mini|Detail einer illuminierten Esterrolle, aschkenasisch, 18. Jahrhundert (Gross Family Collection, Israel) Das Buch Ester bzw. EstherDer Name lautet nach den Loccumer Richtlinien zur ökumenischen Schreibung biblischer Eigennamen Ester., , ist ein Buch der Bibel, das von den Gefährdungen, aber auch Möglichkeiten des Lebens in der antiken jüdischen Diaspora erzählt. Der loyale Hofbeamte Mordechai und die schöne und mutige Königin Ester vereiteln den vom Großwesir Haman geplanten Genozid an den Juden im Perserreich. Am Ende der Erzählung sind alle Feinde tot, die Juden sind geachtet und glücklich, viele Proselyten schließen sich ihrer Religion an, und das Purimfest wird als jährliches Freudenfest gefeiert, das an Esters Tat erinnert.
Das Esterbuch ist in drei verschiedenen Fassungen überliefert: einer hebräischen und zwei davon abweichenden griechischen Versionen. Das hebräische Esterbuch ist von hoher literarischer Qualität, aber wenig (und jedenfalls nicht explizit) religiös. Dies haben die griechischen Versionen durch eingefügte Gebete von Ester und Mordechai und weitere Hinweise auf ihre Frömmigkeit geändert.
Im jüdischen Kanon gehört das hebräische Esterbuch zum dritten Hauptteil des Tanach, den Ketuvim (Schriften). Es wird als Festrolle (Megilla) beim Purimfest gelesen.
Im christlichen Kanon der Septuaginta wird das griechische Esterbuch zu den Geschichtsbüchern gerechnet. Diese Einordnung übernehmen moderne katholische wie evangelische christliche Bibelübersetzungen mit Ausnahme der Bibel in gerechter Sprache, die dem jüdischen Kanon folgt. Es wird aber ein unterschiedlicher Text geboten. Evangelischen Bibelübersetzungen (Lutherbibel, Zürcher Bibel, Elberfelder Bibel und weitere) liegt der hebräische Text zugrunde, während die römisch-katholische Einheitsübersetzung einen Mischtext bietet: „[Sie] verbindet die Erweiterungen aus der griechischen Fassung mit dem hebräischen Kerntext.“Revidierte Einheitsübersetzung (2016), Vorwort zum Buch Ester. Aus diesem Grund wird in Folgenden auf die Textfassung der Zürcher Bibel als einer modernen Übersetzung des hebräischen Textes verlinkt.
Hebräisches Esterbuch 400px|mini|Die erste erhaltene künstlerische Darstellung der Estergeschichte ist ein Fresko der Synagoge von Dura Europos, etwa 245 n. Chr. Rechts thront König Ahasveros, neben ihm Ester als Königin. Links wird Mordechai geehrt, indem er auf dem Pferd des Königs reiten darf, das von Haman geführt wird, vgl. . Mordechai ist als vornehmer Parther gekleidet, Haman dagegen als Römer.Aaron Koller: Esther in Ancient Jewish Thought. Cambridge University Press, New York 2014, S. 153–155. (Nationalmuseum Damaskus)
Inhalt Das Esterbuch spielt am persischen Hof in Susa und versetzt den Leser in eine märchenhafte Welt luxuriöser Festbankette und höfischer Intrigen.Vgl. Hanna Liss: Das Buch Ester, Heidelberg 2019, S. 453: „Das Buch stellt eine kunstvolle und geradezu märchenhaft ausgestaltete Novelle dar.“ Der König AhasverosAufgrund ihres eklektischen Charakters trägt die Einheitsübersetzung den Namen des Königs in der Septuaginta-Version, Artaxerxes, auch dort ein, wo sie hebräischen Text übersetzt. verstößt die Königin Waschti (), weil sie sich geweigert hat, bei einem Bankett vor den Gästen zu erscheinen. Daraufhin werden Jungfrauen aus dem ganzen Reich an den Königshof gebracht, aus denen der König eine neue Gemahlin auswählen soll. Darunter ist Hadassa, die auch Ester heißt und aus einer jüdischen Familie stammt, was am Hof zunächst nicht bekannt ist. Sie ist nach dem Tod ihrer Eltern bei ihrem Cousin aufgewachsen, dem Hofbeamten Mordechai. Mordechai empfiehlt ihr, über die Herkunft Stillschweigen zu bewahren. Nach einer Vorbereitungszeit von zwölf Monaten, während der Ester von Hegai, dem Eunuch des Königs und Vorsteher des Jungfrauenhauses, protegiert wird, wird Ester vor den König gebracht. Sie entgeht dem Schicksal, nach der ersten Nacht unbeachtet im Harem zu verbleiben, sondern erlangt das Wohlwollen des Königs. Ihre Erhebung zur Königin und die Heirat mit Ahasveros ist eine quasi private Szene, bei der alle höfische Prachtentfaltung fehlt ().Harald Martin Wahl: Das Buch Esther, Berlin / New York 2009, S. 81f. Erst im Anschluss folgt ein Festbankett.
Mordechai bringt eine Verschwörung gegen den König zur Anzeige. Als Mordechai sich einige Zeit später weigert, den Großwesir Haman durch Proskynese zu ehren, hat das weitreichende Folgen. Motive für sein Handeln werden nicht genannt; der Leser kann aber vermuten: Mordechai handelt so als religiöser Jude; dass die Proskynese nur Gott zusteht, ist ein im Tanach vertrauter Gedanke.Harald Martin Wahl: Das Buch Esther, Berlin / New York 2009, S. 92. Aber der in seiner Ehre gekränkte Haman plant daraufhin die Ermordung aller Juden im Reich; der Tag dafür wird von ihm ausgelost. Es ist der 13. Adar (Ende Februar / Anfang März). Der König, der als Marionette Hamans erscheint, billigt diesen Genozid, und die Eilläufer der persischen Post tragen den Aufruf zum Pogrom in alle Provinzen des Reichs. Während Ahasveros und Haman ihre Tat mit einem Gelage feiern, sind die Einwohner der Residenz Susa entsetzt.
Mordechai tritt als öffentlicher Büßer vor dem Palast auf, ein Verhalten, von dem Ester ihn zuerst abzubringen versucht. Er informiert Ester über das geplante Pogrom und fordert sie auf, sich für ihr Volk einzusetzen. Ihre Intervention beim König ist ein Wagnis, auf das sie sich, gemeinsam mit allen Juden in Susa, durch dreitägiges Fasten vorbereitet. Dann tritt sie allein vor den König. Ahasveros fragt gnädig, was ihr Anliegen sei. Ester lädt den König und Haman zu einem Bankett ein. In seiner Hochstimmung ob dieser Einladung bereitet Haman die Vernichtung Mordechais vor, die seinen Triumph komplettieren soll: Er lässt für ihn einen überdimensionierten Galgen errichten ().Das Aufhängen am Holz bzw. Pfählen war die im Perserreich übliche Todesstrafe, vgl. Art. תלה, in: Gesenius, 18. Aufl. 2013, S. 1440. Die Formulierung kommt auch außerhalb des Esterbuchs mehrmals im Tanach vor, vgl. vor allem . Es ist wohl als Leichenschändung eines bereits hingerichteten Verbrechers zu verstehen, vgl. Harald Martin Wahl: Das Buch Esther, Berlin / New York 2009, S. 155. Unterdessen erfährt Ahasveros davon, dass Mordechai die Verschwörung gegen ihn aufgedeckt hat, und ordnet an, dass er dafür besonders geehrt werden soll – womit Haman beauftragt wird, was dessen Erbitterung gegen Mordechai steigert, aber auch schon Hamans Entmachtung einleitet.
Bei dem von ihr ausgerichteten Bankett bittet Ester den König in einer kunstvollen Rede um ihr Leben und das Leben ihres Volkes. Ahasveros greift nur einen Aspekt auf: wer wagt es, seine Gemahlin zu bedrohen? () Ester weist auf Haman als Urheber des geplanten Pogroms. Erregt steht der König von der Tafel auf und geht in den Palastgarten. Haman versucht sich zu retten, indem er Ester um Vergebung bittet (ihre Reaktion wird nicht erzählt). Ahasveros tritt wieder in den Raum und sieht Haman über Esters Polster hingestreckt. Er missversteht diese Annäherung als Vergewaltigungsversuch; damit ist der Untergang Hamans besiegelt. Er wird abgeführt und an dem Galgen gehenkt, den er für Mordechai errichten ließ.Harald Martin Wahl: Das Buch Esther, Berlin / New York 2009, S. 149–153.
Die Bevölkerung in Susa jubelt Mordechai zu, viele Menschen konvertieren zum Judentum. Ahasveros hebt mit einem neuen Edikt das Pogromedikt auf und gewährt seinen jüdischen Untertanen zwei Privilegien: Versammlungsfreiheit und Verteidigungsfreiheit (). Nach dem Grundsatz, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, erhalten sie die Erlaubnis, die Angreifer mit Frauen und Kindern zu töten, so wie diese es mit ihnen tun wollten. Erst dadurch ist die Gefahr wirklich überwunden.Harald Martin Wahl: Das Buch Esther, Berlin / New York 2009, S. 166–168. Vom 13. bis zum 15. Adar töten sie über 75.000 Judenfeinde im gesamten persischen Reich. Der 14. Adar wird zum landesweiten Festtag erklärt, der 15. Adar dagegen zum Festtag in der Stadt Susa.
Aufbau der Erzählung Der kunstvolle Aufbau der Erzählung lässt sich auf verschiedene Weise analysieren. So zählt Arndt Meinhold acht Bankettszenen, die sich zu vier Festgelagepaaren gruppieren. Das erste Festgelagepaar dient der Selbstinszenierung des persischen Königs. In dem letzten Festgelagepaar, das damit kontrastiert, feiern die Juden ihre Befreiung und konstituieren sich als Gemeinschaft.Arndt Meinhold: Zu Aufbau und Mitte des Estherbuches, 1983, S. 435–437. Erich Zenger: Das Buch Ester, Stuttgart 2016, S. 382. Jon B. Levenson und andere zählen dagegen zehn Bankette, bzw. fünf Bankettpaare, was aber an Meinholds und Zengers These, dass das erste und das letzte Paar einen Gegensatz bilden, nichts ändert. Vgl. Jon D. Levenson: Esther. A Commentary. Westminster John Knox Press, Louisville / London 1997, S. 5f. Mehrfach wurde ein „Spiegelprinzip“ bzw. eine Umkehrstruktur (reversal structure) im Esterbuch aufgezeigt, die z. B. nach Jon B. Levenson schematisch so dargestellt werden kann:Jon D. Levenson: Esther. A Commentary. Westminster John Knox Press, Louisville / London 1997, S. 7–9. AbstiegAufstiegA Größe des Ahasveros ()A’ Größe des Ahasveros und des Mordechai ()B Zwei persische Bankette ()B’ Zwei jüdische Bankette ()C Ester verbirgt ihre jüdische Identität ()C’ Nichtjuden konvertieren zum Judentum ()D Erhöhung Hamans ()D’ Erhöhung Mordechais ()E Judenfeindliches Edikt ()E’ Judenfreundliches Edikt ()F Gespräch Mordechais mit Ester ()F’ Gespräch Esters mit Ahasveros ()G Erstes Festmahl Esters für Ahasveros und Haman ()G’ Zweites Festmahl Esters für Ahasveros und Haman ()H Königliche Ehrung Mordechais ()
Hauptpersonen Im Esterbuch treten vier Hauptpersonen auf, literarische Typen, die vor allem durch ihr Handeln gekennzeichnet werden:Harald Martin Wahl: Das Buch Esther, Berlin / New York 2009, S. 16f. Erich Zenger: Das Buch Ester, Stuttgart 2016, S. 384.
König Ahasveros – persönlich integer, politisch unbekümmert, folgt er spontanen Aufwallungen von Zorn oder Zuneigung. Königin Ester – diplomatisch klug, dabei nach anfänglichem Zögern konsequent, findet die Heldin des Buchs stets das Wohlwollen ihrer Umgebung. Mordechai – sowohl seinem Gott als auch dem persischen König treu, steht er zu seiner ethnischen und religiösen Herkunft. Haman – der intrigante, aber auch eitle und dumme Höfling versucht, die Unerfahrenheit des Königs zum eigenen Vorteil zu nutzen.
Ort und Zeit der Handlung hochkant|mini|Relief aus dem achämenidischen Palast in Susa (Pergamon-Museum Berlin) Der Erzähler hat sehr genaue Vorstellungen von der Palastanlage der Perserkönige. In Susa unterscheidet er die Zitadelle von der Stadtsiedlung; innerhalb der Zitadelle befindet sich der eigentliche Palast. Der Zutritt zum Palast erfolgt durch das „Tor des Königs“, wo mehrere Szenen des Esterbuchs lokalisiert sind. Im Palast gibt es den königlichen Wohntrakt und, davon getrennt, das Frauenhaus. Ferner unterscheidet der Erzähler einen allgemein zugänglichen äußeren Palasthof und einen inneren Hof, der nur auf königliche Einladung hin betreten werden darf. Weiterhin gibt es im Palastbereich ein Gebäude für die Bankette des Königs und einen Garten.Beate Ego: Ester, Göttingen 2017, S. 11–14. Möglicherweise kannte der Verfasser den Palast in Susa aus eigener Anschauung; da Susa bei der Eroberung durch Alexander den Großen 330 v. Chr. nicht zerstört wurde, steht eine solche Ortskenntnis nicht notwendig im Widerspruch zu einer späten Abfassung des Buches.Harald Martin Wahl: Das Buch Esther, Berlin / New York 2009, S. 27.