mini|Denkmal Famine Monument für die Opfer der Hungersnot, Dublin (Teilansicht) Die als Große Hungersnot (; oder ) in die Geschichte eingegangene Hungersnot zwischen 1845 und 1849 war die Folge mehrerer durch die damals neuartige Kartoffelfäule ausgelöster Missernten, durch die das damalige Hauptnahrungsmittel der Bevölkerung Irlands, die Kartoffel, vernichtet wurde. Sie stellte eine bedeutende historische soziale Krise dar und hatte tiefgreifende Auswirkungen auf die irische Gesellschaft und Geschichte. Die Folgen der Missernten wurden durch die Laissez-faire-Ideologie und die wirtschaftsliberale Politik der Whig-Regierung unter Lord John Russell noch erheblich verschärft.

Infolge der Hungersnot starben eine Million Menschen, etwa zwölf Prozent der irischen Bevölkerung. Weitere zwei Millionen wanderten aus.Jim Donelly: The Irish Famine. Auf BBC History. 17. Februar 2001. Am stärksten betroffen waren der Westen und der Süden Irlands – Gebiete, in denen die irische Sprache vorherrschend war; daher wurde diese Zeit im Irischen zeitgenössisch als an Drochshaol bezeichnet, was „das schlechte Leben“ und sinngemäß „die harte Zeit“ bedeutet.

Ursachen und Vorgeschichte Irland stand seit der Errichtung des Königreichs Irland im Jahr 1541 völlig unter englischer Herrschaft. Der Boden in Irland gehörte überwiegend englischen Großgrundbesitzern. Die irischen Bauern bearbeiteten das Land als Pächter, bauten darauf Getreide und Kartoffeln an und hielten kleine Mengen Vieh. Getreide und tierische Produkte dienten zur Pachtzahlung an die Großgrundbesitzer und wurden nach England verbracht, wohingegen die Kartoffeln, die einfach, billig und schnell anzubauen waren, das Grundnahrungsmittel der irischen Bevölkerung darstellten. Schon ein kleines Stück Land reichte, um eine Großfamilie mit Kartoffeln zu ernähren. Da etwa die Hälfte der acht Millionen Iren sich ausschließlich von Kartoffeln ernährte, entstand eine Abhängigkeit von dieser Nahrungsquelle, die Volkswirtschaftler schon vor der Hungersnot als große Gefahr erkannt hatten.James Camlin Beckett: Geschichte Irlands. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1982, S. 195.

Seit der Katholikenemanzipation, beginnend im Jahr 1778, hatten die katholischen Iren zwar das Recht erhalten, Land zu besitzen, sie hatten aber nur selten die Mittel, es zu kaufen.

Da 72 % der irischen Bevölkerung von der Landwirtschaft lebten, wurde das Pachtland immer knapper. Eine Regierungskommission unter der Führung des Earl of Devon (Devon-Kommission), die die Zustände in Irland untersuchte, stellte fest, dass in Irland mindestens acht Morgen (etwa 2 Hektar) Land zum Überleben notwendig waren. Jedoch waren sieben Prozent der Pachtlandstücke größer als 30 Morgen, hingegen 45 Prozent kleiner als fünf Morgen, mithin unterhalb der Ernährungsgrenze. In der ärmsten Provinz, Connacht im Westen Irlands, betrug der Anteil derart kleiner Stücke sogar 65 Prozent.

Beschäftigungsmöglichkeiten außerhalb der Landwirtschaft waren praktisch nicht vorhanden, da außer in Nordirland (Ulster) wenig Industrie existierte; ihr Wachstum war durch einseitige Zollschutzmaßnahmen Großbritanniens stark beschränkt. Zwar legten Untersuchungskommissionen und Wirtschaftstheoretiker verschiedene Vorschläge zur Förderung der irischen Wirtschaft und Industrie vor, etwa durch Landreformen und die Stärkung der Rechte der Pächter, öffentliche Bauprojekte oder die Errichtung eines Eisenbahnnetzes. Keiner dieser Vorschläge wurde verwirklicht, da sie der liberalistischen Wirtschaftspolitik des Laissez-faire im damaligen Großbritannien nicht entsprochen hätten. Der zufolge sollte der Staat möglichst nicht in die Wirtschaft eingreifen. Verschärft wurde der Mangel an Land und Arbeitsplätzen durch eine vorangegangene regelrechte Bevölkerungsexplosion. Ursache für den Bevölkerungszuwachs war allerdings ebenso der Kartoffelanbau, der es möglich machte, auch auf kleinen Landstücken eine Familie mehr oder weniger „durchzubringen“, d. h. minimal zu ernähren. Zudem war es üblich, sehr jung zu heiraten und viele Kinder zu bekommen.

Hungersnot Kartoffelfäule Der Nachteil der Abhängigkeit von der Kartoffel war, dass diese, typisch für durchgehenden monokulturellen Anbau, anfällig für Krankheiten wurde. Da sich der Boden nicht durch abwechselnden Anbau anderer Feldfrüchte erholen konnte, hatten es kartoffelspezialisierte Krankheitserreger leicht, sich mehr und mehr im Boden zu verteilen und ihn zu durchseuchen. Bereits vor 1845 hatte es in Irland immer wieder (häufig lokal begrenzte) Ernteausfälle und Hungersnöte gegeben, so etwa eine Hungersnot vergleichbaren Ausmaßes 1740–1741. Zwischen 1816 und 1842 gab es 14 Kartoffel-Missernten. Der Grund für diese Serie dürfte vor allem auf den Ausbruch des Vulkans Tambora zurückzuführen sein, der weltweit das Klima beeinflusste, sodass das Jahr 1816 sogar als das Jahr ohne Sommer in die Geschichte einging. Der Dauerregen durchnässte den sandigen, luftigen, trockenen Boden, den die Kartoffel braucht, um optimal zu gedeihen, schwemmte die Krankheitserreger überallhin und schuf damit den Rahmen für die nachfolgende Katastrophe.

Im Jahr 1842 trat in Nordamerika eine bis dahin unbekannte Krankheit auf, die fast die gesamte Ernte vernichtete. Ausgelöst wurde diese „Kartoffelfäule“ (engl. blight) durch den Oomyceten (Eipilz) Phytophthora infestans, der bewirkt, dass die Knollen verfaulen. Die Sporen werden vom Wind verbreitet und gedeihen in kaltem, feuchtem Klima besonders gut. Zwar werden nicht alle Kartoffelsorten von der Kartoffelfäule befallen, doch wurden zu jener Zeit in Irland nur zwei Sorten angebaut, die beide anfällig waren. Somit fand der Oomycet in Irland besonders gute Bedingungen vor.

Der Oomycet hatte sich, kommend von Nordamerika, nach Europa ausgebreitet. Für den Sommer 1845 wurden Ernteausfälle in den Niederlanden, Belgien und Frankreich prognostiziert, im August desselben Jahres waren auch in England Pflanzenschäden zu erkennen. Am 13. September wurden in Irland erstmals Blattverfärbungen gemeldet, die darauf schließen ließen, dass auch die dortige Ernte befallen sein würde. Doch hoffte man, dies würde nur einen kleinen Teil betreffen. Zur Erntezeit im Oktober musste man jedoch feststellen, dass die Ernte beinahe vollständig zerstört war.

Politische Reaktionen lang=de|mini|Vergleich der Bevölkerungsentwicklung von Irland und Europa

Überblick Die politischen Reaktionen waren allgemein sehr zurückhaltend. Gemäß der damals herrschenden wirtschaftspolitischen Ideologie und den daraus resultierenden Prinzipien des laissez-faire sollte sich der Staat möglichst wenig in die Wirtschaft einmischen. Ein Eingriff des Staates in den Handel und die Verteilung von Nahrungsmitteln wurde als Verstoß gegen dieses laissez-faire angesehen. Deshalb wurde z. B. ein zeitlich befristetes Verbot des Exports von irischem GetreideEdward J. O’Boyle: Classical Economics and the Great Irish Famine. A study in limits. In: Forum for Social Economics. Band 35, Nr. 2, 2006. ((PDF; 114 kB)). und auch ein Verbot der Alkoholdestillation aus Lebensmitteln trotz der Hungersnot nicht in Betracht gezogen, obwohl sich diese Maßnahmen bei früheren Missernten als sehr erfolgreich erwiesen hatten.Christine Kinealy: A Death-Dealing Famine. The Great Hunger in Ireland. 1997, S. 61. Die Ablehnung dieser in der Vergangenheit oft praktizierten Staatsinterventionen markierte einen radikalen Politikwechsel.Christine Kinealy: A Death-Dealing Famine. The Great Hunger in Ireland. 1997, S. 77. Darüber hinaus führten die europaweiten Missernten in den Jahren 1846 bis 1849 zu einer steigenden Nachfrage nach Weizen, während viele europäische Staaten gleichzeitig den Export von Lebensmitteln unterbanden, um in ihren Ländern eine Hungersnot zu verhindern. Dies bewirkte, dass das Vereinigte Königreich Großbritannien und Irland in den Jahren der Hungersnot mehr Weizen exportierte als in den Jahren zuvor.

Die Iren erlebten zu ihrer großen Verbitterung, dass große Mengen an Nahrungsmitteln von Irland nach England verbracht wurden, während viele Menschen in Irland verhungerten. Die meiste Zeit der fünfjährigen Hungerperiode hindurch war Irland ein Nettoexporteur für Nahrungsmittel.John O’Beirne Ranelagh: A Short History of Ireland. 1994, S. 115.Vgl. auch Amartya Sen: Development as Freedom. Oxford University Press, Oxford 1999, ISBN 0-19-829758-0, S. 172. John Mitchel formulierte 1861 eine verbreitete Ansicht:

Premierminister Sir Robert Peel Großbritanniens Premierminister Sir Robert Peel ergriff im November 1845 zunächst Gegenmaßnahmen, indem er – ohne Genehmigung des Kabinetts – den Kauf von Mais aus den USA im Wert von £ 100.000 anordnete. Der Mais sollte durch eine Relief Commission in Irland verkauft werden, die Preise entsprachen zunächst den Selbstkosten, ab 1846 musste der Mais auf Anweisung der Relief Commission zu Marktpreisen an die Bevölkerung verkauft werden. Allerdings konnte ein Großteil der Bevölkerung diese Preise nicht bezahlen; die meisten hungernden Iren besaßen überhaupt kein Bargeld. Später wurden auch Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen eingeführt, die ebenfalls durch die Relief Commission koordiniert wurden.John R. Butterly, Jack Shepherd: Hunger. 2010, S. 114.

In Großbritannien wurde die politische Auseinandersetzung um Hilfsmaßnahmen zugunsten Irlands zeitweise von der Debatte über die Abschaffung der Einfuhrzölle für Getreide, der sogenannten Corn Laws, überschattet. Diese waren zum Schutz der britischen und irischen Getreidewirtschaft vor Konkurrenz erlassen worden. Mit der offiziellen Begründung, dass diese Zölle den Import von Nahrungsmitteln auch für Irland verteuerten, stritt Robert Peel für die Abschaffung der Corn Laws. Historiker halten diese Argumentation allerdings für einen Vorwand, da ausweislich der damaligen Parlamentsdebatten kaum ein Abgeordneter davon ausging, dass die Abschaffung der Corn Laws die irische Hungersnot verringern würde.Cheryl Schonhardt-Bailey: From the Corn Laws to Free Trade. 2006, S. 176. Auch aus den parlamentarischen Reden Peels geht hervor, dass Irland aufgrund der großen Dominanz des landwirtschaftlichen Sektors zu den Landesteilen gehören würde, für die die Abschaffung der Corn Laws eher nachteilig sein musste.Christine Kinealy: A Death-Dealing Famine. The Great Hunger in Ireland. 1997, S. 58. Als für das Jahr 1846 eine noch schlechtere Kartoffelernte vorauszusehen war, erreichte Peel die Abschaffung der Corn Laws, verlor jedoch die Unterstützung seiner Partei.

Premierminister John Russell mini|Die zeitgenössische Zeichnung stellt Bridget O’Donnel und ihre Kinder dar. Ihre Geschichte wurde in der Illustrated London News vom 22. Dezember 1849 dargestellt: „… im November letzten Jahres wurden wir vor die Tür gesetzt, da wir mit der Pacht in Rückstand waren. Ich lag zu diesem Zeitpunkt im Fieber … sie begannen damit das Haus niederzureißen und hatten die Hälfte bereits abgerissen, als zwei Nachbarfrauen, Nell Spellesley und Kate How, mich hinaus trugen … Ich wurde in eine Hütte getragen und lag dort acht Tage lang, bis ich die Kreatur (das Kind) tot geboren hatte. Danach lag ich noch drei Wochen darnieder. Meine ganze Familie bekam Fieber, und ein Junge, 13 Jahre alt, starb vor Entbehrung und Hunger, während wir krank darnieder lagen.“