Fenetyllin ist ein Arzneistoff, der als Sympathomimetikum und Stimulans genutzt wird. Er war unter dem Handelsnamen Captagon im Verkehr.

Die Substanz gehört zu den Weckaminen und hat mit den Wirkstoffen Amphetamin sowie Methamphetamin den Phenylethylaminkern und den prinzipiellen Wirkmechanismus gemein. Deutliche Unterschiede bestehen jedoch in der Verstoffwechselung.Ernst Mutschler u. a.: Mutschler Arzneimittelwirkungen: Lehrbuch der Pharmakologie und Toxikologie. Wiss. Verlag-Ges. 2001, ISBN 3-8047-1763-2.

Fenetyllin ist gemäß BtMG Anlage III ein verkehrs- und verschreibungsfähiges Betäubungsmittel. Bis 2003 war in Deutschland das Arzneimittel Captagon zugelassen; bis 2010 war dies noch bei Apotheken im europäischen Ausland bestellbar. Seitdem ist Fenetyllin in Deutschland nicht mehr als Fertigarzneimittel erhältlich.

Geschichte, Verwendung und Produktion Fenetyllin wurde erstmals 1961 vom Chemiewerk Homburg, einer Tochtergesellschaft des deutschen Spezialchemieunternehmens Degussa, im Rahmen eines Untersuchungsprogramms zu Nebenwirkungen von Theophyllin-Derivaten synthetisiert. Es wurde im selben Jahr unter dem Namen Captagon als 50-mg-Tablette auf den deutschen Arzneimarkt gebrachtMaria Katselou, Ioannis Papoutsis, Panagiota Nikolaou, Samir Qammaz, Chara Spiliopoulou, Sotiris Athanaselis: Fenethylline (Captagon) Abuse – Local Problems from an Old Drug Become Universal. In: Basic & Clinical Pharmacology & Toxicology (BCPT), Band 119, Nr. 2, August 2016, S. 133–140; doi:10.1111/bcpt.12584. und 25 Jahre lang als Alternative zu Amphetamin benutzt. Unter anderem wurde es zur medikamentösen Behandlung von ADHSBis 1990 Hyperkinetisches Syndrom (im Kindesalter) eingesetzt, weniger gebräuchlich bei Narkolepsie oder als Antidepressivum, wobei sich die Indikation für Amphetamine in der Vergangenheit häufig änderte.

Es wurde auch bei Antriebsschwäche, insbesondere bei älteren Patienten aufgrund organischer Erkrankungen (z. B. Parkinson-Krankheit) oder anderen Ursachen, sowie nach schweren Erkrankungen oder Verletzungen (z. B. Kopfverletzungen) eingesetzt. In den 1950er Jahren waren Müdigkeit oder Asthma noch Anwendungsgebiete dieser Wirkstoffe.Riederer, Laux, Pöldinger: Neuro-Psychopharmaka. Band 1. 1992; Zeittafel zur Einführung versch. Psychopharmaka. epsy.de

Ein Problem ergibt sich durch die Tatsache, dass seit 1986 zwar Fenetyllin im „Schedule II of the United Nations (UN) Convention on Psychotropic Substances 1971“ aufgeführt ist, aber Theophyllin frei verkäuflich bleibt, weil es z. T. auch als Komponente für rezeptfreie Medikamente (z. B. gegen Asthma) zur Anwendung kommt; beide Edukte (Phenylaceton und Phenylessigsäure) sind in China wie auch in den USA kontrolliert. Dabei könnten illegale Captagon-Laboratorien weniger auffällig sein. Weil die beiden anderen Ausgangsstoffe in Europa produziert werden, sind chemische Fabriken in Europa, die auch synthetisches Koffein (methyliertes Theophyllin) für den legalen Markt (z. B. für Sport-Drinks) produzieren, möglicherweise auch die Lieferanten für die Ausgangsstoffe zur Synthese des illegalen Captagons. Diese Droge hat mittlerweile ihren Weg zurück nach Europa und Israel gefunden, wo sie von Drogenabhängigen konsumiert wird.Captagon: understanding today’s illicit market. (PDF; 1,0 MB) EMCDDA (englisch); abgerufen am 14. Mai 2023.UNODC United Nations Office on Drug and Crime 2020 World Drug Report Nr. 3 (PDF; 3,0 MB). aidsdatahub.org (englisch); abgerufen am 14. Mai 2023.Said Sheik: Synthetic Caffeine Market 2014–2029. persistencemarketresearch.com; abgerufen am 14. Mai 2023.

Die Abgabe von Fenetyllin unterlag ab 1986 der BtMVV, bis dahin war es mit normalem Rezept verordnungsfähig.

Seit es 1986 vom UNODC in die Liste der gefährlichen Drogen aufgenommen wurde, ist es in vielen Ländern als illegaler Suchtstoff eingestuft. Fenetyllin steht auf der Verbotsliste der Welt-Antidoping-Agentur. In deren Labors wurden zwischen 2003 und 2005 Proben sechsmal positiv auf Fenetyllin getestet.

Seit den frühen 1990er Jahren wurde Fenetyllin auch illegal produziert oder möglicherweise von existierenden Lagerungen in europäischen Ländern in andere Gebiete umgeleitet. Nach 2009 wurden aber praktisch alle Lager des Stoffes in Europa vernichtet sowie die Synthese dieser Substanz eingestellt. Früher fand das Medikament Captagon zahlreiche Anwendungen gegen Narkolepsie, Übergewicht, aber auch bei Aufmerksamkeitsstörungen mit ähnlicher Indikation wie die Amphetamine. Seit jener Zeit wurde Fenetyllin dann nur noch illegal hergestellt, meist durch heimliche Synthese-Laboratorien in Nordafrika, dem Mittleren Osten, aber auch Bulgarien. Der Syntheseweg blieb dabei unverändert, und zweifelsfrei werden dafür Theophyllin und Phenylaceton verwendet. mini|links|Fund in Syrien In den frühen 2000er Jahren verlagerte sich die illegale Produktion von Captagon zunehmend in den Nahen Osten. 2010 wurde zunächst der Libanon zu einem Hauptproduktionsland.Konrad-Adenauer-Stiftung / Caspar Schliep: Die Drogenkartelle des Assad-Regimes. Die hybride Bedrohung des Captagon-Business (PDF, S. 5)

Im syrischen Bürgerkrieg avancierte das Land 2013 zu einem der größten Produzenten und Verbraucher von Fenetyllin in der Region. In Syrien wurde das Aufputschmittel zur Leistungssteigerung der Kämpfer verwendet, während aus Exporten Geldmittel zur Beschaffung von Kriegsgerät generiert wurden.Michèle Binswanger: Das Doping der Terroristen. In: Tages-Anzeiger Zürich / Newsnet, 24. November 2015. Amphetamin-Schmuggel in Syrien. n-tv.de, 19. März 2016. Abgerufen am 4. Juni 2016. Laut zahlreichen Berichten freier Medien soll Mahir al-Assad, der Bruder des damaligen syrischen Präsidenten Baschar al-Assad, eine Schlüsselfigur des internationalen Schwarzhandels mit dem Präparat gewesen sein.Vgl. etwa Pressemeldung der Agence France-Presse Syrian rebels seize vast haul of banned drug captagon, country’s largest export vom 12. Dezember 2024, zitiert nach theguardian.com vom 13. Dezember 2024, abgerufen am 13. Dezember 2024; Timour Azhari: Discovery of vast Syrian drug lab reveals secrets of illicit captagon trade, reuters.com vom 13. Dezember 2024, abgerufen am 13. Dezember 2024; Shawn Paik: Syrian Rebels Seize Large Captagon Factory, nytimes.com vom 13. Dezember 2024, abgerufen am 13. Dezember 2024 sowie Olivia Kowalak: Assads zwielichtige Geschäfte aufgedeckt: So hat der syrische Diktator seine Wirtschaft am Leben erhalten, Frankfurter Rundschau vom 13. Dezember 2024, abgerufen am 13. Dezember 2024. Anfang Dezember 2024 besetzten Rebellen große Teile Syriens und das Assad-Regime brach zusammen. Die neue syrische Übergangsregierung versucht die Produktion und den Schwarzmarkt mit Fenetyllin einzudämmen.

In Neapel wurde im Juli 2020 mit 14 Tonnen (84 Millionen Tabletten) die bis dahin größte Drogenlieferung von Fenetyllin aus der syrischen Hafenstadt Latakia aufgespürt.

Erste Anzeichen für illegale Laboratorien wurden 2015 im Sudan gefunden. Wie bei der professionellen Synthese wurde Theophyllin als Ausgangsstoff verwendet. Theophyllin ist zwar ein Naturstoff, der unter anderem auch in Tee und Kaffee vorkommt, aber als Rohmaterial für die Synthese von Fenetyllin wird ebenfalls synthetisches Theophyllin verwendet. Nach 2015 verlagerte sich die illegale Produktion in den Mittleren Osten, wo Saudi-Arabien zum größten Verbraucherland wurde. Als Mittelpunkt dieser Produktion galt damals der Libanon und in zweiter Linie auch Syrien und Jordanien. Wie bei den meisten illegal hergestellten Tabletten wurde dabei oft weniger Fenetyllin festgestellt als ein Gemisch anderer Medikamente wie Amphetamin, Theophyllin, aber auch Koffein und ähnlichen Stoffen, was die toxische Wirkung noch bedenklicher macht. Es kann auch angenommen werden, dass die meisten dieser Ausgangsstoffe legal von westlichen Unternehmen vor allem in den Libanon transportiert werden und dann ihren Weg zu den illegalen Laboratorien nach Syrien finden. Weil Fenetyllin eng mit Amphetamin und Methyl-Amphetamin verwandt ist, gibt es auch zahlreiche Überschneidungen zwischen illegalen Amphetamin- und Fenetyllin-Synthesen.

Seit 2020 wird die illegale Produktion von Fenetyllin vermehrt mit der von der Islamischen Republik Iran unterstützten Milizarmee Hisbollah in Syrien in Verbindung gebracht. Im Januar 2024 flog die jordanische Luftwaffe aufgrund der Vermutung, dass die Miliz und die syrische Armee in solche Machenschaften verwickelt sind, Angriffe auf Grenzorte zu Syrien, um dort ein Drogenlabor und ein landwirtschaftliches Gut zu zerstören. Auch wird regelmäßig gemeldet, dass Drogenbosse in Syrien vermehrt Attentaten von unbekannter Seite zum Opfer fielen. Meist wurde oder wird das Captagon über Jordanien in andere arabische Länder geschmuggelt. Aus internationalen Polizeikreisen ist zudem zu hören, dass die bewaffneten Gruppen eng in den Waffen- und Sprengstoffhandel in Syrien verwickelt sind. Es wurde festgestellt, dass diese kriminellen Gruppen in Syrien (oft in Zusammenarbeit mit Vertretern der syrischen Streitkräfte) auch mit anderen Drogen wie Methamphetamin und Haschisch gehandelt haben, um ihre Aktivitäten zu finanzieren. Dabei wurde Anfang 2024 postuliert, dass der Drogenhandel im Mittleren Osten auch Verbindungen zum internationalen Terrorismus haben könnte.H. Haid (9. Januar 2024): "The vigilante war on drugs in Syria’s Daraa Province" (auf Englisch) mei.edu. Abgerufen am 9. Januar 2024.A. K. Suleiman (5. Januar 2024): Jordan strikes Iran-linked drug dealers in Syria -intelligence sources (auf Englisch) Reuters. Abgerufen am 9. Januar 2024. In der Antwort auf eine Kleine Anfrage gab die deutsche Bundesregierung im Oktober 2024 an, dass der Marktwert der konfiszierten und in Syrien produzierten Droge Captagon seit 2019 den Wert von Syriens legalen Exporten übersteige. Laut dem Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung stammten 82 Prozent der von 2019 bis 2023 international konfiszierten und einem Ausgangsort zuzuordnenden Captagon-Lieferungen aus Syrien, 17 Prozent aus dem Libanon.dserver.bundestag.de, Drucksache 20/13504 „Drogenhandel des syrischen Regimes und seine Auswirkungen auf Deutschland“, 21. Oktober 2024, abgerufen am 5. November 2024

Im März 2023 verhängte das amerikanische Office of Foreign Assets Control Sanktionen gegen Mitglieder der Familie von Präsident Assad, die mutmaßlich an Herstellung und Ausfuhr von Captagon beteiligt sind, sowie gegen libanesische Schmuggler.Treasury Sanctions Syrian Regime and Lebanese Actors Involved in Illicit Drug Production and Trafficking. treasury.gov

Im Juli 2023 wurde in Regensburg das bislang größte Labor zur Captagon-Produktion in Deutschland ausgehoben. Dabei wurden rund 300 kg Captagon sichergestellt.André Baumgarten: Größtes deutsches Rauschgift-Labor in Regensburg ausgehoben. In: mittelbayerische.de, 17. Juli 2023 Im Oktober 2023 wurden vier Personen in Aachen festgenommen, nachdem ihnen 460 Kilogramm an Captagon-Funden in den Monaten zuvor zugeschrieben wurden.Captagon-Drogenfunde. tagesschau.de, 22. Dezember 2023

Wirkung Wie Amphetamin passiert Fenetyllin die Blut-Hirn-Schranke und löst dann eine Kaskade katecholaminerger Wirkungen im zentralen Nervensystem (ZNS) aus. Hinzu treten sympathomimetische Wirkungen auf das Herz-Kreislauf-System. Im Gegensatz zu Amphetamin hat Fenetyllin deutlich geringere Auswirkungen auf den Blutdruck, sodass es für Personen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen geeigneter sein könnte als Amphetamin. Diese moderaten Auswirkungen auf den Blutdruck lassen sich darauf zurückführen, dass Theophyllin als Vasodilatator wirkt, während Amphetamin als Vasokonstriktor wirkt.Maria Katselou et al.: Fenethylline (Captagon) Abuse – Local Problems from an Old Drug Become Universal. In: Basic & Clinical Pharmacology & Toxicology, 2016, 119.2, S. 133–140. doi:10.1111/bcpt.12584.