mini|Interessengemeinschaft Mandan-Indianer (Landkreis Leipzig, 1970)

Mit Indianerbild im deutschen Kulturraum werden Vorstellungen über nordamerikanische Indianer bezeichnet, die im deutschsprachigen Kulturraum gehäuft geäußert und demnach von Soziologen als typisch aufgefasst werden. Diese Vorstellungen sind wesentlich vom romantischen Stereotyp des Edlen Wilden beeinflusst, das phasenweise in Teilen Europas beträchtlichen Einfluss auf die öffentliche Meinung hatte und insbesondere mit dem deutschen Romanautor Karl May verbunden wird.

Die deutschsprachige Bezeichnung Indianer selbst ist und war nicht auf die nordamerikanischen oder speziell die Prärie-Indianer begrenzt, er bezieht ebenso Ureinwohner Mittel- und Südamerikas ein. Die Prärie-Indianer wurden allerdings im deutschen Sprachraum prägend für viele der nachhaltigen Einflüsse des Indianerbilds auf Umweltbewegung, Literatur, Karneval, Kinderspiele, Kunst, Film, Theater und Reenactment.

Hartmut Lutz nannte das Phänomen „Indianerenthusiasmus“ ( Indianthusiasm).German professor lectures on his country’s „Indianthusiasm“. Darlene Chrapko Sweetgrass Writer, Volume: 19 Issue: 12 Year: 2012, Aboriginal Multi-Media Society AMMSA Canada.Hartmut Lutz: German Indianthusiasm: A Socially Constructed German National(ist) Myth. In: Germans and Indians: Fantasies, Encounters, Projections. ed. Colin Gordon Calloway, Gerd Gemünden, Susanne Zantop, Nebraska Lincoln: U of Nebraska Press. 2002, ISBN 978-0-8032-1518-4. Das Indianerbild ist im Gefolge von Karl Mays Winnetou-Romanen für Generationen von Deutschen von großer Bedeutung gewesen.Nicole Perry (McGill University Department of German Studies). Karl May’s „Winnetou“: The Image of the German Indian. The Representation of North American First Nations from an Orientalist Perspective () Beim Reenactment von indianischen BräuchenIn den 1950er und 1960er Jahren gehörten indianische Bräuche, wie Messerwerfen, Bola-Tricks zum Standard-Repertoire der DDR-Indianergruppen bei ihren Auftritten als Volkskunstkollektive. Dazu: Ausgezeichnete Volkskunstkollektive. In: Borries/Fischer: Sozialistische Cowboys. Der Wilde Westen Ostdeutschlands, Frankfurt am Main 2008, S. 35–39. und Alltagsleben, insbesondere in der DDR, wurde von Indianistik gesprochen.

Hintergrund mini|Indianer des Circus Sarrasani in ihren Theaterkostümen an Bord eines Dampfers 1928 mini|Der „Isarindianer“ Willy Michl auf dem Heimatsound-Festival 2015

Die Wahlverwandtschaft (H. Glenn Pennys: Kindred By Choice) zwischen Deutschen und Indianern wird am deutschen Föderalismus und Partikularismus und einer melancholisch retrospektiven Neigung zum Tribalismus (Stammesdenken) festgemacht. Im Rahmen der Nationalbewegung waren bereits eine Reihe weiterer, nicht dauerhafter Projektionen aufgekommen: So gab es zeitweise eine Identifikation mit den alten Germanen, den Skythen oder auch mit den Nationalbewegungen in Polen und Griechenland (im Rahmen der Polenschwärmerei und des Philhellenismus).Nicholas Saul: Schwellen: germanistische Erkundungen einer Metapher. Königshausen & Neumann, Würzburg 1999, ISBN 978-3-8260-1552-6.

Der deutsche Nationalismus positionierte sich als alternatives Rollenmodell zu den kolonialen Weltreichen jener Zeit und der römischen Zeit und vermittelte das Ideal eines colonizer loved by the colonized (geliebten Kolonialisten).Hartmut Lutz: German Indianthusiasm: A Socially Constructed German National(ist) Myth. In: Germans and Indians: Fantasies, Encounters, Projections. Herausgeber Colin Gordon Calloway, Gerd Gemünden, Susanne Zantop, Lincoln, Nebraska: U of Nebraska. Press, 2002, ISBN 978-0-8032-1518-4. Die Indianergeschichten dienten zum Transport verschiedener Männlichkeitsbilder, die mit den indianischen Helden verbunden wurden. Ein frühes Beispiel ist Johann Gottfried Seumes Gedicht Der Wilde. Seume war als hessischer Söldner in den USA und Kanada und beschrieb Begegnungen mit Indianern im autobiographischen Bericht Mein Leben. Seine Bewunderung für die natürliche Ungezwungenheit der Einwohner schlug sich in seinem oft zitierten Worten nieder: . Der „edle und raue“ Wilde im Bärenfell, der die aufgesetzte, falsche Höflichkeit der englischen Kolonisten passend quittiert und sich in die Büsche schlägt, war Projektionsfigur für das deutsche Selbstverständnis.Norbert Puszkar: Johann Gottfried Seume's 'Der Wilde'. Homely/Unhomely Encounters in the Wilderness. Lessing Yearbook 2008/2009, American Lessing Society

mini|Sioux-West e. V. Freiburg beim Narrensprung 2011 Bei der Beschäftigung mit dem Indianer ging es zumeist weniger um die realen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Realitäten der indigenen Völker Nordamerikas als vielmehr um deutsche Sehnsüchte. Im Zuge der Industrialisierung des Deutschen Reichs war dies die Sehnsucht nach einem „authentischen“, freien und naturverbundenen Leben abseits des Alltags der modernen Fabriken und Städte. Die antiurbane Stimmung (vgl. Anton Kuh: Spott zu Asphalt und Scholle), Ansätze zu Antisemitismus und Indianerverehrung schlossen sich dabei nicht aus. Befruchtet durch die mannigfaltige Literatur, Völker- und Wild-West-Schauen mit „echten Indianern“ und die ersten Western-Filme entwickelte sich im Kaiserreich eine große Vorliebe für das populärkulturelle Material Indianer, was sich in der Beliebtheit von Indianer- und Cowboyspielen widerspiegelt.dazu Sammelband: Colin Gordon Calloway, Gerd Gemünden, Susanne Zantop (Hrsg.): Germans and Indians. Fantasies, encounters, projections. University of Nebraska Press, Lincoln and London 2002. Die katholischen Verlage Mays, die nach 1880 dessen Bücher populär machten, versuchten darüber die im Kulturkampf als rückständiger Stamm charakterisierten Katholiken zu integrieren.

Archetypen in Überlieferungen wie Kultobjekte und Artefakte der Indianer und anderer Ureinwohner spielten in der Kunst der frühen Moderne wie der Psychologie etwa Carl Gustav Jungs eine wesentliche Rolle und beförderten die romantisierende Kategorisierung der Indianer in der deutschen Bevölkerung. Unter anderem im Nationalsozialismus wurde versucht diese Sehnsüchte zu instrumentalisieren.

In der DDR wurde das Reenactment von indianischem Alltagsleben und Bräuchen seitens des SED-Staates als IndianistikDer Begriff "Indianistik" wurde bereits 1894 von dem österreichischen Romanisten Wendelin Foerster (1844–1915) in Analogie zu Sprachwissenschaften wie Germanistik usw. geprägt. In Westdeutschland setzte sich dagegen die Bezeichnung Amerikanistik durch; Indianistik wurde dagegen zu einer Freizeitbeschäftigung abgewertet. wissenschaftlich aufgewertet und allmählich in die Strukturen der sozialistischen Kulturarbeit integriert.Friedrich von Borries, Jens-Uwe Fischer: Sozialistische Cowboys. Der Wilde Westen Ostdeutschlands. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2008. Mit Julius Lips (1895–1950) und Eva Lips (1906–1988) arbeiteten nach dem Zweiten Weltkrieg zwei Ethnologen an führender Stelle in der DDR, die vom Faschismus geächtet und zur Emigration in die USA gezwungen worden waren. Ihre Forschungsergebnisse zur indianischen Wirtschaftsweise legten sie nicht nur in wissenschaftlichen Veröffentlichungen, sondern auch populären Büchern dar. Das Indianerbild der DDR wurde ganz wesentlich von der Historikerin Liselotte Welskopf-Henrich (1901–1979) und ihren beiden Romantrilogien geprägt. Welskopf-Henrich war seit 1938 mit ihrem Mann im antifaschistischen Widerstand. Seit der Besetzung der Gefängnisinsel Alcatraz durch Indians of All Tribes 1968 leistete sie der Indianerbewegung moralische Unterstützung. Ihre Romane schildern den kulturellen Übergang zum Reservatsleben auf realistische und Mitgefühl weckende Weise. Der indigene kanadische Autor und Filmemacher Drew Hayden Taylor berichtet 2018 in seinen Dokumentarfilm Searching for Winnetou über deutsche Hobby-Indianer und die eigentümliche Faszination für „die Indianer“.Monika Seiller: Warum wir heute noch „Indianer sagen dürfen? – Weil es Indigene auch tun!“, Artikel in Coyote Nr. 129 – 2022, , S. 29–31.

In der Bundesrepublik wirkten das idealisierte Indianerbild in der 1968er Bewegung und in der Gründungsphase der Partei Die Grünen nach, zum Beispiel in der Indianerkommune. Im „Mainstream“ dominierten die Bilder vom weisen Schamanen, Heiler und Umweltschützer. Nicht zuletzt wurde diese Sicht von der New-Age- und Esoterik-Bewegung gefördert. Ein in Bayern bekanntes Beispiel eines Indianers aus eigenem Willen ist der Musiker Willy Michl, ein bayerisches Original und Blueslegende vom Stamme der Isarindianer. 2016 zeigte die von Hermann Wilhelm kuratierte Ausstellung München und der Wilde Westen Aspekte der Münchner Kulturgeschichte von den 1840er Jahren bis zum Ersten Weltkrieg, die sich mit wechselseitigen Beziehungen zwischen dem (Narrativ des) Wilden Westen und der Münchener Kultur der Prinzregentenzeit beschäftigten. Als Wildwestpionier wird unter anderem der 48er Julius Fröbel genannt, Lola Montez Amerikaaufenthalte ebenso wie Buffalo Bills Show auf der Theresienwiese und der erste in München gedrehte Isarwestern im Kino. Der schwarze Jack (1918) wurde in München gedreht und gehört zu den frühen Werken der Arri, er wurde mehrfach, unter anderem von der Berliner Polizei, mit einem Jugendverbot belegt.Gerhard Lamprecht: Deutsche Stummfilme 1921–1922. Deutsche Kinemathek e. V., Berlin 1968, S. 131. (dort mit einem falschen Aufführungsdatum).

mini|Schwerin, Indianistiktreffen 1982

Die indianischen Kulturen und ihre ursprüngliche Lebensweise üben nach wie vor eine große Faszination auf viele Menschen in Deutschland (und in einigen anderen europäischen Ländern) aus. Nach einem umfangreichen Artikel, der 2013 in Indian Country today, dem größten indigenen Magazin der USA, unter dem Titel „Deutschlands Besessenheit von Indianern ist rührend – und manchmal surreal“ erschien, spielen rund 40.000 in Vereinen organisierte Hobbyisten in Deutschland regelmäßig das Leben historischer Indianer nach.Red Haircrow: Germany's Obsession With American Indians Is Touching—And Occasionally Surreal. online, 23. März 2013, abgerufen am 8. Februar 2024. Im Gegensatz zu Faschingsindianern legen die Hobbyisten in der Regel großen Wert auf eine möglichst authentische Darstellung von der Ausrüstung bis zum Redfaceing. Auf der Website des Western-Bund e. V., der rund 70 deutsche Vereine vertritt, ist zu lesen: Western-Bund e. V., Vereinsregister München, Darstellungsthemen: Indianer, abgerufen am 8. Februar 2024. Obwohl diese „Indianertümelei“ mit großem Respekt betrieben wird, reproduziert sie doch weitgehend romantisierte und idealisierte Stereotypen und muss sich neben Anerkennung durch manche Indigene auch den Vorwurf der kulturellen Aneignung gefallen lassen.Andrea Henke: Deutsche haben ein manisches Verhältnis zu Native Americans. Der emeritierte Professor für Amerikanistik Hartmut Lutz spricht über das Stereotyp des Indianers und indigene Reaktionen auf deutsche Indianertümelei. Artikel auf nationalgeographic.de vom 17. Juni 2019, online abgerufen am 8. Februar 2024.

Deutsche und Indianer in den USA mini|Denkmal für Maximilian zu Wied-Neuwied, den Maler Karl Bodmer und den Indianerhäuptling Mató-Tópe vor dem Schloßtheater in Neuwied

Wie andere Einwanderer verdrängten Deutschamerikaner die Indianer aus ihren früheren Heimatgebieten. Eine Vermischung und Kooperation wie etwa bei den Franzosen und einigen schottischen EinwanderernJames Hunter: A Dance Called America: Scottish Highlands, the United States and Canada. Mainstream Publishing, 1995, ISBN 1-85158-807-8. (Métis) blieb aus. Ausnahme ist etwa der deutschstämmige Sioux und Kongressabgeordnete Ben Reifel. Etliche deutsche Entdeckungsreisende und Auswanderer des 19. und 20. Jahrhunderts verliehen den edlen Wilden Nordamerikas einen besonderen Reiz. Sie hinterließen literarische Zeugnisse, meist als Reiseberichte und Tagebücher: