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Gabriele Wohmann, geborene Guyot (* 21. Mai 1932 in Darmstadt; † 22. Juni 2015 ebenda), war eine deutsche Schriftstellerin.

Leben

mini|Das Grab von Gabriele Wohmann und ihrem Ehemann Reiner im Familiengrab Guyot auf dem Bessunger Friedhof in Darmstadt

Gabriele Wohmann stammte aus der Darmstädter Pastorenfamilie Guyot. Ihr Großvater, Pfarrer Johannes Guyot (1861–1910), hatte dort 1906 den Hessischen Diakonieverein gegründet. Ihr Vater Paul Daniel Guyot (1896–1974) wirkte ebenfalls als Diakoniepfarrer in Darmstadt. Als Internatsschülerin besuchte sie das noch nicht anerkannte Nordseepädagogium auf der Insel Langeoog, wo sie ein externes Abitur ablegte. Von 1951 bis 1953 studierte sie vier Semester ohne Abschluss Germanistik, Romanistik, Anglistik, Musikwissenschaft und Philosophie in Frankfurt am Main. Anschließend war sie als Lehrerin an ihrer ehemaligen Schule auf Langeoog sowie an einer Volkshochschule und einer Handelsschule tätig. 1953 heiratete sie den Germanisten Reiner Wohmann (* 1926, † 2017) und lebte seit 1956 als Schriftstellerin in Darmstadt, wo sie am 22. Juni 2015 im Alter von 83 Jahren starb. Gabriele Wohmann wurde auf dem Bessunger Friedhof (Grabstelle: Mauer 111) bestattet.Darmstädter Echo, Samstag, 27. Juni 2015, S. 33 Seit Mitte März 2017 trägt ein Teil der Erbacher Straße in Darmstadt ihr zu Ehren den Namen Gabriele-Wohmann-Weg.

Werk Gabriele Wohmann verfasste Erzählungen, Romane, Gedichte, Hörspiele, Fernsehspiele und Essays. Die Autorin, die sich selbst als „Graphomanin“ einschätzte, schuf seit den 1950er Jahren ein umfangreiches Werk, in dem sie anfangs – in satirischer Form – die Problematik der herkömmlichen Paarbeziehung und traditioneller Familienstrukturen aufzeichnete. Sie galt als scharfe Beobachterin. Zitat: „Frau Wohmann sieht und hört scharf hin, das tut sie immer.“

Wohmann, die in den 1960er Jahren auch an Tagungen der Gruppe 47 teilgenommen hatte, schlug seit den 1970er Jahren versöhnlichere Töne an. Ihr Werk nahm den Charakter einer fortgesetzten Chronik des Privatlebens und der Konflikte und Beschädigungen an, die sich hinter der Fassade des Alltags meist gut situierter Figuren verbergen. Ihr Ausloten des Alltäglichen wird gelegentlich als „Rückzug in die Kammer“ moniert. Andere dagegen sehen im differenziert ausgeleuchteten Mikrokosmos eine Bühne, auf der die großen Fragen des Lebens verhandelt werden: „Sie lehrt uns, genau hinzusehen und mitzubekommen, was dort geschieht, wo die Gesellschaft zusammengehalten wird: in der Sphäre des Privaten.“Meike Feßmann: Das Kunststück mit dem Mehl, Gabriele Wohmanns Erzählungsband „Scherben hätten Glück gebracht“. Süddeutsche Zeitung, 5. Februar 2007Ilka Scheidgen: Fünfuhrgespräche, S. 202. Zitat: „Das sogenannte Private innerer psychischer Vorgänge ist immer zugleich das Allgemeine.“ Zitat von Wohmann über die Bedeutung des Alltäglichen in der Literatur: „Im Grunde handelt alle dauerhafte Literatur von den unglaublichen Kompliziertheiten des menschlichen Zusammenlebens, in dem sich winzige Kränkungen zu katastrophalen Zerstörungen auswachsen können.“

Erfolgreich war Wohmann, deren Bücher in 15 Sprachen übersetzt wurden,Ilka Scheidgen: Fünfuhrgespräche, S. 178. vor allem in den 1970er und 1980er Jahren in Westdeutschland. Wesentliche Teile ihres Werks aus dieser Zeit können der Neuen Innerlichkeit und teils thematisch der Frauenbewegung nach 1968 zugerechnet werden. Ihren größten Erfolg beim Publikum erzielte sie mit dem 1974 erschienenen Roman Paulinchen war allein zu Haus, der mehr als 20 Auflagen erlebteNach Informationen des Katalogs der Deutschen Nationalbibliothek existieren momentan 23 deutschsprachige Auflagen: Die Erstauflage erschien als Hardcover 1974 bei Luchterhand und hatte bis 1975 drei Folgeauflagen. 1976 wurde es als Taschenbuch ebenfalls bei Luchterhand veröffentlicht, 1987 erschien dessen 17. Auflage. 1989 gab es im dann so genannten Luchterhand Literaturverlag und 1997 beim Piper Verlag jeweils eine Neuauflage des Werks. und 1981 verfilmt wurde. Innerhalb ihrer Fernseharbeiten fand der Film Entziehung eine höhere Aufmerksamkeit. Fast zwei Millionen Zuschauer sahen den Auftritt der Autorin in der Rolle ihrer Protagonistin Laura im Jahr 1973.Heinrich Carle: Mein Umgang mit Laura. In: Gabriele Wohmann, Entziehung. Materialien zu einem Fernsehfilm. 1974, 5. Auflage 1980, S. 191: Der ZDF-Redakteur Heinrich Carle im Wortlaut: „Ich habe sie zu ihrem Auftritt vor fast zwei Millionen Fernsehzuschauern überredet. (Fast noch ein Minderheitenprogramm – und doch fast zwei Millionen Augenpaare!)“ Gabriele Wohmann gehörte zu den Interpreten der Frankfurter Anthologie und trat regelmäßig mit Hörspielen, Essays und neuen Erzählungen in Erscheinung.

In ihren 2010 veröffentlichten Erzählungen Wann kommt die Liebe zeigt sich Gabriele Wohmann dem Literaturredakteur Johannes Breckner zufolge „als Meisterin im Erkunden jener minimalen Störungen, die ein latentes Unbehagen auslösen.“ Für die Literaturwissenschaftlerin Sabine Doering stehen diese Erzählungen beispielhaft für Wohmanns gesamtes Schaffen. Es seien „Szenen aus dem bieder-schrecklichen Mittelstandsglück, wie man sie sich pointierter kaum vorstellen kann“, meisterliche Charakterstudien, „die oft zu regelrechten Tragikomödien, manchmal aber auch zu wundervollen Grotesken werden“.

Gabriele Wohmann gilt als eine der profiliertesten deutschsprachigen Autorinnen im Bereich der Kurzgeschichte.Ilka Scheidgen: Fünfuhrgespräche, S. 178 Zitat, bezogen auf die deutschsprachige Literatur: „Sie gilt unbestritten als die beste Autorin in der Beherrschung der Kurzgeschichte.“ In mehr als fünf Jahrzehnten hat sie über 600 Erzählungen publiziert, so dass sie laut Literaturredakteur Tilman Krause als hervorragende Chronistin bundesrepublikanischen Lebens und „Königin der Kurzgeschichte“ bezeichnet werden kann.

Mitgliedschaften Gabriele Wohmann war seit 1975 Mitglied der Berliner Akademie der Künste und seit 1980 der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Von 1960 bis 1988 gehörte sie dem PEN-Zentrum der Bundesrepublik Deutschland an.

Auszeichnungen und Ehrungen

Werke Erzählungen Weihnachten ohne Parfüm. Erzählungen, Aufbau, Berlin 2015, ISBN 978-3-351-03606-5 Eine souveräne Frau. Die schönsten Erzählungen, Aufbau, Berlin 2012 (Hrsg. und mit einem Nachwort von Georg Magirius), ISBN 978-3-351-03393-4 Wann kommt die Liebe, Erzählungen, Aufbau, Berlin 2010, ISBN 978-3-351-03310-1 Schwarz und ohne alles, Erzählungen, Aufbau, Berlin 2008, ISBN 978-3-351-03238-8 Scherben hätten Glück gebracht, Erzählungen, Aufbau, Berlin 2006, ISBN 3-351-03081-9 Fahr ruhig mal 2. Klasse. Geschichten von unterwegs, Erzählungen, Pendo, Zürich/München 2004 Umwege, Erzählung, Radius, Stuttgart 2003 (Mit Arbeiten auf Papier von Jürgen Brodwolf) Goldene Kniekehlen, Prosa, Edition Toni Pongratz, Hauzenberg 2002, ISBN 3-931883-20-5 Frauen schauen aufs Gesicht, Erzählungen, List Taschenbuch Verlag, München 2000 Frauen machens am späten Nachmittag. Sommergeschichten, Pendo, Zürich/München 2000 Schwestern, Erzählungen, Piper, München 1999 Bleibt doch über Weihnachten, Erzählungen, Pendo, Zürich/München 1998 Vielleicht versteht er alles, Erzählungen, Piper, München 1997 Die Schönste im ganzen Land. Frauengeschichten, Piper, München 1995 (darin: Auto fährt er gern) Wäre wunderbar; am liebsten sofort, Erzählungen, Piper, München 1994 Das Salz bitte. Ehegeschichten, Piper, München 1992 Alles an seinem Ort, Erzählung, Eremiten-Presse, Düsseldorf 1992 Er saß in dem Bus, der seine Frau überfuhr, Erzählungen, Luchterhand-Literaturverlag, Hamburg/Zürich 1991 Kassensturz, Erzählungen, Luchterhand-Literaturverlag, Frankfurt am Main 1989 Ein russischer Sommer, Erzählungen, Luchterhand, Darmstadt/Neuwied 1988 (darin: Das Amen in der Kirche) Der siebzigste Geburtstag, Erzählung, Merck, Darmstadt 1986 (Zeichnungen und Gestaltung: Helmut Lortz; Vorwort: Reiner Welters) Gesammelte Erzählungen aus dreißig Jahren, Band 1 bis 3, Luchterhand, Darmstadt/Neuwied 1986 (Hrsg. von Thomas Scheuffelen) Begegnung mit zwei Eichen, Erzählung, Delphin-Verlag, München/Zürich 1985 (Illustriert von Hermann Groeneveld) Der Irrgast, Erzählungen, Luchterhand, Darmstadt/Neuwied 1985 Bucklicht Männlein, Erzählungen, Aufbau, Berlin/Weimar 1984 (Ausgewählt von Almut Giesecke) Der Kirschbaum, Erzählung, Eremiten-Presse, Düsseldorf 1984 (Mit Orig.-Offsetlithographien von Otmar Alt) Verliebt, oder?, Erzählungen, Sammlung Luchterhand, Darmstadt/Neuwied 1983 Goethe hilf, Erzählungen, Eremiten-Presse, Düsseldorf 1983. Mit Orig.-Offsetlithographien von Klaus Endrikat (darin: Mistkäfer) Der kürzeste Tag des Jahres, Erzählungen, Luchterhand, Darmstadt/Neuwied 1983 (darin: Bucklicht Männlein und Fünf vor zwölf) Das Trugbild, Erzählung, Edition Toni Pongratz, Hauzenberg 1982 Einsamkeit, Erzählungen, Luchterhand, Darmstadt/Neuwied 1982 Stolze Zeiten, Erzählungen, Claassen, Düsseldorf 1981 (ein Teil der Erzählungen auch veröffentlicht als Ein Mann zu Besuch, Piper, München/Zürich 1993) Komm donnerstags, Erzählungen, Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1981 Ein günstiger Tag, Erzählungen, Eremiten-Presse, Düsseldorf 1981 Ein Mann zu Besuch, Erzählungen, Piper, München/Zürich 1981 Wir sind eine Familie, Erzählungen, Eremiten-Presse, Düsseldorf 1980 Vor der Hochzeit, Erzählungen, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1980 Violas Vorbilder, Erzählung, Eremiten-Presse, Düsseldorf 1980 (Mit Offsetlithographien von Kirsten Hammerström) Guilty, Erzählung, Eremiten-Presse, Düsseldorf 1980 (Mit Offsetlithographien von Günter Dimmer) Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Luchterhand, Darmstadt/Neuwied 1979 (Hrsg. von Thomas Scheuffelen, darin in Bd. 1: Wiedersehen in Venedig) Paarlauf, Erzählungen, Luchterhand, Darmstadt/Neuwied 1979 (auch veröffentlicht bei Aufbau, Berlin/Weimar, 1981) Knoblauch am Kamin, Erzählung, Eremiten-Presse, Düsseldorf 1979 (Mit Offsetlithographien von Anthony Canham) Streit, Erzählungen, Eremiten-Presse, Düsseldorf 1978 (Orig.-Offsetlithographien von Kirsten Hammerström) (darin: Der Schwan) Die Nächste bitte, Erzählung, Eremiten-Presse, Düsseldorf 1978 (Mit Orig.-Graphiken von Bert Gerresheim) Das dicke Wilhelmchen, Eremiten-Presse, Düsseldorf 1978 (Mit Originalgraphiken von Maria Nandori) Nachrichtensperre. Ausgewählte Erzählungen, Aufbau, Berlin/Weimar 1978 Böse Streiche und andere Erzählungen, Eremiten-Presse, Düsseldorf 1977 (Mit Graphiken von Hans Borchert) Alles zu seiner Zeit, Erzählungen, Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1976 Endlich allein, endlich zu zwein, Eremiten-Presse, Düsseldorf 1976 (Mit Orig.-Graphiken von Anthony Canham) Ein Fall von Chemie, Erzählung, Eremiten-Presse, Düsseldorf 1975 (Mit Offsetlithographien von Heinz Balthes) Dorothea Wörth, Erzählung, Eremiten-Presse, Düsseldorf 1975 Habgier, Erzählungen, Eremiten-Presse, Düsseldorf 1973 (Mit Originalgraphiken von Pierre Kröger) Übersinnlich, Erzählung. Eremiten-Presse, Düsseldorf 1972 Alles für die Galerie, Erzählungen, Aufbau, Berlin/Weimar 1972. Mit einer Nachbemerkung von Günther Cwojdrak (darin: Habgier) Selbstverteidigung. Prosa und anderes, Luchterhand, Darmstadt/Neuwied 1971 (darin: Wenn der Wolf geht). Treibjagd, Erzählungen, Reclam, Stuttgart 1970 Sonntag bei den Kreisands, Erzählungen, Eremiten-Presse, Stierstadt i.Ts. 1970. Mit Orig.-Graphiken von Heinz Balthes (darin: Alles für die Galerie, Sonntag bei den Kreisands) Ländliches Fest und andere Erzählungen, Luchterhand, Berlin/Neuwied 1968 (darin: Treibjagd, Ländliches Fest, Der Knurrhahn-Stil und Verjährt) Große Liebe und andere Liebesgeschichten von heute, Desch, München 1968 Die Bütows, Erzählung, Stierstadt i. Ts. 1967 Erzählungen, Langewiesche-Brandt, München 1966, auch veröffentlicht als Ein unwiderstehlicher Mann, Erzählungen, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1975. (darin: Die Klavierstunde, Ich Sperber)