Das Buch der Sprichwörter (so der Titel in der Einheitsübersetzung, Abkürzung: Spr) ist ein Buch der Bibel. In jüdischen Bibelübersetzungen lautet der Titel Mischle, eine Bezeichnung nach dem Anfangswort des Textes: . Im Tanach gehört Mischle zu den Ketuvim (Schriften), also zum dritten Teil des jüdischen Bibelkanons. In protestantischen Bibelübersetzungen hat das Werk folgende Buchtitel: Die Sprüche Salomos (Lutherbibel), Das Buch der Sprüche (Zürcher Bibel), Die Sprüche (Elberfelder Bibel). Der Titel in der lateinischen Vulgata lautet vollständig: Liber proverbiorum Salomonis, häufig verkürzt zu Proverbia. Im christlichen Alten Testament gehört das Sprüchebuch zu den Schriften der Dichtung und Weisheitsliteratur, die hier vor die Prophetenbücher gerückt sind.
Nach jüdischer Tradition geht das gesamte Buch auf Hiskija, den König von Juda, zurück (Babylonischer Talmud, Bava batra 15a).
Die gegenwärtige Forschung nimmt eine längere Entstehungszeit der biblischen Sprichwortsammlung an, die von der Zeit des Königs Hiskia bis in das vierte, eventuell sogar dritte Jahrhundert vor Christus reicht.
Überschrift
Im Endtext trägt das Buch die Überschrift „Sprüche Salomos“ und bildet so mit Kohelet und dem Hohen Lied die Gruppe der Salomo zugeschriebenen biblischen Bücher.Magne Sæbø: Sprüche, übersetzt und erklärt, Göttingen 2012. S. 33. Salomo als Verfasser von 3000 Weisheitssprüchen ist ein Motiv, das sich im Tanach auch in findet. Nach dem Midrasch Schir haSchirim schrieb Salomo das Hohelied in seiner Jugend, das Sprüchebuch in der Mitte seines Lebens und Kohelet im Alter., hier Sp. 1626.
Das hebräische Wort Maschal, welches im Status constructus (Plural) als Buchtitel Mischle (mišlej) erscheint, hat ein weites Bedeutungsspektrum. Es bezeichnet das Sprichwort, das Gleichniswort, den Weisheitsspruch, aber auch die Redensart oder das Spottlied (Travestie).Gesenius. 18. Aufl. 2013, S. 755f. Vgl. auch Magne Sæbø: Sprüche, übersetzt und erklärt, Göttingen 2012, S. 11. Das Substantiv ist von der Verbalwurzel , „gleich sein, gleichen“ abgeleitet, nach Martin Buber und Franz Rosenzweig (Die Schrift) kann man den Buchtitel daher übersetzen als: „Gleichsprüche“. Markus Witte zufolge ist der in verschiedenen protestantischen Bibelübersetzungen abgewandelte Buchtitel „Sprüche“ offener und daher der Vielfalt des Maschal angemessener als die von der Einheitsübersetzung in der Nachfolge der Vulgata gewählte Buchtitel „Sprichwörter.“Markus Witte: Das Sprüchebuch, Göttingen 2019, S. 446.
Im biblischen Sprüchebuch begegnen zwei Grundgattungen in zahlreichen Abwandlungen, hier S. 583.: Sprichwörter, wie sie aus vielen Kulturen bekannt sind, formulieren das, was in der jeweiligen Gesellschaft als gesunder Menschenverstand (common sense) gilt, zuweilen humorvoll pointiert und als kleines sprachliches Kunstwerk. Sie dienen einer „milden sozialen Kontrolle.“ Mahnwörter, formuliert als Prohibitiv (2. Person Singular, selten Plural) setzen eine Unterrichtssituation mit sozialem Gefälle zwischen Lehrer und Schüler voraus. Dem Schüler wird autoritativ vorgeschrieben, wie sein künftiges Verhalten auszusehen hat.
Masoretischer Text Man nimmt allgemein an, dass das Sprüchebuch einen längeren Wachstumsprozess durchlaufen hat. Das macht es selbst durch sieben Überschriften deutlich.Ludger Schwienhorst-Schönberger: Das Buch der Sprichwörter, Stuttgart 2016, S. 458. Bernd U. Schipper: Sprüche (Proverbia) 1–15, Göttingen 2018, S. 8f. Diese Siebenteiligkeit ist gewollt, sie entspricht den sieben Säulen, mit denen die Weisheit nach ihr Haus gebaut hat.Markus Witte: Das Sprüchebuch, Göttingen 2019, S. 446f. Dem Sprüchebuch ist als Prolog vorangestellt. Demnach enthält das Buch zunächst Weisheit für Anfänger (V.4: „Jugendliche“, „Unerfahrene“) und sodann für Fortgeschrittene (V.5: „Weise“, „Einsichtige“). Es führt so auf die beiden Abschlusskapitel 30 und 31 zu, die besonders anspruchsvolle Lehren bieten.Bernd U. Schipper: Sprüche (Proverbia) 1–15, Göttingen 2018, S. 16f.
+ÜberschriftUmfangVerseBeschreibung „Die Sprüche Salomos, des Sohnes Davids, des Königs von Israel“1–9256Hauptsammlung „Die Sprüche Salomos“ 10,1–22,16375Hauptsammlung, bestehend aus zwei Teilsammlungen (10,1–15,32; 15,32–22,16). Sie zeichnet sich durch kurze Sentenzen (Kunstsprüche) aus, welche jeweils nur einen Vers lang sind.Otto Betz, Beate Ego, Werner Grimm (Hrsg.): Calwer Bibellexikon Band 2, L-Z, S. 1263. „Worte der Weisen / Worte für Weise“22,17–24,2270Kleine Sammlung „Auch dies sind Worte von Weisen / Worte für Weise“: Seit Friedrich Hitzig (1858) wird die Übersetzung „Worte für Weise“ ausgeschlossen, da die Weisen keinen Unterricht brauchen. Syntaktisch ist „Worte für Weise“ allerdings näherliegender und wird auch von alten Übersetzungen (Targume, Peschitta, Vulgata) geboten. Vgl. Bernd U. Schipper: Sprüche (Proverbia) 1–15, Göttingen 2018, S. 9f.24,23–3412Kleine Sammlung „Auch dies sind Sprüche Salomos, die die Männer Chiskijas, des Königs von Juda, zusammengestellt haben“25–29138Hauptsammlung „Worte Agurs, des Sohns des Jake, von Massa“30,1–3333Zwei kleine Sammlungen: 30,1–14 und 30, 15–33. Die erste kleine Sammlung (Worte Agurs) ist ein spätes Kompendium, das den dreiteiligen Kanon des Tanach vorauszusetzen scheint. Die zweite kleine Sammlung besteht aus Zahlensprüchen., hier Sp. 1627. „Worte Lemuels, des Königs von Massa, die ihn seine Mutter gelehrt hat“31,1–3131Lehre (31,1–9) und akrostichisches Gedicht (31,10–31); letzteres enthält in V. 27 vermutlich ein hebräisch-griechisches Wortspiel: „sie überblickt“ klingt wie „Weisheit“., hier Sp. 1628.
Nach Bernd U. Schipper stellt das Überschriftensystem einen zeitlichen Abstand zu Salomo her, da Hiskija (Chiskija) weit später in Jerusalem regierte, wobei aber der Salomo-Bezug durchgehalten wird. Denn Hiskijas Männer sammeln Salomos Sprüche, und Massa (in 30,1 und 31,1) ist eine Region im Norden der Arabischen Halbinsel, die mit Salomo unter anderem über die Königin-von-Saba-Tradition verbunden ist.Bernd U. Schipper: Sprüche (Proverbia) 1–15, Göttingen 2018, S. 10–12. Die sieben Teile des Buchs sind vom Umfang sehr ungleich, wie die jeweilige Zahl der Verse zeigt; die Sammlungen mit Salomobezug haben ein deutliches Übergewicht.Bernd U. Schipper: Sprüche (Proverbia) 1–15, Göttingen 2018, S. 13.
Die Einzelsprüche sind kaum zu datieren, vieles von diesem Material geht in vorexilische Zeit zurück (vgl. ). Die Endredaktion wird im 4./3. Jahrhundert v. Chr. vermutet; Jesus Sirach (um 190 v. Chr.) scheint das Buch schon zu kennen, vgl. und .
Septuaginta-Text Die antike Übersetzung des Sprüchebuchs ins Griechische ist, wie man annimmt, um 170 v. Chr. von jüdischen Gelehrten in Alexandria angefertigt worden (Septuaginta) und geht mit ihrer Vorlage recht frei um. Das Überschriften-System des hebräischen Textes ist weitestgehend entfernt, so dass das ganze Buch unter die Autorität König Salomos gestellt ist. Es gibt sowohl Zusätze als auch Auslassungen. Wo der hebräische Text schwierig war, haben ihn die Übersetzer kreativ auf ihre eigene Lebenswelt hin interpretiert.Wolfgang Kraus, Martin Karrer (Hrsg.): Septuaginta Deutsch. Das griechische Alte Testament in deutscher Übersetzung. Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2009, S. 935 (Einleitung zu Paroimiai).
Es ist umstritten, ob die hebräische Vorlage weitgehend mit dem Masoretischen Text übereinstimmte und die zahlreichen Unterschiede also das Werk der Übersetzer sind (so Johann Cook) oder einen anderen hebräischen Texttyp darstellte (so Emanuel Tov). Insgesamt ist die griechische Version etwa 130 Zeilen (Stichen) länger als der Masoretische Text.Ludger Schwienhorst-Schönberger: Das Buch der Sprichwörter, Stuttgart 2016, S. 460f.
Ein bekannter Zusatz der Septuaginta ist das Lob der Biene, das an das Lob der Ameise angehängt wurde: Die positive Bienen-Metaphorik ist in der antiken Literatur breit vertreten, fehlt aber in der Hebräischen Bibel (wenn auch Bienenzucht bekannt war und der Honig geschätzt wurde). So wurde gerade diese Septuaginta-Passage von Autoren der Alten Kirche intensiv rezipiert, um Christen mit Bienen zu vergleichen.Karsten C. Ronnenberg: Vade ad apem et disce. Die Biene in der Bibel und das literarische Echo bei den Christen der ersten vier Jahrhunderte. In: David Engels, Carla Nicolaye (Hrsg.): Ille operum custos. Kulturgeschichtliche Beiträge zur antiken Bienensymbolik und ihrer Rezeption (= Spudasmata. Studien zur Klassischen Philologie und ihren Grenzgebieten. Band 118). Olms, Hildesheim/New York/Zürich 2008, S. 138–164, besonders S. 150–161, mit Verweis auf Clemens Alexandrinus, Origenes, Johannes Chrysostomos, Athanasius, Didymus den Blinden, Gregor von Nazianz, Hieronymus, Laktanz, Augustinus und Paulinus von Nola. (Online)
Themen Die Spruchsammlung behandelt eine Vielzahl von Themen; es geht um allgemeine Lebensweisheit, gesellschaftliche und familiäre Verbundenheit sowie um soziale Gerechtigkeit, die sich hier ausspricht: „Öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht aller Schwachen! Öffne deinen Mund, richte gerecht, verschaff dem Bedürftigen und Armen Recht!“ ().
Einiges ist von solcher überzeitlicher Gültigkeit, dass ein vergleichbares Sprichwort auch im Deutschen existiert. „Wer dem andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein“ hat zum Beispiel Ähnlichkeit mit „Wer eine Grube gräbt, fällt selbst hinein, wer einen Stein hochwälzt, auf den rollt er zurück“. Im Blick auf das Thema Erziehung und die Wirkungsgeschichte der Züchtigung wichtig ist : „Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn, wer ihn liebt, nimmt ihn früh in Zucht.“
Bezug zur altägyptischen Lehre des Amenemope mini|Ostrakon mit dem Anfang der Lehre des Amenemope, 525–404 v. Chr. (Metropolitan Museum of Art) Bereits bei der Erstedition (1923) des hieratischen Papyrus mit der Lehre des Amenemope, der 1888 dem Britischen Museum übergeben worden war, fielen Ähnlichkeiten mit dem biblischen Sprüchebuch auf. Der Berliner Ägyptologe Adolf Erman benannte mehrere Parallelen und vermutete eine literarische Abhängigkeit des biblischen Textes von der altägyptischen Weisheitslehre.Adolf Erman: Eine ägyptische Quelle der „Sprüche Salomos“. In: Sitzungsberichte der Preussischen Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse 15 (1924), S. 86–93.