mini|Signiertes Porträt von Willibald Gatter, Wien 1924 Willibald Gatter (* 12. Dezember 1896 in Hühnerwasser in Böhmen; † 14. Mai 1973 in Kirchheim unter Teck, Baden-Württemberg) war ein österreichisch-böhmischer Techniker, danach tschechoslowakischer Automobilfabrikant und Politiker mit deutscher Volkszugehörigkeit. Der Gründer des Autowerks Gatter-Reichstadt (tschech. Autopodnik Gatter-Zákupy) und Konstrukteur des Gatter-Wagens.
Leben Gatter wurde als ältestes von acht Kindern des Maschinenbauers Josef Gatter (1854–1929) und seiner Frau Marie Eiselt (1870–1941) geboren. Im Elternhaus hatte er Zugang zum Betrieb des Vaters, wo neben Wasserkraftwerken mit großen Schaufelrädern auch hydraulische Widder, Pumpen und Feuerspritzen hergestellt wurden; so entstand bereits früh ein Interesse an Maschinen.
Erster Weltkrieg Nach dem Besuch der Bürgerschule in Niemes studierte Gatter an der Höheren Industriefachschule in Reichenberg Mechanik und Technologie. Während des Ersten Weltkriegs wurde der Student nicht zur Armee einberufen, sondern im Juni 1915 als Konstrukteur den Škoda-Werken zugeteilt. Hier arbeitete Gatter in der Produktion großkalibriger Kanonen und erprobte diese im Gefechtseinsatz an der italienischen Front. Zugleich arbeitete er im Škoda-Schwesterwerk Austro-Daimler zusammen mit Ferdinand Porsche an der Entwicklung benzin-elektrischer C-Züge zum Transport schwerer Artilleriegeschütze, wie den 30,5-cm-M.11-Mörser. Nach dem Kriegseintritt der USA meldete sich Willibald Gatter im März 1918 zum aktiven Kriegsdienst als Einjährig-Freiwilliger. mini|Elternhaus Gatters, die „Alte Posthalterei“ am Marktplatz in Hühnerwasser
Ab dem 15. Juni 1918 nahm er an der Piave-Offensive des k.u.k. Heeres teil. Gatter kehrte nach seiner Ausmusterung zunächst in die böhmische Heimat zurück und leitete dort bis zur Rückkehr seines Bruders aus der Kriegsgefangenschaft die elterliche Maschinenfabrik. Den Vater unterstützte er bei der Planung der dortigen Wasserwerke, beim Bau und der Vermessung von Tiefquellwasserleitungen und der Pumpwerke, mit denen die dortigen Bergdörfer mit fließendem Wasser versorgt werden sollten. Mit der zunehmenden Ausgrenzung der Deutschen in der Tschechoslowakischen Republik begab sich Gatter im August 1919 nach Österreich.
Tätigkeit bei Austro-Daimler Durch Kontakte, die Gatter während des Krieges zu Austro-Daimler in Wiener Neustadt geknüpft hatte, in dem während des Krieges die Zugwagen für den Škoda-Mörser hergestellt wurden, konnte der 23-Jährige eine Anstellung als Automobil-Konstrukteur finden. Austro-Daimler stand trotz der erfolgreichen Jahre des Krieges vor dem Ruin, der größte Auftraggeber, die k.u.k. Armee existierte nicht mehr. Es galt nun wieder auf zivile Produkte umzustellen und nur die schnelle Wiederaufnahme der Automobilproduktion mit verbesserten Vorkriegsmodellen versprach Rettung. Direktor Ferdinand Porsche warb dazu fähige Ingenieure zumeist aus dem Gebiet des ehemaligen österreichisch-ungarischen Reiches an, darunter auch Willibald Gatter. Neben schnellen und leichten Tourenwagen wurden nun auch große Luxusautos hergestellt mit modernen Motoren in aerodynamisch ausgefeilten Karosserien. Gatter war hier zunächst in der Entwicklung von elektrischen Omnibussen und Benzin-Lastwagen tätig, später auch in der Konstruktion von schweren und leichten Personenwagen. Mit Porsche und Ingenieur Karl Bettaque konstruierte Gatter 1921/22 den „Sascha“, den ersten Sport-Rennwagen der Nachkriegszeit, benannt nach dem Filmpionier Sascha Kolowrat-Krakowsky. Mit diesem Wagen fuhr Willibald Gatter Anfang der 1920er Jahre seine ersten Rennen.
mini|Der von Porsche und Gatter gebaute „Sascha“, der erste Sportrennwagen der Nachkriegszeit An der Technischen Hochschule in Wien gab Gatter damals im Fachbereich Maschinenbau als Gastlektor auch Kurse über Motoren, Getriebe und Schaltungen. In dieser Zeit erschienen seine ersten Publikationen in Fachzeitschriften wie Werkstatt-Technik und Auto-Technik sowie die ersten Patente. Am 6. Februar 1923 meldet er die österreichischen Patente für eine „Kopiereinrichtung für Werkzeugmaschinen“ (No. 97 881) und für die „Einrichtung zum Schneiden von ein- und mehrgängigen Gewinden auf der Drehbank“ (No. 97 882) an. Die finanzielle Leitung des Werkes in Wiener Neustadt hatte Camillo Castiglioni inne, der durch Kriegsspekulationen ein riesiges Vermögen erworben hatte. Er kontrollierte unter vielen anderen Firmen auch die Österreichische Daimler Motoren AG. Seine rein auf den persönlichen Gewinn ausgerichteten Interessen vertrugen sich nicht mit den technischen Interessen seiner Ingenieure. So verlangte Castiglioni etwa im Februar 1923 die sofortige Entlassung von 2000 Arbeitern und die Übergabe aller Devisen an ihn, um an der Amsterdamer Börse eine Baisse zu erzeugen. Direktor Porsche verließ daraufhin Österreich und ging zu Daimler nach Stuttgart. Willibald Gatter wechselte 1925 zur Georg Schicht AG in Aussig.
Bau des „Europawagens“ Der Fettsäure verarbeitende Schicht-Konzern betrieb damals Vorstöße in andere Wirtschaftssektoren, um seine im Seifengeschäft erwirtschafteten Überschüsse gewinnbringend anzulegen. Georg Schicht, dem die kaufmännische Leitung des Unternehmens unterlag, schien die nach dem Ersten Weltkrieg schnell aufstrebende Automobilproduktion dazu der richtige Weg. Gatter wurde als technischer Leiter der neuen Automobil-Sparte angeworben, mit dem Zugeständnis, weitgehende Freiheiten in Gestaltung und technischer Ausführung zu haben und das Auto als „Gatter Wagen“ zu vermarkten. Gatters Vorhaben war die Schaffung eines preisgünstigen Viersitzers, der die Motorisierung breiter Schichten der Bevölkerung ermöglichen würde, ein sogenanntes „Volksauto“. Ende des Jahres 1926 war der Prototyp des Gatter-Wagens bereits fahrtüchtig und im Frühjahr 1927 wurde in Ústí nad Labem die Produktion eines verfeinerten Wagens aufgenommen.
Nach einer Statistik des Polizeirayons Ústí nad Labem waren in der Stadt erst 166 Personenwagen, 86 Lastautos, 3 Autobusse und 4 Traktoren angemeldet. Zum Anlass des 80-jährigen Gründungsjubiläums der Schichtwerke wurde der noch recht archaisch kastenförmige Gatter-Wagen 1928 erstmals präsentiert. Von den Bürgern wurde das Vorhaben einer heimischen Automobilproduktion mit Wohlwollen und Stolz aufgenommen. Als die Zeitschrift Motor-Kritik das Fahrzeug 1929 der Fachwelt vorstellt, weist der Wagen bereits aerodynamische Kurven auf.
Die Weltwirtschaftskrise von 1929 beendete jedoch die Pläne zur Aufnahme einer Serienproduktion. Europa versinkt in Arbeitslosigkeit und Inflation, die Nachfrage nach Automobilen erreicht einen Tiefststand und das Aktienkapital vieler Betriebe, so auch der Schicht A.G. verfällt. Mitte Mai 1929 veröffentlicht die Motor-Kritik noch die Pläne des Wagens und adelt ihn als zukunftsträchtiges Modell eines „Europawagens“. „Zwischen ausgesprochenen Autosurrogaten und “Luxus”-Wagen mit über 20 Pfennig Kilometerkosten gibt es einfach nichts“, schreibt Chefredakteur Josef Ganz, „und diese klaffende Lücke könnte ein entsprechend durchgereifter Gatterwagen schließen“.
Bau des „Kleinen Gatter“ als Volksauto Gatter kehrte daraufhin in seine Heimatstadt zurück und arbeitete unverzagt an den Plänen für ein neues Gatter-Auto. Der Wagentyp, den es zu schaffen galt, sollte den Komfort eines Automobils besitzen, doch im Benzinverbrauch, der technischen Einfachheit und im Preis einem Motorrad entsprechen. Zwar wurde der „Volkswagen“ als Schlagwort verwendet und 1938 übernahm Adolf Hitler diese populäre Bezeichnung für sein in Wolfsburg gegründetes Volkswagenwerk, doch die gesamte Technik war damals noch zu schwer, groß und teuer.
mini|Werbung zu Gatters „Volksauto“ von 1931 Zur Schaffung eines wahren „Volksautos“, auf Tschechisch „Lidový Automobil“, wie Gatters Wagen in der Firmenwerbung der 1930er Jahre genannt wurde, ging der Konstrukteur neue Wege. Ende des Jahres 1929 waren die Pläne für diesen „kleinen Gatter“ soweit gediehen, dass Gatter sich zur Produktion entschloss. Am 22. November 1929 stellt er in Zákupy den Bauantrag für eine Fabrikationshalle: Am 13. September 1930 wurde ihm die gewerberechtliche Genehmigung für die “Herstellung von Kraftfahrzeugen im Gebäude N.C. 126 in Reichstadt-Vorstadt” erteilt und das „Autowerk Gatter-Reichstadt“ wurde gegründet. Zwischen Oktober 1930 und Juni 1936 wurden in dem Werk angeblich zwischen 1400 und 1500 Kleinwagen dieser Marke produziert, andere Quellen gehen von 30 bis 40 aus.
Gatter wird deshalb in Tschechien als Erfinder des Volkswagens, des „Lidový automobil“ oder „Lidové auto“ geehrt, denn sein „Kleiner Gatter“ war das erste in Serie produzierte Automobil, das dieses Prädikat angeblich auch wirklich verdiente. So widmete der Tourismusverband dem Konstrukteur im Dezember 2006 anlässlich seines 110. Geburtstags und dem 80. Jahrestages der Gatter Automobilproduktion eine Gedenkplakette.
Rennerfolge Dass sich der Gatter-Wagen schnell großer Popularität erfreute und auch über die Grenzen der Tschechoslowakei hinaus bekannt wurden, lag jedoch nicht allein an den geringen Anschaffungs- und Betriebskosten. Auch die Rennerfolge Gatters trugen zum guten Ruf des Autos bei. Mit seinem „Kleinen Gatter“ gewann der Konstrukteur viele Preise bei den Bergrennen der 1930er Jahre. Seine größten Erfolge waren Goldmedaillen beim Böhmischen Bergrennen und der Riesen- und Isergebirgsfahrt, und Klassensiege beim Großen Bergpreis von Deutschland, der Schwarzwald-Zielfahrt und der Tatra-Sternfahrt. Auch gegen die Granden des damaligen Rennsports wie Rudolf Caracciola anzutreten, scheute sich Gatter nicht. Ihm ging es weniger um einen Sieg, als darum, die Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit von Kleinwagen vor einem Massenpublikum unter Beweis zu stellen.
1931 trat Gatter beim Großen Bergpreis von Deutschland am Schauinsland mit seinem „Kleinen Gatter“ an, dem kleinsten Wagen des gesamten Rennens. Caracciola gewann souverän auf Mercedes SSKL mit 7069 cm³ in 8:51 Stunden und einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 81,2 km/h. Gatter bewältigte die 720 Kilometer lange Rennstrecke auf seinem „Kleinen Gatter“ mit 350 cm³ in 17:38 Stunden und einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 40,7 km/h. Mit einem elften Platz zog Gatter am 26. Juli 1931 zur Siegerehrung in Freiburg ein, sein Kleinwagen wurde dabei bestaunt und bejubelt. Zuvor hatte er aus Prag kommend den 5. Platz bei der Zielfahrt des Rennens belegt.
Ein Beweis für die Wirtschaftlichkeit seiner Konstruktion war für Gatter der Umstand, dass er mit einem Motor der gerade einmal einem Zwanzigstel der Leistungsfähigkeit von Caracciolas SSKL entsprach, in der Hälfte von dessen Bestzeit und der Hälfte der Höchstgeschwindigkeit ins Ziel kam.
Werbung und Finanzierung des Werkes nach dem Zusammenbruch der Banken