Bernstadt auf dem Eigen (amtlich: Bernstadt a. d. Eigen, ) ist eine sächsische Landstadt im Landkreis Görlitz. Sie gehört zur Oberlausitz und liegt inmitten des Städtedreiecks Görlitz-Zittau-Löbau. Sie ist Teil und Verwaltungssitz der Verwaltungsgemeinschaft Bernstadt/Schönau-Berzdorf, die der kulturhistorischen Landschaft des Eigenschen Kreises weitgehend entspricht.
Geographie Stadtgliederung und Eingemeindung Bernstadt auf dem Eigen, 1957: Kunnersdorf auf dem Eigen (seit 1994 wieder Ortsteil) 1994: Altbernsdorf auf dem Eigen, Buschschenkhäuser, Dittersbach auf dem Eigen, Kemnitz, Lehdehäuser und Russen.
Geschichte mini|Karte von Oberreit mit Bernstadt auf dem Eigen um 1845 Mittelalter Der Ort geht vermutlich auf die Ansiedlung zugewanderter, überwiegend fränkischer Bauern zurück und bestand bereits um das Jahr 1200. Auf dem höchsten Punkt des Dorfes, dem heutigen Kirchplatz, befand sich zu dieser Zeit eine einfache Hallenkirche. Bernstadt auf dem Eigen wurde am 22. September 1234 erstmals in einer Urkunde des Bischofs von Meißen als »Bernhardistorf« erwähnt.
Das Landstädtchen gehörte Jahrhunderte zur Herrschaft der Äbtissinnen des Klosters St. Marienstern. Die Wahrnehmung der klösterlichen Rechte und Pflichten oblag dem Klostervogt, dessen Sitz sich in Kunnersdorf – dem heutigen Ortsteil von Bernstadt – befand. Gegen den Willen ihrer Herrschaft führten die Bernstädter in der Mitte des 16. Jahrhunderts die Reformation ein, was zu jahrzehntelangen Auseinandersetzungen mit den Äbtissinnen führte.
Als Gründer von Bernstadt werden die wohl edelfreien Herren von Schönburg vermutet. Bernstadt war Hauptort des Eigenschen Kreises in der Oberlausitz, der 1403 erstmals als „von dem Eygen“ erwähnt wurde. Hier gab es vorrangig Eigengüter, die also frei von Lehnsverpflichtungen waren. Um 1200 war der Eigensche Kreis durch Schenkung des Kaisers an das Bistum Meißen gekommen. Die Bischöfe verkauften den Eigenschen Kreis um 1240 an das Haus Schönburg. Die Schönburger gaben diesen Besitz an die mit ihnen verschwägerten Herren von Kamenz weiter. Durch Stiftungen und Verkauf gelangte dieser Besitz der Schönburger und Kamenzer Herren im Jahr 1285 an das 1248 durch Bernhard III. von Kamenz, Bischof von Meißen, gegründete Zisterzienserinnenkloster St. Marienstern bei Kamenz.Autorenkollektiv: Die Schönburger, Wirtschaft, Politik, Kultur. Broschüre zur gleichnamigen Sonderausstellung 1990–91 in Museum und Kunstsammlung Schloss Hinterglauchau, Glauchau 1990, Kap. Schönburgische Besitzungen im Überblick (Steffen Winkler), S. 14–15.
Die ursprünglich mit einer schlichten Holzdecke ausgestattete Hallenkirche wird im Jahr 1250 zur heutigen Kreuzform erweitert. Gleichzeitig erfolgt im oberen Bereich des Dorfes die Anlage der Stadt nach einem frühdeutschen Plan. Im Jahr 1280 wird der obere Teil von Bernhardisdorf erstmals als Stadt („civitas Bernhardisdorf“) erwähnt.
Bereits im Jahr 1352 erhielten die aus dem flämischen Raum stammenden Tuchmacher durch die Äbtissin des Klosters (Adelheyd von Colditz) ihre Innungsrechte. Mit der 1370 geweihten Schwarzfärberei entstand eine der ältesten ihrer Art in ganz Sachsen.
Am 25. Dezember 1430 wurde Bernstadt von den Hussiten überfallen, geplündert und niedergebrannt. Die Einwohner, die sich hinter der Kirchmauer verschanzt hatten, blieben verschont und erhielten einen Geleitbrief. Der Landvogt von Colditz ordnet 1431 den Abbruch der Bernstädter Kirche an, um den Hussiten bei weiteren Feldzügen keinen strategisch nutzbaren Stützpunkt zu lassen. Der Wiederaufbau der Kirche wurde 1462 abgeschlossen. Sie erhielt statt der früheren geraden Holzdecke ein gotisches Netzgewölbe, das heute unter Denkmalschutz steht.
Neuzeit bis zum 19. Jahrhundert 1547 wendete sich ein großer Teil der Bernstädter Bevölkerung dem evangelischen Glauben zu, nachdem Martin Luther 1517 mit seinen Thesen den Beginn der Reformation ausgelöst hatte. Äbtissin Anna von Baudissin stellte 1554 der Stadt Bernstadt die kommunalen Privilegien wieder her, die bis 1545 bestanden hatten, über die jedoch der damalige Klostervogt Nikol von Metzrad zuvor eigenmächtig verfügt hatte. Diese Privilegien umfassten die untere Gerichtsbarkeit, das Bürgerrecht, den Bierzwang, das Marktrecht sowie das Schankrecht. 1573 legte der katholische Geistliche der Stadt sein Amt aufgrund der inzwischen überwiegenden evangelischen Bevölkerung nieder. In den folgenden Jahrzehnten wechseln katholische und evangelische Pfarrer wiederholt. Der Religionskonflikt hält bis über das Jahr 1619 hinaus an. In diesem Jahr bestätigt die Äbtissin schließlich die dauerhafte Einsetzung des evangelischen Pfarrers Abraham Richter. Unter seiner geistlichen Leitung festigte sich die protestantische Konfession in Bernstadt und die Kirche blieb dauerhaft ein evangelisches Gotteshaus.
Während des Dreißigjährigen Krieges war der Eigensche Kreis mehrfach Schauplatz militärischer Auseinandersetzungen. 1631 plünderten kaiserliche Truppen die Stadt und töteten auf dem Marktplatz 19 Bürger. Die Bernstädter Kirche wurde in den Jahren 1634 und 1637 erneut geplündert. 1649 lag die zuvor florierende Tuchmacherei infolge des Krieges vollständig am Boden. Durch die Einwanderung der Tuchmachermeister Abraham Riccius und Johann Jakobitz erlebte das Handwerk jedoch einen Wiederaufschwung, der Bernstadt bis ins 19. Jahrhundert zu einer bedeutenden Tuchmacherstadt machte.
1686 vernichtete ein großer Stadtbrand am 20. November insgesamt 158 Wohnhäuser, das Rathaus, die Kirche, die Schule sowie 19 Scheunen.
mini| Evangelische St.-Marien- und Heiligkreuz-Kirche Der Kirchturm wurde im Jahr 1701 errichtet, nachdem die Kirche zuvor nur einen kleinen Dachreiter an der Westseite besaß. Aufgrund statischer Gegebenheiten, insbesondere des steilen Abfalls zur Pließnitz, erfolgte der Bau an der Ostseite, was für Kirchen dieser Zeit ungewöhnlich ist. Die Bauarbeiten wurden 1706 abgeschlossen.
Im Jahr 1716 entstand der sogenannte „Bierkrieg“ gegen den Schönauer Pfarrer Frenzel, der zur Hochzeit seiner Töchter die in Bernstadt festgelegte „Biermeile“ umging und auswärtiges Bier bezog. Dieses Ereignis verdeutlichte die wachsende Auseinandersetzung der Bernstädter Braucommune mit den Dörfern, die den bestehenden Bierzwang missachteten. Weitere Konflikte dieser Art ereigneten sich 1728 gegen den Berzdorfer Lehrer Ullrich und bereits 1630 gegen den Dittersbacher Pfarrer Albinus. 1743/44 erhob die Braucommune, die keine eigene Innung besaß, Klage beim Amtshauptmann zu Bautzen gegen Schankwirte aus Dittersbach, Kiesdorf und Schönau wegen des Ausschanks von Görlitzer und Zittauer Bier. Der Prozess, in den auch der sächsische Kurfürst Friedrich August II. einbezogen wurde, endet mit einem Urteil, das den Dörfern erlaubte, neben Bernstädter Bier auch Görlitzer und Zittauer Bier zu führen. Dabei musste das Bernstädter Bier jedoch den Hauptanteil ausmachen.
Etwa ab 1750 führte die zunehmende gewerbliche Entwicklung zu einem wirtschaftlichen Aufschwung Bernstadts. Die Handelskontakte der Tuchmacher reichen über die Landesgrenzen hinaus. Neben der Tuchmacherinnung und der Braucommune bestanden in der Stadt fünfzehn weitere Handwerkerinnungen.
Während des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) bezog der preußische König Friedrich II. im August 1757 in Bernstadt Quartier und wohnte im Haus der heutigen Bautzener Straße 15. Der gesamte Eigensche Kreis litt zu dieser Zeit unter Truppendurchzügen und Einquartierungen.
Am 21. Mai 1786 zerstörte ein Brand die gesamte Neustadt. Es handelte sich um den ersten größeren Stadtbrand seit 1686. Insgesamt wurden 29 Häuser sowie ein Bauerngut ein Opfer der Flammen.
Während der Befreiungskriege von 1813 gegen Napoleon Bonaparte zogen große russische Truppenverbände (Quellen berichteten vom Gros der russischen Armee) durch Bernstadt. Kosakenregimenter lagerten auf den Höhen zwischen Kemnitz und Kunnersdorf. Die russische Armee befand sich auf dem Marsch zur Völkerschlacht bei Leipzig. Ein Teil der durchziehenden Truppen nahm an der Schlacht bei Ebersdorf teil (Denkmal am Löbauer Stadion).
Am 16. Juni 1828 zerstörte der zweite große Stadtbrand, der durch Brandstiftung gelegt worden war, 140 Häuser und alle öffentlichen Gebäude. Das historische mittelalterliche Stadtbild mit dem Fachwerkrathaus und den Laubengängen vor den Giebelhäusern rings um den Markt wurde vernichtet und nicht wieder aufgebaut.
mini|Bernstadt um 1840 Im Jahr 1848 wurde im Zuge der bürgerlichen Revolution in Bernstadt eine Kommunalgarde (Bürgerwehr) gebildet, bestehend aus drei Kompanien – zwei mit Gewehren und eine mit Lanzen. Die sächsischen Kommunalgarden wurden 1851 wieder aufgelöst.
Die Gerichtsbarkeit des Klosters über die Stadt und den Eigenschen Kreis („Bernstädter Pflege“) endete am 31. Dezember 1852 und ging an das Königreich Sachsen über. Der Amtsgerichtsbezirk Bernstadt wurde gebildet und das 1829 errichtete Rathaus am Markt wurde Amtsgericht. Damit endete die fast 600-jährige Herrschaft des Klosters St. Marienstern über den Eigen. Die Herrschaft des Klosters prägte die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung Bernstadts nachhaltig. Unter seinem Einfluss erhielt der Ort frühzeitig Marktrechte und weitere Privilegien, die den Aufstieg zu einem lokalen Zentrum des Handels und Handwerks begünstigten. Das Innungswesen wurde gezielt gefördert und schuf die Grundlage eines lebendigen städtischen Gewerbes. Neben Leinenwebern, Töpfern, Bierbrauern und Pfefferküchlern prägten vor allem die Tuchmacher das wirtschaftliche Erscheinungsbild der Stadt.
Der Zittauer Unternehmer Heinrich Michaelsen kaufte im Jahr 1857 vom Kloster den Amtshof und richtete dort eine Spinnerei und Weberei (Kattunfabrik) ein. Damit begründete er den späteren Hauptzweig der Industrie in Bernstadt. Nach mehreren Besitzerwechseln und einem Konkurs entstand daraus im Jahr 1889 die Baumwollspinnerei Wilhelm Schüller & Co.
Der gesamte Eigen musste während des Krieges zwischen Preußen und Österreich im Jahr 1866 die Besetzung durch preußische Truppen ertragen.
Im Jahr 1874 wurde die Brunnensäule in der Marktmitte – die „Erdachse“ – errichtet. Sie entwickelte sich zu einem bleibenden historischen Wahrzeichen der Stadt. Der Erdachsenbrunnen wurde erst 1939 anstelle der Säule errichtet.
mini|Das untere (östliche) Ende der Görlitzer Gasse in Bernstadt während der Flut 1880 Ein verheerendes Hochwasser verwüstete am 14. Juni 1880 die Ortschaften an der Pließnitz. In Altbernsdorf, Bernstadt und Kunnersdorf forderte die „Jahrhundertflut“ 24 Menschenleben. Infolge dieser Naturkatastrophe kam es am 11. August 1880 zur Gründung der Freiwilligen Feuerwehr.
Die Schmalspurbahn Herrnhut–Bernstadt wurde am 1. Dezember 1893 eröffnet. Im Jahr 1899 erhielt die Stadt vom Elektrizitätswerk in der Mittelmühle den ersten Licht- und Kraftstrom.
Das 19. Jahrhundert war das Jahrhundert der Vereinsgründungen. Es entstanden 19 Vereine, davon 12 allein in den letzten beiden Jahrzehnten. Die Vereine betrafen alle Lebensbereiche: christliche, sportliche, kulturelle, vaterländische und gewerbliche Vereinigungen.
Im Verlauf des 19. Jahrhunderts führte zudem die Einführung mechanischer Spinn- und Webmaschinen zu einem tiefgreifenden Strukturwandel. Das traditionelle Tuchmacherhandwerk verlor an Bedeutung und an seine Stelle traten Fabrikbetriebe, die sich auf die Verarbeitung von Baumwolle und Grobgarn spezialisierten. Diese Industriezweige bestimmten das wirtschaftliche Profil Bernstadts bis zur politischen Wende 1989/90 maßgeblich.
20. Jahrhundert bis heute