mini|Gruppe nackter Männer und Frauen

Als Nacktheit bezeichnet man die Kleidungslosigkeit von Menschen und die Haar- oder Federlosigkeit von Tieren. Psychologisch bezeichnet man beim Menschen auch die mit der Nacktheit verbundene subjektive Empfindung selbst als Nacktheit oder Blöße im Sinne von schutzlos. Dies kann neben dem Fehlen von Kleidung auch aus dem Fehlen von Haaren oder gewohnheitsmäßig am Körper getragenen Gegenständen wie Schmuckstücken, Perücken oder Schminke resultieren.

Die Empfindung kann je nach Erziehung bzw. nach den Umständen unangenehm (Scham) oder angenehm sein (Gefühl der Freiheit oder Befreiung und positive Akzeptanz des eigenen Körpers, ohne ihn als schambehaftet anzusehen).

Öffentliche Nacktheit ist meist rechtlich oder gesellschaftlich reglementiert, findet sich jedoch heute in vielen Ländern an Stränden und Badeseen, in Parks, bei speziellen Events o. ä.

Terminologie mini|hochkant|Teilnehmer des World Naked Bike Ride (San Francisco, Juni 2011)

Nackt bedeutet zunächst das vollständige Fehlen von Kleidung, Schmuck und Gegenständen am menschlichen Körper. Es kann sich aber auch nur auf das Fehlen der Kleidung beziehen. Nacktheit bezeichnet – davon ausgehend – ein sehr weites Spektrum an Emotionen und Befindlichkeiten und der Sichtbarkeit von Bereichen des Körpers, die üblicherweise aus normativen, hygienischen oder klimatischen o. ä. Ursachen, von Kleidung bedeckt sind. Nacktheit wird also sowohl definiert durch die Abwesenheit als auch die Anwesenheit von Kleidung, Schmuck und Gegenständen. Man kann demnach zunächst zwischen vollständiger Nacktheit (splitter(faser)nackt) und teilweiser Nacktheit (halbnackt) unterscheiden. „Nacktheit“ kann einen nackten Fuß meinen, dessen Sichtbarkeit keinen kulturellen Tabus unterliegt, oder das Entblößen des nackten Hinterns (blank ziehen) in der Öffentlichkeit. Auch ein Kiltträger kann, wenn er auf Unterwäsche verzichtet, trotz oberflächlicher Bekleidung, als unter dem Schottenrock nackt bezeichnet werden.

mini|hochkant|links|Nackterholung bei Herzsprung 1983 im Kreis Angermünde

Nacktheit hat neben dem reinen Fehlen üblicher Bekleidung auch semiologische und psychologische Dimensionen. Psychologisch bedeutet Nacktheit zum einen die Empfindung von Schutzlosigkeit durch das Fehlen schützender wärmender Kleidung, zum anderen die Realisierung von diesbezüglicher Freiheit. Das Fehlen zum Beispiel einer Waffe, eines Fingerrings, eines Hutes, oder eines kulturell vorgeprägten Statussymbols, können das Gefühl fehlenden Schutzes und damit von bloßgestellt sein auslösen. Semiologisch meint, dass die Sichtbarkeit von Körperteilen, die üblicherweise von Kleidung bedeckt sind, abhängig von Situation und Ort eine kulturelle Bedeutung haben, also wie ein sprachliches Zeichen funktionieren. Es ist dazu nicht notwendig, dass die Bedeutung der Zeichen bewusst reflektiert wird. Beispiele dafür sind der nackte Protest, der nach Aufmerksamkeit sucht und in der Überwindung der Tabus auf die Wichtigkeit des Anliegens weist; der Flitzer beim Fußballmatch, der Mut und Männlichkeit demonstriert; die Frauen, die in frühislamischer Zeit neben dem Schlachtfeld stehen und ihre Brüste zeigen, um ihren Männern zu erklären, dass sie so nackt und ausgeliefert wie die Sklavinnen sein werden, wenn sie verlören; das Zeigen von Hintern oder Genital beim Anasyrma; der Exhibitionist, der andere Menschen mit seiner Nacktheit verletzen möchte. Der Verzicht auf ein Kopftuch als politisches Statement, das tiefe Dekolleté, ein freier Bauch oder ein Minirock kann als sexuelle Provokation, aber auch als „ich bin so frei“ gemeint sein. Auch die Freikörperkultur und die Naturismus-Bewegung können als (organisierte) Befreiung von äußeren Zwängen verstanden werden. Die Bedeutung der Zeichen ist künstlich, unterscheidet sich also von Kultur zu Kultur und unterliegt zudem einer zeitlichen Entwicklung (Kulturepochenbindung). So würde ein Nacktportrait eines italienischen Präsidenten anders interpretiert werden müssen als das Nacktportrait eines römischen Kaisers.

Etymologie Das Wort „nackt“ gehört der ältesten Schicht des deutschen Wortschatzes an. Es lässt sich bis in die Zeit des Proto-Indogermanischen zurückverfolgen und ist damit mindestens rund 5500 Jahre alt. In den meisten indoeuropäischen Sprachen gehört das Wort für „nackt“ ebenfalls dieser ältesten Schicht an. Allerdings hat sich dieses Wort in vielen Sprachen nicht ganz lautgesetzlich entwickelt, offenbar wurde es tabuistisch entstellt. Solche verniedlichenden oder verdeckenden Wortvarianten lassen sich in vielen Sprachen, darunter im Deutschen, bis in die neueste Zeit verfolgen, beispielsweise durch die umgangssprachlichen Formen „nackig“ oder „nackend“ für „nackt“.

In Anlehnung an die Nacktheit Adams und Evas im biblischen Paradies, werden umgangssprachlich insbesondere nackte Männer als „mit Adamskostüm bekleidet“ bezeichnet.Wortschatzlexikon Leipzig: im Adamskostüm Die weibliche Form „im Evakostüm“ wird ebenfalls verwendet, allerdings seltener.

Evolutionsgeschichte

mini|Beim Gehen in Gewässern ist es für Primaten von Vorteil und wegen des Auftriebs auch einfacher, sich aufzurichten. Die Wasseraffen-Theorie behauptet, es habe in der Hominisation eine aquatische Phase gegeben. Auf dem Foto ist ein Gorillaweibchen beim Durchqueren eines Gewässers im Kongo zu sehen, das einen Stock nutzt, um die Wassertiefe zu prüfen.

Haare sollen sich bei den Säugetieren vor etwa 220 Millionen Jahren entwickelt haben. Die nächsten genetischen Verwandten des Menschen, die Menschenaffen und im Speziellen der Schimpanse, besitzen ein Fell. Der Mensch ist heute als einziger Primat von Natur aus nackt, das heißt großflächig wenig behaart. Verlässliche Aussagen zur Entwicklung der Nacktheit und des Zeitablaufes sind bisher nicht möglich, weil Haare keine Fossilien bilden. Forscher der Universität Utah ermittelten 2004 einen Rezeptor im menschlichen Körper, welcher ein Protein produziert, das sich auf Haut wie Haare auswirkt. Sie vermuten, dass das Protein die Haut vor Sonneneinstrahlung schützt, was mit dem Verlust der Haare notwendig geworden sein konnte. Das geschah vor spätestens 1,2 Millionen Jahren.

Verschiedene Theorien versuchen die evolutionäre Entwicklung der Haarlosigkeit beim Menschen zu erklären. Eine wesentliche Funktion dichter Behaarung liegt im Erhalt der Körperwärme (Thermoregulation). Daher wurde lange vermutet, dass der frühe Mensch bei höheren Temperaturen Beutetiere über längere Strecken verfolgte und seinen Körper stärker kühlte, um einen Hitzschlag zu vermeiden. Diese Theorie ist Teil der widerlegten Savannen-Hypothese, da sich wenigstens der aufrechte Gang vorher entwickelt haben muss. Die Wasseraffen-Theorie dagegen konnte trotz einiger Skepsis unter Experten bisher auch nicht widerlegt werden. Danach hat der Mensch eine Zeit lang am Wasser gelebt (aquatische Phase), in der sich jene Eigenschaften entwickelt haben könnten, die untypisch für Lebewesen sind, welche vorwiegend an Land leben, und die den Menschen von anderen Primaten unterscheiden: ein Unterhautfettgewebe, die Rudimente von Schwimmhäuten, der aufrechte Gang und überhaupt die Lagerung der Extremitäten, die optimal an die Bewegung im Wasser angepasst scheinen. Wissenschaftler führen an, dass üblicherweise mehrere Phänomene nicht mit einer einzigen Theorie erklärbar sind.

Die Beherrschung des Feuers mag daneben ein Faktor gewesen sein, vor allem in der Nacht die Wärme der fehlenden Haare zu kompensieren. Wann die Gattung Homo Wildfeuer zähmen und Feuer beherrschen lernte, ist kaum nachweisbar. Die früheste, relativ sichere Feuerstelle liegt im Norden Israels in Gesher Benot Ya’aqov (GBY). Sie ist etwa 790.000 Jahre alt und könnte von Hominiden der Art Homo erectus oder Homo ergaster stammen. Generell nimmt man an, dass Homo erectus die erste Art der Gattung Homo war, die das Feuer beherrschte. Er zählt daneben auch zu den ersten, die aufrecht gehen konnten (habituelle Bipedie) und die Jagd als wesentliches Element der Nahrungsversorgung nutzen konnten. Alle drei Faktoren können den Verlust der Haare mit bedingt habenRichard Leakey: The origin of humankind. Phoenix, a division of Orion Books Ltd., 1995, S. XIV oder Teil des gleichen Entwicklungsprozesses gewesen sein. Eine weitere Erklärung für den Verlust des Fells wäre die geringere Anfälligkeit für Parasiten durch fehlende Körperbehaarung.Mark Pagel and Walter Bodmer (2003): A naked ape would have fewer parasites. Proc. R. Soc. Lond. B 7 vol. 270 no. Suppl 1 S117-S119 Schimpansen zum Beispiel verbringen etwa einen halben Tag nur mit der Fellpflege.James Giles (2011): Naked Love: The Evolution of Human Hairlessness. Biological Theory, Vol. 5, No. 4, Pages 326-336 Hätte der jagende Homo erectus diese Zeit aufbringen können? Oder hat ihm dieser Umstand einen evolutionären Vorteil verschafft, den er sich mit Feuer und Kleidung zu sichern lernte?

Auch die Entwicklung von Kleidung ist als thermoregulierender Faktor zu verstehen, der aber wohl nicht in direktem Zusammenhang mit dem Verlust des Fells steht. Der Biologe David Reed meint, dass der Mensch erst vor etwa 170.000 Jahren damit begonnen haben muss, Kleidung zu tragen. Die Kleiderlaus ist nämlich eine Fortentwicklung der menschlichen Kopflaus. Diese Entwicklung geschah zu diesem Zeitpunkt. Die Ursache dafür könnte die Kaltzeit vor 180.000 Jahren gewesen sein. Die Entwicklung von Kleidung in diesem Zeitraum könnte dazu beigetragen haben, dass der Mensch sich dann vor 100.000 Jahren auch im Norden ausbreitete. Siehe auch: Molecular Biology and Evolution, Bd. 28, S. 29, 2011

Soziologische Auseinandersetzung mit der Nacktheit Viele bestehende Theorien und Konzepte können bei der Untersuchung von Nacktheit nützlich sein, und zwar für das Verständnis der damit verbundenen Gefühle und Verhaltensweisen.

In Norbert Elias’ berühmtester Arbeit, Über den Prozeß der Zivilisation (2012a), hat er Theorien vorgebracht über die Veränderung von Verhaltens- und Gefühlsstandards in westlichen Gesellschaften. Er entwickelte seine Theorie auf der Grundlage von Änderungen in den Verhaltensweisen, die er in zahlreichen Büchern der Anstandsliteratur beobachtete – und in geringerem Maße auch in anderen Literatur- und Werkverzeichnissen der Kunst – bis ins Mittelalter zurückreichend. Elias erkannte Verhaltensänderungen über die Zeitachse mehrerer Jahrhunderte, Änderungen in den Standards von dem, was er als „äußere körperliche Anständigkeit“ bezeichnet, einschließlich derjenigen, die sich auf Manieren im Schlafzimmer, am Tisch und Themen wie Stuhlgang, Wasserlassen, Spucken oder Naseputzen beziehen. Elias’ Theorie des Zivilisationsprozesses umfasst die Geschichte der menschlichen Emotionen, insbesondere die der Scham und Verlegenheit. Er verwandelte die alltäglichsten und banalsten Elemente des menschlichen Alltags, die häufig von Soziologen und Historikern entweder abgelehnt oder als selbstverständlich angesehen werden, in eine universellere Theorie der „Vernetzung“ hinter der Funktionsweise von Gesellschaften. Im Mittelpunkt Elias’ Theoriebildung standen Fragen des „äußeren körperlichen Anstands“. Er entschied sich, sie zu studieren, weil es Dinge waren, die von allen Menschen zu jeder Zeit und an jedem Ort behandelt werden mussten, und jede bekannte Gesellschaft hat Regeln und Tabus für sie.