mini|hochkant|Bernhard Hoetger, um 1924, auf einer Fotografie von Nicola Perscheid Bernhard Hoetger (* 4. Mai 1874 in Hörde (heute ein Dortmunder Stadtteil); † 18. Juli 1949 in Unterseen, Kanton Bern) war ein deutscher Bildhauer, Maler, Architekt und Kunsthandwerker des Expressionismus.
Leben Bernhard Hoetger war Sohn eines Schneidermeisters und Schmieds in Hörde.Bernhard Hoetger im Böttcherstraße-Archiv, abgerufen am 2. Februar 2024. Schon als Kind schnitzte er aus Brennholz immer wieder Köpfe und führte damit Puppentheater für die Nachbarskinder auf.Albert Theile: Bernhard Hoetger. In: Diethart Döring und andere (Red.): Rund um die Uhr – ein Hörder Lesebuch. Stammtisch „Schlanke Mathilde“, Dortmund-Hörde 1985, S. 87–94.
Ausbildung und Pariser Jahre Hoetger absolvierte von 1888 bis 1892 eine SteinmetzlehreBernhard Hoetger. In: Werner Kloos: Bremer Lexikon. Hauschild, Bremen 1980. in Detmold mit sich anschließenden Wanderjahren. Von 1895 bis 1897 war Hoetger Technischer Leiter der Werkstatt für kirchliche Kunst von Franz Goldkuhle in Wiedenbrück. Er bezeichnete diese Zeit wegen des rauen Handwerkertons als seine „Fron- und Sklavenjahre“.
Nach seinem Studium an der Kunstakademie Düsseldorf als Schüler von Karl Janssen folgte von 1900 bis 1907 ein Aufenthalt in Paris, wo ihn Maillol und Rodin beeinflussten. Dadurch wurde Hoetger zum Expressionisten. Im Atelier von Rodin machte er 1906 die Bekanntschaft von Paula Modersohn-Becker, die ihm von der Künstlerkolonie Worpswede berichtete. Später beschäftigte sich Hoetger auch mit den Werken Gaudís.
1905 heirateten Bernhard Hoetger und die Konzertpianistin Helene Natalie Haken (1880–1967), „Lee“ genannt, die er in Paris kennengelernt hatte.
Darmstädter Künstlerkolonie
1911 wurde Hoetger durch den Großherzog Ernst Ludwig (1868–1937) als Professor an die Darmstädter Künstlerkolonie berufenSaal 1989, S. 31, Anm. 60. und für eine 1913/14 geplante Ausstellung mit der skulpturalen Ausstattung des Platanenhains auf der Mathildenhöhe in Darmstadt beauftragt. Die Vorarbeiten fanden in Florenz statt; dieses Material wurde zum größten Teil vernichtet.
Schon 1911/12 hatte er die Majolika-Modelle für einen 15 Figuren umfassenden Zyklus "Licht- und Schattenseiten" fertiggestellt. Es handelt sich um die einander gegenübergestllten Verkörperungen der guten und schlechten Charaktere des Menschen, die zu Seiten einer zentralen Gestalt des Sieges platziert sind. Nicht durch Symbole, sondern allein durch ihre expressive Körpersprache werden ihre Eigenschaften sinnlich erfahrbar. Noch 1912 wurden sie in den Tonwerken Kandern gegossen, engobiert und von Max Laeuger mit farbigen Mustern bemalt und glasiert. Spätere Ausformungen sind unbemalt oder einfarbig geblieben. Der einzige vollständige Zyklus ist im Focke-Museum Bremen ausgestellt.Der Licht- und Schatten-Zyklus in der Online-Sammlung des Focke-Museums Bremen Auch wenn diese Personifikationen heute nicht mehr als gezielte Vorarbeiten für den Platanenhain angesehen werden,Bernsmeier 1993, S. 9 ließ Hoetger 1914 einige Figuren in Gussstein übertragen und auf der Mathildenhöhe aufstellen.
Ein weiteres Werk im Rahmen der Künstlerkolonie-Ausstellung ist das „Löwentor“. Die sechs expressiven, leicht abstrahierten Löwen aus Stein standen ursprünglich auf von Albin Müller entworfenen steinernen Säulen-Paaren, das ganze bildete das Haupttor zur Ausstellung von 1914 auf der Mathildenhöhe. Während die Säulen-Paare als Tor zum Hochschulstadion wiederverwendet wurden, entwarf Müller für die Löwen sechs neue hohe Pfeiler aus Backstein, die 1926/1927 am Eingang zum Park Rosenhöhe errichtet wurden. mini|Relief Frühling Ferner befinden sich auf der Mathildenhöhe vier monumentale farbige Reliefs mit den Titeln Schlaf, Auferstehung, Frühling und Sommer, große steinerne Vasen sowie ein Brunnen mit drei Frauenfiguren, die den Wasserkreislauf versinnbildlichen. In Nischen zwischen pflanzlichen Spalierwänden stehen einzelne Figuren. Eine Figur zu Ehren von Paula Modersohn-Becker zeigt eine liegende Mutter mit Kleinkind. Weitere Ergänzungen sind Silberlöwen und Leoparden aus Bronze am Eingang zum Platanenhain.
In Darmstadt fand Bernhard Hoetger Unterstützung durch den Wuppertaler Bankier August von der Heydt und durch Großherzog Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt. mini|hochkant|Bernhard Hoetger: Bonze des Humors (1914), Worpswede.
Worpswede Nachdem Bernhard Hoetger 1913 drei Ateliers in Fischerhude bei Bremen unterhalten hatte,Sigrid Russ: Die Venus und die Lotteriegesellschaft. Biografische Angaben. siedelte er, durch Paula Modersohn-Becker während der Pariser Zeit inspiriert, 1914 nach Worpswede über. Hier entstand unter seiner Federführung das Kaffee Worpswede, wo er zunächst eigene Kunstwerke ausstellte.
1915 kaufte Hoetger in dem Ort ein Haus mit Grundstück, den Brunnenhof. Das Gebäude baute er zum geräumigen und repräsentativen Wohn- und Atelierhaus aus. Den Park gestaltete er auch mit Werken aus seinem Zyklus Licht und Schatten. Paarweise stellte er die Abgüsse der Titel Wut, Rache, Panther und Silberlöwe auf. Der Kunsthistoriker Wolfgang Saal meint, in der Gestaltung des „Brunnenhofes“ 1915 eine „Konkretion von Hoetgers Sonnensehnsucht“ zu erkennen, die sich auch in Architekturentwürfen fortsetzte. Die Skulptur Der Schreitende Jüngling ist ein Symbol dafür: „Ferne schreitet im Sonnengarten erhobenen Armes der Jüngling einer kommenden Zeit“ stützt die These der Sonnenausrichtung Hoetgers beim Umbau des Wohnhauses und Gestaltung des Gartens. Schon im Programm des Darmstädter Platanenhains von 1911 bis 1914 kündigt sich diese „Sonnensehnsucht“ (die sich in vielen Religionen ausdrückt) an. Hoetger versuchte, eine aus den Elementen verschiedener Religionen und Kulturen zusammengesetzte weltanschauliche Synthese zu dokumentieren. So wie Hoetger die Bildhauerei vieler Epochen und Stilrichtungen künstlerisch verarbeitete, so filterte er aus den Religionen und Philosophien der Welt das heraus, was er für wesentlich hielt. mini|hochkant|Niedersachsenstein
Nach dem Verkauf des Brunnenhofs erbaute Hoetger am südlichen Hang des Weyerberges – Hinterm Berg 14 – von 1921 bis 1922 seinen zweiten Worpsweder Wohnsitz das Haus Hoetger. In dem begehbaren Kunstwerk, das exakt nach Süden ausgerichtet ist, befindet sich heute Das Kreative Haus. Hoetger schuf das Gebäude mit den Materialien der Umgebung.
1922 führte Hoetger in Worpswede das Gefallenendenkmal für die Opfer des Ersten Weltkrieges, das 18 Meter hohe Backsteindenkmal Niedersachsenstein aus. Ein weiteres Werk ist der von ihm von 1916 bis 1919 gestaltete Grabstein von Paula Modersohn-Becker auf dem Friedhof von Worpswede.
Der Brunnenhof brannte 1923 ab. Erhalten und restauriert ist der Garten mit zahlreichen Skulpturen, der später zu Ehren des Künstlers den Namen Hoetger-Garten erhielt.
Er prägte die Architektur des Ortes und entwarf das Landhaus Brunnenhof (1914), den Niedersachsenstein (1922), die Töpferei (1921), die Kunsthütte (1921), das Haus Hoetger (1922), das Kaffee Worpswede (1925), das Logierhaus (1926), die Große Kunstschau (1927) und das Philine-Vogeler-Haus (1928).
Böttcherstraße mini|hochkant|Eingang zur Böttcherstraße. Lichtbringer, Fassadenrelief von Hoetger, April 1936 Bernhard Hoetger machte die Bekanntschaft mit dem Bremer Kaufmann Ludwig Roselius,Karen E. Hammer: Vogeler – Roselius – Hoetger. Ein Dreigestirn zwischen Freundschaft und künstlerischer Akzeptanz. In: Heimat-Rundblick. Geschichte, Kultur, Natur. Nr. 102, 3/2012 (Herbst 2012), S. 12–14. woraus die Aufgabe seines Lebens entstand: die Neugestaltung der Bremer Böttcherstraße. Dabei schuf er unter anderem an der Ostseite der kleinen Verbindungsgasse zwischen Markt und Weser 1930/1931 ein expressionistisches Meisterstück – das Haus Atlantis. Im dort gelegenen Paula Modersohn-Becker Museum sind einige seiner Skulpturen vorhanden, u. a. die Schreitende (siehe auch Abschnitt „Skulpturen, Reliefs, Brunnen“ im Artikel Böttcherstraße).
Weitere Werke mini|hochkant|Die wiederaufgefundene „TET-Statue“ am Originalstandort Auch an anderen Orten sind die Spuren von Hoetgers Wirken zu finden. 1912/1913 schuf er für das von dem Architekten Otto Ingold (1883–1943) gebaute Volkshaus Bern vier in Kunststein gegossene Figuren, die die Kraftquelle des Volkes darstellen,Vier Sandsteinfiguren für das Volkshaus Bern und 1915 das überdimensionale Waldersee-Denkmal, das in Hannover am Rande der Eilenriede aufgestellt wurde und unter Denkmalschutz steht.
Hermann Bahlsen war ein früher Förderer Hoetgers, der 1916/1917 von ihm einen ganzen Stadtteil (TET-Stadt), mit Fabrik, Verwaltungsgebäuden und Wohnungen für rund 17000 Mitarbeiter planen ließ. Wegen des Ersten Weltkriegs kam das Vorhaben nicht zur Ausführung. 2018 wurde nach mehr als 80 Jahren eine vorsorglich versteckte und damit vor den Nationalsozialisten gerettete Statue Hoetgers, die „TET-Göttin“ darstellend, aufgefunden und an ihren angestammten Platz am Bahlsen-Stammhaus in Hannover aufgestellt.
Nach 1933 mini|Grabstätte Hoetgers in Dortmund (2009). Das Lichtbringer-Relief wurde 2020 entfernt. Wie sein Mäzen Ludwig Roselius sympathisierte Hoetger mit dem Nationalsozialismus. Er trat zum 1. Oktober 1934 der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 2.791.181).Bundesarchiv R 9361-VIII KARTEI/11661104 Er versuchte, die Partei für seine von der völkisch-nordischen Ideenwelt beeinflusste Kunst zu gewinnen, was ihm aber nicht gelang. Sein Werk galt seit der entsprechenden Rede Adolf Hitlers auf dem Nürnberger Reichsparteitag 1936 als „entartet“. Hoetger wurde aus der Partei ausgeschlossen.
Ab 1934 wohnte er in Berlin. Bernhard Hoetger war Mitglied des Deutschen Künstlerbunds. (abgerufen am 1. April 2016)
1937 wurden in der Nazi-Aktion „Entartete Kunst“ Werke Hoetgers aus dem Schlesischen Museum der Bildenden Künste Breslau, der Kunsthalle Bremen, der Städtischen Kunstsammlung Chemnitz, der Skulpturensammlung Dresden, dem Städtischen Kunst- und Gewerbemuseum Dortmund, dem Museum für Kunst und Heimatgeschichte Erfurt, dem Städelschen Kunstinstitut und Städtische Galerie Frankfurt/Main, dem Wallraf-Richartz-Museum Köln, dem Heimatmuseum Kolberg, dem Städtischen Museum Mainz, dem Landesmuseum Oldenburg, dem Schlossmuseum Weimar und dem Nassauischen Landesmuseum Wiesbaden beschlagnahmt. Einige wurden zerstört, andere gingen zur „Verwertung“ auf dem internationalen Kunstmarkt an den Kunsthändler Bernhard A. Böhmer. Ihr Verbleib ist zumeist unbekannt. Nur wenige konnten nach 1945 sichergestellt werden.Datenbank zum Beschlagnahmeinventar der Aktion „Entartete Kunst“, Forschungsstelle „Entartete Kunst“, FU Berlin
1943 floh Hoetger aus Berlin über das Riesengebirge und Oberbayern in die Schweiz, wo er 1949 in Unterseen starb.Eintrag im Todesregister der Gemeinde Unterseen Seite 130 lfd. Nr. 73, eingetragen am 18. Juli 1949.museen-boettcherstrasse.de Bernhard Hoetger auf museen-boettcherstrasse.de, abgerufen am 18. November 2024 Sein Grab befindet sich auf dem Dortmunder Ostenfriedhof.
1937 als „entartet“ beschlagnahmte Werke Plastiken Bildnis Frau Stadtdirektor Tramm (Bronze, Höhe 37 cm, 1913) Badender Junge (zerstört)
Tafelbilder Landschaft mit Windmühle (Öl auf Pappe, 100 × 72 cm) Windmühle (Öl auf Pappe, 90 × 71,5 cm; zerstört)
Zeichnungen Weiblicher Akt (Aquarell) Sechs Akte (Aquarell) Bäume (Tuschzeichnung, zerstört) Kahnfahrt im Sommer (Kohlezeichnung, zerstört)
Druckgrafiken Pfingsten – Die Erleuchtung (Radierung, 78 × 91 cm, 1923) Mutter und Kind (Lithografie, 29 × 27 cm, 1925) Figürliche Komposition (Lithografie, 37,5 × 30,7 cm, 1921; Blatt 7 der beschlagnahmten 3. Mappe „Neue europäische Graphik. Deutsche Künstler“, Bauhaus Drucke, Weimar, 1921) Mappe mit sechs Lithografien und einer Farblithografie
Veröffentlichungen Erinnerungen an Paula Modersohn. In: Die Tide. Niederdeutsche Heimatblätter. 6. Jg., Heft 7, Juli 1929, S. 267–273.
Bernhard-Hoetger-Preis