Wieseck (lokal: Wissich) ist, von der Kernstadt abgesehen, der nach Einwohnerzahl größte Stadtteil der Universitätsstadt Gießen im gleichnamigen mittelhessischen Landkreis Gießen.

Geographie Wieseck zählt auf einer Fläche von 1237 Hektar 10.073 Einwohner (Stand Dezember 2017) und liegt zwischen zwei Flüssen, der kleineren Wieseck und der um einiges größeren Lahn. Der Gießener Stadtteil schließt sich unmittelbar in nordöstlicher Richtung an die Kernstadt an und belegt 17 % des Gießener Stadtgebietes.

Ortsgeschichte mini|hochkant|Die „Poart“ in Wieseck mini|hochkant|Kirche von Südwesten Mittelalter Wieseck wurde noch vor Gießen erstmals im Jahr 775 in dem Lorscher Codex anlässlich zweier Schenkungen an das Kloster Lorsch erwähnt: „... in Wisicheim et in Ursenheim et in Saltrissa ...“ Die Töchter des Klostergründers, Graf Cancor, Rachhilt und Eufemia, schenkten dem Kloster Lorsch in diesem Jahr ihren Besitz in Dorheim (Friedberg) sowie in Wieseck, in der späteren Wüstung Ursenheim und in Selters.Codex Laureshamensis III, = CL III, Nr. 2919=3747b. Beide waren in das Kloster eingetragen. Eine weitere Schenkung aus dem gleichen Jahr nennt: „... in Logenehe in Wisicher marca ..“ (im Lahngau in der Wiesecker Mark).CL III, Nr. 3747a. Eine weitere Erwähnung des Ortes aus dem Jahre 778 lautet: „... in curte nuncupato Wisicha ...“ (im Gericht genannt Wiseck).Manfred Stimmig: Mainzer Urkundenbuch. Band 1 (bis 1137). Darmstadt 1932. Nr. 111, S. 57.

Die Gräfin Clementia von Gleiberg schenkte 1129 zur Gründung des Klosters Schiffenberg mehr als 20 Mansen Rodungsland im Wiesecker Wald „... montem in silva que dicitur Wisecherewalt Skephenberch vocatum ...“.Artur Wyss: Urkundenbuch der Deutschordens-Ballei 3, Nr. 1329, S. 301.

In einem Kopiar, das auf um 1160 datiert wird, ist für 1148 der Ortsadlige Willerus de Wisiche erwähnt.Arthur Wyss: Urkundenbuch der Deutschordens-Ballei Hessen. Band 1 - 3. Leipzig 1879 - 1899. Band III. Nr. 1339, S. 315. 1285 wird ein Johannes de Wiske genannt.Arthur Wyss: Urkundenbuch Deutschordens-Ballei Hessen. Band III, Nr. 1367, S. 346. Schließlich erscheint 1348 urkundlich ein Heinricus de Wyssche.Meinhard Sponheimer (Bearbeiter): Urkundenbuch der Stadt Wetzlar. Band 2: 1214-1350. Marburg 1943 = Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen und Waldeck 8,2. Nr. 918, S. 379.

Der Ortsname wird auf einen Gewässernamen zurückgeführt,Lutz Reichardt: Die Siedlungsnamen der Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach in Hessen. Namenbuch. Dissertation. Göppingen 1973. S. 398 f, S. 399. der idg. Ursprungs ist, der sich aus ahd. wisa und ags. was (Feuchtigkeit) zusammensetzt.Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage Berlin 1967. bearbeitet von Walther Mitzka. S. 858. Diese Erklärung weicht von einer Deutung des Ortsnamens aus dem 19. Jahrhundert ab, welche den Ortsnamen als Siedlung am Wasser erklärt.Karl Weigand: Oberhessische Ortsnamen. In: Archiv für Hessische Geschichte und Alterthumskunde 7 (1853). S. 241-332, S. 267

Wahrzeichen des Ortes ist die „Poart“, einzig erhaltener Teil einer ehemaligen Befestigungsanlage, die 1458 in ihrer heutigen Form erstmals urkundlich erwähnt wird. Deutlich ist am Wehrturm noch eine alte Schießscharte zu sehen, mit deren Hilfe die Bauern seinerzeit plündernde Heere oder andere bewaffnete Haufen abzuwehren wussten.

Eine Kirche in Wieseck wurde erstmals 778 urkundlich erwähnt, als Abt Beatus von Honau das Gotteshaus und sechs weitere Kirchen in der Wetterau und am Rande des Vogelsbergs an sein Kloster übertrug. Außerdem regelte der Abt in dieser Urkunde auch seine Nachfolge als Abt.Michael Gockel, Mathias Werner: Die Urkunde des Beatus von Honau von 778. In: Die Wüstung Hausen. Hrsg. von Waldemar Küther. Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsverein N.F. 56, 1971. S. 137–161.

Die heutige Michaelskirche steht wahrscheinlich auf den Fundamenten des Sakralbaus aus dem 8. Jahrhundert. Der steinerne Unterbau ihres quadratischen Ostturms wurde gegen Ende des 13. Jahrhunderts erbaut, das Chorgewölbe gegen Ende des 15. Jahrhunderts.

Neuzeit 1646 tobte ein Großbrand in Wieseck, nur drei Wohnhäuser blieben unversehrt.

Die Statistisch-topographisch-historische Beschreibung des Großherzogthums Hessen berichtet 1830 über Wieseck:

Innerhalb der Gemarkungsgrenzen des Gießener Stadtteils Wieseck liegt auch die Badenburg, eine bewohnte Burg (teilweise Ruine) mit Gastronomie direkt an der Lahn. Hier hat Georg Büchner 1833/34 wichtige Teile des Hessischen Landboten verfasst.

Während der Weimarer Republik, aber auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg, war Wieseck eine Hochburg der Arbeiterparteien. SPD und KPD erreichten zusammen meist mehr als 80 % der Wählerstimmen.

Von 1925 bis 1937 bediente die Lufthansa den Flughafen Gießen, der sich nahe dem heutigen Segelfluggelände Gießen-Wieseck befand, mit der Strecke Frankfurt–Gießen–Kassel.

Wieseck wurde am 1. April 1939 nach Gießen eingemeindet.Hess. Regierungsbl. 1939, Nr. 2, S. 6 Digitalisat

Verwaltungsgeschichte im Überblick Die folgende Liste zeigt die Staaten und deren Verwaltungseinheiten,Bis zur Trennung der Rechtsprechung von der Verwaltung waren die Ämter und frühen Gerichte sowohl Gericht als auch Verwaltungsorgan. denen Wieseck angehört(e):

vor 1567: Heiliges Römisches Reich, Landgrafschaft Hessen, Amt Gießen ab 1567: Heiliges Römisches Reich, Landgrafschaft Hessen-Marburg, Amt Gießen, Gericht Lollar Die Zugehörigkeit des Amtes Gießen anhand von Karten aus dem Geschichtlicher Atlas von Hessen: , und 1604–1648: Heiliges Römisches Reich, strittig zwischen Landgrafschaft Hessen-Darmstadt und Landgrafschaft Hessen-Kassel (Hessenkrieg) ab 1648: Heiliges Römisches Reich, Landgrafschaft Hessen-Darmstadt, Oberfürstentum Hessen, Oberamt Gießen (ab 1789), Gericht Lollar ab 1806: Großherzogtum Hessen, Fürstentum Ober-Hessen, Stadtamt Gießen ab 1815: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Stadtamt Gießen ab 1821: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Landratsbezirk GießenTrennung zwischen Justiz (Landgericht Gießen) und Verwaltung. ab 1832: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Gießen (August bis September Kreis Grünberg) ab 1848: Großherzogtum Hessen, Regierungsbezirk Gießen ab 1852: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Gießen ab 1867: Norddeutscher Bund, Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Gießen ab 1871: Deutsches Reich, Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Gießen ab 1918: Deutsches Reich, Volksstaat Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Gießen ab 1938: Deutsches Reich, Volksstaat Hessen, Landkreis Gießen ab 1939: Deutsches Reich, Volksstaat Hessen, Stadtkreis Gießen, Stadt Gießen ab 1945: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone, Groß-Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Stadt Gießen ab 1946: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Stadt Gießen ab 1949: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Stadt Gießen ab 1977: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Lahn-Dill-Kreis, Stadt Lahn ab 1979: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Gießen, Stadt Gießen ab 1981: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Gießen, Landkreis Gießen, Stadt Gießen

Gerichte seit 1803 In der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt wurde mit Ausführungsverordnung vom 9. Dezember 1803 das Gerichtswesen neu organisiert. Für die Provinz Oberhessen wurde das „Hofgericht Gießen“ eingerichtet. Es war für normale bürgerliche Streitsachen Gericht der zweiten Instanz, für standesherrliche Familienrechtssachen und Kriminalfälle die erste Instanz. Übergeordnet war das Oberappellationsgericht Darmstadt. Die Rechtsprechung der ersten Instanz wurde durch die Ämter bzw. Standesherren vorgenommen und somit war für Wieseck das „Stadtamt Gießen“ zuständig. Nach der Gründung des Großherzogtums Hessen 1806 wurden die Aufgaben der ersten Instanz 1821 im Rahmen der Trennung von Rechtsprechung und Verwaltung auf die neu geschaffenen Land- bzw. Stadtgerichte übergingen. „Landgericht Gießen“ war daher von 1821 bis 1879 die Bezeichnung für das erstinstanzliche Gericht, das für Wieseck zuständig war.

Anlässlich der Einführung des Gerichtsverfassungsgesetzes am 1. Oktober 1879 wurden die bisherigen Land- und Stadtgerichte im Großherzogtum Hessen aufgehoben und durch Amtsgerichte an gleicher Stelle ersetzt, ebenso verfuhr man mit den als Obergerichten fungierenden Hofgerichten, deren Funktion nun die neu errichteten Landgerichte übernahmen. Die Bezirke des Stadt- und des Landgerichts Gießen wurden zusammengelegt und bildeten nun zusammen mit den vorher zum Landgericht Grünberg gehörigen Orten Allertshausen und Climbach den Bezirk des neu geschaffenen Amtsgerichts Gießen, welches seitdem zum Bezirk des als Obergericht neu errichteten Landgerichts Gießen gehört. Zwischen dem 1. Januar 1977 und 1. August 1979 trug das Gericht den Namen „Amtsgericht Lahn-Gießen“ der mit der Auflösung der Stadt Lahn wieder in „Amtsgericht Gießen“ umbenannt wurde.

Bevölkerung Einwohnerstruktur 2011 Nach den Erhebungen des Zensus 2011 lebten am Stichtag dem 9. Mai 2011 in Wieseck 8948 Einwohner. Darunter waren 624 (7,0 %) Ausländer. Nach dem Lebensalter waren 1413 Einwohner unter 18 Jahren, 4305 zwischen 18 und 49, 1710 zwischen 50 und 64 und 1521 Einwohner waren älter. Die Einwohner lebten in 4260 Haushalten. Davon waren 1692 Singlehaushalte, 1050 Paare ohne Kinder und 996 Paare mit Kindern, sowie 303 Alleinerziehende und 222 Wohngemeinschaften. In 777 Haushalten lebten ausschließlich Senioren und in 2125 Haushaltungen lebten keine Senioren.

Einwohnerentwicklung 1502: 34 Männer 1577: 59 Hausgesesse 1630: 5 zweispännige, 30 einspännige Ackerleute, 35 Einläuftige, 8 Witwen. 1669: 354 Seelen 1742: 3 Geistliche/Beamte, 137 Untertanen, 26 Junge Mannschaften, 2 Beisassen/Juden 1806: 1040 Einwohner, 172 Häuser 1829: 1228 Einwohner, 213 Häuser 1867: 1783 Einwohner, 281 Häuser

Die Einwohnerzahl hat sich in den letzten Jahren deutlich erhöht. Ein weiteres Anwachsen in den kommenden Jahren ist zu erwarten. Aktuell wird gerade das Wohngebiet „Marburger Straße West“ in mehreren Abschnitten erschlossen und bebaut. Es befindet sich am oberen Ende der Marburger Straße direkt gegenüber dem Gießener Brauhaus und erstreckt sich über den oberen Teil der Westbachdachung der Marburger Straße.

Politik Für Wieseck besteht ein Ortsbezirk (Gebiete der ehemaligen Gemeinde Wieseck) mit Ortsbeirat und Ortsvorsteher nach der Hessischen Gemeindeordnung. Der Ortsbeirat besteht aus neun Mitgliedern. Bei der Wahl zum Ortsbeirat am 14. März 2021 ergab sich folgende Sitzverteilung.Ergebnis der Ortsbeiratswahlen 2021 in Gießen-Wieseck

Parteien und Wählergemeinschaften Anteil in % SitzeCDUChristlich Demokratische Union Deutschlands31,93 SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands24,32BUFBürgerliste für Umwelt und Frieden22,82 FW Freie Wähler15,51FDPFreie Demokratische Partei5,51gesamt100,09

Die CDU stellt mit Michael Oswald den Ortsvorsteher. Zum stellvertretenden Ortsvorsteher wurde Karl Heinz Erb von der SPD gewählt. Ortsvorsteher und stellvertretender Ortsvorsteher wurden bei der konstituierenden Sitzung des Ortsbeirates am 22. April 2021 im Bürgerhaus Wieseck in ihre Ämter berufen.

Kultur und Sehenswürdigkeiten Sport Die TSG Wieseck ist mit rund 1800 Mitgliedern der größte Verein des Stadtteils und der zweitgrößte der Stadt Gießen. Die Damen des KSV Wieseck sind im Jahr 2009 in die Kegel-Bundesliga aufgestiegen. Von zahlreichen weiteren Sportvereinen sind noch die Radsportgemeinschaft Gießen und Wieseck sowie den Wiesecker Kanu-Club zu nennen.