Die Hagia Sophia (, „Heilige Weisheit“, ) ist eine große, ehemalige byzantinische Klosterkirche in Trabzon (früher Trapezunt) im Nordosten der Türkei am Schwarzen Meer. Die Kreuzkuppelkirche wurde im 13. Jahrhundert errichtet, als Trapezunt die Hauptstadt des gleichnamigen Kaiserreichs war, während der osmanischen Herrschaft im 16. Jahrhundert in eine Moschee umgewandelt und mit Unterbrechungen bis in die 1950er Jahre in dieser Funktion verwendet. Nach der Restaurierung der erhaltenen Fresken, die unter einem weiß gestrichenen Wandputz freigelegt wurden, war das bedeutendste Baudenkmal der Stadt seit 1964 als Museum (Aya Sofya Müzesi) zugänglich. Nach einer umstrittenen Gerichtsentscheidung von 2012 wurde die Hagia Sophia wieder in eine Moschee umgewandelt. Im Juli 2013 fand das erste Freitagsgebet statt.Andrew Finkel: The Art Newspaper, 11. April 2013Erasing the Christian past. A fine Byzantine church in Turkey has been converted into a mosque. The Economist, 27. Juli 2013 mini|Ansicht von Südwesten, vom Eingang zum Museumsgelände. Rechts Reliefbogenfeld des Südportals
Geschichte An dem bereits in der Antike geschäftigen Hafen und Handelsort errichteten in frühbyzantinischer Zeit die christlichen Bewohner mehrere Kirchen und Klöster. Kaiser Justinian I. (reg. 525–567) ließ die Stadtmauern verstärken und auch im frühen Mittelalter muss Trabzon ein wirtschaftliches Zentrum geblieben sein. Dennoch wurden anscheinend kaum größere massive Gebäude in dieser Zeit errichtet, mit Ausnahme der 884/885 datierten kleinen armenischen St. Anna-Kirche, heute die älteste erhaltene Kirche der Stadt. Eine Blütezeit begann erst mit der Bautätigkeit des byzantinischen Kaisers Basileios II. (reg. 976–1025), der einige Kirchen errichten ließ, die jedoch nicht erhalten geblieben sind. Nur von einigen haben Nachfolgebauten überlebt.
Die größte Zahl von Kirchen errichtete die Herrscherdynastie der Komnenen im 1204 gegründeten Kaiserreich Trapezunt. Es entstand nach der Eroberung der byzantinischen Hauptstadt Konstantinopel durch westeuropäische Kreuzfahrer, gemeinsam mit anderen byzantinischen Exilreichen wie dem Kaiserreich Nikaia und dem Despotat Epirus. Bauherr der Hagia Sophia war Kaiser Manuel I., der das kleine Kaiserreich von 1238 bis 1263 regierte. Bei Manuels Amtsantritt lag der Verlust der alten Reichshauptstadt schon mehr als eine Generation zurück, und die vermeintlich provisorische Residenz in Trapezunt erwies sich als dauerhafter als zunächst erwartet und sollte nun einer kaiserlichen Hauptstadt würdig ausgebaut werden. So orientierte Manuel die Kirche bewusst an ihrem berühmten Vorbild in Konstantinopel, Justinians großer Kathedrale Hagia Sophia aus dem 6. Jahrhundert.
Auch spätere Komnenenkaiser finanzierten den Neubau von Klöstern und die Erweiterung der bereits bestehenden. Das bekannteste Kloster ist das in den Kaçkar-Bergen 45 Kilometer südlich der Stadt gelegene Kloster Sumela, das mehrere Herrscher aus Trabzon Ende 13. und im 14. Jahrhundert förderten. Von Alexios III. (reg. 1349–1390) ist ein Dokument erhalten, das die Privilegien und die dem Kloster zustehenden Steuereinnahmen genau aufzählt.Sinclair, S. 82. Weitere, von den Komnenen errichtete oder geförderte Klöster lagen innerhalb der Stadt. Zu ihnen gehörten seit dem 9. Jahrhundert St. Eugenios, das unter Alexios III. neu gegründete Kloster Panaghia Theoskepastos am Hang des Boztepe, in der Nähe auf dem Hügel das Kloster Kaymaklı und ein Kloster in der Stadtmitte, dessen Kirche in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts dem heiligen Gregor von Nyssa geweiht wurde (ab 1665 Gregor-von-Nyssa-Kathedrale). Das im 14. Jahrhundert erwähnte Kloster Stilos lag vermutlich beim Dorf Mavlavita, zwei Kilometer westlich der Hagia Sophia, wo noch die Ruine einer Kapelle an einer Höhle mit Malereiresten vorhanden ist.David Winfield, June Wainwright: (PDF; 5,2 MB) In: Anatolian Studies 12, 1962, S. 157. In ihrer Blütezeit besaß die nur mittelgroße Stadt annähernd 80 Kirchen,Sagona, S. 167. von denen der größte Teil noch 1915 erhalten war und die bis auf wenige später abgerissen wurden.
Das Kaiserreich Trapezunt überlebte das (1261 wiederhergestellte) Byzantinische Reich um nur acht Jahre, denn am 26. Oktober 1461 eroberten die osmanischen Türken unter Sultan Mehmet II. mit Trapezunt den letzten verbliebenen griechischen Staat in Anatolien. In den Jahrzehnten nach der Eroberung bauten die Muslime keine Moscheen in der Stadt, stattdessen wandelten sie die meisten Kirchen in Moscheen um. Dies hängt möglicherweise damit zusammen, dass mehrere tausend orthodoxe Griechen aus der Stadt vertrieben worden waren. Mit der Çarşı Camii aus dem Jahr 1839 blieb im alten Marktviertel der erste Moscheebau erhalten. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden auch wieder neue Kirchen errichtet, keine jedoch von besonderer architektonischer Bedeutung, einige entstanden über abgerissenen älteren Kirchenbauten. Gottesdienste gab es bis zur Vertreibung der Pontos-Griechen 1923.
miniatur|Postkarte von 1910. Ansicht von Norden Die Geschichte der Hagia Sophia beginnt mit einer älteren Kirche des Klosters, an deren Stelle um 1250 Kaiser Manuel I. die bis heute erhaltene vergrößerte Kuppelkirche errichten und in den folgenden Jahren ausmalen ließ. Nahe der nördlichen Vorhalle wurden unter Bodenniveau die Fundamente der abgerissenen kleinen Kirche mit drei halbrunden Apsiden aus byzantinischer Zeit freigelegt. Auf einem im 19. Jahrhundert noch sichtbaren Fresko wird Manuel I. als Gründer des Neubaus genannt. Von den weiteren Klostergebäuden ist nichts mehr erhalten bis auf den freistehenden Glockenturm, mit dessen Errichtung 1426, während der Regierungszeit des Kaisers Alexios IV. (reg. 1417–1429), begonnen wurde. Die Fertigstellung des Glockenturms fällt in die Zeit seines Nachfolgers Johannes IV. (reg. 1429–1459), denn um die Jahre 1442 und 1444 wurde die Kapelle im Turm ausgemalt.Sinclair, S. 58.
Inschriften verweisen auf Restaurierungen an der Kirche in den Jahren 1486 und 1547. Vermutlich im 15. Jahrhundert wurde die Hagia Sophia in eine Moschee umgewandelt. 1609 diente sie als Moschee, 1850 beteten auch Christen in dem Gebäude. Der britische Historiker George Finlay gab in seinem Reisejournal von 1850 eine knappe Beschreibung. 1864 wurden einigen Instandsetzungen unternommen. In diesem Jahr veröffentlichte der französische Archäologe Charles Texier eine detailliertere Beschreibung der Kirche, die er in den 1830er Jahren besucht hatte.Charles Texier, Richard Popplewell Pullan: L'architecture byzantine ou recueil de monuments des premiers temps du christianisme en Orient. Day & Son, London 1864. Auf Geheiß eines strenggläubigen Muslimen wurden 1880 die Wandmalereien mit Putz überzogen. Um die Putzhaftung zu verbessern, schlug man Löcher ein und zerstörte so viele Fresken.Eid S. 139. Im 19. Jahrhundert und am Anfang des 20. Jahrhunderts diente das Gebäude zeitweilig als Lagerraum und Unterkunft für Cholerakranke.
1917 wurden die Fresken wieder freigelegt, 1927 erschien von Michail Alpatow eine detaillierte Untersuchung der Reliefs. Die umfangreiche Restaurierung fand erst 1957 bis 1962 durch Mitglieder der Universität Edinburgh unter der Leitung von David Talbot Rice und dem Chefrestaurator David Winfield statt. Talbot Rice veröffentlichte 1968 eine umfassende Studie zu den Kirchenfresken (Church of Hagia Sophia at Trebizond), besprach aber nicht die Malereien im Glockenturm. Diese publizierte David Winfield 1985Anthony Bryer, David Winfield: The Byzantine Monuments and Topography of the Pontos. (= Dumbarton Oaks Studies 20). Washington 1985, S. ?..
„Die Hagia Sophia in der Schwarzmeerstadt Trabzon wurde 2013 ebenfalls auf Drängen Bülent Arincs und trotz scharfer Kritik von Architekten und Wissenschaftern als Moschee wiedereröffnet.“, von Constanze Letsch, NZZ, 15. Juli 2020.
Architektur Die Hagia Sophia liegt auf einer flachen Hügelkuppe drei Kilometer westlich des Stadtzentrums oberhalb der Schwarzmeerküste. Sie ist eine Kreuzkuppelkirche, deren Kirchenschiff (Naos) von einem hoch aufragenden Gewölbe dominiert wird. Der erste Grundplan sah einen quadratischen Hauptraum (Vierung) vor mit vier zentralen Säulen, auf denen die Gurtbögen der Tonnengewölbe an allen vier Seiten aufliegen. Zur Mitte hin geht das Deckenquadrat über Pendentifs in eine Kreisform über. Ein innen runder und außen zwölfseitiger Tambour sorgt mit zwölf Fensteröffnungen für Tageslicht und schließt mit einer Kuppel ab. Während der Bauzeit scheint der Plan abgewandelt worden zu sein, erkennbar daran, dass die nordwestliche Säule nicht mit dem Pilaster der Nordwand fluchtet. Das Kirchenschiff ist innen etwa 13,5 Meter lang und 10,5 Meter breit, wobei das Kuppelgeviert etwas nach Osten versetzt wurde. An der Westwand schließt sich ein vorgebauter Narthex an, der im Bereich des Mittelschiffs von einem Kreuzgratgewölbe und zu beiden Seiten von Tonnengewölben überdeckt ist. Nach Osten erweitert sich der Hauptraum zu einer hufeisenförmigen, außen fünfeckigen Altarapsis in der Mitte, von dem Durchgänge zu den beiden seitlichen Apsisnebenräumen (Pastophorien) führen.
miniatur|hochkant|Glockenturm. Die Apsis der Kapelle ragt im ersten Stock aus der Ostwand Die drei Eingänge liegen an den Längsseiten im Norden und Süden sowie in der Westwand des Narthex. Ähnlich wie bei den großen georgischen Klosterkirchen (zum Beispiel Öşk Vank) sind gleichzeitig mit dem Hauptgebäude drei weit ausladende Portalvorbauten entstanden, die von außen die kreuzförmige Gesamtanlage wesentlich prägen. Die Gesamtmaße betragen in Nord-Süd-Ausdehnung etwa 25 Meter, dasselbe Maß gilt für die Längsrichtung ohne Ostapsiden (rund 6,5 Meter). Das gesamte Gebäude steht auf einem 1,4 Meter hohen Podium, das es bei vergleichbaren Kirchen nicht gibt. In den Nischen der nördlichen und südlichen Podiumsmauer standen einst Sarkophage.Eid, S. 137f; Hell, S. 62f.
Die Hagia Sophia gehört zu den wichtigsten hochmittelalterlichen byzantinischen Bauwerken und übte Einfluss auf die weitere byzantinische und russische Baugeschichte aus. Neben der typischen griechischen Grundkomposition einer Kreuzkuppelkirche zeigt sie auch georgische und armenische Architektureinflüsse.
Der Glockenturm (Campanile) steht 24 Meter westlich der Kirche, nicht ganz in Verlängerung der Achse. Der fast quadratische Turm besitzt vier Stockwerke, seine Architektur verweist auf italienische Vorbilder. Über dem Erdgeschoss befindet sich eine Kapelle mit Malereiresten an den Wänden, deren runde Apsis aus der Ostwand ragt. Der Turm ist verschlossen und für Besucher nicht zugänglich.
Fresken Die erhaltenen 55 Freskenfragmente stammen überwiegend aus der Bauzeit, wobei die eingeschlagenen Löcher bei der Restaurierung ausgeglichen wurden, sie gehören zu den bedeutendsten aus spätbyzantinischer Zeit. Die biblischen Szenen mit einer für das Mittelalter unüblichen realistischen Darstellung der menschlichen Anatomie und Einfühlung gehen über den strengen Formalismus der früheren byzantinischen Kunst hinaus. Bewegung wird jedoch nicht direkt dargestellt, sondern kommt in den üblichen Posen durch den Faltenwurf der Kleidung zum Ausdruck. Verschiedene Farbtöne wurden nur bei der Darstellung von Haut verwendet, ansonsten ist jedes Kleidungsstück mit nur einem Farbton ausgemalt.Sinclair, S. 58. Die Entstehungszeit der Fresken fällt in die Phase des kulturellen Aufblühens nach der Rückeroberung Konstantinopels durch Nikaia (Palaiologische Renaissance).
Kuppel miniatur|Fresken in der Kuppel: Oben Schriftband Psalm 102, darunter der Chor der Engel. Nordöstliches Pendentif (links): Kreuzigung, südöstliches Pendentif (rechts): Auferstehung