mini|Siegfried Behrend (1964) Siegfried Behrend (* 19. November 1933 in Berlin; † 20. September 1990 in Hausham) war ein deutscher Gitarrist und Komponist sowie Herausgeber von Gitarrenmusik.
Biografie und künstlerisches Wirken Siegfried Behrends Eltern waren der gelernte Schlosser, engagierte Freizeitgitarrist und Gitarrenlehrer Karl Behrend (* 16. Dezember 1899; † 1987) und dessen aus Riga stammende Frau Kornelia.Helmut Richter: Siegfried Behrend, Stationen eines Künstlerlebens. EGTA Deutschland, 2013, S. 1 (siehe Weblinks).
Karl Behrend war seit 1945 als Gitarrenlehrer am Klindworth-Scharwenka-Konservatorium tätigArtikel Siegfried Behrend. In: Rainer Stelle: Gitarristenlexikon international. (PDF; 4,6 MB. Version 2.0 vom 20.03.2025); abgerufen am 21. August 2025. und erreichte 1949 als Ausgleich für noch ausstehende Lohnzahlungen, dass man seinen Sohn, der zwar nur ein mittelmäßiger Schüler war, aber seinem Vater als musikalisch talentiert erschien, dort als Schüler aufnahm.
Nach zwei Jahren, in denen Siegfried unterschiedliche Fächer belegt hatte, fasste er den Entschluss, sich ausschließlich der Gitarre zu widmen. Er studierte daher ein knappes Jahr bei Erich Bürger, einem angesehenen Lehrer aus dem Kreis der sogenannten Berliner Gitarrenschule. Er absolvierte u. a. auch einige gemeinsame Auftritte mit dem Gitarristen und Schüler von Adalbert Quadt Jürgen Klatt (9. Oktober 1935 in Berlin; † 21. Oktober 1995 in Frankfurt am Main), der sich zu dieser Zeit bereits mit spanischer Flamencomusik beschäftigt hatte und seine Kenntnisse wenige Jahre später durch ein Studium in Madrid vertiefte,Artikel Jürgen Klatt. In: Rainer Stelle: Gitarristenlexikon international. (PDF; 4,6 MB. Version 2.0 vom 20. März 2025); abgerufen am 21. August 2025. und über den Siegfried Behrend (der sich in späteren Jahren selbst gerne als „Flamencoexperte“ darstellte) durch gemeinsame Auftritte bei den „Spanischen Abenden“ der Tänzerin Ilse Meudtner auch die Musik und einige elementare Spieltechniken der Flamencogitarre kennenlernte.Tondokument:
Durch sein musikalisches Talent, aber auch durch Fleiss und Ehrgeiz, gepaart mit einem bisweilen übergroß erscheinenden Selbstbewusstsein, einer gehörigen Portion Geschäftstüchtigkeit und einer wirkungsvollen Vermarktungsstrategie – auch wenn deren Narrative nicht immer auf Fakten basiertenSo ist die sowohl von Behrend als auch von seinem Management, der Presse und seinem Umfeld kolportierte Behauptung, er sei – in Ermangelung adäquater Lehrer – gitarristischer Autodidakt, hinsichtlich ihres Wahrheitsgehalts zumindest zu relativieren. Das Narrativ passte perfekt in die von Eigeninitiative geprägte Zeit des deutschen Wirtschaftswunders und sollte offensichtlich Behrends Bestreben dienen, sich werbewirksam als exzeptionelles Naturtalent zu inszenieren. – gelang es Siegfried Behrend bereits nach wenigen Jahren, sich im internationalen Konzertbetrieb zu etablieren.Vergleiche hierzu: Siegfried Behrend Werbeschrift (1962)
1962 lernte der Gitarrist während der Aufnahmen zu der Personality-Show Belina – Porträt einer Sängerin die Sängerin Belina kennen. Die beiden gingen fortan künstlerisch gemeinsame Wege. Belina und Behrend repräsentierten mit Folk-Songs, Chansons, jiddischen Liedern und internationalen Schlagern als Botschafter deutscher Kultur die damals noch junge Bundesrepublik Deutschland und führten mit Unterstützung des Goethe-Instituts mehrere ausgedehnte Konzertreisen durch. Sie gastierten in mehr als 120 Ländern, nahmen als Duo mehrere LPs auf und waren in zahlreichen Fernsehsendungen zu Gast (z. B.: Lieder am Kamin beim SWF). Nach der Beendigung der Zusammenarbeit mit Belina am Ende der 1960er-Jahre heiratete Siegfried Behrend die Schauspielerin Claudia Brodzinska.
Siegfried Behrend trug durch sein Engagement, aber auch durch seine Medienpräsenz – zunächst im Rundfunk, dann auch im Fernsehen – erheblich dazu bei, dass die Musik für Gitarre und andere Zupfinstrumente einen festen Platz im öffentlichen Musikleben der Bundesrepublik Deutschland erhielt. So moderierte er 1963 die Fernsehsendung Die Geschichte der Gitarre, 1971 eine dreizehnteilige Fernsehsendung über die Gitarre und ihre Verwendung in der Kammermusik mit dem Titel Instrumente – Klänge – Strukturen beim Hessischen Rundfunk.
In den 1970er-Jahren veranstaltete Behrend im bayerischen Riedenburg die „Internationalen Meisterkurse für künstlerisches Gitarrespiel“ und förderte in den folgenden Jahren als Lehrer und Mentor zahlreiche gitarristische Nachwuchskünstler, zu denen u. a. Matthias Henke gehörte, sowie Martin Maria Krüger (* 1954), der mit seinem ehemaligen Lehrer von 1977 an das Deutsches Gitarrenduo bildete, bevor er 1979 von Behrends langjährigem Privatschüler Michael Troester (* 1956) abgelöst wurde.Artikel Martin Maria Krüger. In: Rainer Stelle: Gitarristenlexikon international. (PDF; 4,6 MB. Version 2.0 vom 20. März 2025); abgerufen am 21. August 2025.
Neue Klänge für Zupfinstrumente Von 1960 bis 1973 leitete er das Saarländische Zupforchester (SZO)szo-online.de und von 1968 bis 1990 das Deutsche Zupforchester (DZO).Brigitte Michelbach: Wissenswertes zur Entwicklung der Zupfmusik auf der Website des Zupforchesters Schwalmstadt e. V. (PDF, 38 kB), abgerufen am 6. Juni 2023. Da es zu den Anliegen Siegfried Behrends gehörte, das Repertoire für Zupfinstrumente um zeitgenössische Werke zu erweitern, brachte er im Rahmen seiner Zusammenarbeit mit den genannten Orchestern unter anderem Werke von Anestis Logothetis, Klaus Hashagen, Heinrich Konietzny und Dietrich Erdmann zur Uraufführung.
Dabei war Behrend insbesondere den klanglichen Experimenten der Avantgarde zugetan und vertrat in einem öffentlich mit dem Wiener Gitarristen Karl Scheit ausgetragenen Disput die Position, dass beispielsweise der Komponist Heitor Villa-Lobos ein „folkloristischer Konstruktionsromantiker“ sei, dessen Werke „nichts mit neuer Musik zu tun“ hätten.Siegfried Behrend: Zum Beitrag [von] Karl Scheit ‚Die Gitarre in der Neuen Musik‘, Resonanzen 9, S. 8 bis 12. In: Resonanzen. Rundschrift für Blockflöte und Gitarre. Heft 10, Juni 1975. H. Gattermair, Salzburg 1975, S. 24. Dieser Aspekt seiner persönlichen Vorlieben und die sich daraus ergebenden Programmgestaltungen trafen allerdings in konservativ gesinnten Kreisen der Zupforchesterbewegung nicht auf ungeteilte Zustimmung, was 1973 nach einem bereits intern länger schwelenden Streit dazu führte, dass sich der Orchestervorstand des SZO 1972 in einem Beschluss gegen die „Zunahme der Graphisch-Experimentellen Musik“ aussprach und „statt Quantität mehr Qualität“ forderte, woraufhin Behrend schließlich 1973 in einer Orchestersitzung von den Mitgliedern des SZO das Vertrauen entzogen wurde.Edwin Mertes: Leo Clambour (14.08.1917 – 01.02.1985) in Erinnerung seines 20. Todestages. In: Das Saarländische Zupforchester. (2005), S. 8. (PDF; 788 kB); abgerufen am 12. Oktober 2024.
Auch mit seiner Frau Claudia Brodzinska-Behrend (Sprechstimme) brachte er regelmäßig experimentelle Werke zur Aufführung, darunter die Uraufführung und Einspielung von Sylvano Bussottis Ultima Rara.Sheerpluck – Uraufführungen von Behrend Für diese Besetzung schrieb Klaus Hinrich Stahmer Canti della vita (1980; Texte: Eugenio Montale). Gemeinsam mit dem Schlagzeuger Siegfried Fink spielten Claudia Brodzinska und Siegfried Behrend Stahmers radiophone Komposition tre paesaggi (1976; Texte: Cesare Pavese) für den Bayerischen Rundfunk ein. In Verbindung mit live-elektronischer Klangverwandlung brachte er 1980 in Zagreb auch Stahmers für das dort ansässige Tanzensemble „savremeni ples“ komponierte Ballettkomposition espace de la solitude zur Uraufführung.
Tätigkeit als Herausgeber und Komponist Behrend widmetet sich seit der zweiten Hälfte der 1950er Jahre einer umfangreichen Tätigkeit als Komponist und Herausgeber von Musik für Gitarre und andere Zupfinstrumente. Dem Vorbild namhafter und auch als Herausgeber erfolgreicher Gitarristen wie Andrés Segovia (Schott Verlag) oder Karl Scheit (Universal Edition) folgend, etablierte er bei verschiedenen Verlagen eigene Werkreihen. Bei Bote & Bock (Berlin) erschienen seine in unterschiedliche Themenbereiche unterteilte Gitarre-Bibliothek und 15 Hefte mit Arrangements für Gitarre und Singstimme unter dem Titel Volkslieder aus aller Welt, im Frankfurter Musikverlag Zimmermann unter anderem Kammermusik für Gitarre (ca. 25 Ausgaben) und im Hamburger Musikverlag Hans Sikorski Die Konzertgitarre. Eine Sammlung aus dem Repertoire von Siegfried Behrend, Spielmusik für 2 Gitarren und Alte Europäische Lautenmusik (5 Hefte).
Siegfried Behrends kompositorisches Schaffen war stilistisch vielfältig, in weiten Teilen aber auch durch einen oberflächlichen Eklektizismus geprägt, der keinen Raum für die Entwicklung künstlerisch nachhaltiger Werke bot. Neben seinem zwar umfangreichen, aber auch klischeehaften und epigonalen Œuvre von Stücken vornehmlich spanischer Couleur und mit meist nur geringer individueller Schaffenstiefe standen Veröffentlichungen, mit denen er zum Beispiel durch die Verwendung graphischer Notation den Anschluss an aleatorische Tendenzen der Avantgarde des 20. Jahrhunderts suchte,Siegfried Behrend: 6 Monodien (1974) und Solo für Leo Brouwer (1987), Musikverlag Zimmermann. deren kompositorische Qualität aber auch Kritik provozierte: