mini|Wolfgang Thierse 2005 in der Memminger Martinskirche bei der Laudatio auf Gyula Horn anlässlich der ersten Verleihung des Memminger Freiheitspreises 1525 Wolfgang Thierse (* 22. Oktober 1943 in Breslau, Provinz Niederschlesien) ist ein deutscher Politiker (SPD). Von 1998 bis 2005 war er Präsident des Deutschen Bundestages und im Anschluss bis 2013 dessen Vizepräsident.

Leben Ausbildung und Beruf Wolfgang Thierse wurde als Sohn des Rechtsanwalts Paul Thierse und dessen Frau, einer Erzieherin und späteren Berufsschullehrerin, in Breslau geboren. Sein Vater war Mitglied der katholischen Zentrumspartei und später CDU-Kreistagsabgeordneter in Eisfeld; sein Großvater Paul Thierse war promovierter Oberschulrat in Breslau, später Obermagistratsrat und ebenfalls Mitglied der Zentrumspartei.Normdateneintrag für Paul Thierse (), abgerufen am 12. April 2023. Nach der Vertreibung aus Breslau siedelte sich die Familie von Wolfgang Thierse im thüringischen Eisfeld an, dort besuchte Thierse die Oberschule. Er war auch Mitglied der FDJ. Nach dem Abitur an der Erweiterten Oberschule im südthüringischen Hildburghausen erlernte er den Beruf des Schriftsetzers beim Thüringer Tageblatt in Weimar.

Thierse begann 1964 ein Studium der Germanistik und der Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin, das er 1969 mit dem Diplom beendete. Anschließend war er an der Sektion Kulturwissenschaften/Ästhetik der Humboldt-Universität wissenschaftlicher Assistent von Wolfgang Heise. Das Ministerium für Kultur der DDR, wo er ab 1975 in der Abteilung Bildende Kunst tätig war, entließ ihn, nachdem er sich geweigert hatte, eine Erklärung zu unterzeichnen, mit der er die Ausbürgerung von Wolf Biermann befürworten sollte.

1977 ging er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an das Zentralinstitut für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR. Dort betreute unter anderem er das Historische Wörterbuch ästhetischer Grundbegriffe, das ab 2000 erschien.Kopf gegen Mauern. Porträt zum 65. Geburtstag. In: General-Anzeiger Bonn, 23. Oktober 2008. Zwischen 1970 und 1987 wirkte Thierse an den Drehbüchern für sieben DEFA-Dokumentarfilme mit und verfasste die Kommentartexte.

Parteilaufbahn Thierse war bis zur Wende und friedlichen Revolution parteilos und trat im Oktober 1989 dem Neuen Forum, einer der Bürgerbewegungen der Liste Bündnis 90, bei. Anfang Januar 1990 wurde er dann Mitglied der Sozialdemokratischen Partei der DDR (SDP). Nach dem Rücktritt von Ibrahim Böhme wurde Thierse am 9. Juni 1990 auf einem Sonderparteitag zum Vorsitzenden der SPD der DDR gewählt.

Auf dem Vereinigungsparteitag der SPD wurde er am 27. September 1990 zu einem der stellvertretenden Parteivorsitzenden gewählt. Aus diesem Amt schied er im November 2005 aus, gehörte aber weiterhin dem Parteivorstand an. Auf dem Bundesparteitag der SPD in Dresden im November 2009 kandidierte er auch nicht mehr für den Parteivorstand. Thierse ist Sprecher des Arbeitskreises „Christen in der SPD“. Er war von 1992 bis 2010 Vorsitzender der Grundwertekommission der SPD und ist dort Ehrenmitglied.

Abgeordnetentätigkeit mini|hochkant|Wolfgang Thierse, 1990 Von März bis Oktober 1990 gehörte Thierse der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR an. Hier war er zunächst stellvertretender Vorsitzender und ab dem 21. August 1990 Vorsitzender der SPD-Volkskammerfraktion.

Thierse zählte zu den 144 von der Volkskammer gewählten Abgeordneten, die am 3. Oktober 1990 Mitglied des Deutschen Bundestages wurden. Am 4. Oktober 1990 wurde er zum stellvertretenden Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion gewählt. Von Dezember 1990 bis Dezember 1991 war er außerdem Vorsitzender des Fraktionsarbeitskreises Neue Länder/Deutschlandpolitik. 1993 wurde Thierses persönlicher Referent Knut Gröndahl wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit verhaftet und später zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und drei Monaten verurteilt.

Wolfgang Thierse zog 1994, 1998 und 2009 über die Landesliste Berlin, in den anderen Fällen als direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreises Berlin-Mitte – Prenzlauer Berg – Weißensee I (1990) bzw. Berlin-Pankow (seit 2002) in den Bundestag ein. Bei der Bundestagswahl 2005 erreichte er 41,1 % der Erststimmen. 1994 verlor er das Direktmandat an Stefan Heym (parteilos für die PDS), 2009 an Stefan Liebich (Die Linke). Am 28. August 2012 kündigte Thierse an, bei der Bundestagswahl 2013 nicht mehr zu kandidieren.

Am 26. Oktober 1998 wurde Thierse mit 512:109:45 Stimmen zum Präsidenten des Deutschen Bundestages gewählt und am 17. Oktober 2002 mit 357:219:20 Stimmen im Amt bestätigt. Thierse erhielt nur 59,9 Prozent der Stimmen, weil ihm aus dem Lager der Unionsparteien vorgeworfen wurde, sein Amt in der letzten Legislaturperiode zu parteiisch geführt zu haben.Hans-Joachim_Schabedoth: Unsere Jahre mit Gerhard Schröder: Rot-Grüne-Regierungsarbeit zwischen Aufbruch und Abbruch. Ein Rückblick. Schüren, Marburg 2006, ISBN 3-89472-281-9, S. 133.

In seine erste Amtszeit fiel auch die CDU-Spendenaffäre, die ihn als Parlamentspräsidenten insoweit betraf, als er qua Amt für die Überwachung der Einhaltung des Parteiengesetzes und die Ahndung eventueller Verstöße verantwortlich war. Er verhängte eine Strafe in Höhe von 7,8 Millionen D-Mark gegen die CDU und ließ die staatlichen Zuschüsse an die CDU um insgesamt 41 Millionen D-Mark kürzen. Über diese Geschehnisse sagte er selbst, es wäre ihm lieber gewesen, er hätte sich nicht mit ihnen beschäftigen müssen. Von Seiten der Union wurde Thierse wegen der verhängten Strafzahlung mehrfach angegriffen und seine Überparteilichkeit in Frage gestellt – dies unter anderem auch deshalb, weil Thierse, als Bundestagspräsident zu strenger Überparteilichkeit verpflichtet, weiterhin als stellvertretender SPD-Parteivorsitzender amtierte. Das Bundesverfassungsgericht allerdings bestätigte die Rechtmäßigkeit dieses im Parteiengesetz ausdrücklich vorgesehenen Vorgehens.Beschluss des Bundesverfassungsgerichts vom 17. Juni 2004, 2 BvR 383/03, abgerufen am 4. Oktober 2021

Da die CDU/CSU-Bundestagsfraktion als stärkste Fraktion aus der Bundestagswahl 2005 hervorging, war seine Amtszeit am 18. Oktober 2005 beendet. Er wurde mit 417:136:52 Stimmen zum Vizepräsidenten des Bundestags gewählt. Am 27. Oktober 2009 wurde er dies erneut mit 371:170:65 Stimmen, dem schlechtesten Ergebnis aller fünf gewählten Stellvertreter.

Im Frühjahr 2005 führte er eine Delegation zum Mausoleum des chinesischen Diktators Mao Zedong.

Sonstiges Engagement mini|Wolfgang Thierse während der Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (2024)

Im Jahr 2003 erschien ein von Thierse vorgetragenes Hörbuch mit einer der bekanntesten Erzählungen von Charles Dickens, Eine Weihnachtsgeschichte.

Wolfgang Thierse war bis 2021 langjähriges persönlich hinzugewähltes Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK)domradio.de: Katholikenkomitee stellt sich neu auf. Kramp-Karrenbauer und Malu Dreyer ins ZdK gewählt, 20. April 2021, Ehrenpräsident der Europäischen Bewegung Deutschland, deren Präsident er von 1998 bis 2000 war, Schirmherr der Georg-Elser-Initiative Berlin und Mitglied des Kuratoriums von Aktion Deutschland Hilft e. V., dem Bündnis der Hilfsorganisationen und Mitglied des Beirats des Cusanuswerks. Seit Oktober 2000 ist Thierse Kuratoriumsvorsitzender der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung, die 1994 durch den Deutschen Bundestag errichtet wurde. Ferner war er Vorsitzender des Vorstands des Kulturforums der Sozialdemokratie mit den Themenschwerpunkten Künstlerische und kulturpolitische Grundsatzfragen, Kulturpolitische Programmatik, Erinnerungskultur, Berlin-Kultur sowie Werte und Religion. Er ist Mitglied im Kuratorium der Carlo-Schmid-Stiftung und im Ehrenrat von AMCHA Deutschland, der zentralen Organisation für die psychosoziale Hilfe von Überlebenden des Holocaust und ihren Nachkommen in Israel. Bis 2013 übernahm Thierse die Schirmherrschaft des Behandlungszentrums für Folteropfer. Er unterstützt das Anliegen zur Aufnahme der deutschen Sprache mit Verfassungsrang ins Grundgesetz.

Bei den Auseinandersetzungen um die Neugestaltung der St.-Hedwigs-Kathedrale in Berlin sprach er sich im Jahr 2018 entschieden für den Umbau der Kirche aus.

2019 schloss er sich einem Offenen Brief an Kardinal Reinhard Marx an, der von acht Persönlichkeiten – Theologen und bekannten Katholiken – am 3. Februar 2019 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung veröffentlicht wurde. Darin wird ein „Neustart mit der Sexualmoral“ mit einer „verständigen und gerechten Bewertung von Homosexualität“ gefordert, „echte Gewaltenteilung“ in der Kirche und der Abbau der Überhöhungen des Weiheamtes und seine Öffnung für Frauen. An die Deutsche Bischofskonferenz wurde appelliert, Diözesanpriestern die Wahl ihrer Lebensform freizustellen, „damit der Zölibat wieder glaubwürdig auf das Himmelreich verweisen kann“.

Der Soziologe Hans Joas würdigte ihn in seiner Rede zu Thierses 80. Geburtstag am 8. November 2023 im Willy-Brandt-Haus in Berlin als „nicht-machiavellistischen Ausnahmepolitiker“.Hans Joas, Schönheit und Geschichte. Wolfgang Thierse zu Ehren. In: Sinn und Form 4/2024, S. 568–571

Privates mini|Wolfgang Thierse 2023, 50 Jahre Grundwertekommission der SPD, Willy-Brandt-Haus Berlin Wolfgang Thierse war mit der Kunsthistorikerin Irmtraut Thierse (* 1944, † 2025) verheiratet. Wolfgang Thierse und seine Ehefrau sind römisch-katholisch; das Paar hat zwei Kinder. Thierse wohnt im Berliner Ortsteil Prenzlauer Berg.

Positionen und Kontroversen

Suizid von Hannelore Kohl In einem Interview mit der Leipziger Volkszeitung 2007 kommentierte Thierse den Rücktritt des damaligen Bundesarbeitsministers, der sein Amt aufgrund der schweren Erkrankung seiner Ehefrau niederlegte: „Es ist eine unpolitische Entscheidung, dass Franz Müntefering seine Frau in der letzten Phase ihres Lebens direkt begleiten will. Seine Frau im Dunkeln in Ludwigshafen sitzen zu lassen, wie es Helmut Kohl gemacht hat, ist kein Ideal“. Hannelore Kohl hatte sich 2001 nach langer Krankheit das Leben genommen. Nach Kritik aus anderen Parteien entschuldigte sich Thierse.

Agenda 2010 Thierse befürwortete die Einführung von Hartz IV durch die SPD im Rahmen der Agenda 2010 und appellierte 2004 an Regierung und Opposition, die Reformen zu unterstützen. In einem Interview 2004 sagte er als Begründung, durch die Alterung der Gesellschaft hätten sich die „Sozialsysteme dramatisch verteuert“, und er warnte vor „höhere[n] Steuern und Abgaben“. Deutschland dürfe nicht zum „Extremen“ neigen, sondern solle eine Politik betreiben, die in europäischer Mittellage liege. Ferner unterstellte er eine „Propaganda gegen Hartz IV“ durch NPD und PDS. Er war der Ansicht, die Reformen hätten anders kommuniziert werden müssen.

Aktionen gegen Rechtsextremismus Wolfgang Thierse engagiert sich intensiv gegen Rechtsextremismus, u. a. als Schirmherr der Amadeu Antonio Stiftung. So nimmt er regelmäßig an einschlägigen Demonstrationen teil. Er geriet in die Kritik, da er auch bei Blockadeaktionen gegen nicht verbotene und ordentlich angemeldete rechtsextreme Demonstrationen mitmacht, zum Beispiel am 1. Mai 2010 in Berlin. Ein gegen ihn in diesem Zusammenhang eröffnetes Strafverfahren, u. a. wegen Nötigung, wurde aber eingestellt.