mini|Heinrich von Treitschke Heinrich Gotthard von Treitschke (* 15. September 1834 in Dresden; † 28. April 1896 in Berlin) war ein deutscher Historiker, politischer Publizist und Mitglied des Reichstags von 1871 bis 1884, zunächst als nationalliberaler Abgeordneter, ab 1878 ohne Parteizugehörigkeit. Er lehrte als Professor für Geschichte an den Universitäten Kiel (1866–1867), Heidelberg (1867–1873) und Berlin (1873–1896).
Treitschke war einer der zu seiner Zeit bekanntesten und meistgelesenen Historiker und politischen Publizisten in Deutschland. Bereits zu seinen Lebzeiten lehnten einige Historiker seine nationalistischen und antisemitischen Thesen ab. Mit einem 1879 veröffentlichten Aufsatz löste Treitschke den Berliner Antisemitismusstreit aus. Dieser Aufsatz enthält den Satz „Die Juden sind unser Unglück“; dieser wurde später zum Wahlspruch des nationalsozialistischen Hetzblattes Der Stürmer.
Leben und Wirken Herkunft und Studium Heinrich von Treitschke stammte aus einer sächsischen Beamten- und Offiziersfamilie und war evangelischer Konfession. Die Vorfahren stammten aus Böhmen und wanderten wegen ihrer evangelischen Konfession im Dreißigjährigen Krieg nach der Schlacht am Weißen Berg in das Kurfürstentum Sachsen aus. Sein Vater war der 1821 geadelte sächsische Generalleutnant Eduard Heinrich von Treitschke, sein Onkel der Jurist Georg Carl Treitschke und sein Vetter der General Heinrich Leo von Treitschke.
Er besuchte die renommierte Dresdner KreuzschuleTheodor Urbach: Die Kreuzschule 1866–1921. Ein Gedenkblatt für die alten Cruzianer, Braunschweig 1921, S. 17. (humanistisches Gymnasium) und studierte 1851 bis 1853 Geschichte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, wo er im Wintersemester 1851/52 der Burschenschaft Frankonia beitrat. Dort wurde er vom Historiker Friedrich Christoph Dahlmann beeinflusst. Danach setzte er sein Studium auf Drängen seines Vaters mit den Fächern Staats- und Kameralwissenschaften an der Universität Leipzig fort. Dort hörte er unter anderem bei Heinrich Wuttke, gegen den er eine dauerhafte, auf Gegenseitigkeit beruhende Abneigung entwickelte. Schon als Student litt er an zunehmender Schwerhörigkeit, die auch den Besuch von Vorlesungen behinderte.
Er ging wegen der besseren Bibliothek für seine Promotion in Nationalökonomie an die Eberhard Karls Universität Tübingen zu Wilhelm Roscher und vollendete seine Dissertation zum Dr. iur. (Titel: Quibusnam operis vera conficiantur bona, Über die Produktivität der Arbeit) während eines zweimonatigen Aufenthalts an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Eingereicht wurde sie in Leipzig.
Danach ging er an die Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, wo er wegen eines Pistolenduells einige Zeit im Karzer saß, und wandte sich dann nach Dresden und wegen der besseren Bibliothek nach Göttingen, wo er in eineinhalb Jahren seine Habilitation schrieb, die er 1858 in Leipzig bei Roscher einreichte (Die Gesellschaftswissenschaft. Ein kritischer Versuch).
Publizistische Tätigkeit Treitschke schwankte in dieser Zeit, ob er Dichter oder Journalist werden wolle, und versuchte sich an Gedichten und einem Drama. Auf Einladung von Rudolf Haym wurde er 1858 Mitarbeiter der neu gegründeten Preußischen Jahrbücher und fand durch seinen Aufsatz Über die Grundlagen der englischen Freiheit, in dem er die Vorteile des politischen und Rechtssystems in England gegenüber der staatlichen Willkür deutscher Verhältnisse pries, bei Liberalen Aufmerksamkeit. 1858 veröffentlichte er seine Streitschrift Die Gesellschaftswissenschaften, in der er diese von Robert von Mohl und Wilhelm Heinrich Riehl vertretene Denkrichtung aus etatistischer Sicht kritisierte (die Untersuchung der Gesellschaft konnte nach Treitschke nicht unabhängig von der des Staates erfolgen), und er veröffentlichte einen Essay über Heinrich von Kleist, in dem seine zuvor aufgegebenen literarischen Neigungen nachwirkten und dem später weitere Essays und Skizzen über Literaten folgten.
Lehrtätigkeit 1859 wurde Treitschke Privatdozent in Leipzig und lehrte dort außerdem ab 1862 Nationalökonomie an der Landwirtschaftlichen Akademie in Plagwitz, wandte sich aber zunehmend von der Nationalökonomie ab. Seine Vorlesungen in Leipzig zum Beispiel – zu dieser Zeit an einer sächsischen Universität ungewöhnlich – über preußische Geschichte sowie über europäische und deutsche Geschichte fanden schon 1861 mehr als 200 Hörer. Gleichzeitig kam es zu einem Zerwürfnis mit seinem Vater, dem General, der für ihn eine andere Karriere geplant hatte und von ihm verlangte, nichts der sächsischen Regierung gegenüber Kritisches zu sagen, worauf Treitschke nicht eingehen wollte. Als seine Mutter Marie von Oppen (1810–1861) starb, teilte ihm die Familie das so spät mit, dass er nicht an der Beerdigung teilnehmen konnte. Da er in Leipzig trotz seines Erfolgs als Hochschullehrer wenig Aussicht auf Beförderung sah, verbrachte er unter anderem viel Zeit in München.
1863 wurde er zum außerordentlichen Professor für Staatswissenschaften an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg ernannt. 1866 übernahm er eine ordentliche Professur für Geschichte und Politik an der Universität Kiel. Dabei gab es Widerstände in der Fakultät wegen Treitschkes offensiver Art und seiner vorherigen öffentlichen Äußerungen über Schleswig-Holstein.Karl Jordan, Erich Hofmann: Geschichte der Philosophischen Fakultät. Teil 2 (= Geschichte der Christian-Albrechts-Universität Kiel 1665–1965. Band 5,2). Karl Wachholtz, Neumünster 1969, S. 61–62. Er wechselte 1867 an die Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und wurde 1873 als Nachfolger von Leopold von Ranke auf dessen Lehrstuhl an die Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität berufen. Johann Gustav Droysen war gegen Treitschkes Berufung, während sie von Hermann von Helmholtz unterstützt wurde, der mit Treitschke befreundet war. Nach dem Tod Rankes wurde er 1886 dessen Nachfolger als offizieller Historiograph des preußischen Staates.
Wirken in Preußen mini|Treitschke im Hörsaal, Zeichnung um 1879 Seit 1858 war Treitschke Redakteur der Zeitschrift Preußische Jahrbücher, deren Mitherausgeber er später wurde. Dabei vertrat er anfänglich eine liberale Einstellung und geriet in Gegensatz zu den Preußischen Jahrbüchern, da diese sich 1863 im Verfassungskonflikt auf die Seite des preußischen Ministerpräsidenten Bismarck stellte. Nach der Reichsgründung 1871 schloss er sich aber den Nationalliberalen an und unterstützte die preußische Staatsidee und Reichskanzler Otto von Bismarck, den er anfangs als Liberaler noch bekämpft hatte. Dabei sah er vor allem Sozialdemokraten und Juden, aber auch liberale Befürworter der Parlamentarisierung des Reiches sowie Vertreter der freigeistigen Bewegung als Gegner.
Von 1871 bis 1884 war Treitschke zudem Mitglied des Reichstages, bis zum 11. Juli 1879 als Angehöriger der nationalliberalen Partei, später parteilos.Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. Band 1, Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert. 2. Auflage. 2010, S. 850, C. H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-59235-5.
Objektivität in der Geschichtsschreibung lehnte Treitschke ab und galt in der späteren Wahrnehmung als Inbegriff des politisierenden Historikers (daher die Wortschöpfung Treitschke redivivus von Thomas Nipperdey).Jens Flemming: Rezension von Thomas Gerhards Heinrich von Treitschke. In: Archiv für Sozialgeschichte. 54, 2014, (library.fes.de PDF); Nipperdey bezeichnete so den Sozialhistoriker Hans-Ulrich Wehler. Vgl. Nipperdey: Wehlers Kaiserreich. Eine kritische Auseinandersetzung. in: Geschichte und Gesellschaft. Jahrgang 1, Heft 4, 1971, S. 539–560. Treitschke stellte seine historische Arbeit in den Dienst politischer Ziele. Sein Hauptwerk, die fünfbändige Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert (1879–1894), das mit der Schilderung der Vorboten der Revolutionen 1848/1849 in Frankreich, Italien und der Schweiz eher abbricht als schließt, legitimiert die Politik Preußens und seine herausragende Stellung in Deutschland. Gleichzeitig versuchte er die eigenstaatliche Existenz der süddeutschen Monarchien, insbesondere Bayerns, zu delegitimieren, indem er deren Souveränität als Ergebnis ausschließlich der französischen Politik bewertete.
Von den Reformen Montgelas’ nahm Treitschke nur insoweit Kenntnis, als er deren Defizite betonte. In seiner Geschichtsschreibung scheint allenthalben die Idee einer deutsch-französischen Erbfeindschaft auf, indem er den Gegensatz zwischen dem deutschen und dem französischen Verständnis von Nation herausarbeitete. Dazu Heinrich August Winkler: „Die vermeintlich objektive Bestimmung der ethnischen Gruppe stand über dem subjektiven Willen des Einzelnen; Sprache und Abstammung galten mehr als die Entscheidung für ein politisches System.“Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. Band 1, Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert. 2. Auflage. 2010, S. 809, C. H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-59235-5. Hinsichtlich der Eingliederung des Elsass in das 1871 geschaffene Deutsche Reich schrieb er: „Wir wollen ihnen wider ihren Willen ihr eigenes Selbst zurückgeben --- Die Elsässer lernten das zersplitterte Deutschland verachten, sie werden uns lieben lernen, wenn Preussens starke Hand sie erzogen hat.“
Auf die zeitgenössischen Leser wirkten vor allem die vielen biographischen Skizzen, nicht nur von Staatsmännern, sondern auch von Literaten und anderen Persönlichkeiten. Treitschkes an Personen orientierte Geschichtsschreibung drückt sich in einem seiner bekanntesten Zitate aus seiner Deutschen Geschichte aus: Männer machen Geschichte.Treitschke: Dem Historiker ist nicht gestattet, nach der Weise der Naturforscher das Spätere aus dem Früheren einfach abzuleiten. Männer machen die Geschichte. Die Gunst der Weltlage wird im Völkerleben wirksam erst durch den bewußten Menschenwillen, der sie zu benutzen weiß. In: Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert. Band 1, S. 28; Treitschke begründete den Personenkult des deutschen Historismus: „Männer machen die Geschichte“ (Band 1, S. 27); Imanuel Geiss: Von der Rechts- zur Linksorthodoxie. Das politisch-ideologische Element in der deutschen Geschichtsschreibung seit 1871, von Treitschke zu Wehler. In: Thomas Stamm-Kuhlmann, Jürgen Elvert, Birgit Aschmann, Jens Hohensee (Hrsg.): Geschichtsbilder. Festschrift für Jürgen Salewski zum 65. Geburtstag (= HMRG. Beihefte 47), Steiner Verlag, Stuttgart 2003, S. 417, books.google.de.
Treitschkes Deutsche Geschichte erlebte viele Auflagen und fand im gebildeten Bürgertum weite Verbreitung. Die Tantiemen machten ihn finanziell unabhängig. Das Buch stieß aber auch auf heftige Kritik unter Historikerkollegen, insbesondere von seinem ehemaligen Freund Hermann Baumgarten ab 1883, der ihm zu große Parteinahme für Preußen und Vernachlässigung wissenschaftlicher Sorgfalt vorwarf,Unter anderem einseitige Archivforschung. Nach Petersdorff (Allgemeine Deutsche Biographie, 1910) waren Treitschke aber wichtige Archive wie etwa in München und Wien trotz seiner Gesuche verschlossen. was zu einer breiten Kontroverse führte (siehe Treitschke-Baumgarten-Kontroverse). Ein Motiv des politisch liberalen Baumgarten war auch seine Enttäuschung über die politische Kehrtwendung eines früher liberalen Weggenossen. Treitschke wurde aber auch von Historikern wie Bernhard Erdmannsdörffer, Gottlob Egelhaaf und Heinrich von Sybel verteidigt, und ein Gutachten von Sybel führte dazu, dass Treitschke für die ersten beiden Bände der Deutschen Geschichte 1884 den Verdunpreis erhielt, den bedeutendsten Historikerpreis des Kaiserreichs. Treitschke war von der Kritik enttäuscht, fühlte sich aber durch den publizistischen Erfolg gleichzeitig ermutigt und erweiterte sein Werk über den ursprünglich geplanten Umfang hinaus auf fünf jeweils rund 800 Seiten starke Bände.