mini|John William Waterhouse, Miranda – The Tempest mini|William Hamilton (1751–1801): Prospero and Ariel, 1797
Geister (Originaltitel: Ghosts) ist ein Roman des Bookerpreisträgers John Banville aus dem Jahre 1993, der im Jahre 2000 auf Deutsch erschien.
Der Ich-Erzähler, ein Mörder, lebt nach verbüßter Strafe mit wenigen Menschen auf einer namenlosen Insel. Er hat im Hause eines Kunstprofessors Asyl gefunden, dessen Forschungen zu Vaublin er fortsetzt. Eines Tages strandet ein Ausflugsschiff und eine Gruppe von Menschen dringt in das Refugium ein.
Das Werk ist der zweite Teil einer Trilogie, deren erster Band, The Book of Evidence,deutsch: Das Buch der Beweise. Übersetzt von Dorle Merkel (1991). Kiepenheuer & Witsch, München 2004, ISBN 3-442-45582-0; Taschenbuch, 253 S. 1989 erschien. Dort hatte die Hauptfigur Freddie Montgomery beim Versuch, das Porträt einer jungen Frau zu stehlen, vielleicht ein Bild von Vermeer, das lebende Ebenbild dieses Porträts, eine junge Hausangestellte des Besitzers, ermordet. Auch Athena, der dritte Band der sogenannten „Mördertrilogie“, liegt auf Deutsch vor.
Inhalt mini|Amedeo Modigliani, Sitzender weiblicher Akt, 1916 Wie Shakespeares Drama Der Sturm beginnt der Roman mit einem Schiffbruch. Ganz undramatisch steuert der betrunkene Kapitän ein kleines Ausflugsschiff auf den Strand, eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft beginnt, die Insel zu entdecken: Sophie, eine erfolgreiche Fotografin, die attraktive Flora, die einem Porträt von Modigliani gleicht, Felix, ein Kunstfälscher und Drogenhändler, Croke, ein altersloser Mann mit Panamahut, und zwei koboldhafte Jungen.
Sie dringen ein in die Welt des Ich-Erzählers, eines Mörders, der seine 10-jährige Strafe verbüßt und sich in die Einsamkeit der Insel zurückgezogen hat. Er lebt im Hause von Professor Kreutznaer mit dessen früherem Assistenten Lux und dem Mädchen Alice und hat begonnen, die Forschungen des Professors zum Maler Vaublin fortzusetzen.
So zufällig der Schiffbruch zunächst zu sein scheint, erschließen sich nach und nach Verbindungen zwischen den Figuren. Der gestrandete Felix weiß um die homosexuelle Vorliebe des Professors für kleine Jungen, um Vorgänge im Bereich der Kunstfälschung, vielleicht auch um die Mordtat des Ich-Erzählers.
In der Abgeschlossenheit der Insel verbleiben die Gäste nur einen Tag und dennoch erschließen sich in Träumen, Gesprächen und Begegnungen Fragmente der Geschichten der Akteure, entwickeln sich kurze, intensive Beziehungen, in denen jeder den anderen als Projektionsfläche für Menschen aus seiner Vergangenheit missbraucht.
Im Zentrum des Geschehens steht aber die Vergangenheit des Erzählers, die sich vor allem in inneren Monologen entfaltet. Fragmentarisch erscheinen in Erinnerungsfetzen und Träumen der sinnlose Mord des Erzählers an einer jungen Frau, die er tötet, als sie ihn bei einem Kunstdiebstahl ertappt, seine Zeit im Gefängnis und die Fahrt mit einem früheren Mithäftling zur Insel.
Für den Erzähler ist die Insel ein Ort der Schuldbewältigung. Seine faustische Hoffnung, seine Schuld vollständig zu sühnen, indem er eine junge Frau zum Leben erweckt, scheitert jedoch, als auch Flora, die er verehrt, die Insel verlässt.
Themen
Pygmalion mini|Angelo Bronzino, Pygmalion und Galathea, 1529–30 mini|Anne-Louis Girodet-Trioson, Pygmalion et Galatée, 1819 mini|Louis-Michel van Loo: Bildnis Denis Diderots, 1767 Vorgeschichte des Romans ist der sinnlose Mord des Erzählers an einer jungen Frau. Nach verbüßter Strafe treibt ihn die Idee um, diese Frau durch ein Kunstwerk zu neuem Leben zu erwecken. Erscheint dieser Wunsch in Banvilles späterem Roman Die See als orpheisches Projekt, so steht es hier eher in der Tradition Pygmalions.
Wie der einsame Bildhauer Pygmalion, der sich in das von ihm geschaffene Standbild verliebt, dem die Göttin Venus Leben einhaucht, möchte der Erzähler der von ihm Ermordeten neues Leben verleihen.
Bei Banville sind es die Figuren aus dem Gemälde Le monde d’or des fiktiven Malers Vaublin, die zum Leben erwachen. Banville selbst nennt als profane Quelle dieses Motivs eine englische Fernsehshow:
Der Erzähler will die Figuren des alten Landschaftsgemäldes von Vaublin durch intensives Betrachten zum Leben erwecken. Umgekehrt ist der Prozess ästhetischer Produktion ein Stillstellen der Welt. Wie in einem Gemälde schildert Banville immer wieder zu Bildern erstarrte Momente des Lebens.
Beispielhaft führt Banville dies an der Schilderung fiktiver Gemälde vor. Die Goldene Welt Vaublins ist eine geheimnisvolle Welt, in der nichts geschieht und in der die Figuren ihr eigenartiges Leben entfalten, „hier, an diesem Ort, sterbend womöglich, und doch für immer festgehalten in einem leuchtenden, endlosen Augenblick“ (Banville, Geister, S. 274). Banville nennt die Kindheitserinnerung an ein Schwarz-Weiß-Bild als eine Quelle der Romanidee, ein Bild, das Menschen in Stadtkleidung mit Koffern am Strand gezeigt habe.Wendy Lesser: Violently Obsessed With Art
Dieses Oszillieren zwischen zum Kunstwerk, zur Fotografie oder zur Statue erstarrtem Leben und der Verlebendigung des hier fixierten Lebens in der fiktionalen Welt der Literatur ist ein zentrales Motiv des Romans.
Der Roman zitiert in diesem Zusammenhang Denis Diderots Theorie der Statuen. Ein Weg zur Moralität sei es, sich zum Bildhauer seiner selbst zu machen. Durch das Erschaffen eines Idealbildes seiner selbst könne man einem Vorbild folgen, sich selbst formen. Diderot habe das verborgene Leben der Statuen respektiert, ihren Traum, in unsere Welt einzutreten.
So friert denn die Kunst das Geschehen ein, hält es in Bildern und Augenblicken fest. Die Figuren erstarren immer wieder zu Abbildern, etwa der Professor, der aussieht „wie eine große, alte, regenfleckige Statue von einem Cäsar“.Geister, S. 18. Die Figuren erscheinen als Kunstprodukte des Erzählers, zusammengesetzt aus vergangenen und gegenwärtigen Bilder. So wirkt Felix „wie Stückwerk, irgendwie provisorisch, als wäre er hastig aus lauter Teilen von anderen Menschen zusammengesetzt worden.“Geister, S. 18.
Tod und Mord
Der gesamte Pygmalion-Komplex kreist um den Versuch des Erzählers, seinen Mord ungeschehen zu machen. Die Kunstwerke, die Vergangenheit sollen zum Leben erweckt werden, damit das gestohlene Leben zurückgebracht werden.
Der Ich-Erzähler ist von seinem Verbrechen regelrecht besessen, „es hockt in mir wie ein zweites, parasitisches Ich und umschlang meine Zellen mit seinen Tentakeln.“.Geister, S. 31. Der Mörder beschreibt dies im Stile Edgar Allan Poes:
So fühlt sich der Erzähler in einer posthumen Zwischenwelt, weder richtig tot noch richtig lebendig, vergleichbar den lebensnahen Figuren auf einem Gemälde, den Geistern der klassischen Literatur.
Literarische Form
Einheit von Ort und Zeit mini|Antoine Watteau, Italienische Komödianten, um 1720 mini|Antoine Watteau, Einschiffung nach Kythera, um 1720 Wie im klassischen Drama entwickelt sich das Geschehen an wenigen Orten, wesentlich in der Umgebung des Hauses auf der unbekannten Insel. Erzählt wird ein Tag im Mai, der Tag, den die Schiffbrüchigen auf der Insel verbringen.
Anders als im Drama eröffnet die Romanform aber vielfältige Möglichkeiten, diesen engen Rahmen durch Träume, innere Monologe und Erzählen zu überschreiten. In dieser Hinsicht gleicht das Refugium auf der Insel Thomas Manns Zauberberg.
Durch den symbolischen Namen Kytheraz. B. Geister, S. 42. für die wohl irische Insel stellt Banville verschiedene Verbindungen her. Einerseits war Kythera die Insel der Liebesgöttin Aphrodite, andererseits gibt es Parallelen zur Geschichte Irlands. Wie die Insel, auf der der Roman spielt, ist auch Kythera aufgrund von Kargheit und Hunger von vielen Bewohnern verlassen worden. Die Verbindung zum Maler Watteau und dessen berühmten Gemälden zur „Einschiffung nach Kythera“ spielen für den Roman eine Rolle, weil die Bewohner der Insel sich als Erforscher des fiktiven Malers Vaublin verstehen, der stark an Watteau erinnert. Sophie gibt der Insel einen anderen mythischen Namen, „Aia“, die Kurzform für die Insel Aiaia, wo das Goldene Vlies verborgen war, ein weiterer Verweis auf das fiktive Hauptwerk Vaublins, Le monde d’Or, die goldene Welt.
Literarische Einflüsse
mini|Angelika Kauffmann, Szene mit Miranda und Ferdinand, 1782 mini|William Hogarth, Prospero und Miranda, um 1728 mini|Heinrich von Kleist Der Einfluss von Shakespeares „Sturm“ ist offensichtlich. Der zunächst scheinbar zufällige Schiffbruch erscheint als Inszenierung des allmächtigen Ich-Erzählers, der damit die Rolle Prosperos einnimmt.„For some unspecified time past, they have been helped in their research by another art expert, a nameless man recently released from prison, who also serves as the novel’s narrator. "Serves" is not exactly right, for this narrator considers himself the novel’s master, the Prospero-like figure who has created the entire cast. "A little world is coming into being," he tells us on the second page. "Who speaks? I do. Little god."“ Wendy Lesser: Violently Obsessed With Art. In: New York Times
Banvilles Schiffbrüchigen hören beim Betreten der Insel eine geheimnisvolle Musik:
Bei Shakespeare ist es Ferdinand, der in der 5. Szene die geheimnisvolle Musik Ariels hört:
Ein anderer Bezug zu Shakespeare sind die „Geister“, die der Erzähler heraufbeschwört. Wie Hamlet erscheint dem Erzähler der Geist seines Vaters in einer kafkaesken Traumszene. In einem unübersichtlichen Amtsgebäude ist der Vater mit dem Erzähler als Jungen verzweifelt auf der Suche nach seinem Totenschein, den ihm niemand ausstellen will. Durch eine verborgene Tür findet der Sohn seinen Vater in einem versteckten Büro, wo deutlich wird, dass der Vater diesen Totenschein nur wegen der Schuld des Sohnes nicht erhalten kann.
„Licht“ heißt der Assistent des Professors im englischen Original, was die Übersetzerin in der deutschen Fassung zum Namen „Lux“ verändert hat, wohl um den fremden Klang des deutschen Wortes „Licht“ im Englischen nachzuahmen.
Banvilles Schreiben erinnert viele Kritiker an Becketts Malone-Trilogie.
Weitere Einflüsse nennt die Rezension von Gerhard Schulz.
Erzähltechnik
mini|Die Marx Brothers: Chico (oben), Groucho (unten) und Harpo Marx (rechts), 1948 John Banville bricht traditionelle literarische Formen auf, indem er das Geschehen verrätselt und auf einen stringenten Handlungsfaden verzichtet. Die Fiktionalität des Geschehens wird offensichtlich gemacht, der Ich-Erzähler präsentiert sich als allmächtiger Schöpfer der Welt des Romans, als „kleiner Gott“, der die Fäden spinnt.
Dennoch verzichtet der Roman nicht auf das Element der Spannung. Die Erwartungen und Befürchtungen des Lesers werden einerseits geweckt durch den latent bedrohlichen Charakter der Figuren. Welche Gewalt steckt noch in dem ehemaligen Mörder und Ich-Erzähler? Welche Gefahr geht von dem ehemaligen Drogenhändler und Fälscher Felix aus? Welcher Gefahr sind die schutzlosen Frauen auf der Insel ausgesetzt?
Ein anderer Weg Spannung zu erzeugen, sind die langsam deutlich werdenden Verstrickungen der Figuren. Wie bei Shakespeare liegen der scheinbar zufälligen Begegnung durch den Schiffbruch düstere Verbindungen aus der Vergangenheit zu Grunde.„(Why is Kreutznaer afraid of Felix? What happened in the past with a Vaublin painting called "The Golden World"? And what is the narrator’s connection to all this?)“ Wendy Lesser: Violently Obsessed With Art. In: New York Times