mini|Lage Namibias in Afrika Die Geschichte Namibias umfasst die historischen Entwicklungen auf dem Territorium der Republik Namibia von der Ur- und Frühgeschichte bis nach der Unabhängigkeit des Staates. Wesentliche Abschnitte der Moderne stellen die deutsche Kolonialzeit, das Völkerbundmandat in Ausübung durch südafrikanische Verwaltungsbehörden sowie die Unabhängigkeitsbemühungen im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts durch politische Reformbestrebungen der multiethnischen Zivilbevölkerung und im Namibischen Unabhängigkeitskampf dar.

Ur- und Frühgeschichte Fossilien eines vor rund 13 Millionen Jahre in den heutigen Otavibergen lebenden Menschenartigen (Otavipithecus namibiensis)Glenn C. Conroy, Martin Pickford, Brigitte Senut, John Van Couvering und Pierre Mein: Otavipithecus namibiensis, first Miocene hominoid from southern Africa. In: Nature. Band 356, 1992, S. 144–148, doi:10.1038/356144a0. belegen, dass Namibia – wie auch die nördlicheren Regionen Afrikas – bereits im mittleren Miozän von engen Verwandten der frühen Vorfahren des Menschen besiedelt war.

Im Süden des Landes gefundene Fragmente von Steinplatten der Apollo-11-Höhle mit Menschen- und Tierdarstellungen werden auf 27.000 Jahre vor Christus geschätzt. Man geht weiter davon aus, dass einige der Felsbilder am Brandberg, im Erongogebirge und im Spitzkoppegebiet um die 7.000 Jahre alt sind.

Bis zur europäischen Besiedelung mini|Weiße Dame Bis zur ersten Entdeckung durch die Europäer war das Land sehr dünn durch die teilweise nomadisch lebenden Völker der Damara und San bewohnt. Man vermutet, dass es sich bei den San um Nachfahren der ursprünglichen Bevölkerung des südlichen Afrikas handelt.

Entdeckung durch die Europäer Als erster Europäer erreichte 1486 der Portugiese Diego Cao auf dem Seeweg die Küste am heutigen Kreuzkap, wo er durch die Aufstellung eines Steinkreuzes das Land für Portugal in Besitz nahm. Auch Bartolomeu Diaz errichtete bei seiner Entdeckungsfahrt 1488 an der Diaz-Spitze in der Lüderitzbucht ein Steinkreuz. Die beiden Kreuze (Padrahos) sind heute in Berlin zu besichtigen. An den Originalstandorten stehen mittlerweile Kopien. Wegen fehlender Süßwasservorkommen an der unwirtlichen wüstenhaften Küste blieb jedoch vorerst eine weitere Besiedelung durch die Europäer aus. In der Nachfolgezeit wanderten auf der Suche nach tsetsefreien Weidegründen aus Ost- und Zentralafrika verschiedene bantusprachige Völker in den Norden des Landes ein. Zu ihnen gehören auch die Herero. Im 17. Jahrhundert wurde die Walvis Bay von Walfängern einige Zeit als Anlegeplatz genutzt. Im 18. Jahrhundert kam es zu schweren Auseinandersetzungen zwischen den sich nach Süden ausbreitenden Herero und zeitgleich nach Norden ziehenden Nama. In dieser Zeit errichteten die weißen Siedler Südafrikas erste Handelskontakte zu den Völkern Zentralnamibias. Eine Handelsroute entstand entlang des Swakopflusses. 1761 wurde der südliche Teil Namibias auf einer Expedition der Kapregierung ins Namaland erstmals kartografisch erfasst.

Durch weiße Kolonialisten im südafrikanischen Kapland verdrängt, kamen seit etwa 1820 von der europäischen Kultur beeinflusste und mit den Nama verwandte Orlam-Stämme von Süden aus ins Land und brachten neben anderen europäischen Gütern auch moderne Schusswaffen mit, was den Nama einen militärischen Vorteil verschaffte, so dass sie die bantusprachige Bevölkerung weit nach Norden zurückdrängen konnten. Die seit 1805 im Land befindlichen britischen Missionare versuchten vergeblich, durch Christianisierung das Land zu befrieden. Durch die Vermittlung etwa der Schrift unter den Nama wurde deren Vormachtstellung noch verstärkt. Um 1840 gelang es den Orlam unter ihrem Kaptein Jonker Afrikaner gemeinsam mit den Nama, die Herero aus dem Gebiet des heutigen Windhoek zu vertreiben. Auch den um 1842 eingewanderten ersten deutschen Missionaren war bei der Christianisierung der Herero kein Glück beschert. Kupferfunde um 1850 in der Gegend um Rehoboth und am Swakopfluss lockten immer mehr weiße Siedler auf der Suche nach schnellem Reichtum an. Um mit der neuen Gefahr fertigzuwerden, rief am 9. Januar 1858 der Orlamchief Jonker Afrikaner alle namibischen Chiefs zum Friedensvertrag und Stämmebund von Hoachanas zusammen, in dem sie sich gegenseitig ihre Loyalität zusicherten und Regeln für den Umgang mit weißen Siedlern festlegten. Der Vertrag konnte aber weitere Auseinandersetzungen nicht verhindern.

Weiße Händler und Missionare fühlten sich bedroht und baten Großbritannien und das 1871 gegründete Deutsche Reich um Unterstützung. Dessen wachsende Stärke und Einfluss fürchtend, besetzte Großbritannien 1878 das Gebiet um die Walvis Bay. Die im Grenzgebiet zu Angola lebenden Ambo-Stämme (auch oft Ovambo genannt) lagen außerhalb der Reichweite dieser Entwicklungen.

Deutsche Kolonialzeit mini|links|Adolf Lüderitz, Gründer von Deutsch-Südwestafrika Der Bremer Tabakhändler und Kaufmann Franz Adolf Eduard Lüderitz und sein Begleiter Heinrich Vogelsang erreichten im Jahre 1883 die Bucht Angra Pequena (die spätere Lüderitzbucht) und nahmen durch den „Meilenschwindel“ große Ländereien und das spätere Lüderitz in Besitz. Ihr Ziel war es, neue Absatzmärkte, billige Bodenschätze und Land für arbeitslose Deutsche zu gewinnen. Dieses Gebiet wurde zur Grundlage der späteren deutschen Kolonialherrschaft. Auf der Berliner Konferenz (15. November 1884 bis 26. Februar 1885) verteilten die europäischen Großmächte die Einflussgebiete in Afrika. Südwestafrika wurde unter den „Schutz“ des Deutschen Reiches gestellt.

mini|Karte von 1904 mini|Geplante Flagge von Deutsch-Südwestafrika (1913) Die Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika wurde am 30. April 1885 gegründet, um deutsche Siedler ins Land zu holen und Farmland zu verpachten. Dies wurde ohne Rücksicht auf die Stammesgebiete vorgenommen, was unweigerlich zu Spannungen führte. Daraufhin begannen mit dem Ablauf des Jahres 1889 die deutschen Schutztruppen systematisch, die Völker Zentral- und Südnamibias zu unterwerfen. Um sich einen Zugang zum Sambesi zu sichern, handelte der deutsche Reichskanzler Leo von Caprivi in Artikel 3 des Vertrags zwischen Deutschland und Großbritannien über die Kolonien und Helgoland die Übergabe des Caprivi-Zipfels von Großbritannien an das Deutsche Reich aus. 1891 wurde der Stammessitz der Orlam, Windhoek, zum offiziellen Sitz des deutschen Kommissariats ernannt.

Nachdem es in der Folgezeit immer wieder zu Übergriffen auf deutsche Siedler und Händler durch die unterworfenen Stämme gekommen war, erhoben sich im Januar des Jahres 1904, in Okahandja beginnend, die Herero in einem Aufstand, der sich schnell über das ganze Land ausbreitete. Trotz anfänglicher Erfolge gegen die deutschen Schutztruppen wurde der Aufstand blutig niedergeschlagen und endete mit der Schlacht am Waterberg und der Flucht der verbliebenen Herero in die Omaheke-Wüste im September desselben Jahres. Da die deutschen Schutztruppen sämtliche Fluchtwege aus der beinahe wasserlosen Wüste abschnitten, verdurstete ein Großteil der Geflohenen.

Die während des Herero-Aufstandes zum Teil auf deutscher Seite kämpfenden Nama versuchten im Anschluss selbst, ihre Unabhängigkeit wiederzuerlangen, scheiterten aber ebenfalls endgültig im März 1908. Die deutsche Kolonialpolitik zielte seit 1904 auf die Vernichtung der indigenen Bevölkerung ab, weshalb auch von einem Völkermord an den Herero und Nama gesprochen wird.

Der deutsche Kolonialkrieg gegen die Herero und Nama dauerte von 1904 bis 1907. Er wuchs sich zu einem Vernichtungskrieg gegen die beiden Völker aus. Genaue Opferzahlen sind umstritten, da u. a. keine belastbaren Zahlen zur ursprünglichen Bevölkerungsgröße der Herero und Nama zur Zeit der deutschen Kolonialherrschaft vorliegen. Insgesamt könnten bis zu 100.000 Menschen durch deutsche Truppen ermordet, in der Omaheke-Wüste verdurstet oder in Konzentrationslagern gestorben sein. 2004 bekannte sich die Bundesrepublik Deutschland zur deutschen Schuld in der Kolonialzeit. 2015 räumte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes erstmals ein, dass es sich um einen Genozid gehandelt hat.Paul Munzinger, Oliver Das Gupta: Kolonialzeit: Bundesregierung räumt deutschen Völkermord an Herero ein. sueddeutsche.de, 13. Juli 2016, abgerufen am 13. Juni 2018

Siehe auch: Heliographie der Schutztruppe in Deutsch-Südwestafrika Funkstationen in Deutsch-Südwestafrika

Unter südafrikanischer Mandatsmacht Die Nachricht über den Beginn des Ersten Weltkrieges erreichte Deutsch-Südwestafrika am 2. August 1914 über die Funkstrecke Nauen – Kamina und die sich noch im Bau befindende Großfunkstation in Windhoek.Von der „Sandbüchse“ zum Kommunikationsnetzwerk Die Entwicklungsgeschichte des Post- und Telegraphenwesens in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika (1884–1915). (PDF; 5,6 MB) Dissertation, Uni Halle, Dezember 2004, S. 249 In der Folge gelang es den unter der britischen Krone kämpfenden südafrikanischen Truppen in das Land einzumarschieren und es schnell zu erobern: am 13. September 1914 eröffneten sie mit einem Überfall auf die Polizeistation von Ramansdrift die Feindseligkeiten und am 14. sowie 19. September nahmen sie Swakopmund und Lüderitzbucht ein. Am 9. Juli 1915 musste Victor Franke (letzter Kommandeur der deutschen Schutztruppe) kapitulieren; deutsche Siedler wurden in das Internierungslager bei Pretoria abtransportiert, später kamen sie in das Lager von Pietermaritzburg.

Nach Abschaffung der Deutschen Südwestafrikanischen Mark 1916 galt die Südwestafrikanische Mark als temporäre Währung, die im Jahr 1918 vom Südafrikanischen Pfund abgelöst wurde. Formell wurden mit dem Vertrag von Versailles 1919 Deutschland sämtliche Kolonien abgesprochen und Südwestafrika ein Mandatsgebiet des Völkerbundes. Südafrika wurde als Mandatsmacht eingesetzt. Zwar verwies man anfangs viele Deutsche des Landes, doch wurde am 23. Oktober 1923 mit dem sogenannten London Abkommen (De Haas-Smuts Agreement,gemeint ist hier: die Conference between the Prime Minister of the Union and the German delegation from South West Africa, 1923 Oct. 23, siehe: The Library, University of the Witwatersrand: Jan Christiaan Smuts Papers. Inventory for A842. auf www.historicalpapers.wits.ac.za (englisch) deutsch etwa: „De Haas-Smuts-Vereinbarung“) den verbliebenen deutschstämmigen Siedlern ein Recht auf südafrikanische Einbürgerung und damit das Bleiberecht eingeräumt. Zwei deutsche Regierungsvertreter, Ruppel und besagter De Haas, hatten 1923 in London mit dem damaligen Premierminister Jan Christiaan Smuts eine Lösung für in Südwestafrika verbliebene deutsche Siedler ausgehandelt. Dazu erließ die südafrikanische Regierung 1924 ein Gesetz (Act No. 34 of 1924).André du Pisani: SWA/Namibia: The Politics of Continuity and Change. Jonathan Ball Publishers, Johannesburg 1985, S. 68–69 ISBN 0-86850-092-5

Namibias weißen Wählern wurde von 1947 bis 1977 eine Vertretung im südafrikanischen Parlament garantiert.

mini|Einteilung Namibias in die sogenannten Homelands (1978) Im Zuge der in Südafrika nach 1948 einsetzenden Politik der „getrennten Entwicklung“ wurden im Gebiet Namibias Flächen für sogenannte Homelands ausgewiesen, das heißt, jeder Bevölkerungsgruppe wurde ein festes Territorium zugeordnet, das nicht dauerhaft verlassen werden durfte.

Unter südafrikanischer Besatzung