mini|Hermann Kant bei einer Diskussion nach einer Schultheater-Aufführung „Die Aula“ (1980) Die Aula ist der Titel eines erstmals 1964in der Zeitschrift Forum und 1965 als Buch publizierten Romans von Hermann Kant mit autobiographischen Bezügen.Ebenso wie sein Protagonist Robert Iswall 1926 in Hamburg geboren, geriet Hermann Kant gegen Kriegsende in polnische Kriegsgefangenschaft, wurde Elektriker und besuchte zwischen 1949 und 1952 die ABF Greifswald. Am Beispiel einiger Studenten werden die Anfänge einer Arbeiter-und-Bauern-Fakultät vor dem gesellschaftlichen Hintergrund der DDR 1949 bis 1952 nachgezeichnet und deren Schicksale bis ins Jahr 1962 verfolgt.
Inhalt Als Motto dient ein Heine-Zitat „Der heutige Tag ist ein Resultat des gestrigen. Was dieser gewollt hat, müssen wir erforschen, wenn wir zu wissen wünschen, was jener will“.aus: Heinrich Heine: Französische Zustände, Artikel 6. (1831-32). https://projekt-gutenberg.org/authors/heinrich-heine/books/franzoesische-zustaende/chapter/8/. Bezug zur Programmänderung der Abschlussfeier und zu dem Verzicht auf Iswall Rede.
Überblick Der Journalist und Literaturkritiker Robert Iswall erhält zu Beginn des Romans den Auftrag, an seinem früheren Studienort eine Rede zur Schließung der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät zu halten, die nach dem Zweiten Weltkrieg jungen Menschen die Möglichkeit bot, in einem gymnasialen Oberstufenlehrgang ihr Abitur nachzuholen und zu studieren. Für seine Rede erinnert er sich an diese Zeit, an den Leiter der Anstalt, die Lehrer und Parteisekretäre, an ihre Diskussionen über den richtigen Weg zu einem demokratischen Sozialismus. Er betrachtet sich alte Fotografien, recherchiert die Schicksale seiner Kommilitonen Karl-Heinz Riek (Quasi), Jakob Filter und Gerd Trullesand und besucht sie an ihren jetzigen Wohnorten in Hamburg, Eberswalde und Leipzig. Die Veränderungen seit seinen Studienjahren wird ihm beim Gang durch seine alte Universitätsstadt bewusst.
Die Handlungen und Reflexionen spielen im Wesentlichen abwechselnd auf zwei Zeitebenen: der Gegenwart 1962 und der ersten Phase des Instituts von 1949 bis 1952, als der Kriegsheimkehrer und Elektriker Iswall Absolvent der „Vorstudienanstalt“ ist. Durch die „Fülle von Anekdoten, Nebenfiguren und Ereignissen entsteht ein vielfältiges Mosaik der Vergangenheit und Gegenwart in der DDR“Kindlers Literaturlexikon im dtv. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1974, B. 24, S. 10485. und der Aktivitäten der Schüler, die durch Liebesrivalitäten um die Mitschülerinnen Vera durchsetzt sind.
Der 1949-Jahrgang Die 34 Schüler der heterogenen Arbeitsgruppe A1 sind alle vor oder während der Hitler-Diktatur geboren und sozialisiert worden, haben Kriegs- und Fluchterlebnisse mit Verlusten von Familienmitgliedern, sind alle berufserfahren, hoffen durch die Akademie auf eine Verbesserung ihres Lebens und möchten sich für den Aufbau eines neuen Systems in der DDR engagieren. Robert Iswall ist mit 23 Jahren einer der ältesten Schüler. Er hat am Krieg teilgenommen, war in Polen in einem Gefangenenlager und arbeitete dann als Elektriker im Städtchen Paren, wo seine Mutter mit ihrem zweiten Mann, Nußbank wohnte, der „als überall geachtete[r] Repräsentant[-] der neuen Ordnung“Hermann Kant: Die Aula. Fischer Bücherei, 1968, S. 174. ihn über die Verheißungen des Sozialismus belehrte. Vera Bilfert, mit 19 Jahren eine der Jüngsten der Fakultät, wurde in Polen geboren, flüchtete 1944 als 14-Jährige mit Mutter und den beiden Brüdern im Handwagen nach Klein Bünzow, Mecklenburg, und wurde Schneiderin. Wie ihre Freundin Rose Paal aus Wüllnow lebt sie an den Wochenenden noch im Schutz ihrer Eltern, während Iswall und Trullesand bereits vielfältige Liebeserfahrungen haben.
Für die jungen Handwerker, Schneider und Landarbeiter beginnt eine neue Phase in ihrem Leben. Sie sollen die in ihrer unregelmäßigen Kriegsschulzeit entstandenen Lücken ausgleichen und in einem gymnasialen Oberstufenprogramm das Abitur nachholen. Sie ahnen schon die Diskrepanz zwischen ihrem dörflichen Arbeitsleben und der Universitätsgesellschaft und der Leiter der Fakultät, Dr. Mevius Völschow, genannt „der Alte Fritz“, spricht in seiner Begrüßungsrede den jungen Leuten, die „zum Sturm auf eine Feste angetreten seien, eine Feste bewehrt mit Hochmut, Vorurteilen, Angst um bedrohte Privilegien, Aberglauben und Klassendünkel“, Mut zu.Hermann Kant: Die Aula. Fischer Bücherei, 1968, S. 49. Seine Andeutungen bestätigen sich bei ihrer Bekanntschaft bzw. Konfrontation mit den Lehrern.
Lehrer Physik und Mathematik unterrichtet Dr. Lazarus Schika. Er fühlt sich jedoch in erster Linie als Mathematiker und Wissenschaftler: Die jungen Leute müssten bei ihm zuerst einmal Rechnen lernen, das sei noch keine richtige Mathematik. Bei einer von der Klasse initiierten Befragung über den Aspekt der Moral in der Forschung antwortet er, Wissenschaft bewege sich in einem amoralischen Bereich: „Als Mensch darf der Wissenschaftler selbstverständlich kein Unmensch sein. Aber als Wissenschaftler muss er sozusagen ein Nichtmensch sein. Ende der Debatte.“Hermann Kant: Die Aula. Fischer Bücherei, 1968, S. 224.
Robert, dem mathematische Rechnungen schwer fallen und dem Vera stundenlang die Lösungen der Aufgaben erklärt, ist dagegen vom Geschichtslehrer Riebenlamm, zugleich sein Arbeitsgruppenleiter, angetan. Dieser beginnt seine erste Stunde mit dem Brecht-Gedicht Wer baute das siebentorige Theben? und ermutigt eine Schülerin, „aber“ zu sagen, während der Deutschlehrer Dr. Fuchs neben dem bürgerlichen Bildungskanon seinen Schwerpunkt auf die Kommaregeln setzt.
Latein unterrichtet der Parteisekretär Angelhoff, der die Klasse vor den Feinden der neuen Zeit warnt und misstrauisch auf Fehlverhalten achtet: ein Fehler sei erst richtig bösartig, wenn man ihn nicht bei seinem Namen nennt und ein Gegner des Sozialismus trage viele Masken. Manchmal weicht er von den Lateinlektionen ab und rezitiert in klassischer Pose im griechischen Original und in der Übersetzung die Nikias-Rede aus Thukydides’ Beschreibung des Peloponnesischen Krieges. Für Karl-Heinz Riek („Quasi“) ist dies eine Vorlage für seine Parodie nach einer Mathematik-Stunde: Die Rede an die verzweifelten Algebra-Schüler. Vor dem Studentenrat variiert er seine Vorführung, um die Gleichberechtigung der ABF-Absolventen zu fordern und deren Bildungsstand zu demonstrieren: „Euch Studenten hier will ich noch einmal zum Kopfe führen, dass ihr weder das Recht noch die Möglichkeit habt, euch dem zu widersetzen, was wir anderen, wir Neuen, die wir auch, wenngleich sehr gegen euren Willen, den Namen Studenten führen…“Hermann Kant: Die Aula. Fischer Bücherei, 1968, S. 150.
Aktionen Bereits am Ankunftstag, vor dem Bezug der Zimmer und der festlichen Eröffnung profiliert sich Riek, Klempner in einer Zuckerfabrik in Dömitz, als Organisator und schaufelt zusammen mit dem Zimmermann Gerd Trullesand aus Ribnitz und Robert Iswall den vor dem Gebäude liegenden Briketthaufen in den Heizungskeller. Die Drei sind weiterhin der Aktivisten-Kern des neuen Studienganges. Sie nennen ihr Zimmer „Roter Oktober“, halten die Gruppe der als „verwirrte und unwissende Waisenkinder“ verspotteten Proletarier zusammenHermann Kant: Die Aula. Fischer Bücherei, 1968, S. 248. und fordern ihre Gleichberechtigung mit den Universitätsstudenten.
Sie organisieren auch einen Protestmarsch zur Umbenennung des „Pommernplatzes“ in „Platz der Befreiung“. Auf einem Riesentransparent steht: „Pommernland ist abgebrannt, neu ist unser ganzes Land“. Zwar haben sie mit ihrer Aktion Erfolg, doch wird dieser durch die Flucht ihres Mitschülers Fiebach beeinträchtigt. Fiebach hatte sich zuvor in einen Streit über ein verändertes Stalin-Zitat im Zentralorgan eingemischt und eine „intensive Erörterung über das Wesen der Demokratie“ befürwortet,Hermann Kant: Die Aula. Fischer Bücherei, 1968, S. 193. nun hält er die Umbenennungs-Aktion für übertrieben und der Parteisekretär Angelhoff macht ihm den Vorwurf der kleinbürgerlichen Ruhe. Er wolle verhindern, „dass die Ansatzpunkte zu revanchistischem Denken […] aus unserer Stadt verschwinden“.Hermann Kant: Die Aula. Fischer Bücherei, 1968, S. 194. Am nächsten Tag ist Fiebach spurlos verschwunden. Darauf kritisiert der Parteikreisleiter Haiduck die Demonstranten, jetzt habe man einen künftigen Ingenieur weniger: „Ihr sollt hier nicht die Radikalinskis spielen. […] Den Namen sollte man ändern, jawohl, aber ändert ihr erst mal euren Kopf. […] Dass nebenbei auch noch ein paar Leute weglaufen, das zählt nicht; ihr habt ja Revolution gemacht!“Hermann Kant: Die Aula. Fischer Bücherei, 1968, S. 194.
Dies ist nicht der einzige Streit um die richtige Parteilinie. Die persönlichen Verhältnisse der Schüler und ihre Vergangenheit werden überprüft und Akten darüber angelegt. Bei der unerlaubten „Ausreise“ von Familienmitgliedern gibt es Verhöre. Nachdem Iswalls Schwester Lida die DDR verlassen hat, wird Robert über seinen Informationsstand befragt. Als Dr. Gropjuhn bei Riek eine beginnende leichte TB diagnostiziert und für seine Überweisung in eine Heilanstalt plädiert, stößt er auf den Widerstand der Zimmergruppe, die den Kranken im Studentenheim gesund pflegen will. Man argumentiert, der Arzt habe ein bürgerliches Bewusstsein und schwäche den Kader. Kreissekretär Haiduck glättet die Wogen: Riek wird im Wohnheim medizinisch versorgt und Dr. Gropjuhn vom Verdacht freigesprochen: es gebe einen Unterschied zwischen Wachsamkeit und Misstrauen: „Solange wir das Misstrauen nicht besiegt haben, haben wir nicht gesiegt“.Hermann Kant: Die Aula. Fischer Bücherei, 1968, S. 113.
Iswalls Reisen Für seine Recherchen fährt Iswall, mit einem Auftrag seiner Redaktion, die Opfer der Überflutung zu interviewen, nach Hamburg. Die von ihm befragen Menschen begegnen dem Journalisten aus der DDR misstrauisch und äußern sich nicht direkt über Versäumnisse der städtischen Behörden. Robert besucht auch seine Mutter und seine Schwester, die aus verschiedenen Gründen in ihre alte Heimat zurückgekehrt sind. Seine Mutter wurde, nachdem ihr wegen einer unerlaubten bäuerlichen Hilfs-Kreditvergabe zu einer Haftstrafe verurteilter Mann Nußbank seine Fehler auf sie abzuschieben versuchte, verhaftet und aus Partei ausgeschlossen. Als sich die Beschuldigung als falsch herausstellten, wurde sie frei gelassen und ging in die BRD. Ihre Tochter Lida hat wegen einer abgebrochenen Beziehung zu einem russischen Soldaten die DDR verlassen und ist jetzt mit Hermann Grieper verheiratet, einem Spekulanten mit Schwarzmarkt- und Menschenhändler-Vergangenheit. Großsprecherisch preist er dem Schwager die Möglichkeiten an, in einem kapitalistischen System Geschäfte aller Art zu machen. In Hamburg lebt auch die systemtreue, organisatorische Stütze des ABF-49er-Jahrgangs. Karl-Heinz Riek hat nach erfolgreichem Abitur aus unerklärlichen Gründen, seine persönliche Akte fehlt im Universitätsarchiv, die DDR verlasse. Iswall trifft ihn als Wirt der Kneipe „Zum toten Rennen“ mit einem Wettbüro von zweifelhaftem Ruf. Er ist wenig an einem Gespräch interessiert. Rätselhaft sind für Robert auch die Abschiedsworte des ehemaligen Kumpels, er solle nicht wieder kommen.
Bei dem Besuch der Universitätsstadt an der Ostsee entdeckt Iswall den Fortschritt in der DDR: „Auf dem Bodden fahren heute Schiffe […] Fischdampfer die Menge, Patrouillenboote der Volksmarine […] Urlaubsdampfer der Weißen Flotte“ […] „jetzt steigt der eine Bauer im Märzen auf die Drillmaschine und der andere auf den Traktor davor, beide sind in einer LPG“, „Kunstdüngerpartikelchen“ „durchschweben“ die Landluft, „Motorisierung“, „Kleiderwerk, Möbelfabrik, Erweiterung der Bierbrauerei“, „Duftblüte des Kaffees aus Übersee“.Hermann Kant: Die Aula. Fischer Bücherei, 1968, S. 197.
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