Als Esra-Nehemia-Buch wird in der Forschung der Zusammenschluss der beiden biblischen Bücher Esra und Nehemia bezeichnet. In der Hebräischen Bibel bildeten sie bis ins 15. Jahrhundert ein gemeinsames Buch, das als bzw. bezeichnet wird. Auch im frühen Mittelalter behandelten die Masoreten es als solches. Sie gaben die Buchmitte in an und bringen nur eine Masora finalis an. In der Septuaginta gehören beide Teile als bzw. ebenfalls zusammen. Bei Origenes ist erstmals eine Aufteilung von Esdras B' in zwei Bücher belegt. Diese Unterscheidung übernimmt später die Vulgata (I Esdrae und II Esdrae). Der Grund dafür liegt im Neuansatz in : „Worte Nehemias, des Sohnes Hachaljas“, mit dem auch ein Ich-Bericht beginnt.

In modernen Bibelausgaben wird das Buch für gewöhnlich als zwei getrennte Bücher behandelt. Das erste Buch trägt dabei den Titel Esra bzw. Buch Esra oder 1. Buch Esra, , und wird im deutschen Sprachraum mit Esr abgekürzt. Das zweite Buch trägt den Titel Nehemia bzw. Buch Nehemia oder 2. Buch Esra, , und wird im deutschen Sprachraum mit Neh abgekürzt.

Daneben finden sich weitere apokryphe Esra-Bücher.

Das Esra-Nehemia-Buch berichtet vom Wiederaufbau Israels nach dem Babylonischen Exil. Dabei bildet der Tempel in Jerusalem den Mittelpunkt der Gemeinde. Das Leben ist von der Tora geprägt, die die Zugehörigkeit zur Gemeinde, das Leben im Alltag und die Verpflichtung für den Unterhalt des Tempels regelt.

Entstehung Esra-Nehemia erscheint als geschlossenes Werk, jedoch wird deutlich, dass vorgegebene Materialien komponiert wurden. In der Forschung herrscht keine Einigkeit, ob es sich um authentische Quellen oder stilistische Nachahmungen handelt.

Will man die Entstehungsgeschichte des Esra-Nehemia-Buches rekonstruieren, zeigen sich vier zentrale Probleme:

Das Verhältnis zu den Chronikbüchern: Beide Werke entstanden getrennt, jedoch nicht völlig unabhängig voneinander. Die These eines chronistischen Geschichtswerkes gilt als überholt. Das Verhältnis von Neh 8–10 zu Esr 7–10: Hier treten Differenzen u. a. im Gesetzesverständnis, der Rolle der Leviten sowie der Aspekte, wie der Aufbau der Gemeinde und die Identitätsfindung gelingen sollen, zutage, was einige Theologen als Argument gegen eine Einheit sehen. Vermutlich handelt es sich bei Neh 8–10 um eine sekundäre Erweiterung, die den in Neh 10,30–40 entfalteten Toragehorsam akzentuiert. Die Wiederholung der Heimkehrerliste (Esr 2 und Neh 7): Die Listen stimmen weitgehend überein. Vermutlich war Esr 2 die Vorlage für Neh 7. Die Esra-Liste ist im Kontext verankert, während die Nehemia-Liste den Zusammenhang der Besiedelung Jerusalems unterbricht. Vermutlich soll der Volkssammlung in eine Liste des Volkes vorgeschaltet werden. Der Rückgriff ist im Text markiert. Die Listen in Neh 7 und 10 sind wechselseitig aufeinander hin gestaltet und bilden einen Rahmen um den wichtigen Abschnitt Neh 7,5–10,40. Die Einfügung der Nehemiamemoiren: Nehemia wird im 3Esr nicht genannt, dies lässt jedoch nicht zwangsläufig auf eine sekundäre Einfügung schließen. Auch das Zeugnis von Josephus ist uneindeutig. Die prolevitische Redaktion des Esrabuches deutet darauf hin, dass 3Esr von Esra-Nehemia abhängig ist und somit die Nehemiamemoiren nicht nachträglich eingefügt wurden.

Verwendete Quellen Zahlreiche Texte des Buches werden als Quellen identifiziert, jedoch sind ihr Quellencharakter, die Herkunft und ursprüngliche Bedeutung in der Forschung oft stark umstritten.

Esr 4,8–6,18 und 7,12–26 sind auf Aramäisch verfasst. Nach klassischer Auffassung handelt es sich um als Urkunden rezipierte Briefe. Möglicherweise handelt es sich auch um eine aramäische Erzählung, die Dokumente als literarisches Stilmittel verwendet. Die neuere Forschung bewertet den Quellenwert überwiegend negativ, da sie in wesentlichen Punkten nicht dem reichsaramäischen Briefformular entsprechen. Stattdessen geht man von fiktiven Texten der nachachämenidischen Zeit aus. Dabei handelt es sich um eine Demonstration von Kunstfertigkeit in der Beherrschung der Zweisprachigkeit und um ein Mittel, Authentizität zu erzeugen.

Hinter dem Ich-Bericht in Neh 1–7* und 11–13* vermutete die Forschung eine „Nehemia-Quelle“ (Nehemiamemoiren bzw. Nehemia-Denkschrift). Umstritten sind sowohl die genaue Abgrenzung als auch die Intention dieses Dokumentes sowie die Frage, ob es sich um einen historisch authentischen Bericht Nehemias oder eine legendarische Nachbildung (pseudepigraphe Schrift) handelt. In der heutigen Forschung finden sich in der Nehemia-Quelle starke literarkritische Differenzen.

Minimalistische Auffassungen sehen im Beauftragungsschreiben in Esr 7,12–26 eine Esra-Quelle. Manche Forscher sehen den Ich-Bericht als Vorlage und den Er-Bericht (Esr 10) als Überarbeitung, gelegentlich wird auch der Er-Bericht für älter gehalten. Jedoch lässt sich der Wechsel zwischen 1. und 3. Person auch als literarisches Stilmittel oder mit der Anlehnung an den Nehemia-Bericht und der Komposition des Buches erklären. Als Konsens gilt die wechselseitige Beeinflussung der Erzählungen, über konkrete Vorstellungen herrscht Uneinigkeit. Der historische Quellenwert ist umstritten. Die gegenwärtige Forschung sieht im Beglaubigungsschreiben überwiegend eine literarische Bildung, die die hellenistische Herrscherideologie widerspiegelt.

Die zahlreichen Listen erwecken den Eindruck von amtlichem Material. Es ist jedoch nicht ohne weiteres davon auszugehen, dass es sich um Primärquellen handelt. Vermutlich stellen sie eine gezielte Erarbeitung dessen dar, was man als „wahres Israel“ festlegen wollte. Dies zeigt sich auch im schriftgelehrten Rückblick auf ältere Teile der Heiligen Schrift und die legitimierende und beglaubigende Funktion der Listen. Die Liste aus Esr 2 wird dabei wiederholt aufgenommen. Lediglich die Liste der Bewohner Jerusalems in Neh 11 nimmt keinen Bezug darauf.

Wichtige Quellen des Esra-Nehemia-Buches sind die älteren biblischen Bücher, v. a. die erzählenden Teile von Exodus, Levitikus, Deuteronomium und Josua sowie Jeremia, Haggai und .

Entstehungshypothesen Während in der Vergangenheit Modelle der Abfassung eines chronistischen Geschichtswerkes (1Chr–Neh) durch einen Verfasser angenommen wurde, tendiert die neuere Forschung zu einem schrittweisen Textwachstum. Viele Stellen des komplexen Aufbaus lassen das Werk als Ergebnis einer Wachstumsgeschichte erkennen.

In der Forschung werden mehrere Entstehungshypothesen diskutiert:

Ein radikaler Ansatz stellt auch die in Esra-Nehemia als Quelle eingeführten Texte, insbesondere die Berichte von Esra und Nehemia, als literarische Fiktionen des Chronisten dar. Diese Erklärung berücksichtigt jedoch die internen Spannungen nicht ausreichend. Zudem kann der Chronist nicht als Verfasser von Ersa-Nehemia betrachtet werden. Ein Blockmodell sieht ein Wachstum von Esra-Nehemia in Verbindung mit den beiden Chronikbüchern, das sich in drei Stufen vollzog. Demnach sei eine ältere, unabhängig von der Chronik entstandene Esra-Nehemia Erzählung die Grundlage, der später die Tempelbauerzählung in Esr 1–6 vorgeschaltet worden sei. Beim Bearbeiter handle es sich um denselben, der auch die pro-priesterlichen Ergänzungen in der Chronik vornahm. Ein Schichtenmodell erscheint in verschiedenen Ausformungen. Der Chronist hat aus zahlreichen Quellen die Ersa-Nehemia-Komposition erschaffen. Ein nachchronistischer „listenfreudiger Ergänzer“ hat dieses Werk beträchtlich erweitert. Möglicherweise wurde die Nehemia-Denkschrift erst in die zweite, erweiterte Auflage aufgenommen. Eine elaborierte Ergänzungs- oder Fortschreibungshypothese geht von Nehemia aus und bezieht die Entwicklung des Esrabuches mit ein. Bei der ursprünglichen Nehemia-Denkschrift handelt es sich lediglich um eine kurze Bauinschrift. Die Aufgabe Nehemias wurde auf den weiteren Entwicklungsstufen ausgeweitet, bis er zum idealen Statthalter stilisiert wurde. Durch den in sich vielschichtigen Einschub Neh 7,1–13,3, der die Verpflichtung auf die Tora zum Höhe- und Zielpunkt von Esras und Nehemias Tätigkeit ausgestaltet, erfolgte die größte inhaltliche Verschiebung. Bei Esr 7 f., dem ältesten Teil der Esraerzählung, und Esr 1–6 handelt es sich um eine rein literarische Bildung, die im Kontakt mit Neh 1–6 entstand. Esr 9 f. hängt von Neh 13,23–31 ab, Neh 7 und Neh 12,27–43 greifen auf Esr 2 und 6,15–22 zurück. Die Schwäche dieses Modells liegt in der Annahme, dass man eine große Zahl von Bearbeitungen wortgenau abgrenzen und den Entstehungsprozess vollständig rekonstruieren könne. Andere Modelle gehen von einer sekundären Einarbeitung der Nehemia-Denkschrift im Zuge einer levitischen Bearbeitung des Gesamtwerkes aus. Im Zuge dieser Redaktion wurde auch der ursprüngliche Schluss der Esraerzählung, die Gesetzesverlesung, nach Neh 8 verschoben worden. Einige Vertreter gehen davon aus, dass es sich bei Esra-Nehemia nicht um die Vorlage, sondern eine jüngere Fassung der Wiederaufbauerzählung von 3. Esra handle. Die These, dass Neh 8 sekundär von Esr 7–10 getrennt und wirkungsvoll an den Schluss der Wiederaufbaumaßnahmen gesetzt wurde, vertreten auch andere Entstehungsmodelle. Eine weitere Hypothese geht davon aus, dass Esra-Nehemia als Fortführung des deuteronomistischen Geschichtswerkes verfasst wurde und die Chronikbücher als neuer Vorbau erst später entstanden. Beide Werke werden als Produkt eines längeren Entstehungsprozesses in einer chronistischen Schule angesehen. Weitere Modelle hinterfragen die ursprüngliche Einheit von Esra-Nehemia. Dabei stützen sie sich insbesondere auf die Differenzen zwischen Esr 7–10 und Neh 8–10 sowie die Doppelung der Erstheimkehrerliste. Jüngste Diskussionen zeigen, dass die Mehrheit der Forscher eine Einheit im Rahmen eines redaktionsgeschichtlichen Modells annimmt, das auch konzeptionelle und sprachliche Differenzen der Bruchteile erklärten kann.

Ein redaktionsgeschichtliches Entstehungsmodell Das im Folgenden dargestellte Modell versucht, möglichst viele Beobachtungen in eine Entstehungshypothese zu integrieren.

Den Ausgangspunkt bilden die konzeptionellen Differenzen zwischen dem aramäischen Teil Esr 4,4–4,15 und dem Kern des Nehemiaberichts einerseits und den hebräischen Rahmenteilen andererseits. Während ersteres die Konstitution Israels als Rückkehrergemeinde nicht zum Thema macht, wird Israel in letzterem stärker theologisch und weniger ethnisch akzentuiert. Daher ist davon auszugehen, dass unter Aufnahme von älterem Material redaktionell eine Esra-Nehemia-Großkomposition geschaffen wurde, die in drei Schritten die nachexilische Neuorganisation als Anknüpfung an Ex–Jos erzählt:

Esr *1–6: Wiederaufbau des Tempels Esr *7–10: „Definition“ der Gemeinde Neh *1–12: Wiederaufbau der Stadt(mauer)

Teile von Esr 7 f. entstanden möglicherweise als Reaktion auf den Nehemiabericht. Sie sind als bewusste Abgrenzung auf einer späteren Entstehungsstufe zu verstehen. Die religiösen Reformen in Neh 13 stehen vermutlich unter dem Einfluss des Esrabildes in Esr 9 f.

Durch den umfangreichen Nachtrag in Neh 7,5–10,40 werden die Esra- und Nehemiageschichte integriert, sodass die Protagonisten zusammenwirken. Der Einschub macht das Thema des Toragehorsams zur Zentralbotschaft des Buches. Dies wird als große Liturgie der Toraverlesung und Bundeserneuerung szenisch dargestellt. Weitere Zusätze in Esr 7,6aβ.10.11b bereiten dies vor. Dies führt zu einer Neuinterpretation der offiziellen persischen Beauftragung Esras: Das Gesetz dient nicht mehr als Instrument der Überprüfung der Verhältnisse in der Provinz, stattdessen ist das Ziel der Mission Esras nun die Vermittlung der Tora an die um den Tempel versammelte Gemeinde. Esra wird dabei zum Schriftgelehrten par excellence und zweiten Mose stilisiert.

Eine spätere prolevitische Redaktion widmet sich ausschließlich kultischen Fragen, insbesondere den Belangen des Tempelpersonals. Dabei wird die Beteiligung der Leviten, v. a. der Musiker und Torwächter, an großen Feiern hervorgehoben.