Eine Spezifische Sprachentwicklungsstörung (SSES) (auch Umschriebene Sprachentwicklungsstörung (USES), primäre Sprachentwicklungsstörung (primäre SES) oder engl. (SLI) genannt) ist eine Sprachentwicklungsstörung bei altersentsprechender Allgemeinentwicklung. Das heißt, bei einer Spezifischen Sprachentwicklungsstörung liegen neben der Störung in der Sprachentwicklung keine organischen/sensorischen, kognitiven oder gravierenden sozial-emotionalen Defizite vor, die die Störung der Sprachentwicklung erklären (z. B. eine organisch bedingte Beeinträchtigung des Hörvermögens oder eine kognitive Beeinträchtigung).

Die Bezeichnung gilt inzwischen als problematisch und veraltet. Fachgesellschaften empfehlen, stattdessen die Bezeichnung „Sprachentwicklungsstörung“ (SES) bzw. „Developmental Language Disorder“ (DLD) zu verwenden.

Geschichte Die Bezeichnung Specific Language Impairment (SLI) kam in den 1980er Jahren für Srachentwicklungsstörungen bei Kindern auf, „deren sprachliche Probleme nicht offenkundig mit anderen Grunderkrankungen zusammenhängen“. Im deutschsprachigen Raum etablierte sich hierfür die Bezeichnung „umschriebene“ bzw. „spezifische Sprachentwicklungsstörung“ (USES und SSES). Diese Terminologie und ihre Verwendung in Forschung und Praxis geriet allerdings in die Kritik, die sich unter anderem in einer Spezialausgabe des International Journal of Language and Communication im Jahr 2014 äußerte. Die zunächst auf die englischsprachige Terminologie bezogene Diskussion mündete in der Empfehlung eines Konsortiums von Experten, die Bezeichnung „Specific Language Impairment“ nicht weiter zu gebrauchen. Stattdessen soll der Terminus „Developmental Language Disorder“ (DLD) verwendet werden.

Eine in gleicher Weise organisierte Diskussion innerhalb der deutschsprachigen Fachgemeinschaft kam zu einem ähnlichen Ergebnis. Die Bezeichnungen „Spezifische Sprachentwicklungsstörung“ (SSES) oder „Umschriebene Sprachentwicklungsstörung“ (USES) sollen durch den allgemeinen Terminus „Sprachentwicklungsstörung“ (SES) ersetzt werden. Geht eine Sprachentwicklungsstörung mit Entwicklungsstörungen oder Erkrankungen in anderen, nicht-sprachlichen Bereichen einher (Komorbidität), kann diese zusätzliche Beeinträchtigung explizit benannt werden (z. B. in der Form „Sprachentwicklungsstörung bei Hörverlust“ oder „Sprachentwicklungsstörung assoziiert mit Down-Syndrom“). Die Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP) und weitere Fachgesellschaften empfehlen entsprechend, die Bezeichnungen „Spezifische Sprachentwicklungsstörung“ (SSES) oder „Umschriebene Sprachentwicklungsstörung“ (USES) zukünftig nicht weiter zu verwenden.

Mit dieser terminologischen Änderung trägt die Fachgemeinschaft auch entsprechenden Änderungen in der Internationalen Statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD) Rechnung. Die im ICD-10 noch enthaltene Klassifikation F08: „Umschriebene Entwicklungsstörungen des Sprechens und der Sprache“ bzw. „Specific developmental disorders of speech and language“ wird im ICD-11 durch die Klassifikation 6A01.2: „Entwicklungsstörung der Sprache“ bzw. „Developmental language disorder“ ersetzt. Die bisherige Qualifikation als „umschriebene“ oder „spezifische/specific“ Sprachentwickungsstörung fällt damit auch hier weg.

Ätiologie (Krankheitsursache) Wie oft die SSES genetisch bedingt ist, wurde bis heute noch nicht endgültig bewiesen. Allerdings zeigen Studien, dass Kinder mit SSES häufig ein Mitglied in der Familie haben, das ebenso an einer Sprachentwicklungsstörung leidet. Es wurden Untersuchungen an Zwillingen vorgenommen, um zu prüfen, ob ein genetischer Zusammenhang besteht. Unter anderem Studien von Vernes (2006) fanden Belege für eine genetische Ursache im FOXP2-Gen. Kinder mit SSES verfügen über ein normal entwickeltes Gehör und eine mindestens durchschnittliche Intelligenz. Ihre motorischen Fähigkeiten, ihre soziale und emotionale Entwicklung sowie ihr entwicklungsneurologisches Profil unterscheiden sich nicht von gesunden Kindern. Die Abweichung betrifft ausschließlich die sprachliche Entwicklung.

Symptomatik Kinder mit SSES zeigen von Anfang an eine beeinträchtigte Sprachentwicklung mit Symptomen, die während der Kindheit verschwinden können, aber auch bestehen bleiben können. Sie weisen typischerweise eine Beeinträchtigung auf folgenden sprachlichen Ebenen auf: Phonologie Morphologie und Syntax Wortschatz sowie auf Ebene der Sprachkommunikation.

Kinder mit SSES-Symptomen sind aber in Hinblick auf ihre physische, mentale und sozial-emotionale Entwicklung als normal zu bezeichnen. Sie haben daher auch ein unauffälliges Ergebnis in allgemeinen Entwicklungs- und Intelligenztests (ausgenommen Sprachleistungen) ein normales Hörverhalten und keine kürzlichen Ohrenerkrankungen keine oralen Abnormalitäten oder Fehlfunktionen (z. B. Dyspraxie, myofunktionelle Störung (orofacial)) keine neurologischen Dysfunktionen (z. B.: keine Gehirnverletzungen) keine Verhaltensschwierigkeiten und keine emotionalen, kommunikativen oder sozialen Probleme (z. B.: Autismus)

Häufigkeit Rund 6–8 % aller Kinder leiden an irgendeiner Art von Sprachentwicklungsstörung. SSES kommt bei Jungen dreimal so oft vor wie bei Mädchen. 40–75 % der SSES-Kinder haben Probleme, das Lesen zu erlernen. Bei 73 % der Kinder, bei denen in der Vorschule eine Sprachentwicklungsstörung festgestellt wird, bleiben die Symptome bis in das Erwachsenenalter bestehen.

Unterschiede zwischen SSES-Kindern und normal entwickelten Kindern Sprachliche Fehler sind während der Sprachentwicklung ein gängiges Phänomen. SSES-Kinder weisen aber einen wesentlich höheren Anteil an Fehlern in ihrem Sprechen auf als normal entwickelte Kinder.

Für Fachleute wie Phoniater, Logopäden/Sprachtherapeuten und klinische Linguisten und Entwicklungspsychologen sind Kinder mit SSES-Symptomen von sog. „normal“ entwickelten Kindern gut zu unterscheiden. SSES-Kinder weisen in Sprachtests signifikante Unterschiede gegenüber normal entwickelten Kindern auf. Das Hörvermögen ist nicht eingeschränkt. Im außersprachlichen Bereich ist die Entwicklung altersnormal.

Aber auch für Laien ist die sprachliche Entwicklungsverzögerung anhand von „Meilensteinen“ im Gegensatz zu anderen Entwicklungsauffälligkeiten relativ gut erkennbar: Die Produktion erster Wörter hat eine große Variationsbreite. Vorformen der Benennung (situationsgebundene Protowörter) sind von der gezielten Wortverwendung abzugrenzen. Normal entwickelte Kinder produzieren ihr erstes Wort im Alter von rund 13–20 Monaten. Kinder, die bis zum Ende des zweiten Lebensjahres weniger als 50 Wörter sprechen bzw. keine Zweiwort-Äußerungen kombinieren können (bei ansonsten völlig unauffälliger Entwicklung) werden als Late Talker („Späte Sprecher“) bezeichnet. Normal entwickelte Kinder beginnen etwa mit 17 Monaten Zwei-Wort-Sätze (z. B.: „will Schokolade“) zu bilden, SSES-Kinder mit etwa 37 Monaten.

Meilensteine der sprachlichen Entwicklung: Entwicklungsschritt Zeit Grenzstein (90. Perzentil) Kanonisches Lallen (z. B. „ba“) 6. Monat 8.–10. Monat Silbenverdoppelungen (z. B. „baba“) 8.–10. Monat 11.–15. Monat gezielte Verwendung von „Mama“ und „Papa“ 10.–15. Monat 18.–20. Monat Produktion erster Wörter (Ein-Wort-Äußerungen) 13.–20. Monat 18.–20. Monat Produktion von mind. 50 Wörtern 18.–24. Monat 24. Monat

Fehlertypen Kinder mit einer derartigen Sprachentwicklungsstörung machen unterschiedliche Fehler in der Sprachproduktion. Diese Typen von Fehlern werden in folgende Kategorien unterteilt.

Auslassungsfehler (Omission errors) Affixe Partikeln Artikel Auxiliare (Hilfsverben) Pronomen

Abweichungsfehler (Commission errors) Übergeneralisierungen Kasusfehler Wortstellungsfehler

Diagnose, Therapie und Prognose Seit etwa Mitte der 1990er-Jahre wird die SSES wissenschaftlich verstärkt untersucht, daher kann die Entwicklungsstörung mittlerweile genau diagnostiziert werden.

Eine Auswahl von Subtests standardisierter Sprachentwicklungstests erlauben die Beurteilung syntaktisch-morphologischer Leistungen: Psycholinguistischer Entwicklungstest (PET) (Angermaier 1974) GrammatiktestM. Angermaier: Psycholinguistischer Entwicklungs Test (PET). Beltz Test, Weinheim 1974. Heidelberger Sprachentwicklungstest (HSET) (Grimm/Schöler 1978)Grimm, Schöler: Heidelberger Sprachentwicklungstest (HSET). Hogrefe, Göttingen 1978. SETK 2 (Grimm 2000)H. Grimm: Sprachentwicklungstest für zweijährige Kinder SETK 2. Göttingen: Hogrefe 2000. SETK 3-5 (Grimm 2001)H. Grimm: Sprachentwicklungstest für drei- bis fünfjährige Kinder SETK 3-5. Hogrefe, Göttingen 2001. Patholinguistische Diagnostik bei Sprachentwicklungsstörungen (PDSS) (2022)

Zur Beurteilung des expressiven Wortschatzumfangs bietet sich der „Aktive Wortschatztest für 3- bis 5-jährige Kinder“-Revision (AWST-R) an.C. Kiese-Himmel: Aktiver Wortschatztest für 3- bis 5-jährige Kinder – Revision. Beltz, Göttingen 2005.

Bereits ab 2-3 Jahren können Anzeichen von SSES auch von Eltern oder Erziehern bemerkt werden. Sog. Late-Talker werden mit Hilfe von Elternfragebögen und Wortschatzlisten (z. B. ELAN-R) beurteilt.A.-K. Bockmann, C. Kiese-Himmel: ELAN – Eltern Antworten, Revision (ELAN-R). Beltz, Göttingen 2012.

SSES kann den schulischen Erfolg der Kinder beeinträchtigen, insbesondere, wenn keine therapeutischen Maßnahmen unternommen werden. Erwachsene mit einer SSES in der Vorgeschichte weisen häufiger Probleme im Bereich sozial-emotionaler Ebenen auf, als solche ohne SSES. Folglich ist eine frühzeitige Diagnostik (vorzugsweise bei einem Arzt für Phoniatrie und Pädaudiologie) sinnvoll, um rechtzeitig Therapiemaßnahmen, wie z. B. eine logopädische Behandlung, einleiten zu können.

Literatur Michael Schecker u. a.: Spezifische Sprachentwicklungsstörungen. In: Hermann Schöler, Alfons Welling (Hrsg.): Handbuch Sonderpädagogik: Sonderpädagogik der Sprache. Hogrefe, 2007, ISBN 978-3-8017-1708-7. Andrew Radford: Grammatical Aspects of Specific Language Impairment. A Linguistic Perspective. Essex 2006.

A. Keilmann, C. Büttner, G. Böhme: Sprachentwicklungsstörungen – Interdisziplinäre Diagnostik und Therapie. Huber, Bern 2009, ISBN 978-3-456-84676-7.

Leitlinien

Einzelnachweise

Kategorie:Krankheitsbild in Phoniatrie und Pädaudiologie Kategorie:Angewandte Linguistik Kategorie:Klinische Linguistik