mini|Rut schwört, Noomi nicht zu verlassen (Jan Victors, 1653, Privatsammlung) ֹּDas Buch Rut oder Ruth, , ist ein Buch des Tanach. Wie kein anderes biblisches Buch thematisiert es die soziale Realität für Frauen in der patriarchalen Gesellschaft des antiken Israel. Namensgebende Hauptperson ist eine Moabiterin. Nachdem ihr israelitischer Mann verstorben ist, begleitet sie ihre Schwiegermutter, die Witwe Noomi, nach Bethlehem. Als sie nach dem Armenrecht während der Gerstenernte Ähren aufliest, begegnet sie dem wohlhabenden Bauern Boas, der sie begünstigt. Boas ist mit Noomis verstorbenem Mann verwandt und daher in der traditionellen jüdischen Rolle, als „Goel“ die Familie Noomis zu schützen. Noomi rät Rut, zu Boas Kontakt aufzunehmen. Boas heiratet Rut, womit auch Noomis Zukunft gesichert ist. Das Buch schließt mit dem Stammbaum König Davids, der über Boas (und Rut) auf Perez zurückgeführt wird.
Im Judentum zählt das Buch Rut zu den fünf Megillot, den Festrollen. Es wird während des Erntefestes Schawuot (Mai/Juni) gelesen. Im Neuen Testament wird Rut als Urgroßmutter Davids im Stammbaum Jesu namentlich genannt . Die Erzählung von Rut, die als Kurzprosa,In der englischsprachigen Literatur herrscht die Bezeichnung als short story vor, was besser als Kurzprosa denn als Kurzgeschichte zu übersetzen ist. Vgl. Irmtraud Fischer: Rut, Freiburg im Breisgau 2001, S. 80. in der deutschsprachigen Literatur seit Hermann Gunkel oft als Novelle charakterisiert wird, gilt als Meisterwerk der bibelhebräischen Prosa.
Inhalt Prolog (Rut 1,1–5) Das Buch Rut erzählt vom Leben der jüdischen Witwe Noomi und ihrer moabitischen Schwiegertochter Rut. Noomis Mann Elimelech war wegen einer Hungersnot aus Bethlehem in Juda ins benachbarte Moab ausgewandert.Zeitweilige, durch Hungersnot bedingte Auswanderung ist in der Hebräischen Bibel ein bekanntes Motiv, doch wäre Ägypten ein naheliegenderes Ziel als ausgerechnet Moab, das bei Missernten in Israel eher noch stärker betroffen war. Vgl. Yair Zakovitch: Das Buch Rut, Stuttgart 1999, S. 77. Seine Frau und die beiden Söhne Machlon und Kiljon hatte er mitgenommen. Bald danach war Elimelech gestorben. Die Söhne hatten zwei moabitische Frauen geheiratet, Rut und Orpa . Zehn Jahre später, nachdem auch die Söhne gestorben sind, bleibt Noomi als Witwe mit ihren nun ebenfalls verwitweten Schwiegertöchtern zurück . Kinder gibt es nicht.
In findet sich ein exaktes Zitat von , womit beim Publikum die Erwartung geweckt wird, Elimelech werde so wie Abraham in die Fremde ziehen, dort von Gott von allerlei Gefährdungen bewahrt bleiben und am Ende heimkehren.Melanie Köhlmoos: Ruth, Göttingen 2010, S. 2. Ähnlich Jeremy Schipper: Ruth. A New Translation with Introduction and Commentary, New Haven/London 2016, S. 80 Aber diese Leseerwartung wird durchkreuzt. „In fünf kurzen Versen haben die Männer ihre Rolle ausgespielt und nichts hinterlassen, worauf Verlass wäre.“Melanie Köhlmoos: Ruth, Göttingen 2010, S. 9. Übrig bleiben drei nicht miteinander verwandte, verschiedenen Völkern angehörige Witwen. Das ist eine in der Hebräischen Bibel singuläre Konstellation, bei der völlig offen ist, was die drei Frauen weiterhin verbindet und welche Optionen für sie bestehen.
Da Mädchen zwischen 12 und 16 Jahren heirateten und ihre Partner älter waren, sollte man sich Rut und Orpa wohl als Witwen im Alter von Mitte bis Ende Zwanzig vorstellenMelanie Köhlmoos: Ruth, Göttingen 2010, S. 35. und Noomi als Mutter ihrer Ehemänner Mitte Vierzig.
Erster Akt (Rut 1, 6–22) Die drei Frauen machen sich auf den Weg zurück nach Bethlehem, da Noomi erfahren hat, die Hungersnot sei vorbei. Unterwegs im „Niemandsland“Melanie Köhlmoos: Ruth, Göttingen 2010, S. 10. ermahnt Noomi die beiden jüngeren Frauen eindringlich, nach Moab und in ihre Herkunftsfamilien (ihr jeweiliges „Mutterhaus“, ) zurückzukehren. Sie segnet sie wegen der Güte (), die beide ihr und den Verstorbenen erwiesen hatten. JHWH möge ihnen dafür ebenfalls ḥæsæd erweisen und sie in einer neuen Ehe Geborgenheit () finden lassen.Irmtraud Fischer: Rut, Freiburg im Breisgau 2001, S. 135 f. Im Land Juda gebe es für sie keine Perspektive, da Noomi keinen weiteren Sohn hat, der sie heiraten könnte – und selbst wenn sie jetzt schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen könnte, wäre es doch für zwei junge Frauen sinnlos, abzuwarten, bis dieser herangewachsen wäre.
Orpa kehrt daraufhin um; Rut jedoch besteht darauf, mit ihrer Schwiegermutter nach Juda zu ziehen: „Dränge mich nicht, dich zu verlassen und umzukehren! Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe auch ich, da will ich begraben sein. Der HERR soll mir dies und das antun – nur der Tod wird mich von dir scheiden.“ Rut macht darin deutlich, dass Noomi ihre wichtigste Bezugsperson ist und lebenslang bleiben soll. Noomi gibt es auf, Rut zu überreden.Melanie Köhlmoos: Ruth, Göttingen 2010, S. 19; Ilana Pardes: Das Buch Ruth: Geschichte einer Migration, Berlin 2022, S. 25 f.
Die beiden Frauen kommen in Bethlehem an. Die Bethlehemiterinnen begrüßen Noomi; Rut als Fremde wird von ihnen ignoriert.Irmtraud Fischer: Rut, Freiburg im Breisgau 2001, S. 32. Vgl. auch Ilana Pardes: Das Buch Ruth: Geschichte einer Migration, Berlin 2022, S. 27: „Die Stadt, das sind die Frauen.“ Der bethlehemitische „Chor der Frauen“ hat eine Funktion ähnlich einem Chor im griechischen Drama. Hier gibt er Noomi Gelegenheit, als Antwort ihre Bitterkeit in Worte zu fassen. Den Tod des Mannes und der Söhne interpretiert Noomi, einer weiblichen Hiobgestalt gleich, als Angriff Gottes auf sie. Der Erzähler hingegen hatte weder der Hungersnot noch den Todesfällen eine religiöse Deutung beigelegt. In der Schlussszene des Rutbuchs tritt der Chor nochmals auf und spricht einen Segen über Noomi, verbunden mit dem Lob Ruts.Yair Zakovitch: Das Buch Rut, Stuttgart 1999, S. 19–22 und 101. Zum Vergleich von Noomi und Ijob siehe Zakovitch ebd., S. 57 f.
Zweiter Akt (Rut 2, 1–23) In wird Boas, die männliche Hauptperson des Buches, vorgestellt. Er ist aus Elimelechs Verwandtschaft und steht damit in einer allerdings diffusen Beziehung zu Noomi.Melanie Köhlmoos: Ruth, Göttingen 2010, S. 26. Boas wird als „heldenhafter, fähiger Mann“ () charakterisiert (in wird er seine künftige Partnerin Rut als „fähige Frau“, , bezeichnen).Auf diese Parallele verweist Yair Zakovitch: Das Buch Rut, Stuttgart 1999, S. 27. Vgl. die Beobachtung von Irmtraud Fischer: Rut, Freiburg im Breisgau 2001, S. 157: Gängige Übersetzungen ins Deutsche zeigen einen Gender Bias, indem sie die gleiche Vokabel unterschiedlich übersetzen, je nachdem, ob sie auf den Mann Boas oder die Frau Rut angewandt wird. Beispiele: Einheitsübersetzung 2016: einflussreicher Mann/tüchtige Frau; Lutherbibel 2017: angesehener und redlicher Mann/tugendsame Frau; dagegen Zürcher Bibel 2007: tüchtiger Krieger/tüchtige Frau. Mit Boas „tritt … die personifizierte Kraft in die Erzählung ein“.Melanie Köhlmoos: Ruth, Göttingen 2010, S. 27. Der Gegensatz zum Brüderpaar Machlon und Kiljon („Schwächlich und Gebrechlich“) weckt die Erwartung, dass er irgendwie an ihre Stelle treten kann. Wie alt man sich Boas vorstellen soll, ist eine Leerstelle der Erzählung. Die christliche Rezeption hat aus gern gefolgert, dass Boas alt und (wegen des Ideals der Einehe) ledig gewesen sei. Aus dem Text geht nur hervor, dass Boas nicht mehr ganz jung war – genauso wenig wie Rut.Irmtraud Fischer: Rut, Freiburg im Breisgau 2001, S. 213 f. Im Midrasch Rut Rabba wird Boas zum achtzigjährigen Greis erklärt, vgl. Yair Zakovitch: Das Buch Rut, Stuttgart 1999, S. 142.
Es ist gerade die Zeit der Gerstenernte (April/Mai). Rut ergreift die Initiative; sie kündigt Noomi an, sie wolle auf dem Feld desjenigen Besitzers Nachlese halten, „in dessen Augen ich Gunst finde“. Die Möglichkeit dazu eröffnet das Armenrecht der Tora (vgl. und ). Die Gunst des Feldbesitzers ist für Rut notwendig, weil das Armenrecht zum einen nicht einklagbar ist, Rut als Moabiterin andererseits auch nicht zu den Armen Israels gehört, die Nutznießer des Gesetzes sind. Eigentlich gehört Noomi zu diesem Personenkreis, aber sie bleibt passiv. Damit stellt sich die Frage, ob die bislang von den Bethlehemiterinnen übersehene Rut nun, nach ihrem Bekenntnis zur Solidarität mit Noomi, von den Einheimischen anerkannt wird.Melanie Köhlmoos: Ruth, Göttingen 2010, S. 29.
Der Erntetag dauert von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, zu dieser Jahreszeit etwa 16 Stunden bei Temperaturen um 22 Grad Celsius. Vorausgesetzt ist bei der folgenden Szene wohl, dass die unverheirateten jungen Leute des Orts gemeinschaftlich ein Feld nach dem anderen abernten und der jeweilige Feldeigentümer dafür ihre Verpflegung übernimmt.Melanie Köhlmoos: Ruth, Göttingen 2010, S. 32.
Boas tritt auf, um sich als Feldbesitzer bei seinem jungen VorarbeiterVgl. Melanie Köhlmoos: Ruth, Göttingen 2010, S. 34 f.: , weder Knecht noch Verwalter, sondern ein im Familienverband lebender junger Mann, der angelernt wird, Verantwortung zu übernehmen. über den Stand der Arbeiten zu informieren. Er hat Rut bemerkt und erkundigt sich nach ihr. Der Vorarbeiter hält eine längere Rede – schließlich hat er Rut die Erlaubnis erteilt, auf dem Feld des Boas zu arbeiten und dort außerordentlich fleißig ihre eigene Ernte einzubringen. Das stellt eine sehr freundliche Auslegung des Nachleserechts dar, das eigentlich das Auflesen liegengebliebener Ähren erst auf dem bereits fertig abgeernteten Feld gestattet. Zugleich identifiziert er Rut als Moabiterin und Schwiegertochter der Noomi und setzt sie so in Beziehung zu Boas.Melanie Köhlmoos: Ruth, Göttingen 2010, S. 36 f. 400px|mini|Rast der Schnitter / Rut und Boas (Jean-François Millet 1851/53, Museum of Fine Arts, Boston)Zu Millets Rast der Schnitter und den Ährenleserinnen vgl. Ilana Pardes: Das Buch Ruth: Geschichte einer Migration, Berlin 2022, S. 121–129. Boas spricht Rut mit der Autorität des Feldbesitzers an und erklärt ihr, nach welchen Regeln sie von nun an auf seinem Feld arbeiten darf. Sie soll sich zur Gruppe der jungen Frauen halten; er habe angeordnet, dass sie von den jungen Männern in keiner Weise belästigt wird. Damit ist die verletzliche Fremde Rut doppelt geschützt,Vgl. Irmtraud Fischer: Rut, Freiburg im Breisgau 2001, S. 173: „Bereits die Alten wußten, daß in Gesellschaften, die nach dem Geschlecht diskriminieren, der Zusammenhalt von Frauen die wirksamste Gegenwehr gegen männliche Willkürakte ist.“ zugleich beugt Boas der Möglichkeit vor, dass Rut zu einem Erntearbeiter in näheren Kontakt kommt. Indem Boas Rut als „meine Tochter“ tituliert, bekommen diese Anweisungen eine freundliche Note.Melanie Köhlmoos: Ruth, Göttingen 2010, S. 37–40. Andererseits hat diese vertraute Anrede etwas Gönnerhaftes, da er Rut ja erstmals sieht, und bringt so die Differenz im Sozialstatus erst recht zum Ausdruck.Irmtraud Fischer: Rut, Freiburg im Breisgau 2001, S. 172.
Rut wirft sich demütig vor Boas zu Boden, als sei er ein König,Irmtraud Fischer: Rut, Freiburg im Breisgau 2001, S. 174. und fragt ihn, warum er gegenüber ihr, der Ausländerin (),Zur Unterscheidung des Rechtsstatus von Ausländern und Fremdlingen vgl. so gütig sei. „Mit abgewandtem Gesicht fragt Ruth Boas, warum Boas sie wohlwollend ansieht … Sie zwingt Boas damit, in Worte zu fassen, was er an ihr findet.“Melanie Köhlmoos: Ruth, Göttingen 2010, S. 41. Ausführlich zu diesem erzählerischen Kunstgriff: Ilana Pardes: Das Buch Ruth: Geschichte einer Migration, Berlin 2022, S. 35. Boas erkennt Ruts außergewöhnliches Engagement für ihre Schwiegermutter an – mit Formulierungen, die in der Paradiesesgeschichte für die Verbindung zwischen Mann und Frau gebraucht werden und zugleich an die Berufung Abrahams erinnern .Irmtraud Fischer: Rut, Freiburg im Breisgau 2001, S. 176 f.