Herrnhut (, auch HarrnuttHans Klecker: Oberlausitzer Wörterbuch. Das umfassende Standardwerk. Oberlausitzer Verlag, Spitzkunnersdorf 2021, ISBN 978-3-933827-39-5 ().; obersorbisch Ochranow; ) ist eine Stadt im sächsischen Landkreis Görlitz in der Oberlausitz. Zentral zwischen den Städten Löbau und Zittau gelegen, ist sie als Gründungsort der Herrnhuter Brüdergemeine, durch die Produktion der Herrnhuter Sterne und internationale Missionsarbeit bekannt.
2016 wurde Herrnhut der Ehrentitel „Reformationsstadt Europas“ durch die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa verliehen.Vgl. das Stadtporträt in GEKE-Projektsite zu Herrnhut: Reformationsstadt Herrnhut. Deutschland. Eine Gemein(d)e von Welt. In: reformation-cities.org, abgerufen am 4. Oktober 2017. – Zur Bedeutung der Stadt in der Reformationsgeschichte siehe die Abschnitte Ortsgeschichte und Religion. Am 26. Juli 2024 wurden die Siedlungen der Herrnhuter Brüdergemeine zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt.
Geografie mini|Blick vom Hutberg – im Hintergrund das Zittauer Gebirge mit der Lausche Lage Herrnhut liegt in der Östlichen Oberlausitz in Nord-Süd-Linie zwischen den Städten Löbau und Zittau sowie in West-Ost-Linie zwischen den Städten Ebersbach-Neugersdorf und Bernstadt auf dem Eigen. Naturräumlich gehört die Kernstadt zum Herrnhuter Hügelrücken.
Nachbargemeinden
Stadtgliederung Durch die Eingliederung der Gemeinden Ruppersdorf, Strahwalde, Großhennersdorf und Berthelsdorf hat die Stadt Herrnhut neben der Kernstadt zwölf Ortsteile. Während Friedensthal aus nur sehr wenigen Häusern besteht, ist Großhennersdorf der größte Ortsteil. mini|links|Stadtgliederung von Herrnhut (Stand: 1. Januar 2013)
Geschichte mini|Herrnhut 1765 mini|Karte von Oberreit mit Herrnhut um 1845 mini|Blick auf Herrnhut um 1858
Die Gründung von Herrnhut auf dem „Hut(s)berg“ bei Berthelsdorf zwischen Löbau und Zittau verdankt sich der Großzügigkeit und dem persönlichen Engagement von Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf. Er hatte im Jahr 1722 Böhmischen Brüdern, Glaubensflüchtlingen aus Mähren, Aufnahme auf seinem Gut Berthelsdorf gewährt. Noch heute erinnert ein Gedenkstein im Eulbusch an den Baubeginn der Siedlung am 17. Juni 1722.
Doch die Geschichte Herrnhuts beginnt viel früher. 1457 entstand eine der ersten evangelischen Kirchen in Böhmen, die Unitas Fratrum oder Brüder-Unität. Die „Böhmischen Brüder“ beriefen sich auf den Reformator Jan Hus, der 1415 in Konstanz als Ketzer verbrannt wurde. Für ihre Gemeinschaft sollten einzig und allein die Aussagen der Bibel gelten. Infolge der Gegenreformation kamen sie Anfang des 18. Jahrhunderts als Glaubensflüchtlinge auf das Gut von Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf in der Oberlausitz. Er gewährte ihnen Asyl. Ihrer ausgeprägten Religiosität entsprechend stellten sie ihre Gemeinschaft unter die „Obhut des Herrn Jesus“ und nannten ihre Kolonie Herrnhut, wie es in der ersten urkundlichen Erwähnung, einem Schreiben des Gutsverwalters Heitz, und auch im Gebet des Christian David zum Anbau des Ortes heißt .
1747 übernahm der Kaufmann Abraham Dürninger aus Straßburg/Elsass in Herrnhut den Gemeinladen der Herrnhuter Brüdergemeine und legte damit den Grundstein der Firma DürningerDie Geschichte der Abraham Dürninger & Co GmbH. In: duerninger.com, abgerufen am 15. April 2026., die 1827 als erstes deutsches Unternehmen Havanna-Zigarren importierte.
Die Ausstrahlung dieser neuen Arbeits- und Lebensgemeinschaft erreichte in kürzester Zeit Menschen aus anderen Kirchen. Dies beruhte nicht zuletzt auf den besonderen Gaben des Grafen Zinzendorf, der seine vom Pietismus geprägte Theologie weiterentwickelte. Nach seinem Tod 1760 vererbte er den Brüdern das Schloss und das Gut.
Im Jahre 1848 erhielt Herrnhut mit der Bahnstrecke Zittau–Löbau am Bahnhof Herrnhut einen Bahnanschluss. Am 1. Dezember 1893 wurde die Schmalspurbahn Herrnhut–Bernstadt eröffnet.
1907 wurde Herrnhut an das Telefonnetz angeschlossen und 1920 begann die Elektrifizierung des Ortes.
Wegen Zuzugs wurde Herrnhut noch im 18. Jahrhundert eine administrative Gemeinde. Sie erlangte 1895 Selbständigkeit und erhielt am 7. Dezember 1929 das Stadtrecht. In der Urkunde des damaligen Sächsischen Innenministeriums heißt es u. a.: „… wegen ihres städtischen Charakters und in besonderer Berücksichtigung ihres Weltrufes wird die Befugnis erteilt, sich als Stadt zu bezeichnen, …“.Rainer Fischer: Neuere Geschichte der Stadt Herrnhut. (PDF; 28 kB) S. 1. In: herrnhut.de, abgerufen am 19. September 2020 (ausführliche Darstellung).
Zur Reichstagswahl am 5. März 1933 erhielt die NSDAP circa 43 % der Stimmen.
Am 9. Mai 1945 – einen Tag nach dem Kriegsende in Europa – fiel etwa 1/3 der historischen Gebäude in Herrnhut (darunter der alte Kirchensaal der Herrnhuter Brüdergemeine, das Schwesternhaus und das erst 1906–1907 erbaute Brüderhaus) der Brandstiftung durch sowjetische Soldaten zum Opfer.Geschichte Herrnhuts und seiner Ortsteile. 1945. In: herrnhut.de, abgerufen am 29. Oktober 2024. Am 9. August 1953 wurde der am Kriegsende zerstörte und seit 1951 wieder aufgebaute Kirchensaal eingeweiht.
Während des Prager Frühlings 1968 wurden am Bahnhof 200 sowjetische Panzer entladen.
1994 wurde die Nachbargemeinde Ruppersdorf/O.L. mit ihren Ortsteilen Schwan und Ninive eingemeindet. Am 1. Januar 2010 folgte die überschuldete Gemeinde Strahwalde mit ihrem Ortsteil Friedensthal,Änderungen bei den Gemeinden Deutschlands, 2010. In: destatis.de, Statistisches Bundesamt, abgerufen am 14. August 2018. am 1. Januar 2011 die benachbarte Gemeinde Großhennersdorf mit ihren Ortsteilen Euldorf, Heuscheune, Neundorf auf dem Eigen und Schönbrunn. Zum 1. Januar 2013 folgte die Gemeinde Berthelsdorf mit dem Ortsteil Rennersdorf/O.L.
Bevölkerungsentwicklung mini|links|400px|Einwohnerentwicklung von Herrnhut von 1834 bis 2017 nach angefügter Tabelle
Jahr 1834 1871 1890 1910 1925 1939 1946 1950 1964 1990 2000 2010 2012 2013 2015 2016 2017 2022 Einwohner 899 1092 1139 1364 1664 1627 2024 2025 1808 1754 2842 4963 6336 6335 6097 6033 5981 5849
Nach dem sächsischen Landesrezess 1777 hatte Herrnhut 76 Häuser..
Die Einwohnerzahl stieg Mitte des 19. Jahrhunderts über 1000 an und erreichte in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg die Marke von 2000. Seit den 1950er Jahren gab es einen Bevölkerungsrückgang, der erst durch die Eingemeindungen kompensiert werden konnte.
Religion Herrnhut ist der Hauptsitz der Herrnhuter Brüdergemeine (Evangelische Brüder-Unität), die als Kirche unter dem Namen Moravian Church in 30 Ländern vertreten ist und auch heute noch tätige Missionsarbeit betreibt. Die römisch-katholische Kirche ist mit der 1956 geweihten St.-Bonifatius-Kirche in Herrnhut vertreten. Weiterhin gibt es seit 1999 das Christliche Zentrum Herrnhut, eine evangelische Freikirche charismatischer Prägung. Evangelisch-lutherische Kirchgemeinden gibt es in den Ortsteilen Ruppersdorf, Großhennersdorf, Berthelsdorf und Strahwalde. Darüber hinaus gibt es seit 2004 ein Zentrum der Jugend mit einer Mission im Ortsteil Ruppersdorf.
Politik
Stadtrat Der Stadtrat besteht aus 15 Räten. Die Kommunalwahl vom 9. Juni 2024 führte bei einer Wahlbeteiligung von 67,8 % (+ 3,3 %p gegenüber der Wahl 2019) zu nebenstehendem Ergebnis. Frühere Wahlergebnisse sind tabellarisch aufgelistet. mini|Rathaus Herrnhut, erbaut 1911
Regulär hätte der Stadtrat 18 Sitze. Das Stimmenergebnis der AfD würde vier Sitze bedeuten. Da aber nur ein Kandidat aufgestellt war, reduziert sich die Gesamtanzahl der Sitze entsprechend um drei Sitze auf 15; darunter ist keine Frau.Ergebnisse Stadtratswahl Herrnhut 2024. In: wahlen.sachsen.de, Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen, abgerufen am 28. Juli 2024. +letzte StadtratswahlenListe202420192014Sitzein %Sitzein %Sitzein %Herrnhuter Liste740,5946,31049,9AfD119,7116,0––CDU318,6421,2524,9Bündnis Oberlausitz/Freie Sachsen210,5––––Bürgerbewegung16,818,929,7Linke13,915,516,7SPD–––2,1–1,8Grüne–––––4,4NPD–––––2,5Wahlbeteiligung67,8 %64,5 %55,3 %
Bürgermeister Bürgermeister ist seit 2008 Willem Rieke (HL Herrnhuter Liste). +Die vergangenen BürgermeisterwahlenWahlBürgermeisterVorschlagWahlergebnis2022Willem RiekeHerrnhuter Liste97,2 %201596,6 %200874,9 %2001Rainer Fischer97,3 %199491,2 %
Wappen mini|hochkant|Vorbild für das Wappen: Altan auf dem Hutberg in Herrnhut
Gemeindepartnerschaften Es bestehen Partnerschaften zwischen Herrnhut und den Gemeinden Bad Boll in Baden-Württemberg, Suchdol nad Odrou in Tschechien und Karlstetten in Niederösterreich.
Wirtschaft und Verkehr Unternehmen (Auswahl) Herrnhuter Sterne, manufakturartige Präsentation zur Herstellung des weltweit bekannten Herrnhuter Sterns Abraham Dürninger & Co. GmbH, Textilunternehmen, Tischlerei und Lebensmittelmarkt Gustav Winter, Druckerei und Verlagsgesellschaft Herrnhuter Diakonie, Stiftung der Evangelischen Brüder-Unität, Herrnhuter Brüdergemeine Comenius-Buchhandlung, Buch- und Musikalienhandlung, Papeteriewaren, Kulturveranstaltungen, Verlag Collective Brain, Werbeagentur für Websites, Grafik, Film, Foto und Performance Marketing
Bildung Evangelische Zinzendorfschulen Herrnhut, Gymnasium und Oberschule mit den Klassenstufen 5 bis 12 Akademie Herrnhut für politische und kulturelle BildungAkademie Herrnhut. In: akademie-herrnhut.de, Akademie Herrnhut e. V., abgerufen am 4. Oktober 2017. Johann-Amos-Comenius-Schule, Schule mit Förderschwerpunkt für geistige Entwicklung
Verkehr Straßen Die nächste Autobahnanschlussstelle ist an der BAB 4 bei Weißenberg in dreißig Kilometern Entfernung.
Die Bundesstraße 178 führte lange Zeit unmittelbar durch den Stadtkern. Aufgrund der hohen Verkehrsbelastung, auch durch den Beitritt der Tschechischen Republik zur Europäischen Union, befindet sich ein Straßenbauprojekt für eine neue Trassierung der B 178 in Planung, weite Teile davon sind bereits fertiggestellt, wodurch Herrnhut seit 2013 zwischen Löbau und Zittau verkehrsentlastend angebunden ist. Die durch den Ortskern führende Durchfahrungsstraße (Löbauer Str. / Zinzendorfplatz / Zittauer Str.), nun die K 8610, weist immer noch ein hohes Verkehrsaufkommen auf.
Eisenbahn Der Personenverkehr auf der Bahnstrecke Zittau–Herrnhut–Löbau wurde 1998 eingestellt, die Einstellung des Güterverkehrs folgte 2002. Die nächstgelegene Bahnstation ist seitdem der Bahnhof Löbau (Sachs) in elf Kilometern Entfernung mit direkter Regionalbusanbindung ab Herrnhut.
Bis 1945 war der Bahnhof Herrnhut Ausgangspunkt einer Schmalspurbahn nach Bernstadt, welche danach als Reparationsleistung für die Sowjetunion abgebaut wurde.
Kultur und Sehenswürdigkeiten mini| Herrschaftshaus mini|Vogtshof Herrnhut – Sitz der Evangelischen Brüder-Unität mini|Gemeinsaal Herrnhut, Blick aus der Comeniusstraße mini|Herrnhut: der Bahnhof diente zeitweilig als Kunstbahnhof
Herrschaftshaus, errichtet 1725–1727 durch Nikolaus Ludwig von Zinzendorf, 1748 und 1781 umgebaut Vogtshof von 1730, 1746 schlossartig erweitert, Sitz der Evangelischen Brüder-Unität, Europäisch-Festländische Provinz, mit dem Sitzungssaal im 1. Obergeschoss, in dem jährlich die Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine gezogen werden Kirchensaal der Herrnhuter Brüdergemeine von 1756, Barock; 1945 zerstört, 1951–1953 wieder aufgebaut Unitätsarchiv mit Bibliothek und Lesesaal, darin zeitweise Vorträge und Symposien Gildenhaus mit Verkaufsausstellungen der Herrnhuter Künstlergilde Gottesacker der Brüdergemeine am Hutberg mit den Gräbern der Familie Zinzendorf Skulpturenpfad zwischen Herrnhut und Großhennersdorf
Naturschutz
Museen Völkerkundemuseum Herrnhut Heimatmuseum Herrnhut
Bauwerke der Vogtshof, Zittauer Str. 20 das Witwenhaus, Zinzendorfplatz Nr. 6–7 barocke Bürgerhäuser, beispielsweise das „Holländerhaus“, August-Bebel-Str. 5 der Zinzendorfplatz mit seiner Bebauung das Unitätsarchiv, Zittauer Straße 24 Gebäude des Heimatmuseums, Comeniusstr. 6 Gartenanlagen der Bürgerhäuser Dürninger-Garten, Ecke August-Bebel-Straße / Goethestraße