mini|Untermosellandschaft bei Hatzenport im Oktober mini|Terrassierte Weinberge der Steillagen Koberner- (Hintergrund) und Winninger Uhlen im März
Mit Untermosel oder auch Terrassenmosel wird der knapp 100 Flusskilometer lange untere Talabschnitt der Mosel zwischen Pünderich und ihrer Mündung in den Rhein in Koblenz bezeichnet. Die Untermosellandschaft unterscheidet sich von der Mittel- und der Obermosel durch ein zumeist engeres Tal mit teils hohen und steilen Flanken. In den nach Süden und Westen ausgerichteten Prallhängen wird der Weinbau in oft kleinstparzellierten, terrassierten Steillagen betrieben.
Der Ausbau der Mosel zu einer Großschifffahrtsstraße in den 1960er-Jahren (Moselkanalisierung) hat das Flussbild und die Ufer nachhaltig verändert. Fünf Staustufen zwischen Koblenz und ZellRheinisches Landesmuseum Trier, Ausstellungskatalog Mosel – Fluss, Wasserstrasse und Lebensraum, Trier 1989 zum Schleusen großer Schiffe machten aus einem mal schmalen, mal breiten Flussbett mit sanft ansteigenden Ufern ein kanalähnliches Gewässer, das in den Staubereichen von Mauerwänden und Gesteinsanschüttungen gefasst ist.
Geographie und Grenzen Die Terrassenmosel beginnt im Weinort Pünderich und mündet in der Stadt Koblenz am Deutschen Eck in den Rhein. Sie trennt die Mittelgebirgslandschaften Eifel und Hunsrück und durchfließt die beiden Landkreise Cochem-Zell und Mayen-Koblenz im nördlichen Rheinland-Pfalz. Die Siedlungen des Tals sind überwiegend kleinere, seit Ende des 20. Jahrhunderts sich flächenmäßig ausweitende Ortschaften. Städte mit Mittelpunktfunktion sind Zell (2009 = 4200 Einw.) und Cochem (2009 = 4900 Einw.) Der Tourismus und der Weinbau sind wichtige Wirtschaftsfaktoren dieser Landschaft.
Eine erste Trennung von Unter- und Mittel-/Obermosel war möglicherweise die Folge der im 1. Jahrhundert n. Chr. gegründeten römischen Provinzen Germania superior (Obergermanien) und Gallia Belgica.Heinz Cüppers (Hrsg.): Die Römer in Rheinland-Pfalz. Stuttgart 1990, ISBN 3-8062-0308-3 Zwischen den heutigen Moselstädten Traben-Trarbach und Zell querte die Grenze beider Verwaltungen den Fluss. Im späten Mittelalter trennten sich hier das Obere- und Untere Erzstift des Kurfürstentums Trier. Von 1798 bis 1814 war hier die Grenze zwischen den französischen Departements Saar und Rhein und Mosel, von 1824 bis 1999 zwischen den Regierungsbezirken Koblenz und Trier.Franz-Josef Heyen (Hrsg.): Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz. Freiburg/Würzburg 1981, ISBN 3-87640-054-6 Hier verläuft auch der geografische Erdkreis 50° Nördlicher Breite, der früher oft als eine kritische Grenze für den Weinanbau in nördlichen Landschaften angesehen wurde. Biologen sehen in der mediterranen Fauna der kleinklimatisch begünstigten Südhänge des Moseltals die Markierungen einer Nordgrenze des Mittelmeerraums. Die landesamtliche Weinbaubehörde bezeichnet die Terrassenmosel als „Weinbaubereich Burg Cochem“.
Geologie und Geschichte
mini|links|8. „Moselkiesel“ vom Flussufer: Oben v.l.n.r Buntsandstein, Quarzit, Schiefer. Unten v. l. n. r. Schiefer, Sandstein mit Quarzanheftung. mini|links|9. Ein Beispiel für ein instabiles Mauerfundament durch unterschiedliche Gesteins-Verwitterung: Weiche Tonschieferschicht zwischen harter Grauwacke. Lage: Ediger Elzhofberg. Foto Bernd Ternes
Die Talhänge der Untermosel zeigen, mit auffallend unterschiedlichen Gesteinsarten und Felsformationen, das Ende einer erdgeschichtlichen Entwicklung des Moselraums, die vor ungefähr 390 Millionen Jahren im Unterdevon begann. Damals befand sich in diesem Raum ein Flachmeer, das im Norden des Old-Red-Kontinents und im Süden von Inselstrukturen der Mitteldeutschen Schwelle begrenzt wurde. Von diesen Landmassen wurden über Millionen Jahre Sedimente in das sich langsam absenkende Flachmeer eingeschwemmt. So entstand ein mächtiges Lager von Gesteinspaketen mit einer Stärke von bis zu 14 Kilometer, das Geologen als „Moseltrog“ bezeichnen. In der Folge verfestigten sich die Ablagerungen durch Faltung, Druck und Hitze zu unterschiedlich stabilen Gesteinsmassen (eine Schieferung findet bei 250–400 °C statt, Kieselsäure, also Quarz, kann ab 300 °C mobilisiert werden). Diese Entwicklung fand zum Großteil im Karbonzeitalter vor 350 Millionen Jahren statt, in dem das Rheinische Schiefergebirge gehoben und aufgefaltet wurde.
Die Ausformung der heutigen Mosellandschaft begann im Tertiär. Die Wasser der späteren Mosel spülten zuerst ein flaches, breites Tal in eine noch relativ flache Hügellandschaft. In den letzten 500.000 Jahren verstärkte sich die Hebung des Rheinischen Schiefergebirges, sodass die Mosel tief in die Gesteinsmassen einschnitt.Geolog. Erläuterungen Bernd Ternes, Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum Westerwald-Osteifel, Mayen
Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hatte sich die Besiedlung dieser Kulturlandschaft, von eng bebauten, kleinen Ortschaften, umgeben von Obst- und Gartenanlagen und terrassierten Weinbergen, nur in großen Zeitabständen verändert. Heute liegen viele ehemalige Obstanbauflächen mittlerweile brach oder sind Ortserweiterungen, Gewerbeflächen und Verkehrswegen, aber auch großflächig flurbereinigten Rebflächen gewichen. In den Hanglagen wurden für vereinfachte Bewirtschaftung und den Bau von Wirtschaftswegen viele alte Terrassenmauern abgebrochen und eingeebnet. Der Eindruck einer historisch gewachsenen Terrassen-Kulturlandschaft ist damit für einige Talpassagen nur noch eingeschränkt zutreffend. Mit Hilfe von vorwiegend öffentlich geförderten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen werden überwachsene, verwilderte Terrassen „entbuscht“, um damit in einigen Lagen das Bild einer von Menschen geschaffenen Kulturlandschaft und die Biotope stark besonnter Terrassen zu erhalten. Das Aushauen und Entfernen von Weinstöcken aus aufgegebenen Lagen ist Pflicht, um Pflanzenkrankheiten wie die Schwarzfäule oder den Reblausbefall zu verhindern.
Brachgefallene Weinberge sind auch die Folge eines Strukturwandels im Weinbau, bei dem kleine, vor allem nur Fasswein vermarktende Betriebe aus wirtschaftlichen Gründen oder wegen fehlender Nachfolge die Bewirtschaftung aufgeben oder sich auf den Weinbau in weniger steilen, nur leicht hängigen und flurbereinigten Lagen konzentrieren.Land Rheinland-Pfalz, Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum Mosel, Terroir an Mosel, Saar und Ruwer, Bernkastel,o. D.
Von 1999 bis 2009 ging der Steillagenweinbau von 998 ha auf 764 ha zurück (Statistisches Landesamt Rheinland-Pfalz). Gegenläufig sind allerdings Rekultivierungen alter Lagen, die bereits in napoleonischer und königlich-preußischer Zeit wegen überdurchschnittlicher Bodenpreise entsprechend bewertet und kartografiert wurden. Viele dieser Anlagen fallen durch ihre andersartige Bestockung und größere Zeilenbreite auf: Statt der eng stehenden Einzelstöcke mit der traditionellen BogenerziehungErziehung ist die Ausrichtung und der Schnitt von Weinreben, um ihr Wachstum zu beeinflussen und eine gute Belichtung und Belüftung der Weinstöcke zu erreichen. stehen neue Rebpflanzen zunehmend an Spalierdrahtrahmen und in größerem Abstand zueinander. Im Moselweisser Hamm, kurz vor Koblenz, wurden alte Weinberge bei der Rekultivierung statt mit Mauern mit schrägen, begrünten Erdböschungen terrassiert (Abb. 11).
Orte mit umfangreichem Weinbau sind im Landkreis Cochem-Zell: Pünderich, Briedel, Kaimt, Merl, St. Aldegund, Neef, Bremm, Eller, Ediger, Senheim, Bruttig-Fankel, Ellenz-Poltersdorf, Ernst, Valwig, Klotten, Pommern, Treis-Karden, Müden und Moselkern.
Im Landkreis Mayen-Koblenz: Hatzenport, Alken, Lehmen, Niederfell, Kobern-Gondorf und Winningen. Lay, Moselweiss und Güls liegen im Stadtgebiet von Koblenz.
Die geographische Bezeichnung Untermosel schließt damit die touristisch verwendeten Gebietsbezeichnungen Zeller Land (Gebiet der Verbandsgemeinde Zell zwischen Pünderich und Neef einschließlich der Orte auf dem Hunsrück) und Ferienland Cochem (Gebiet der Verbandsgemeinde Cochem) zwischen Bremm und Klotten mit ein.
Die Lagen Calmont von Bremm und Ediger-Eller (steilster Weinberg Europas), der Ediger Elzhofberg, der Valwiger Herrenberg und der Kobern-Winninger Uhlen u. a. gehören mit zu den steilsten Terrassenanlagen der Mosel. Von dem Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) wurden, auch den Lagenbewertungen der Weinbaukarte für den Regierungsbezirk Koblenz von 1897 folgend, seit 2003 definierte Parzellen in den Lagen Marienburg und Nonnenberg von Pünderich, Kirchberg und Stolzenberg von Hatzenport und Uhlen und Röttgen von Winningen als Lagen „Erster Klasse“ eingestuft. Die Einstufung erfolgte jedoch nur für die Lagen, die Mitglieder des VDP bewirtschaften. Andere Lagen blieben beim VDP unberücksichtigt.
Bevorzugt angebaute Rebsorte an der Terrassenmosel ist mit 59,7 % (Statistisches Landesamt Rheinland-Pfalz 2005) der Riesling. Der Weissburgunder mit 2,6 % und der Spätburgunder mit 5,5 % folgen mit Abstand, aber steigender Tendenz.
Für die Landschaft mit den terrassenförmig angelegten Weinbergen in extremen Steillagen an den Moselhängen hat sich seit Ende des 20. Jahrhunderts die speziell für den Weinbau und Tourismus gedachte Bezeichnung Terrassenmosel etabliert. Sie wurde von dem Winninger Winzer Reinhard Löwenstein eingeführt. Diese Bezeichnung propagiert aufgrund der landschaftlichen Besonderheiten mit dem darauf gegründeten Steillagen-Weinbau eine Alleinstellung auch gegenüber anderen Regionen, z. B. der angrenzenden Mittelmosel. Besonders der Tourismus und die Weinvermarktung verwenden mittlerweile Terrassenmosel statt Untermosel zur eigenen Identitäts- und Herkunftsangabe.
Entwicklung des Terrassenbaus an der Untermosel mini|links|15. Wiederaufbau einer alten Terrassenmauer: v. l. n. r. Gabione (Bruchsteine in Stahldrahtkorb), vermörtelte Mauer mit neuen Bruchsteinen, noch erhaltenes Trockenmauerstück aus den Steinen des gleichen Hanges: Niederfeller Kahllay
Archäologen fanden Ende der 1970er Jahre erste Nachweise für mögliche römerzeitliche Terrassierungen an Moseltalhängen: Flurbereinigungen und die Anlage neuer Wirtschaftswege in Weinbergen an der Mittelmosel und der oberen Untermosel gaben am Fuß von Hanglagen die Fundamente antiker Kelterhäuser frei. Die Fundorte in heute noch bewirtschafteten Steillagen können dabei als Hinweise für eine römerzeitliche Terrassierung der Talhänge im 3. Jahrhundert n. Chr. angesehen werden.Karl-Josef Gilles (Hrsg.): Neuere Forschungen zum römischen Weinbau an Mosel und Rhein, Gesellschaft für Geschichte des Weines Wiesbaden 1995,
Zwischen Cochem und Koblenz wurden ähnliche Funde bisher nicht gemacht. Gründe dafür können – trotz vieler gallo-römischer Siedlungsnachweise – eine vermutlich geringere Bevölkerung gewesen sein, aber auch der Eisenbahn- und Straßenbau Ende des 19. Jahrhunderts, für den viele Weinbergsflächen am Fuß altbekannter Steillagen in z. B. Hatzenport, Karden, Kobern oder Winningen abgetragen wurden; mögliche Beweise für antike Kelteranlagen können dabei unerkannt verloren gegangen sein. Es gibt jedoch für das Ende des 6. Jahrhunderts n. Chr. eine schriftliche Überlieferung für einen frühen Steillagenweinbau in einer Moselreisebeschreibung des antiken Schriftstellers Venantius Fortunatus: … Wo Weinberge belaubet aufstreben zu kahlen Berghöh’n / und reich schattendes Grün decket das trockene Geröll / Hier einsammelt die Ernt’ der gefärbten Trauben der Winzer / selbst am Felsabhang er lesend die Frucht.