Das Tiermärchen ist als spezielle Form des Märchens ein eigenes folkloristisches Genre, in dem anthropomorphisierte Tiere als Helden der Erzählung auftreten.

Wissenschaftliche Definitionsversuche Es liegt keine einheitliche und damit verbindliche wissenschaftliche Definition für das Tiermärchen vor. Dennoch werden einige Merkmale als typisch und international gültig für das Genre angesehen. Das wichtigste dieser Merkmale sind die tierischen Protagonisten, wie es unter anderem Mizuyo Ashiya in Bezug auf das japanische Tiermärchen,Mizuyo Ashiya: Japanische und Deutsche Tiermärchen, besonders Fuchsmärchen, in ihrem Wesen und nach ihrer volkstumskundlichen Grundlage. Köln 1939, S. 10. Isidor Levin in Bezug auf das tadschikische Tiermärchen beschreibenIsidor Levin: Tiermärchen im Tadschikischen. In: Kontakte und Grenzen. Probleme der Volks-, Kultur- und Sozialforschung. Festschrift für Gerhard Heilfurth zum 60. Geburtstag. Hrsg. von seinen Mitarbeitern (Schriftleitung: Hans Friedrich Foltin, Ina-Maria Greverus, Joachim Schwebe; Endredaktion: Hans Friedrich Foltin unter Mitarbeit von Anselm Dworak, Wolfgang Göbel, Joachim Hintze, Dieter Kramer und Ulrich Löber) Göttingen 1969, S. 108f. und Jack Haney für das russische Tiermärchen beschreibt:

Auch Wilhelm Solms geht in seiner Analyse der Grimmschen Tiermärchen von dem tierischen Personal aus, fügt jedoch noch weitere Merkmale an:

Die beiden letzten Charakteristika sind jedoch offenbar nicht absolut universal gültig. So ist laut Ashiya der Ton japanischer Tiermärchen „dem Charakter der Einwohner entsprechend meistens leicht, gutmütig, heiter und einfach.“Ashiya: Japanische und deutsche Fuchsmärchen, S. 9. Haney spricht den russischen Tiermärchen sogar jede Heiterkeit ab:

Und er formuliert auch Solms dritten Punkt ins Negative, wenn er von "duplicity" („Falschheit“) als dem Thema russischer Tiermärchen spricht, die „the length to which the actors in the tale will go to obtain their daily needs“ („die Extreme, zu denen die Akteure der Märchen gehen, um ihre täglichen Bedürfnisse zu stillen“) behandelten.Haney: An Introduction to the Russian Folktale, S. 8. Insgesamt jedoch die Merkmale des schwankhaften Tons und des David-gegen-Goliath-Themas in der internationalen Forschung auf Zustimmung, wie etwa die Ausführungen des mongolischen Folkloristen Chorloo zeigen.Chorloo: Mongol ardyn javgan ülger [= Kurze Märchen der Mongolen]. Ulaanbaatar 1960, S. 31 + 46. (Studia Folclorica. Tomus 1. Fasciculus 8. Redigit Z. Damdinsüren)

Abgrenzung von der Fabel

Das Tiermärchen wird häufig auch von Wissenschaftlern mit der Fabel gleichgesetzt, obwohl sich diese beiden Erzählformen in zwei Merkmalen deutlich unterscheiden.

Der formale Unterschied besteht darin, dass Fabeln zumeist über einen namentlich bekannten Verfasser verfügen. Prominente Beispiele sind Aesop und auch Lessing. Damit gehören Fabeln nicht im eigentlichen Sinne zu folkloristischen Erzählformen bzw. im engeren Sinne dem Märchen, das sich u. a. dadurch auszeichnet, dass „Verfasser, Entstehungszeit, –ort und -zweck unbekannt sind“.Rölleke: Märchen. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte. Gemeinsam mit Georg Braungart, Klaus Grubmüller, Jan-Dirk Müller, Friedrich Vollhardt und Klaus Weimar. Hrsg. von Herald Fricke. Band 2, Berlin, New York 2000, S. 513.

Das inhaltliche Unterscheidungsmerkmal ist die der Fabel inhärente und häufig explizit formulierte Moral, aufgrund derer diese literarische Gattung „im Gegensatz zum Märchen von ihrem Schöpfer wie vom Zuhörer als eine um der Nutzanwendung willen erfundene Geschichte empfunden“ wird.Max Lüthi: Märchen. 10., aktualisierte Auflage. Bearbeitet von Heinz Rölleke. Stuttgart 2004, S. 12.

Beliebte Tierfiguren

Tiermärchen werden in jedem Kulturkreis der Erde erzählt. Daher unterscheiden sich die Figuren je nach der realen Fauna, aber auch nach den Lebensumständen der Menschen – Viehzüchter erzählen andere Tiermärchen als Ackerbauern oder Jäger. Da jedoch einige Tierarten fast auf der ganzen Welt verbreitet sind, sind sie auch in den Märchen der unterschiedlichsten Völker zu finden. Hierzu gehören z. B. der Hase, der Wolf und der Fuchs. Dennoch gibt es lokale Anpassungen. Während in vielen Kulturen die Tierfiguren keine Eigennamen haben, heißt der Fuchs in den russischen Tiermärchen Lisabeta Patrikejewna bzw. Iwanowa, ist also weiblich und häufig mit einem Wildkater namens Kotanail Iwanowitsch verheiratet, der der Bürgermeister von Sibirien ist.Haney: Russian Animal Tales, S. XXXV.

Bekannte Tiermärchen Der alte Sultan Die drei kleinen Schweinchen Der Fuchs und das Pferd Der Fuchs und die Frau Gevatterin Der Fuchs und die Gänse Der Fuchs und die Katze Der Hase und der Igel Häsichenbraut Das hässliche Entlein (Märchen) Die Hochzeit der Frau Füchsin Der Hund und der Sperling Katze und Maus in Gesellschaft Läuschen und Flöhchen Von der Nachtigall und der Blindschleiche Die Rattenfamilie Die Scholle Der Spatz, das Mäuschen und der Pfannkuchen Der Wolf und der Fuchs Der Wolf und der Mensch Der Wolf und die sieben jungen Geißlein Der Zaunkönig Der Zaunkönig und der Bär

Siehe auch Aarne-Thompson-Index Der Fuchs im Märchen

Einzelnachweise

Weblinks S. Thompson. Motif-index of folk-literature (Abschnitt: Tiermotive)

Kategorie:Märchengattung