mini|Bruno Lohse
Wilhelm Peter Bruno Lohse (* 17. September 1911 in Düingdorf; † 19. März 2007 in München) war ein deutscher Kunsthändler. Während der deutschen Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg war Lohse von 1941 bis 1944 stellvertretender Direktor der nationalsozialistischen Kunstrauborganisation Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg in Paris und Kunstbeschaffer Hermann Görings. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er als selbstständiger Kunsthändler. Lohse war am Raub von Kunstgegenständen umfassend beteiligt, die vorwiegend jüdischen Eigentümern gehörten. Kurz nach seinem Tode fand man in einem Safe einer anonymen Liechtensteiner Stiftung in der Zürcher Kantonalbank einen Bestand während des Zweiten Weltkrieges aus vorwiegend jüdischem Besitz geraubter Gemälde. Hinter der anonymen Stiftung/Anstalt mit Namen „Schönart“ hatte Bruno Lohse gestanden.
Kindheit und Studium, Beruf Lohses Vater August war Mitglied des Berliner Philharmonischen Orchesters und Percussionist. Bruno Lohse wuchs mit zwei Geschwistern auf, einem Bruder und einer Schwester. Die Mutter Anne Catherine Lohse, geborene Hoenekop, starb 1938. Die Grundschule und das Gymnasium absolvierte Lohse in Berlin. 1929 beendete er seine Schullaufbahn mit dem Abitur. Anschließend studierte er ab 1930 Kunstgeschichte, Philosophie und Germanistik in Berlin und Frankfurt am Main. 1933 verbrachte er vier Monate zum Sprachenstudium in Frankreich. 1936 wurde er in Kunstgeschichte promoviert. Seine Dissertation über einen klassizistischen Landschaftsmaler trägt den Titel Jakob Philipp Hackert. Leben und Anfänge seiner Kunst. Die Schrift wurde 1936 im Lechte-Verlag in Emsdetten veröffentlicht. Von 1936 bis 1939 arbeitete Lohse in Berlin als Kunsthändler in der Wohnung seines Vaters.
Zeit des Nationalsozialismus 1933 wurde Lohse Mitglied der SS und blieb es nach eigener Aussage bis zum Kriegsende. 1942 wurde er in Paris zum SS-Obersturmführer ernannt.Günther Haase: Die Kunstsammlung des Reichsmarschalls Hermann Göring. Eine Dokumentation. Berlin 2000, S. 35; vgl. O.S.S. ALIU Detailed Interrogation Report No. 6. Bruno Lohse, August 1945. Verhör von Bruno Lohse durch die Art Looting Investigation Unit in französischer Sprache. (Online verfügbar: .) 1937 trat er in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 5.585.572). Beim Überfall auf Polen 1939 wurde er Fahrer einer Sanitätsabteilung, danach bei einer Panzerjägereinheit in Ostpreußen eingesetzt. 1941 erfolgte Lohses Versetzung nach Paris in den Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR). Kurze Zeit später ernannte ihn Hermann Göring, der Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe, zu seinem persönlichen Beauftragten in Paris, daraus folgte die Entlassung aus dem Heer und die Übernahme in die Luftwaffe. Dabei blieb Lohse Mitglied des ERR.
Im besetzten Frankreich In der Leitung des Einsatzstabes Reichsleiter Rosenberg Ab Herbst 1940 war der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR) und der dafür gebildeten Sonderstab Bildende Kunst Hauptbeteiligter an dem Raub jüdischer Kunstsammlungen in Frankreich. Leiter des ERR Frankreich mit Sitz in Paris war ab Herbst 1940 Kurt von Behr, zunächst als Stellvertreter und dann ab Anfang 1941 als Leiter. Von Behr leitete auch den Sonderstab Bildende Kunst, der größten Abteilung des ERR. Bruno Lohse wurde durch Görings Intervention Stellvertreter im Sonderstab Bildende Kunst.Activity of the Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg in France, Consolidated Interrogation Report Nr. 1, 15. August 1945 der Art Looting Investigation Unit APO 413 des OSS / US Army, i Introductory note - Sources, S. 2; Michael J. Kurtz: America and the Return of Nazi Contraband: The Recovery of Europe’s Cultural Treasures, New York 2006, S. 38; Hector Feliciano: Das Verlorene Museum. Vom Kunstraub der Nazis, Berlin 1998, S 201; Thomas Buomberger, Raubkunst – Kunstraub: die Schweiz und der Handel mit gestohlenen Kulturgütern zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Hrsg. vom Bundesamt für Kultur (BAK) und der Nationalen Informationsstelle für Kulturgüter-Erhaltung (NIKE), Zürich 1998, ISBN 3-280-02807-8, S. 45; James Plaut im ALIU Final Report 1946. Formal besetzte der Journalist Robert Scholz, Leiter des Hauptamtes Bildende Kunst im Amt Rosenberg, ab Herbst 1941 den Posten des Leiters des Sonderstabes Bildende Kunst, aber er konnte sich nicht gegen von Behr behaupten, der von Göring protegiert wurde.Interrogation Robert Scholz vom 29. Mai 1946 durch Lieutenant Wilbur F. Dobber, Dokument IMT 39, Rosenberg Dok 41 Von Behr gab Anfang 1943 seine Leitung des Einsatzstabes auf und überließ Scholz die Leitung des Sonderstabes. Behr hatte schon ab Anfang 1942 die Leitung der Möbelraubaktion inne. Scholz hatte Lohse und Walter Borchers zu seinen Stellvertretern gemacht, aber da er in Berlin blieb, waren Lohse und Borchers ab Januar 1943 faktisch Leiter der Tätigkeit des Sonderstabs „Bildende Kunst“ in Paris.Aussage Lohses im Verhör Bruno Lohses in O.S.S. ALIU Detailed Interrogation Report No. 6, Bruno Lohse, August 1945 Seite 6 siehe unter Weblinks In dieser Funktion waren Lohse und sein Kollege Borchers ab Januar 1943 für alle Beschlagnahmungen von Kunstgegenständen zuständig, die der Einsatzstab Rosenberg durchführte. Sie ordneten sie an und leiteten sie. Lohses und Borchers Dienststellung im ERR war Anfang August 1944 Haupteinsatzführer des ERR.Wilhelm Treue, Zum nationalsozialistischen Kunstraub in Frankreich – Der „Bargatzky-Bericht“ In: VfZ 13(1965), H. 3, S. 285–337 PDF hier: S. 336. Am 1. Mai 1942 wurde Bruno Lohse neben anderen Mitgliedern des ERR, so auch Robert Scholz und Günther Schiedlaudsky, wegen der Verdienste beim Kunstraub in Paris durch den Stabsleiter Gerhard Utikal im Auftrag von Adolf Hitler das Kriegsverdienstkreuz II. Klasse verliehen.Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg für die besetzten Gebiete: Anordnungen und Mitteilungen 1942, 15. Juli 1942 Nr. 4. Aus dem digitalisierten Aktenbestand des Bundesarchivs NS 30/3 Nr. 1 – 6 1942
Beauftragter Görings Göring spielte bei dem Kunstraub in Frankreich eine exponierte Rolle, denn er bestimmte maßgeblich die Arbeit des ERR.Ernst Piper: Der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg. In: Inka Bertz, Michael Dorrmann (Hrsg.): Raubkunst und Restitution. Kulturgut aus jüdischem Besitz von 1933 bis heute. Herausgegeben im Auftrag des Jüdischen Museums Berlin und des Jüdischen Museums Frankfurt am Main, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-8353-0361-4, S. 116. So entschied er am 5. November 1940 in einem Erlass darüber, wie die vom ERR geraubten Bilder, die sich im Jeu de Paume befanden, zu dem Zeitpunkt und in Zukunft verteilt werden sollten. Dabei suchte Göring 38 Bilder für seine Sammlung aus. Auch in der Folgezeit eignete sich Göring viele Bilder an. Formal vereinbarte Göring mit dem ERR eine Bezahlung und ließ die Gemälde von einem französischen Kunstsachverständigen – sehr niedrig – schätzen. Die Zahlungen wurden aber nie ausgeführt.
Zwischen 1941 und 1942 reiste Göring etwa zwanzig Mal nach Paris und ließ sich aus Raubzügen neu eingetroffene Bilder in Ausstellungen vorstellen, um sich seinen Anteil zu sichern. Außerdem stellte er Eisenbahnzüge und Bewachungspersonal zum Transport der Kunstgüter nach Deutschland zur Verfügung. Der ERR hatte bis zu Görings Eingreifen die Verbringung der beschlagnahmten Kunstwerke nicht organisiert, da Militärbefehlshaber dies untersagten. Teilweise nahm Göring die geraubten Bilder im Gepäckwagen seines Sonderzuges mit. Es gelang ihm, wichtige Untergebene von Alfred Rosenberg im ERR auf seine Seite zu bringen und so den ERR zu steuern. So arbeitete ihm auch der Leiter des ERR für Frankreich und die Beneluxländer Kurt von Behr zu.Hanns Christian Löhr: Der Eiserne Sammler. Die Kollektion Hermann Göring – Kunst und Korruption im Dritten Reich. Berlin 2009, S. 59. James S. Plaut, Direktor der OSS-Abteilung zur Aufklärung des Kunstraubes ALIU (ART LOOTING INVESTIGATION UNIT), nannte den Einsatzstab Rosenberg „von oben bis unten eine Göring-Show unter der Rosenbergflagge“.James Plaut, Loot for the master-race, September 1946, zitiert nach Stefan Koldehoff: Die Bilder sind unter uns: Das Geschäft mit der NS-Raubkunst. Frankfurt 2009, ISBN 978-3-8218-5844-9, S. 99. In diesem Rahmen ist die Protegierung Bruno Lohses durch Göring einzuordnen.
Der Gefreite Lohse war Anfang Februar 1941 von seiner Wehrmachtseinheit temporär für vier Wochen nach Paris als Kunsthistoriker zum ERR abgeordnet worden. Dort katalogisierte er anfangs in der Arbeitsgruppe Louvre die konfiszierte Sammlung von Alphonse Kann. Lohse wurde mit Göring bekannt, als er für diesen eine Führung durch eine Ausstellung geraubter Bilder im Kunstlager des Jeu de Paume vornahm. Er beeindruckte den Reichsmarschall mit seinen Kenntnissen über niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts und wurde zu einem privaten Treffen in Görings Räume im Gebäude des französischen Außenministerium am Quais d’Orsay eingeladen. Lohse, der den Gönner verehrte, konnte dessen Vertrauen gewinnen und wurde auf einen einflussreichen Posten gehoben: Göring ernannte Lohse zu seinem ständigen Vertreter und Stellvertreter von Kurt von Behr im Sonderstab Bildende Kunst des ERR Paris. Dazu wurde Lohse aus dem Heer entlassen und zur Luftwaffe überstellt.James Plaut: Loot for the Master Race in Atlantic Monthly September 1946 in der Rubrik Weblinks, siehe auch Stefan Koldehoff: Die Bilder sind unter uns: Das Geschäft mit der NS-Raubkunst. Frankfurt 2009, ISBN 978-3-8218-5844-9, S. 97. Er kehrte somit nicht zu seiner Panzerjägereinheit, die sich auf den Kriegseinsatz in Russland vorbereitete, nach Ostpreußen zurück. Zusätzlich ernannte Göring Lohse zu seinem besonderen Kunsthändler, zuständig für den Erwerb von Kunstwerken in den besetzten westlichen Ländern.Günther Haase: Die Kunstsammlung des Reichsmarschalls Hermann Göring. Eine Dokumentation. Berlin 2000, S. 35 und Bruno Lohses eigene Aussage DIR 6: O.S.S. ALIU Detailed Interrogation Report No. 6, Bruno Lohse, August 1945. Verhör von Bruno Lohse durch die Art Looting Investigation Unit in französischer Sprache, II.(b) Text einsehbar unter Weblinks Lohse wurde Unteroffizier der Luftwaffe und blieb gleichzeitig Mitglied des ERR.Lohses englisches Verhör, einsehbar unter Weblinks DIR 06, S. 9. Mit Lohse war es Göring endgültig gelungen, den ERR zu unterwandern.Anja Heuss: Kunst- und Kulturgutraub. Eine vergleichende Studie zur Besatzungspolitik der Nationalsozialisten in Frankreich und der Sowjetunion. Heidelberg 2000, S. 84. Für den Einsatz als Kunstkäufer stattete Göring Lohse mit umfassender Vollmacht aus:
Lohses Aufgabe war demnach zum einen, Göring Zugang zu den geraubten Bildern des ERR zu verschaffen. Dazu veranstaltete Lohse regelmäßig exklusiv für Göring Ausstellungen im Jeu de Paume über die jüngst geraubten Bilder. Außerdem war Lohse als Stellvertretender Leiter des Kunststabes des ERR über die jeweiligen Beschlagnahmeaktionen des ERR informiert, wenn er sie nicht selbst in die Wege leitete wie im Fall der Sammlung Schloss.Stefan Koldehoff: Die Bilder sind unter uns: Das Geschäft mit der NS-Raubkunst. Frankfurt 2009, ISBN 978-3-8218-5844-9, S. 98.