mini|hochkant|Aufbau und Funktionsweise einer Pfefferspraydose mini|Demonstration des Einsatzes von Pfefferspray bei einem Sicherheitstraining mini|hochkant|Inert-Spray

Pfefferspray ist ein in Sprühdosen unter Druck vorliegender, kontrolliert austreibbarer Reizstoff mit dem aus Chili-Schoten gewonnenen Wirkstoff Capsaicin. Es wird meist zur Selbstverteidigung gegen Haushunde, Wildtiere oder Menschen (Notstand bzw. Notwehr) als Abwehrmittel bzw. Distanzwaffe eingesetzt. In einigen Ländern einschließlich der USA wird es auch zur Abwehr von Bären benutzt (s. Anwendung gegen Haus- und Wildtiere).

Um die rechtliche Einstufung als Waffe und damit Prüfung und Bestimmungen nach dem Waffengesetz (etwa Reichweitenbegrenzung auf 2 m) in Deutschland zu umgehen, ist auf vielen Abwehrsprays der Hinweis „Nur zur Tierabwehr“ (oder vergleichbar) aufgedruckt.Feststellungsbescheid des Bundeskriminalamtes vom 7. November 2008, Az. SO11-5164.01-Z-50. Ein bewusstes Mitführen zur Anwendung gegenüber Menschen und der entsprechende Einsatz ist daher verboten. Der Einsatz gegenüber Menschen kann jedoch ggf. als Notwehrhandlung gerechtfertigt sein. Ob der an sich verbotene Einsatz im Rahmen der Notwehr zulässig war, entscheidet letztlich ein Gericht im Einzelfall.

Der Einsatz durch Vollzugskräfte wie Polizei und Feldjäger erfolgt durch Ausnahmegenehmigung der zuständigen Ministerien. Der Einsatz durch die Bundeswehr im Auslandseinsatz – auch für Feldjäger – ist nach dem Genfer Protokoll „gegenüber Angehörigen gegnerischer Streitkräfte“ verboten.

Anwendung gegen Haus- und Wildtiere Neben der Selbstverteidigung gegen Menschen und Haustiere und als Zwangsmittel bei Widerstand gegen Vollzugsbeamte wird der Reizstoff auch als Abwehrmittel gegen wilde Tiere, insbesondere Bären, eingesetzt. Die Notwehr, bei Tieren der Notstand, rechtfertigt den Einsatz im juristischen Sinn. Anwendungsgebiete sind z. B. Nord-Kanada, Alaska, Sibirien und Kamtschatka sowie die USA. Üblich sind dort Inhaltsvolumen um 340 ml, um bei sich bewegenden Tieren einschließlich der zur Abwehr wirkungslosen Treffer außerhalb von Augen, Nase und Maul (Schleimhäute) dennoch ausreichende Wirkung zu erzielen. Auf Spitzbergen, das zu Norwegen gehört, ist der Reizstoff verboten.

Technische Ausführungen und Risiken Das Funktionsprinzip eines Reizstoffsprühgerätes ist identisch mit dem einer Sprühdose. Die im Handel erhältlichen Sprays können den Wirkstoff flüssig, als Schaum oder als Gel freisetzen. Das Sprühbild kann einem konischen Nebel oder einem Strahl entsprechen. Die Reichweite beträgt bei handelsüblichen Geräten 1,5 bis 5 m. Einige Hersteller bieten so genannte Inert-Sprays an. Diese Sprühgeräte enthalten eine harmlose Ersatzflüssigkeit ohne den Wirkstoff OC und ermöglichen so ein gefahrloses Einsatztraining.

Pfefferspraybehälter stehen unter Druck. Wie alle Sprühdosen müssen sie vor direkter Sonneneinstrahlung und Hitze über 50 °C geschützt werden, ansonsten besteht Explosionsgefahr, in diesem Fall mit zusätzlicher massiver und unkontrollierter Freisetzung des Wirkstoffs (siehe Abschnitt#Der Wirkstoff und dessen Wirkungsweise). Auch leere Behälter sollen nicht geöffnet oder verbrannt werden.

mini|„Jet Protector JPX“ mit Laservisier, zweischüssig, Piexon Inc. Neben kleineren Abschussgeräten, die in die hohle Hand passen, sind pistolenartig geformte, in der Schweiz produzierte, zwei- bis vierschüssige Geräte, auch mit hinzugefügtem Laservisier im Einsatz, die mit hoher Geschwindigkeit eine Reizstoffwolke abgeben, die in 4 bis 7 m Entfernung ihr Ziel erreicht.Piexon.com, abgerufen am 15. Juni 2022. Auch sie dürfen in Deutschland nur zur Tierabwehr oder zur Notwehr bzw. Nothilfe eingesetzt werden., Feststellungsbescheide des BKA, abgerufen am 15. Juni 2022. Übungspatronen mit Lebensmittelfarbe sind verfügbar.

Der Wirkstoff und dessen Wirkungsweise Der Wirkstoff Capsaicin wird aus dem Harzöl (Oleoresin) von Pflanzen der Gattung Capsicum (Chilis bzw. Paprika) gewonnen, weswegen als Wirkstoff auch die Bezeichnung Oleoresin Capsicum (OC) angegeben wird. Pfeffer der Gattung Piper ist in einem Pfefferspray jedoch nicht enthalten, die irreführende Bezeichnung geht auf einen Übersetzungsfehler aus dem Englischen zurück, da auf Englisch „pepper“ sowohl „Pfeffer“ als auch „Paprika“ bedeuten kann.

Nach der Freisetzung von Capsaicin treten folgende Wirkungen auf:

Augen: heftiger brennender Schmerz und Schwellung der Schleimhäute bewirkt das sofortige Schließen der Augenlider für ungefähr fünf bis zehn Minuten. Atmung: Ein Einatmen des Pfeffersprays führt zu Husten und Atemnot, selten Ersticken. Haut: Die besprühten Stellen „brennen“ und zeigen für 15 bis 40 Minuten einen Juckreiz. Je nach Dosierung kann es aber noch 48 Stunden dauern, bis die Wirkung nachlässt.

All diese Wirkungen treten sofort oder innerhalb weniger Sekunden ein.

Allgemeiner Wirkmechanismus Der physiologische Wirkmechanismus von Capsaicin beruht auf der Ausschüttung des Nervenübertragungsstoffs (Neurotransmitters) Substanz P in den freien Endigungen (Nozizeptoren) peripherer Nerven. Zusätzlich wird in Haut und Schleimhaut eine Entzündungsreaktion ausgelöst.

Bei längerfristiger Anwendung von Capsaicin kommt es zu einem Wirkverlust, da die Ausschüttung der Substanz P nachlässt, was eine geringere Schmerzempfindlichkeit zur Folge hat.

Risikopersonen und Todesfälle Bei gebrechlichen Personen, wie Asthmatikern und Menschen unter Drogeneinfluss, besteht die Gefahr von Todesfällen. Allein in Kalifornien wurden 26 Tote zwischen Januar 1994 und Juni 1995 dokumentiert.ACLU, Oleoresin Capsicum, – Pepper Spray Update, More Fatalities, More Questions, Juni 1995, S. 2.„Pepper spray’s lethal legacy“ in The Ottawa Citizen. 22. Oktober 1998, S. A1 Weiteren Forschungen zufolge erhöht der Wirkstoff Capsaicin die Sterblichkeitsrate von Menschen unter Einfluss von Kokain um ein Vielfaches, siehe den entsprechenden Abschnitt im Artikel Capsaicin.

Augen Am Auge führt Capsaicin zu einem heftigen brennenden Schmerz sowie zu einem krampfartigen Schluss der Augenlider. Daneben kommt es zu einer Rötung und Schwellung der Bindehaut und zu heftigem Tränenfluss. Vereinzelt sind Schädigungen des Hornhautepithels beschrieben, diese heilen jedoch folgenlos ab. Träger von Kontaktlinsen können vermehrte Reaktionen zeigen, weil sich zwischen der Kontaktlinse und der Hornhaut ein Wirkstoffdepot entwickeln kann.

Längeres Einwirken von Capsaicin führt zu einer herabgesetzten Schmerzempfindlichkeit der Bindehaut des Auges, was zu einem selteneren Lidschlag führen kann, was wiederum eine Austrocknung der Hornhaut zur Folge hat, die mit einer Trübung der Hornhaut einhergeht. Dadurch besteht die Gefahr, dass es zu einem zeitweiligen Sehverlust kommen kann.An Appraisal of Technologies of Political Control

Atmung Die Wirkung auf die Atemwege ist stark davon abhängig, in welchem Ausmaß der Wirkstoff in den Mund und die Atemwege gelangt; ein Hustenreiz tritt jedoch fast immer ein. Teilweise kann es bei Asthmatikern zu einer Verkrampfung des Bronchialsystems und zum Stimmritzenkrampf kommen. Insbesondere bei labiler Blutdrucklage oder vorbestehendem arteriellen Bluthochdruck können alle zuvor benannten Reaktionen zu massiven Kreislaufbeschwerden (siehe hypertensive Krise) führen. Die körperlichen Reaktionen sind dazu geeignet, getroffene Personen zusätzlich psychisch zu beeinflussen, so dass auch eine Verstärkung des aggressiven Verhaltens oder eine panikartige, furchtsame Reaktion folgt.

Haut Eine Histaminausschüttung führt zu einer Hautrötung und kann eine Quaddelbildung und Schwellung auslösen, selten kommt es zu Blasenbildung. Die genannten Symptome klingen meist über einen Zeitraum bis 45 Minuten ab, eine Reinigung der betroffenen Körperstellen kann diese Zeit verkürzen.

Behandlungshinweise mini|Ein Demonstrant spült seine Augen, nachdem er mit Pfefferspray in Kontakt gekommen ist.

Nach Empfehlung der Hersteller sollten Betroffene den Reizstoff so schnell wie möglich für die Dauer von 10–15 Minuten mit kaltem Wasser abspülen. Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestags, Nr. 83/10, 24. November 2010 (PDF; 64 kB).Sicherheitsdatenblatt MK-3 PFEFFERSPRAY 50ML. Stand 5. November 2008 (PDF; 22 kB). Die Verwendung anderer Mittel ist kontraindiziert. Kaltes Wasser schließt die Poren und verhindert so die weitere Aufnahme des Reizstoffes. Reiben, Schrubben oder Kratzen sollte vermieden werden, da ansonsten die Substanzen intensiver in die Haut eindringen können. Gleiches gilt für die Verwendung von Cremes und Salben. Nach den ersten 10–20 Minuten lässt der Schmerz langsam nach. Alle Symptome sollten innerhalb einer Dreiviertelstunde abklingen. Sollte dies nicht der Fall sein, ist umgehend ärztliche Behandlung notwendig.

Bei Kontakt mit den Augen sollten diese ebenfalls für 10–15 Minuten mit fließendem kalten Wasser ausgespült und sofort danach ein Facharzt besucht werden. Auch eine Augenspülflasche kann verwendet werden. Kontaktlinsen sollten entfernt werden. Die Symptome sollten nach spätestens 45 Minuten abgeklungen sein.

Bei Kontakt mit der Mundschleimhaut sollte diese umgehend mit kaltem Wasser ausgespült werden. Ein Verschlucken des Spülwassers ist zu verhindern. Sollte das Reizgas bis in den Rachen eingedrungen sein, ist die Atmung des Betroffenen zu überwachen und gegebenenfalls sofort der Rettungsdienst zu rufen, da es zu einem Zuschwellen der Atemwege kommen kann.

Anwendung bei der Polizei mini|US-Polizeieinsatz mit Pfefferspray in Seattle 1999 mini|hochkant=0.5|RSG-3

Pfefferspray ersetzt weltweit mittlerweile bei vielen Polizeibehörden das CS-Gas, da dieses in seiner Wirkung erheblich unzuverlässiger ist. Es wurde bei der deutschen Polizei Anfang 2000 als Einsatzmittel für Polizeivollzugsbeamte eingeführt, um unmittelbaren Zwang auszuüben. Ziel war und ist es, damit ein milderes Zwangsmittel als den Schlagstock oder sogar gegenüber dem Schusswaffengebrauch zu schaffen, um dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit bei der Auswahl des Zwangsmittels besser Rechnung tragen zu können.Björn Schering: Gutachten, Berlin 2010.

Bei deutschen Polizeien wird Pfefferspray ausschließlich mittels Reizstoffsprühgeräten (RSG) verwendet. Der Anteil des Reizstoffes beträgt bei der deutschen Polizei 0,3 Gew.-%. Die polizeilichen Ausführungen (RSG 1, 2, 3 und 4) unterliegen der Technischen Richtlinie Reizstoff-Sprühgeräte (TR RSG) und sind nicht auf dem freien Markt erhältlich. Vergleichbare Modelle sind als zivile Ausführungen erhältlich.

Capsaicingeschosse Der Reizstoff kann auch mit speziellen Schusswaffen als Kapsel verschossen werden (Pepperball). Diese platzt bei einem Treffer auf eine Person auf und bedeckt sie mit dem pulverisierten Reizstoff. In Deutschland wurden solche Waffen erstmals im Februar 2010 per Verwaltungsbeschluss für die sächsische Polizei zugelassen.SEK setzt neue Waffen aus den USA ein, Bild, Februar 2010 Bei Polizeikräften in den USA wurde diese Waffe teilweise wieder abgeschafft, nachdem 2004 eine Passantin in Boston durch einen Schuss ins Auge getötet worden war., CNN, Oktober 2004

Rechtliche Situation Deutschland Pfeffersprays sind in Deutschland rechtlich in zwei Kategorien einzuordnen: Zum einen solche, die gegen Menschen eingesetzt werden sollen und damit als Reizstoffsprühgeräte im Sinne des Waffengesetzes gelten.Anlage 1 Abschnitt 1 Unterabschnitt 2 Ziffer 1.2.2 zu § 1 Absatz 4 Waffengesetz Zum anderen solche, die zur Tierabwehr mitgeführt werden und auch entsprechend gekennzeichnet sind (Tierabwehrspray). Bei Tierabwehrsprays handelt es sich nicht um Waffen im Sinne des Waffengesetzes. Sie dürfen von jedermann und ohne Altersbeschränkung bei sich getragen werden.