mini|hochkant=1.3|Schelfkirche St. Nikolai Schwerin Die Kirche St. Nikolai, auch Schelfkirche genannt, ist ein evangelischer Sakralbau im Stadtteil Schelfstadt von Schwerin. Der Backsteinbau wurde in den Jahren 1709 bis 1711 im Auftrag von Herzog Friedrich Wilhelm I. nach Entwurf von Jakob Reutz im Barockstil errichtet. Sie ist eine der wenigen Barockkirchen Norddeutschlands und der erste große nachreformatorische Kirchenbau Mecklenburgs. Als Teil des Residenzensembles Schwerin wurde sie 2024 ins UNESCO-Welterbe eingeschrieben.

Geschichte mini|Schelfkirche, Blick zu Altar und Kanzel mini|Urkunde 1217 mini|Grundriss der Schelfkirche

Die heutige Kirche St. NikolaiDer heilige Nikolaus ist der Schutzpatron der Seefahrer, reisenden Händler und Kinder. Er war vor allem im 12. und 13. Jahrhundert ein „Modeheiliger“, so dass es sowohl einfache Dorfkirchen, Stadtkirchen, Bettelsordenskirchen, Bergbaukirchen als auch Kaufmannskirchen gibt, die dem heiligen Nikolaus geweiht sind. Nikolaus-Patrozinien gibt es sowohl bei Kirchen in fast allen deutschen, baltischen und russischen Hafen- und Hansestädten als auch im Binnenland in ehemaligen Kaufmannsvierteln (siehe auch hier: Liste von Nikolaikirchen). hatte mehrere Vorgängerbauten.Rudolf Conrades hat in seinem Buch (St. Nikolai in Schwerin – Die erste Kirche auf der Schelfe, eine Kaufmannskirche aus der Zeit der Stadtgründung ?, erschienen im Thomas Helms Verlag, Schwerin, 2005, ISBN 3-935749-59-7) sehr detailliert die Geschichte der Besiedlung der Schelfe sowie des Kirchenbaus beschrieben

Der früheste Beleg für eine Kirche oder Kapelle auf der SchelfeDie Schelfe war ein mit viel Schilf (daher der Name) bewachsenes Sumpfgebiet. Der der Stadt nächstgelegene Teil der Schelfe bis etwa zum heutigen Ziegenmarkt hieß die kleine, der von der Stadt entferntere Teil bis über die Werderstraße hinaus hieß die große Schelfe. stammt von 1217 und befindet sich in einer Urkunde, die einen Geistlichen von St. Nikolai nennt.„Mecklenburgisches Urkundenbuch“, Urkunde Nr. 235 ([…] „Testes hii aderant clerici: […] Arnoldus sacerdos sancti Nicolai,…“ heißt übersetzt: […] Diese Zeugen waren Geistliche: […] Priester Arnold von St. Nikolaus,…) Siehe hier: Urkunde 1217. Graf Heinrich I. von Schwerin stiftete 1228 wahrscheinlich zum Dank für den Sieg über die Dänen in der Schlacht bei Bornhöved eine neue Kirche.Friedrich Schlie: Kunst- und Geschichts-Denkmäler des Grossherzogthums Mecklenburg-Schwerin. II. Band, Kommissionär K. F. Köhler, Leipzig. Bärensprung, Schwerin 1898, S. 524. Diese spätromanische Kirche wurde spätestens 1238 geweiht.Bernhard Hederich: Schwerinsche Chronik. Rostock 1598.

Die Befunde einer neueren BauuntersuchungTilo Schöfbeck: Bauhistorisches Gutachten Schelfkirche St. Nikolai Schwerin, Schwerin 2013. ergeben Hinweise auf eine gotische Saalkirche mit polygonalem Chorschluss. Wahrscheinlich wurde zwischen 1300 und 1320 die spätromanische Kirche in eine gotische Saalkirche umgebaut und ein polygonaler, überwölbter Chorschluss angebaut, wobei die Fensteröffnungen vergrößert und dem gotischen Geschmack angepasst wurden. Das Kirchenschiff war lediglich mit einer flachen Holzdecke ausgestattet.Rudolf Conrades: St. Nikolai in Schwerin – Die erste Kirche auf der Schelfe, eine Kaufmannskirche aus der Zeit der Stadtgründung?. Thomas Helms Verlag, Schwerin 2005, S. 6.

Im 16. Jahrhundert verfiel die St.-Nikolai-Kirche zusehends. 1586 gab es eine notdürftige Sanierung. Im 17. Jahrhundert wurde sie Filialkirche des Schweriner Doms.

1621 erhielt der Kirchenbau einen neuen Turm. 1626 mussten der Turm und das Kirchendach bereits wieder repariert werden, da ein Sturm Teile des Glockenturms auf das Dach stürzen ließ. 1670 mussten eine zersprungene Glocke, der Glockenstuhl und das Dach der Kirche erneuert werden. Zur Finanzierung dieser Arbeiten ordnete Herzog Christian Ludwig I. eine Sammlung zur Aufbringung der erforderlichen Gelder an.

Am 8. Dezember 1703 ließ ein Orkan den Turmhelm auf die Kirche stürzen und beschädigte sie schwer. Aufgrund des Gesamtzustandes des Bauwerkes kam ein Wiederaufbau nicht infrage. Die Kirche wurde abgebrochen.

Auf Geheiß des Herzogs Friedrich Wilhelm erfolgte bereits am 15. Mai 1708 nach Plänen des „Ingenieur-Capitains“ Jacob Reutz († 13. Oktober 1710)Bernd Franck: Die Baugeschichte der Schelfkirche zu Schwerin und die Tätigkeit ihres Erbauers Jacob Reutz von 1700–1710 in Mecklenburg. Diss. Techn. Univ. Berlin vom 24. Juli 1951. die Grundsteinlegung der heutigen Schelfkirche.Jahrzehntelang, wie aus dem offiziellen Staatskalender ersichtlich, war die offizielle Bezeichnung dieser Kirche „Neustädter Kirche“. Dieses Datum war bewusst gewählt, war es doch der Sophien-Tag, der Namenstag der Gemahlin des Herzogs, Sophie Charlotte.

Nach dem Tod von Reutz übernahm der Architekt, Architekturtheoretiker, Mathematiker und Theologe Leonhard Christoph Sturm die Leitung der Bauarbeiten.

Die Einweihung erfolgte am 24. September 1713. Das Programm der Kirche ist über dem Hauptportal in Stein gemeißelt, es lautet: „ANNO 1711 HAT UNSER DURCHLAUCHSTER LANDESVATER UND HERTZOG FRIEDRICH WILHELM DIESES GOTTESHAUS GOTT ZU EHREN SEINEN UNTERTHANEN ZU ÜBUNG DER GOTTSELIGKEIT. SEINEN CÖRPER ZUR RUHE GESTIFTET“. Demnach ist dieses Haus Gott zu Ehren, zum Gottesdienst und zur Grablege mecklenburgischer Herzöge bestimmt.

Die Kirche St. Nikolai hat in der heutigen Gestalt des Baukörpers eine Länge von 33,00 m und eine Breite von 27,80 m (Maßangaben Außenmauerwerk). Die Höhe der Kirche bis Mitte des Kirchturmknopfes (auch Turmkugel genannt) beträgt 52,2 m. Messungen des Dipl.-Ing. Sven Dattke vom 1. und 8. April 2016; siehe auch die PDF "Höhenbestimmung Kirche St. Nikolai (Schelfkirche) Schwerin" unter Wikimedia Commons: Schelfkirche

Die neuere Geschichte beginnt 1754 mit einer Zehn-Punkte-Deklaration des Landesfürsten Christian Ludwig II. Deklaration von Herzog Christian Ludwig II., datiert vom 14. August 1754.  Wir Christian Ludwig [II.] geben hiermit entsprechend der Absicht unseres verstorbenen Bruders Friedrich Wilhelm nunmehr die Trennung der neustädtischen Schelf-Kirche und Gemeinde St. Nikolai vom Dom bekannt, nachdem sie in politischen Sachen schon längst vollzogen wurde.

1. Wir verordnen für uns und unsere Nachkommen, dass mit der eigenen Pfarr-(und Gemeinde-)verfassung baldmöglichst 2 eigene Prediger für St. Nikolai eingesetzt werden.

2. Damit diese mit einer eigenen finanziellen Zuwendung einher nicht versehenen Kirche einen sicheren Grund zu ihrem Unterhalt haben mögen, wollen wir sie mit 2000 Reichstalern pro Stelle derart ausstatten, dass sie als zinsbares Kapital auf Grundstücke sicher angelegt und die Zinsen zum Besten der Kirche verwendet werden sollen.

3. Zum Unterhalt der künftigen beiden Prediger soll unsere Garde, auch die jeweilige Garnison der Stadt, also alle Offiziere und Mannschaften zur Kirche und Gemeinde St. Nikolai gehören. Damit verbunden soll das festgesetzte Beichtgeld beiden Predigern zu gleichen Teilen gereicht werden. Ebenso sollen beide Prediger zu gleichen Teilen am bisher aus der herzoglichen Kasse gezahlten Garnison-Prediger-Gehalt von 260 Talern beteiligt werden. Darüber hinaus soll sie jeder 9 Faden Brennholz1 „Faden“ Brennholz zu 4 × 8 × 8 „Fuß“ (1 Fuß = 0,291 m) = rd. 6,3 m³ (Raummeter). Somit entsprechen 9 Faden Brennholz = 56,7 m³ (Raummeter) Holz. und das Übrige zu 200 Reichstalern aus dem Fixum des Kirchen-Ärars erhalten.

4. Künftig soll die Stuhlmiete in der Nikolaikirche genauso hoch sein wie bisher im Dom = ein verglaster Stuhl 1 Reichstaler/Jahr, ein einfacher Stuhl ½ Reichstaler/Jahr.

5. Zum besseren Bestand des Ärars sollen ebenso wie im Dom an einigen Stellen der Nikolaikirche Beerdigungen stattfinden: ausgemauertes Begräbnis 1 Person breit = 30 Reichstaler, für Sammelbegräbnis gleicher Breite = 10 Reichstaler, für jedesmalige Entfernung des letzteren = 10 lübische Mark, für Eröffnung = 10 Reichstaler zur Verbesserung des Ärars nur für 5 Jahre.

6. Außer diesem soll an allen Sonn- und Festtagen in Nikolai wie im Dom mit 2 Klingelbeuteln gesammelt werden, wozu zwei angesehene / eingesessene Bürger als Juraten [ÄLTESTE] von unseren Beamten und dem Kirchen-Provisor erwählt und in Eid genommen werden sollen.

7. Im Übrigen werden Nikolai und deren Ärar von allen Verpflichtungen gegenüber dem Dom entbunden, wobei die Dom-Mitarbeiter von uns für mit dieser Umstellung verbundenen Verluste eine Entschädigung erhalten haben.

8. Ebenso sollen alle Eingesessene auf der Neustadt angewiesen sein, bei Taufen, öffentlichen Bekanntmachungen, Hochzeiten, Beerdigungen, für Bitten und Danken, bei weiteren priesterlichen Amtshandlungen das zu erlegen, was bisher für den Dom üblich war.

9. Für die beiden Nikolai-Predigerwohnungen soll vorläufig ein Quantum von 60 Reichstalern ausreichen. Später werden die Beträge erweitert.

10. Letztlich mögen die beiden Nikolai-Prediger nicht in ihren Amtstätigkeiten eingeschränkt werden.

Gegeben auf unserer Festung Schwerin, bekanntgegeben im Dom und St. Nikolai sowie den Kanzleien.

14. August 1754     Christian Ludwig

Erläuterung: 1 Reichstaler hatte einen Feinsilbergehalt von 16,7 Gramm. Heute kostet ein Kilobarren Feinsilber rund 445 Euro netto. Nach Umrechnung hätte ein solcher Reichstaler heute eine Kaufkraft von rund 7,43 Euro. Dazu ein Vergleich: Um 1850 betrugen die Wochenkosten eines 5 Personenhaushaltes: 3 ½ Taler.

Organisatorisch gehört die Schelfkirche zur evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde St. Nikolai Schwerin in der Propstei Wismar, Kirchenkreis Mecklenburg der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland.Informationen zur Gemeinde Das Bauwerk ist seit 2024 als Teil des Residenzensemble Schwerin UNESCO-Welterbe.

Kirchenausstattung

Die Orgel stammt von Friedrich Friese III, der Taufstein und das Altarbild zum Thema Christi Himmelfahrt wurden von Gaston Lenthe geschaffen, die Fenster mit Malereien stammen von Ernst Gillmeister.Schwerin St. Nikolai. In: Peda-Kunstführer, Nr. 95/1994, S. 20–22. Die Turmuhr aus dem Jahr 1863 ist die älteste öffentliche Uhr der Stadt. Sie wurde bis 2005 noch täglich von Hand aufgezogen. Die Orgel wurde 1932 von Marcus Runge umgestaltet und 1993 wieder in den Ursprungszustand von 1858 zurückversetzt.

Die Innenwände der Kirche wurden im Jahre 1964 anhand von Farbschnitten in Anlehnung an die erste Ausmalung gestaltet. Für die Deckenbemalung konnten keine Originalbefunde ermittelt werden. Zwischen 1983 und 1990 fanden Restaurierungsarbeiten an der Außenfassade statt.

Der Restaurator Vollrat Dreyer (Wittenförden) restaurierte im April/Mai 2014 die von Gaston Lenthe geschaffenen Gemälde des Philipp Melanchthon und des Martin Luther aus dem Jahre 1847 (siehe Abbildungen rechts).

Kirchenglocken Die Geschichte des Dreiergeläuts der Kirche St. Nikolai ist sehr wechselvoll. Sowohl die große als auch die kleine Glocke, beide gegossen in der Rostocker Werkstatt des Otto Gerhard Meier anno 1751, wurden zugunsten der Rüstungsindustrie während des Ersten Weltkrieges eingeschmolzen. Nur die alte, um das Jahr 1517 gegossene Nikolausglocke verschonte man.

1925 hatte die Kirchengemeinde dank spendenfreudiger Christen genug Geld gesammelt um neue bronzene Glocken gießen zu lassen und es erklang bald wieder das volle Dreiergeläut.

Doch die Geschichte sollte sich wiederholen. Im Jahre 1942 wurden die beiden erst 17 Jahre alten Bronzeglocken wieder aus dem Glockenstuhl geholt. Dieses Mal als sogenannte Materialspende für die Rüstungsindustrie des Zweiten Weltkrieges. Erst im Jahre 1959 konnte das Dreiergeläut der Kirche durch Glocken aus Eisenhartguss ersetzt werden. Für solche aus Bronze fehlte es an Geld und Material.

Diese gusseisernen Glocken zeigten im Laufe der folgenden Jahre starke Korrosionserscheinungen und sie mussten ersetzt werden. Werner Schneider aus Bad Laasphe fertigte im Jahre 2014 die notwendigen Entwürfe für die zu gießenden neuen Glocken an.