwieweit dem Chronisten über die biblischen Bücher hinaus noch andere Quellen aus der Königszeit zur Verfügung standen, ist in der Forschung umstritten. Für die Nachrichten über die umfangreiche Bautätigkeit in der Zeit Hiskias, einschließlich der Wasserversorgung , ist dies erwogen worden.Andrew G. Vaughn: Theology, History, and Archaeology in the Chronicler’s Account of Hezekiah. Scholars Press, Atlanta 1999. In jedem Fall war der Verfasser der Chronik detailliert über die genealogischen Traditionen der Judäer, insbesondere der Davididen, sowie über das Kultpersonal des zweiten Tempels informiert.
Aufbau und Thematik 300px|mini|Jesse (Isai) mit seinem Vater Obed (Bibel), seiner Frau, seinen ältesten sechs Söhnen (den Brüdern Davids) sowie seinen beiden Töchtern Abigajil und Zeruja mit ihren Familien im Stammbaum Christi in Schedels Weltchronik, nach Informationen aus Drei Themenbereiche beherrschen die Chronik, die eng miteinander verbunden sind: Erstens das Volk Israel, zweitens die davidische Dynastie und drittens der vor allem von den Leviten getragene Tempelkult. Alle drei Themen durchziehen die vier Hauptteile der Chronik: Die umfangreiche, vor allem von Genealogien geprägte Einleitung (1. Chronik 1–10), die Regierung Davids (1. Chronik 11–29), die Regierung Salomos (2. Chronik 1–9) und die weitere Geschichte Judas bis zum Kyrusedikt (2. Chronik 10–36).
Der erste Teil verankert David und die Leviten in der Genealogie Israels, das wiederum in die Genealogie der Menschheit eingebettet ist. Die Chronik beginnt mit dem Namen des ersten Menschen, Adam, und schreitet in wenigen Versen bis zu Isaaks Söhnen „Esau und Israel“ fort , gefolgt von einer Aufzählung von Nachkommen Esaus. Jakob heißt hier von Anfang an „Israel“, und von Kapitel 2 an geht es um die Söhne Israels. Dabei stehen drei Stämme im Fokus: Zuerst Juda und seine Nachkommen (), zu denen auch David gehört, dann Levi und seine Nachkommen, die Leviten (), und schließlich Benjamin (), zu dessen Nachkommen Saul gehört, der erste König Israels. Die Vorfahren und Nachkommen Davids in den Genealogien der Chronik dienten den Stammbäumen Jesu im Matthäus- und Lukasevangelium als Quelle, weil Jesus als Sohn Davids angesehen wurde.