Thalidomid (α-Phthalimidoglutarimid) ist ein 1954 entwickelter Arzneistoff, der als Schlaf- und Beruhigungsmittel unter den Markennamen Contergan und Softenon verkauft wurde und im Contergan-Skandal Ende der 1950er / Anfang der 1960er Jahre tausende menschliche Föten durch Dysmelien schwer schädigte. Chemisch gesehen gehört es zur Gruppe der Piperidindione, einer strukturellen Abwandlung der Barbiturate.
Später zeigte sich, dass Thalidomid darüber hinaus hemmend auf Entzündungen sowie Tumorwachstum und Blutgefäßneubildungen wirkt. Seit 1998 wird es daher in den USA zur Behandlung besonders schwerer Lepraformen und seit 2009 in Deutschland zur Behandlung des multiplen Myeloms angewandt.
Geschichte Schlaf- und Beruhigungsmedikament hochkant=1.5|mini|Historische Contergan-Verpackung Im März 1954 synthetisierten in der Forschungsabteilung des Stolberger Pharmaunternehmens Grünenthal die Mitarbeiter Heinrich Mückter, Wilhelm Kunz (geb. 1920) und Herbert Keller (geb. 1925) – auf der Suche nach einer kostengünstigen Methode zur Gewinnung von Antibiotika aus Peptiden und im Rahmen der damaligen Entwicklung neuartiger Schlafmittel wie Pyrithyldion (Persedon)G. Mall, E. Vosseler: Klinische Erfahrungen mit „Persedon“. In: DMW – Deutsche Medizinische Wochenschrift. 75, 1950, S. 1084, doi:10.1055/s-0028-1117619. und Glutethimid (ebenfalls Piperidindione) – durch die Erhitzung von Phthaloylisoglutamin das Phthalimidoglutarimid. Es erhielt durch den Leiter der Forschungsabteilung, Mückter, den Namen Thalidomid und bestritt im Dezember 1960 fast die Hälfte des Inlandsumsatzes von Grünenthal.
Die Forscher bei Grünenthal konnten keine antibiotischen und im Tierversuch auch keine anderen medizinisch verwertbaren Wirkungen bei Thalidomid feststellen. Hohe Dosen hatten keine tödliche Wirkung bei Ratten, Mäusen, Meerschweinchen, Kaninchen, Katzen und Hunden, und es wurden auch keine anderen unerwünschten Wirkungen beobachtet. Somit schien für Grünenthal der Wirkstoff harmlos zu sein. Thalidomid wurde als „untoxisch“ eingestuft, was es sehr attraktiv für eine kommerzielle Verwertung machte. Man begann, für die inzwischen patentierte Verbindung eine Anwendung zu suchen. Zwar hatte Thalidomid sich in Tierversuchen nicht als sedativ wirksam gezeigt, doch da man sich von einem nicht letalen Beruhigungsmittel ein großes Marktpotential versprach, entschied die Firma, die Forschung in Richtung eines Human-Schlafmittels zu intensivieren.
Ohne jegliche wissenschaftliche Rationale wurde Thalidomid zunächst zur Anfallsprophylaxe bei Epilepsie verschrieben. Es zeigte zwar keine antikonvulsive Wirkung, die Patienten berichteten jedoch von der guten schlafbringenden und entspannenden Eigenschaft des Medikamentes.T. Stephens, R. Brynner: Dark Remedy – The Impact of Thalidomide and Its Revival as a Vital Medicine. Perseus Publishing, Cambridge MA 2001, ISBN 978-0-7382-0590-8.
Thalidomid durfte in Deutschland nicht verkauft werden, solange nicht seine Wirkung im Tierversuch getestet wurde. Da im Tierversuch Thalidomid keine sedierende Wirkung zeigte, wurde es an Mäusen im Schüttelkäfig getestet. Dabei wurde untersucht, inwiefern sich die Bewegungen der Mäuse in der Verum-Gruppe (Gruppe, die den Wirkstoff bekam) und der Placebogruppe unterschieden.
Bevor das Mittel auf den Markt kam, nahm ein Grünenthal-Mitarbeiter eine Probe mit nach Hause und gab seiner schwangeren Frau davon, um ihr zu einem besseren Schlaf zu verhelfen. Das Kind kam ohne Ohren zur Welt und wurde so zum ersten Contergan-Opfer.
Grünenthal vermarktete die Substanz vom 1. Oktober 1957 bis November 1961 unter dem Namen Contergan als „erstes bromfreies Schlaf- und Beruhigungsmedikament ohne größere Nebenwirkungen“. Da Contergan unter anderem auch gegen die typische morgendliche Schwangerschaftsübelkeit in der frühen Schwangerschaftsphase half, wurde es Ende der 1950er Jahre gezielt als das Beruhigungs- und Schlafmittel für Schwangere empfohlen und beworben. Im Hinblick auf Nebenwirkungen galt es als besonders sicher, denn als bromfreies Schlafmittel sollten Nebenwirkungen wie Verwirrtheitszustände, Delirien und Stottern ausbleiben. Zudem war es deutlich weniger gefährlich als die Barbiturate, die häufig bei Suiziden benutzt wurden.Hans Bangen: Geschichte der medikamentösen Therapie der Schizophrenie. Berlin 1992, ISBN 3-927408-82-4, S. 78. Thalidomid war auch in den Medikamenten Algosediv, Grippex und, als Bestandteil von Grünenthal geliefert, in dem Hustenmedikament Peracon der Kali Chemie enthalten.Dietrich Böhm: Die Entschädigung der Contergan-Kinder. S. 159, Vorländer Verlag Siegen, 1973, angegeben in:
Contergan-Skandal
Ende der 1950er Jahre kam es zu einer zunächst unerklärlichen Häufung von Missbildungen Neugeborener. In der Öffentlichkeit und bei dem im Verlauf der Zeit erst neugegründeten deutschen Bundesgesundheitsministerium wurde eine mögliche Schädigung durch Kernenergie und insbesondere die damals oberirdisch verlaufenden Kernwaffentests vermutet. Dabei wurde die Rate von Fehlbildungen bei Kindern untersucht und eine Zunahme statistisch verneint, allerdings mit Daten, die nur bis zum Zeitpunkt der Marktzulassung von Thalidomid reichten. Aufgrund dieser Statistik glaubte man bei den neu aufgetretenen Schädigungen erst an eine zufällige Häufung, was die Ursachenforschung deutlich verzögerte.
Die fruchtschädigende Wirkung des Arzneistoffes Thalidomid wurde unabhängig voneinander in Deutschland und Australien entdeckt. Der australische Arzt William McBride veröffentlichte am 16. Dezember 1961 einen Leserbrief zu Fehlbildungen bei Neugeborenen im Zusammenhang mit der Gabe von Thalidomid in The Lancet. Zuvor hatte er sich an den Lizenznehmer in Australien gewandt, der die Warnung im November 1961 an den deutschen Hersteller Grünenthal weiterleitete. Kurz vorher, am 15. November 1961, hatte der Humangenetiker Widukind Lenz das Unternehmen über seinen Verdacht in Kenntnis gesetzt. Am 18. November berichtete er auf einem Fachkongress über seinen Verdacht.W. von Lenz, K. Knapp: Die Thalidomid-Embryopathie. In: Deutsche Medizinische Wochenschrift, 1962, 87(24), S. 1232–1242. Die Firma Grünenthal reagierte zunächst abwartend. Obwohl dem Stolberger Herstellerunternehmen 1961 bereits 1600 Warnungen über beobachtete Fehlbildungen an Neugeborenen vorlagen, wurde Contergan nach wie vor vertrieben. Erst nachdem ein Zeitungsartikel in der Welt am Sonntag vom 26. November 1961 den Verdacht von Lenz publik gemacht hatte, zog Grünenthal schließlich am darauffolgenden Tag Contergan aus dem Handel.
Laut Bundesverband Contergangeschädigter wurden etwa 5000 contergangeschädigte Kinder geboren. Andere Quellen sprechen von 10.000 Fällen weltweit, von denen 4000 auf die Bundesrepublik Deutschland entfielen, wovon die Hälfte bereits verstorben sei (Stand von 2007). Hinzu kommt eine unbekannte Zahl von Fehlgeburten. In der DDR hatte der Zentrale Gutachterausschuss für das Arzneimittelwesen die Herstellung und den Vertrieb von Schlafmitteln auf Basis von Thalidomid abgelehnt, da man dieses als noch nicht ausreichend überprüft einstufte.Vgl. Silvia Ottow: DDR-Bürger schliefen ohne Contergan., Neues Deutschland, 4. Dezember 2007 Einige wenige Conterganpackungen gelangten aus der Bundesrepublik in die DDR. Insgesamt sind in der DDR 8 Fälle von Missbildungen dokumentiert, die durch Contergan bedingt waren.Vgl. Auch in der DDR gab es Kinder mit Missbildungen. Bundesverband: Die Betroffenen wünschen keine Öffentlichkeit. In: Mitteldeutsche Zeitung. 9. November 2007.
In Österreich und in der Schweiz hieß das Mittel Softenon und war verschreibungspflichtig. Offiziell gibt es in Österreich 13 Contergan-Opfer, da man dort damals sehr restriktiv mit der Rezeptpflicht umging. In der Schweiz wurden 9 Contergan-geschädigte Kinder geboren.Vgl. Angelika Overath: Das Janusgesicht. Contergan. In: NZZ Folio. 04/01, Thema: Pillen. Softenon wurde 1962 vom Markt genommen.
Auch in Brasilien gibt es anerkannte Schadensfälle durch Thalidomid.Vgl. Stefanie Hallberg: Vom Horrormittel zum Hoffnungsträger. Comeback des Conterganwirkstoffs Thalidomid. Contergan wurde auch in größeren Mengen nach Osteuropa und Vorderasien geliefert.Vgl. Contergan politisch kein Thema. Ausschlussfrist abgelaufen.
In den USA wurde Contergan die Zulassung verweigert, es wurde aber in großen Mengen „zu Testzwecken“ verteilt, nachdem der amerikanische Hersteller Richardson-Merrell die Zulassung im September 1960 erstmals beantragt hatte. Frances Oldham Kelsey, die zuständige Pharmakologin der US-Gesundheitsbehörde Food and Drug Administration, hatte sich nicht auf die Angaben der Firma Richardson-Merrell verlassen, die keine Testergebnisse beinhalteten. Stattdessen wurden nur generelle Aussagen Grünenthals und des Marketing-Departments von Richardson-Merrell angegeben, und Geschäftsleute und Politiker übten Druck auf Kelsey aus. Sie forderte Richardson-Merrell auf, Tests durchzuführen und die Ergebnisse mitzuteilen. Die Firma weigerte sich und verlangte insgesamt sechs Mal, die Zulassung zu gestatten, was jedes Mal abschlägig beschieden wurde. Im Jahre 1962 zog Richardson-Merrell dann den Antrag auf Zulassung zurück. Trotzdem wurden insgesamt 17 Kinder mit Contergan-bedingten Missbildungen geboren.Vgl. Linda Bren: Frances Oldham Kelsey: FDA Medical Reviewer Leaves Her Mark on History. In: FDA Consumer Magazine. März/April 2001.
Die geballte Medienpräsenz des Themas, die durch den 50. Jahrestag der Markteinführung von Contergan und den kurz darauf ausgestrahlten Fernsehzweiteiler Contergan erzeugt wurde, führte am 7. Dezember 2007 – also 46 Jahre nach Bekanntwerden der schädigenden Wirkung – zu ersten Gesprächen zwischen Grünenthal und dem Bundesverband der Contergangeschädigten..Grünenthal-Chef trifft erstmals Contergan-Geschädigte, aachener-zeitung.de, 10. Dezember 2007. Auch andere Geschädigte fordern zum Dialog auf und haben dazu eine das Zitat des Produzenten des Zweiteilers aufgreifende Online-Unterschriften-Aktion gestartet. Betroffenen-Verbände hoffen als Ergebnis auch auf finanzielle und andere Verbesserungen ihrer Situation., neben dem weitere anderer Verbände existieren. Zum 1. Juli 2008 wurde die Verdoppelung der monatlichen Entschädigungszahlungen umgesetzt. Dies wird von Politik und Verbänden als „erster wichtiger Schritt“ zur Milderung der „finanziellen Auswirkungen der Spät- und Folgeschäden“. bezeichnet. Am 8. Mai 2008 gab Grünenthal bekannt, freiwillig 50 Mio. Euro in die Conterganstiftung einzahlen zu wollen, um die Lebenssituation der Contergan-Geschädigten dauerhaft zu verbessern.Pressemitteilung Grünenthal: „Grünenthal bietet Contergan-Betroffenen 50 Millionen Euro an – Lösung soll Lebenssituation der Betroffenen verbessern“ Pressemitteilung der Grünenthal GmbH (PDF). Dies wurde am 15. Juli 2009 umgesetzt.RP Online.
Schädigungen durch Thalidomid mini|hochkant|Prothese für ein Thalidomid-geschädigtes Kind Thalidomid führt, innerhalb der ersten drei Monate der Schwangerschaft eingenommen, zu schweren Fehlbildungen der Gliedmaßen (Dysmelien, wie beispielsweise radiale Klumphand), speziell zum Fehlen von Röhrenknochen (Phokomelie), oder sogar zum totalen Fehlen (Aplasien) von Gliedmaßen und Organen der Kinder. Thalidomid blockiert den Wachstumsfaktor VEGF (Vascular Endothelial Growth Factor), wodurch es zu einer fehlenden Vaskularisierung (Blutgefäßbildung) in den Extremitäten des Embryos kommt. Dies führt zu einer verkürzten oder fehlenden Anlage der Arme und Beine, meist beidseitig. Zu unterscheiden ist dies von einer mechanischen Abschnürung von Gliedmaßen (siehe dazu Amniotisches-Band-Syndrom).