mini|Toralesen mini|Torarolle mit Jad (Zeigestab)
Die Tora (auch Thora, Torah; IPA: [], oder []; in der aschkenasischen Aussprache Tauro, Tauroh, auf Jiddisch Tojre) ist der erste Teil des Tanach, der hebräischen Bibel. Sie besteht aus fünf Büchern, weshalb sie im Judentum auch chamischa chumsche tora (‚Die fünf Fünftel der Tora‘) genannt wird. Die griechische Bezeichnung ergab den in der Fachliteratur gängigen Begriff Pentateuch. In deutschen Bibelübersetzungen reformatorischer Tradition bezeichnet man diese Schriftengruppe als die fünf Bücher Mose.
Begriffsbestimmung Bedeutungsspektrum von „Tora“ Tora ist ein Schlüsselbegriff der Hebräischen Bibel. Mit der jeweiligen Übersetzung ins Deutsche fallen auch Vorentscheidungen, wie die Tora vom Leserpublikum wahrgenommen werden soll. Das hebräische Wort ist abgeleitet von der Verbalwurzel (Hifil) mit der Bedeutung „lehren, unterweisen“. Im Anschluss an Martin Bubers Verdeutschung verwenden zum Beispiel die Zürcher Bibel und die Einheitsübersetzung den Begriff Weisung. Dieser bringt sehr gut die weisheitliche Dimension von tôrāh zum Ausdruck. Die antike jüdische Übersetzung ins Griechische (Septuaginta) wählte , „Gesetz“, und in dieser Tradition stehend ist „Gesetz“ auch der Begriff der Lutherbibel.Jan Christian Gertz: Tora und Vordere Propheten. In: Ders., Grundinformation Altes Testament. 6., überarbeitete und erweiterte Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2019, ISBN 978-3-8252-5086-7, S. 193–312, hier S. 195.
Jedoch wird der Begriff Tora in vielen Bedeutungen gebraucht. Die engste bezeichnet die fünf Bücher Mose. In einer weiteren Bedeutung bezeichnet „Tora“ pars pro toto den gesamten Tanach, also sowohl die Tora (Weisung) im engeren Sinne als auch die Nevi’im (Prophetenbücher) und die Ketuvim (Schriften).
Die Torarolle mini|Rimonim aus Danzig, 18./19. Jahrhundert mini|Toraschrein mit Torarollen
Mit dem Begriff Tora wird auch die Torarolle bezeichnet. Dies ist eine handgeschriebene Rolle aus Pergament mit dem unvokalisierten hebräischen Text der fünf Bücher Mose. Die öffentliche Toravorlesung erfolgt in Form einer Kantillation mit vorgeschriebenen Teamim (). Alle Kapitel () werden über ein Jahr verteilt gelesen. Am jüdischen Feiertag Simchat Tora (), zum Abschluss des Laubhüttenfestes, folgt auf die Lesung des letzten Abschnitts des fünften Buches Mose der Vortrag der Schöpfungsgeschichte aus dem ersten Buch Mose.
Eine Torarolle für den Gottesdienstgebrauch muss per Hand von einem Sofer, einem speziell dafür ausgebildeten Schreiber, geschrieben werden. Das Schreiben einer Torarolle benötigt etwa ein Jahr und ist deshalb entsprechend teuer. Die letzten Buchstaben dürfen von ausgesuchten Anwesenden geschrieben werden. Der jeweilige Buchstabe ist dabei mit einem feinen Bleistift in seinen Umrissen vorgezeichnet und wird dann mit Tinte mittels einer Gänsefeder ausgefüllt. Der Sofer kann dies auch stellvertretend für die jeweilige Person durchführen, die währenddessen symbolisch die Torarolle an ihrem Griff hält. Danach wird die Torarolle in einer Prozession an ihren neuen Ort gebracht.
Die Rabbiner entwickelten seit der Antike ein Regelwerk für das Schreiben einer Torarolle, das sowohl eine ideologische als auch eine ästhetische Dimension hatte. Die wirkungsvollste Vorschrift war die, den kompletten Pentateuch auf eine Rolle zu schreiben. Das ließ sich nur mit einer relativ großen, schweren Rolle realisieren, und eine solche Buchrolle war kaum geeignet zum normalen Lesen außerhalb des Gottesdienstes. So wurde aus einer in der Antike üblichen Buchform ein heiliges Objekt.David Stern: The Jewish Bible: A Material History. University of Washington Press, Seattle / London 2017, S. 32.
Die Torarolle steht geschmückt im Toraschrein (). Dazu gehören , äußere bekrönende Aufsätze der beiden hölzernen Rollstäbe. Neben dem Tora-Schild gehören Torawimpel, Toramantel und Torazeiger zu den Schmuckstücken der Tora.Liesel Franzheim: Judaica: Kölnisches Stadtmuseum, Köln: Kölnisches Stadtmuseum, 1980, (=Wissenschaftliche Kataloge des Kölnischen Stadtmuseums; Bd. Judaica), S. 73 ff. Zur Lesung werden die Schmuckstücke abgenommen. Die Toravorlesungen () in der Synagoge erfolgen an Montagen, Donnerstagen, Schabbatot und Feiertagen. Vorgeschrieben ist dabei die Anwesenheit eines Minjans, von mindestens zehn im religiösen Sinne mündigen Juden.
Obwohl mittelalterliche Werke wie etwa Maimonides’ Mischne Tora (mit dem Kapitel Hilchot Sefer Tora) den Eindruck erwecken, dass der Text der Tora genau fixiert war, hat die Forschung gezeigt, dass es vier Texttraditionen gab: die aschkenasische, die sefardische, die nahöstliche und die jemenitische. Es gab Unterschiede des Schreibmaterials (Feder oder Schreibrohr) und teilweise als Folge davon unterschiedliche Buchstabenformen. Anscheinend befolgten die Schreibergilden damals ihre eigenen Traditionen, die sich zum Teil von den Regelungen, die Rabbiner festsetzten, unterschieden. Die Schriften, die ein moderner Sofer STaM verwendet, gehen bis ins 16. Jahrhundert zurück.David Stern: The Jewish Bible. A Material History. University of Washington Press, Seattle / London 2017, S. 33 f. Sofer STaM: ein Schreiber, der Torarollen, Tefillin und Mezuzot anfertigt. „STaM“ ist ein Akronym und setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der Begriffe „Sefer Tora“, „Tefillin“ und „Mesusa“ zusammen, die der Sofer herstellt.
Bei guter Aufbewahrung kann eine Torarolle mehrere hundert Jahre rituell brauchbar bleiben. Die älteste existierende, komplett erhaltene Torarolle wurde zwischen 1155 und 1255 geschrieben, vermutlich im Vorderen Orient. Sie war dann im Gebrauch der jüdischen Gemeinde in Bologna und wird heute in der dortigen Universitätsbibliothek verwahrt.David Stern: The Jewish Bible. A Material History. University of Washington Press, Seattle / London 2017, S. 11 f. Torarollen, die mechanisch, durch Abnutzung oder hohes Alter (Materialermüdung) beschädigt und somit unbrauchbar geworden sind, werden aus Respekt nicht einfach weggeworfen oder verbrannt, sondern in einer Geniza aufbewahrt oder auf einem jüdischen Friedhof begraben.
Die mündliche Tora Die „mündliche Tora“ ist ein Grundkonzept des rabbinischen Judentums: Gottes Offenbarung am Sinai umfasste nicht nur die schriftliche Tora, sondern auch deren mündlich überlieferte Auslegung, die die schriftliche Tora jeweils aktualisiert und damit auf verschiedene Lebenssituationen anwendbar machte.Günter Stemberger: Einleitung in Talmud und Midrasch, C.H.Beck, 9., völlig neu bearbeitete Auflage, München 2011, S. 44. Neben dieser Vorstellung zweier gleich ursprünglicher Torot gibt es das andere Konzept, wonach die Halacha durch Methoden der Bibelauslegung aus der schriftlichen Tora abgeleitet wurde. Aus heutiger Sicht lassen sich drei verschiedene Arten von Halacha unterscheiden:Günter Stemberger: Einleitung in Talmud und Midrasch, C.H.Beck, 9., völlig neu bearbeitete Auflage, München 2011, S. 145.
Gebote, die aus der jüdischen Bibel (Tanach) abgeleitet sind; Gebote, die unabhängig von der Bibel bestehen; Gebote, die unabhängig von der Bibel sind, aber nachträglich eine biblische Begründung erhielten.
Das Phänomen, dass einige Bereiche der Halacha eine schmale Basis in der schriftlichen Tora haben, war für die Rabbinen offensichtlich: „Die Lösung der Gelübde schwebt in der Luft und hat nichts, worauf sie sich stützen kann. Die Satzungen über den Sabbat, die Festopfer und über die Veruntreuungen , siehe, die sind wie Berge, die an einem Haar hängen, denn sie bestehen aus wenigen Schriftworten und zahlreichen Bestimmungen. Die Rechtspflege und die Opfergesetze, die Vorschriften über Reinheit und Unreinheit und über Blutschande haben (etwas), worauf sie sich stützen können. Diese sind die Hauptstücke der Tora.“Mischna Chagiga I 8, hier zit. nach: Die Mischna ins Deutsche übertragen, mit einer Einleitung und Anmerkungen von Dietrich Correns. Marix, Wiesbaden 2005, S. 285.
Um das Jahr 200 n. Chr. wurde das ganze bis dahin entwickelte Religionsgesetz in ein System von sechs Ordnungen gebracht und in einer Rabbi Jehuda ha-Nasi zugeschriebenen Sammlung schriftlich fixiert.Günter Stemberger: Einleitung in Talmud und Midrasch, C.H.Beck, 9., völlig neu bearbeitete Auflage, München 2011, S. 126. Man sieht hier das unterschiedliche Verhältnis der halachischen Stoffe zur schriftlichen Tora; Beispiele:Günter Stemberger: Einleitung in Talmud und Midrasch, C.H.Beck, 9., völlig neu bearbeitete Auflage, München 2011, S. 146.
Die 5. Ordnung der Mischna (Kodaschim, „Heiliges“) ist weithin ein Kommentar zu den kultischen Vorschriften der Tora, aber mit Ausnahme der Traktate Tamid und Middot, die Beschreibungen von Ritualen und baulichen Details des Herodianischen Tempels enthalten. Die 6. Ordnung der Mischna (Toharot, „Reinheiten“) entwickelt Regeln für den Umgang mit kultischer Unreinheit, die von anderen Prämissen ausgehen als die schriftliche Tora, zum Beispiel dass die Reinheitsvorschriften nicht nur im Kontext des Tempelbesuchs, sondern auch im normalen Alltag gelten.
Diese erste schriftliche Fixierung der mündlichen Tora, die Mischna, wurde zum Standardkanon. Mit dem Namen Jehuda ha-Nasi ist im Geschichtsbild der rabbinischen Literatur der Abschluss einer Epoche verbunden; trotzdem wurde die Mischna in ihrem Bestand auch nach dem Tod Jehuda ha-Nasis ergänzt.Günter Stemberger: Einleitung in Talmud und Midrasch, C.H.Beck, 9., völlig neu bearbeitete Auflage, München 2011, S. 151.
Die Mischna wird ausführlich in den Talmuden diskutiert und erklärt. Talmud ist die Bezeichnung für das gesamte Werk, das aus Mischna und deren Diskussion (Gemara) besteht; es gibt einen Babylonischen Talmud und einen Jerusalemer Talmud. Die Gemara wurde bis zum 6. Jahrhundert schriftlich fixiert. Im Talmud finden sich Überlegungen zur Zahl der Mitzwot, die im Gegensatz zu konkreten religionsgesetzlichen Entscheiden, den Halachot, als ewig gelten. Die klassische Formulierung, wonach es 613 Ge- und Verbote gebe (365 Verbote, nach den Tagen des Jahres, und 248 positive Gebote, nach der Zahl der „Knochen“ des menschlichen Körpers), steht im Babylonischen Talmud (Makkot 23b) und wird dort Rabbi Simlai (3. Jahrhundert) zugeschrieben. Aber noch wurde diese Zahl nicht durch eine entsprechende Liste von Mitzwot konkretisiert. Das unternahm erstmals das Kompendium Halachot Gedolot (9. Jahrhundert).Michael Pitkowsky: Art. Mizwot. In: Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur. Im Auftrag der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig herausgegeben von Dan Diner. Band 4, Metzler, Stuttgart 2013, S. 216 ff. hier S. 217.
Pentateuch und Chumasch Pentateuch () ist die griechische Bezeichnung für die fünf Bücher Mose. Sie leitet sich her von , und altgriechisch , also ‚Fünfgefäß‘. Der Begriff stammt von den Krügen, in denen Schriftrollen aufbewahrt wurden. Deren Umfang bestimmte auch seine Einteilung in fünf ‚Bücher‘ (). Der griechische Begriff wird auch im Lateinischen (Pentateuchus) übernommen und ist bis heute in der Wissenschaft gebräuchlich. Die hebräische Entsprechung für Pentateuch ist Chumasch, ebenfalls von ‚fünf‘ abgeleitet. Ein Chumasch enthält neben dem hebräischen Text eine Übersetzung in die Landessprache und meist einen erklärenden Kommentar.
Die fünf Bücher Mose In den von Luthers Bibelübersetzung geprägten christlichen Übersetzungen der Bibel in das Deutsche bildet der Pentateuch unter der Benennung die fünf Bücher Mose den ersten Teil des Alten Testaments. Der Begriff leitet sich von der traditionellen Vorstellung her, Mose sei der Verfasser der Tora. Im Katholizismus ist die Benennung unüblich, in katholischen Bibeln wird sie nicht verwandt.
Bezeichnungen der einzelnen Bücher