mini|250px|Samuel Hahnemann, 1831. Stahlstich nach einem Gemälde von Julius Schoppe rahmenlos|zentriert|160px|klasse=skin-invert
Christian Friedrich Samuel Hahnemann (* 10. April 1755 oder 11. April 1755 in Meißen; † 2. Juli 1843 in Paris) war ein deutscher Arzt, medizinischer Schriftsteller und Übersetzer. Er begründete um 1797 die Homöopathie.Wolf-Dieter Müller-Jahncke: Homöopathie. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 611–615.
Leben Die Zeit vor der Entwicklung der Homöopathie Hahnemann wurde als drittes Kind von Christian Gottfried Hahnemann und seiner zweiten Frau Johanna Christiane Spieß in der Meißner Triebischvorstadt geboren. Sein Vater war ein Porzellanmaler in der berühmten Meißener Porzellanmanufaktur. Über Hahnemanns genaues Geburtsdatum wird seit langem gestritten. Hahnemann selbst sah und feierte den 10. April als seinen Geburtstag,Haehl, Band 1, S. 10–12. das Taufregister der Frauenkirche in Meißen nennt jedoch den 11. April als Geburtszeitpunkt, mit der zusätzlichen Anmerkung „früh“,Haehl, Band 1, S. 10. wie bereits seit den Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag Hahnemanns 1855 bekannt war.Beilage zu No. 3 der Zeitschrift für homöopathische Kinik, 1. Februar 1855, S. 29–30 (babel.hathitrust.org). Es gibt diverse Vermutungen zur Erklärung dieser Differenz, die größtenteils darauf hinauslaufen, dass der Geburtszeitpunkt in der Nähe der Mitternacht gelegen habe.Haehl, Band 1, S. 12; Jütte 2005, S. 23.
Samuel Hahnemann besuchte die Meißener Stadtschule, wobei der verarmten Familie des begabten Schülers das Schulgeld erlassen wurde, und bekam danach ein Stipendium an der Fürstenschule St. Afra in Meißen, wo er ab 1770 zur Schule ging.Barbara I. Tshisuaka: Hahnemann, Samuel. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 527. Nach dem Schulabschluss begann er 1775 ein Medizinstudium in Leipzig. Seinen Lebensunterhalt verdiente er in dieser Zeit mit Sprachunterricht und mit Übersetzungen physiologischer und medizinischer Werke ins Deutsche. 1777 wechselte Hahnemann für ein Dreivierteljahr an die Wiener Universität, wo er beim Medizinprofessor und ärztlichen Direktor des Spitals der Barmherzigen Brüder, Joseph Freiherr von Quarin, der auch Leibarzt von Maria Theresia war, Unterricht am Krankenbett und bei Visiten erhielt, bis ihm das Geld ausging. Im Oktober 1777 bot ihm, empfohlen durch Quarin,Wolf-Dieter Müller-Jahncke: Homöopathie. 2005, S. 611 f. Freiherr Samuel von Brukenthal, eben von Kaiserin Maria Theresia zu ihrem Statthalter in Siebenbürgen ernannt, eine Stelle als Bibliothekar, Hauslehrer und Leibarzt an. Hahnemann begleitete ihn nach Hermannstadt und blieb dort knapp zwei Jahre lang. Er hat dort offenbar zahlreiche Fälle von Wechselfieber (Malaria) gesehen; es gibt auch Hinweise darauf, dass er selbst daran erkrankte (was für seinen 1790 unternommenen Chinarinden-Selbstversuch von Bedeutung war). 1777 wurde er in die Freimaurerloge Zu den drei Seeblättern Hermannstadt aufgenommen.Eugen Lennhoff, Oskar Posner, Dieter A. Binder: Internationales Freimaurerlexikon, überarbeitete und erweiterte Neuauflage der Ausgabe von 1932, München 2003, 951 S., ISBN 3-7766-2161-3.Jürgen Holtorf: Die Logen der Freimaurer. Nikol Verlags GmbH, Hamburg, ISBN 3-930656-58-2, S. 145. Hahnemann sortierte und erfasste auch die umfangreiche Münzsammlung Samuel von Brukenthals.Vgl. Jütte 2005, S. 31–32. Zudem verdingte er sich erneut als Hauslehrer, um den Lebensunterhalt sicherzustellen.Wolf-Dieter Müller-Jahncke: Samuel Hahnemann. In: Wolfgang U. Eckart, Christoph Gradmann: Ärzte Lexikon. Von der Antike bis zur Gegenwart. (1. Aufl. 1995, 2. Aufl. 2001), 3. Aufl., Springer, Berlin / Heidelberg 2006, ISBN 978-3-540-29584-6 (Print), ISBN 978-3-540-29585-3 (online), S. 151. Da es in Hermannstadt keine Universität gab, schloss Hahnemann im August 1779 sein Medizinstudium an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen mit der Promotion ab.
In den Folgejahren praktizierte er als Arzt, Chemiker, Übersetzer und Schriftsteller in vielen nord- und mitteldeutschen Städten – mit wechselndem Erfolg. Zeitweise gab er seine ärztliche Praxis völlig auf, „weil sie mir mehr Aufwand gekostet, als Einnahme gebracht, und gewöhnlich mich mit Undank belohnt hat“ (Brief vom 29. August 1791, zit. nach Jütte, S. 48), und widmete sich ganz chemischen Versuchen, Übersetzungen und Publikationen. Zu anderen Zeiten wiederum hatte er so viele Patienten, dass er kaum mit der Versorgung nachkam: „Fast hätte ich nicht schreiben können, weil ich in den wenigen Wochen, die ich in Eilenburg wohne, schon so mit Kunden gesegnet bin, dass ich oft nicht essen kann“ (Brief vom 18. September 1801, zit. nach Jütte, S. 74). Seine psychotherapeutischen, chemischen und schriftstellerischen Aktivitäten brachten ebenfalls recht wechselhafte Resultate, wie unten deutlich wird.
Die Gründe für Hahnemanns unstetes Umherziehen dürften vielfältig sein. Anthony Campbell fasst sie so zusammen: „… wurde weitergetrieben durch seinen ruhelosen Geist und die Notwendigkeit, einen Lebensunterhalt zu erwirtschaften“. Es war für einen unbemittelten, freischaffenden Geistesarbeiter wie Hahnemann nicht leicht, sich und bald auch seine schnell wachsende Familie zu ernähren; andererseits gehörte ein ausgeprägter Ehrgeiz, welcher ihn zu diversen Experimenten trieb, zu Hahnemanns Charaktereigenschaften, wie schon Zeitgenossen bemerkten.Vgl. etwa Jütte 2005, S. 39 f. Schließlich gab es oftmals Streit, besonders häufig mit Apothekern, wegen Hahnemanns „interdisziplinärer“ Tätigkeit als Chemiker bzw. Pharmazeut und Arzt (der Leipziger Dispensierstreit, s. u., ist nur eines von vielen Beispielen).
Ein Beispiel für die ökonomischen Probleme und den Ehrgeiz des Schriftstellers, Übersetzers und Chemikers, die häufige Ortswechsel begünstigten:
Zunächst ließ sich Hahnemann in Hettstedt, dann in Dessau nieder, wo er 1782 die Apothekerstochter Johanna Leopoldine Henriette Küchler (1764–1830) heiratete; die beiden hatten zusammen insgesamt elf Kinder. Die nächste Station war Gommern bei Magdeburg, 1785 begann Hahnemann in Dresden zu praktizieren. Neben einer ganzen Reihe von Übersetzungen aus dem Englischen und Französischen (hauptsächlich medizinischer Fachbücher, aber auch eines umfangreichen belletristischen Werkes) begann er dort regelmäßig wissenschaftliche Beiträge zu veröffentlichen, so die Schrift „Über die Weinprobe auf Eisen und Blei“ (1788), die es ermöglichte, die Verfälschung von Wein mit giftigem Bleizucker nachzuweisen. Die hahnemannsche Weinprobe machte seinen Namen bekannt; sie wurde von der preußischen Regierung für die Weinhändler der Stadt Berlin vorgeschrieben. In Dresden fungierte Hahnemann zeitweise als Vertreter des Stadtphysicus und bekam so Einblick in die Gerichtsmedizin, was sich u. a. in einer Schrift über die Arsenikvergiftung niederschlug.
Anfänge der Homöopathie und psychotherapeutische Experimente 1789 zog Hahnemann mit Frau und mittlerweile drei Kindern nach Lockwitz, später nach Leipzig und dann in den Leipziger Vorort Stötteritz. Dort übersetzte er 1790 die zweibändige Arzneimittellehre des Schotten William Cullen, eines damals sehr bekannten Mediziners, des Lehrers von John Brown, dem Begründer des populären Brownianismus. Diese Übersetzung enthält eine Fußnote, die als die erste Spur der Homöopathie betrachtet werden kann. Hahnemann kritisierte darin, dass Cullen die bekannte Wirkung der Chinarinde bei Malaria („Wechselfieber“) auf deren magenstärkende Eigenschaften zurückführte. Und er gab einen Bericht über einen von ihm vorgenommenen wiederholten Selbstversuch mit der Chinarinde, die nach seinen Angaben bei ihm „alle mir sonst beim Wechselfieber gewöhnlichen Symptomen“ hervorrief – „doch ohne eigentlichen Fieberschauder“. Er formulierte, zunächst sehr vorsichtig, die Vermutung, dass diese Fähigkeit, vergleichbare Symptome hervorzurufen, für die Heilwirkung der Chinarinde bei Malaria verantwortlich sein könnte.
Im Jahre 1791 wurde Hahnemann in die renommierte „Churfürstlich Mayntzische Academie nützlicher Wissenschaften“ zu Erfurt aufgenommen. Im Jahr 1793 wurde er zudem zum Mitglied der Gelehrtenakademie Leopoldina gewählt.
In Gotha, wohin Hahnemann 1792 umgezogen war, kündigte der mit ihm befreundete Verleger Rudolph Zacharias Becker die Gründung einer „Genesungs-Anstalt für etwa 4 irrsinnige Personen aus vermögenden Häusern“ in Georgenthal an, die ein „menschenfreundlicher Arzt“ (nämlich Hahnemann) leiten sollte. Es sollte auf Züchtigung, Fixierung und andere Disziplinierungsmaßnahmen verzichtet werden; die Therapie bestand im Wesentlichen offenbar in Gesprächen, möglicherweiseDies vermutet jedenfalls Hanspeter Seiler in: Die Entwicklung von Samuel Hahnemanns ärztlicher Praxis anhand ausgewählter Krankengeschichten. Haug, Heidelberg 1988, S. 29–37. auch bereits homöopathischen Medikamentengaben. Es gab jedoch nur einen Patienten, der das Honorar aufbringen konnte, den hannoverschen Autor und Beamten Friedrich Arnold Klockenbring, der offenbar an einer Art manisch-depressiver Gemütskrankheit litt. Im Frühjahr 1793 entließ Hahnemann Klockenbring als geheilt, musste danach allerdings seine Anstalt mangels weiterer Patienten schließen. In seinem Artikel „Striche zur Schilderung Klockenbrings während seines Trübsinns“, veröffentlicht in der „Deutschen Monatsschrift“ 1796, berichtet Hahnemann über seinen psychotherapeutischen Versuch.
mini|Gedenktafel für Hahnemann in Königslutter Weitere Stationen Hahnemanns waren Molschleben, Göttingen, Pyrmont (1794), Wolfenbüttel, Braunschweig (1795–1796) und Königslutter (1796–1799). Er publizierte weiterhin eifrig, insbesondere chemische und pharmazeutische Übersetzungen und eigene Schriften, u. a. zur Herstellung eines löslichen Quecksilberoxids und zur Entdeckung eines Mittels gegen Milchschorf der Kinder (Kalkschwefelleber, noch heute als homöopathisches Mittel Hepar sulfuris calcareum gehandelt), aber auch ein zweiteiliges, viel gelesenes „Apothekerlexikon“. Während dieser Zeit hat Hahnemann weitere Experimente mit Arzneistoffen an sich und anderen vorgenommen.Jütte 2005, S. 74. Sie gingen ein in den ersten Aufsatz über das Heilprinzip, das später das homöopathische heißen sollte. Dieser Aufsatz erschien 1796 in Hufelands „Journal der practischen Arzneykunde und Wundarzneykunst“ unter dem Titel „Versuch über ein neues Princip zur Auffindung der Heilkräfte der Arzneysubstanzen, nebst einigen Blicken auf die bisherigen“. Hier formulierte Hahnemann das Prinzip, „Ähnliches mit Ähnlichem“ zu heilen (similia similibus curentur), und versuchte es mit einer ganzen Reihe empirischer Beobachtungen abzustützen, u. a. mit weiteren Selbstversuchen, Vergiftungsberichten, Lesefrüchten und eigenen und fremden Heilungsgeschichten, die durch das Simileprinzip erklärt werden.
1799 zog Hahnemann mit seiner Familie, die inzwischen acht Kinder umfasste, nach Altona. Seine Versuche, die dortigen hohen Lebenshaltungskosten zu erwirtschaften, ließen sich nicht gut an: Die Kur des psychisch kranken Dichters Johann Karl Wezel, die er nach dem Muster der früheren Klockenbring-Behandlung übernahm, schlug fehl, da er mit dem aggressiven Patienten nicht zurechtkam, und seine im „Reichsanzeiger“ beworbene Schrift „Heilung und Verhütung des Scharlach-Fiebers“ nebst einem „Pülverchen“, das gegen Ansteckung mit Scharlach schützen sollte, erwies sich ebenfalls als erfolglos. Aufgrund seiner prekären ökonomischen Lage folgte 1800 ein weiterer Ortswechsel nach Mölln. In dieser Zeit bewarb und verkaufte er ein selbst hergestelltes „neues Laugensalz“, das sich aber bald als altbekanntes Borax erwies. Er gestand seinen Fehler ein und gab das eingenommene Geld zurück.
Die Begründung der Homöopathie als heilkundliches System