Hysterie (von , vermutlich beruhend auf indogermanisch ud-tero, „der hervorstehende Körperteil“; vgl. „Uterus“Johann Baptist Hofmann: Etymologisches Wörterbuch des Griechischen. Verlag von R. Oldenbourg, München 1950, S. 387.) ist die historische Bezeichnung für Störungen, die z. B. durch ein verändertes Ich-Bewusstsein oder neurologische Symptome (wie Lähmung, Blindheit, Taubheit, Epilepsie-ähnliche Anfälle) gekennzeichnet sind. Heute werden sie als somatoforme Störung, Konversionsstörung oder dissoziative Störung bezeichnet, z. T. bei stabilen Erlebens- und Verhaltensmustern auch histrionische Persönlichkeitsstörung.Grundlagenfächer. Med. Psychologie und Soziologie. Krankheitsursachen u. -theorien. Hysterie. Pschyrembel medizinisches Wörterbuch, abgerufen am 15. Mai 2021.

In der medizinischen Fachsprache gilt der Begriff Hysterie heute weitgehend als veraltet. Grund hierfür ist, dass sowohl die Diagnose als auch die therapeutischen Ansätze uneinheitlich waren.Reinhard Platzek zu: Reinhard Steinberg, Monika Pritzel (Hrsg.): 150 Jahre Pfalzklinikum. Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde in Klingenmünster. Franz Steiner, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-515-10091-5. In: Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen. Band 8/9, 2012/2013 (2014), S. 578–582, hier: S. 579. Zudem ist die Bezeichnung begriffsgeschichtlich mit der Gebärmutter (also dem weiblichen Geschlecht) verbunden und mit einem abwertenden Klang behaftet. Eine ähnliche Bedeutung haben die Bezeichnungen „histrionische Reaktion“, Konversionsstörung, Konversionshysterie sowie Somatisierungsstörung (bei häufig wechselnden körperlichen Symptomen) und „psychoreaktives Syndrom“.

Als medizinische Diagnose wurde die Hysterie in der internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10) durch die Bezeichnungen dissoziative Störung (F44) und histrionische Persönlichkeitsstörung (F60.4) ersetzt.

In der westlichen Medizin galt Hysterie bei Frauen als häufig und chronisch. Obwohl sie als Krankheit eingestuft wurde, waren die Symptome der Hysterie gleichbedeutend mit einer normal funktionierenden weiblichen Sexualität. Im Kontext der Hysterie war jedes Symptom und jeder negative Gedanke mit Sex verbunden.

Symptome Die Hysterie ist eine Neurose, bei der Geltungsbedürfnisse und Egozentrismus zwar im Vordergrund stehen, die jedoch oft mit dem Symbol eines ParadiesvogelsGünter H. Seidler (Hrsg.): Hysterie heute. Metamorphosen eines Paradiesvogels. 2. Auflage. Gießen 2001. in Verbindung gebracht wird, weil sie kein einheitliches Erscheinungsbild aufweist. Dies war unter anderem ein Grund dafür, dass sie aus den gängigen Diagnose-Systemen wie der ICD der WHO oder des DSM der APA in ihrer ursprünglichen Form gestrichen wurde. Traditionell wurde die Hysterie als psychogene VerhaltensweisePschyrembel Klinisches Wörterbuch. Begründet von Willibald Pschyrembel. Bearbeitet von der Wörterbuchredaktion des Verlags. 255. Auflage. De Gruyter, Berlin 1986, S. 759. durch ein vielfältiges körperliches Beschwerdebild ohne organische Grundlage charakterisiert, z. B. Gehstörung, Bewegungssturm, Lähmungen, Gefühlsstörung, Ausfall der Sinnesorgane wie z. B. Blindheit oder Taubheit. Den Begriff der hysterischen Persönlichkeit prägte der bedeutende deutsche Psychoanalytiker Fritz Riemann. Demnach ist der Hysteriker einer von vier Grundtypen der Persönlichkeit.

Der Begriff „Hysterie“ erscheint unter anderem deshalb problematisch, weil ihm eine pejorative Bedeutung anhaftet, die mit der vorgeblich geschlechterspezifischen Bindung zusammenhängt, weshalb man heute eher den Begriff „Konversionsstörung“ für o. g. Symptome verwendet. Sehr lange wurde Hysterie sogar als eine ausschließlich bei Frauen auftretende, von einer Erkrankung der Gebärmutter ausgehende körperliche und psychische Störung verstanden. Frauen, die unter Hysterie litten, wiesen diesem Krankheitsverständnis nach häufig bestimmte Persönlichkeitsmerkmale auf (ichbezogen, geltungsbedürftig, kritiksüchtig, unreflektiert etc.).

Es wurde beschrieben, dass weibliche Hysterie ein breites Spektrum an Symptomen aufwies, darunter Angst, Kurzatmigkeit, Ohnmacht, Nervosität, sexuelles Verlangen, Schlaflosigkeit, Flüssigkeitsansammlung, Schweregefühl im Bauch, Reizbarkeit, Appetitverlust auf Essen, kein Drang nach Sex, sogar sexuell aufdringliches Verhalten und eine „Neigung, anderen Ärger zu bereiten“. Außerdem wurden traditionelle Symptome der Hysterie als tonisch-klonische Anfälle und das Gefühl der Erstickung und des drohenden Todes (Freuds Globus istericus) beschrieben.

Manche Erscheinungsformen der Hysterie wurden als subtiler Kampf gegen (männliche) Übermacht gedeutet. Allerdings gibt es auch Theorien, die die Macht der Mutter ins Zentrum stellen bzw. die der Mutter-Kind-Bindung. Die Pathologisierung und Behandlung ließen diese Verhaltensweisen einerseits als Krankheit gelten; gleichzeitig jedoch stellten sie die angegriffene Übermacht auf anderer Ebene wieder her. Dies kam beiden Seiten der Arzt-Patient-Beziehung, der Patientin und dem Arzt, entgegen.

Geschichte des Krankheitsbildes Antike Wurzeln Die Hysterie gilt als die älteste aller beobachteten psychischen Störungen. In den antiken Beschreibungen der Hysterie in altägyptischen Papyri des 2. Jahrtausends vor Christus wie bei Platon (im Dialog Timaios, 91 a–d) und im Corpus Hippocraticum wird die Ursache der im Corpus Hippocraticum pniges hysterikaiWerner Leibbrand, Annemarie Wettley: Der Wahnsinn. Geschichte der abendländischen Psychopathologie. Karl Alber, Freiburg / München 1961 (= Orbis academicus. Band II/12), ISBN 3-495-44127-1, S. 54–59. genannten Krankheit in der „erkrankten“ Gebärmutter gesehen.

In Platons Timaios ist die Gebärmutter ein „Lebewesen, das nach der Kinderzeugung begehrt“ und beim Ausbleiben dieses Verlangens „im Körper umherirrt“.Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus dem medizinischen Schrifttum der Griechen und Römer. Philipp Reclam jun., Leipzig 1979 (= Reclams Universal-Bibliothek. Band 771); 6. Auflage ebenda 1989, ISBN 3-379-00411-1, 199, Anm. 1.

Konzeptionell ging man unter anderem davon aus, dass die Gebärmutter, wenn sie nicht regelmäßig mit Samen (Sperma) gefüttert werde, im Körper suchend umherschweife, im Falle einer suffocatio (matricis), deutsch „Erstickung (der Gebärmutter)“, bis zum Herzen aufsteigen kann und sich dann sogar am Gehirn festbeiße. Dies führe dann neben weiteren Krankheitssymptomen zum typischen „hysterischen“ Verhalten bzw. „hysterischen Anfall“, da die Gebärmutter nach Vorstellung der hippokratischen Medizin bei ihrer Wanderung im Körper Druck auf andere Organe wie das Zwerchfell und die Atmungsorgane ausübe und so auch einen („hysterischen“) Erstickungsanfall (mit Aussetzen der Atmung, Verlust der Stimme und Beeinträchtigung der Sinneswahrnehmungen) hervorrufe, wie er auch um 100 n. Chr. von Soranos von Ephesos in seinen Ausführungen zur Hysterie beschrieben wurde.Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus dem medizinischen Schrifttum der Griechen und Römer. Philipp Reclam jun., Leipzig 1979 (= Reclams Universal-Bibliothek. Band 771); 6. Auflage ebenda 1989, ISBN 3-379-00411-1, S. 34 und 141–144 (Soran, Gynäkologie, Buch III, Kap. 26–28. Über den hysterischen Erstickungsanfall.)

Der Vorstellung einer wandernden Gebärmutter widersprach erstmals der englische Arzt Thomas Sydenham, der 1682 in einem BriefDissertatio epistolaris ad spectatissimum doctissimumque virum Gulielmum Cole, M.D. de observationibus nuperis circa cuarationem variolarum confluentium nec non de affectione hysterica. an William Cole einen berühmtgewordenen Aufsatz über die Hysterie, die er als Hypochondrie ansah, verfasst hatte.Magdalena Frühinsfeld: Kurzer Abriß der Psychiatrie. In: Anton Müller. Erster Irrenarzt am Juliusspital zu Würzburg: Leben und Werk. Kurzer Abriß der Geschichte der Psychiatrie bis Anton Müller. Medizinische Dissertation Würzburg 1991, S. 9–80 (Kurzer Abriß der Geschichte der Psychiatrie) und 81–96 (Geschichte der Psychiatrie in Würzburg bis Anton Müller), S. 37 f. Jean-Martin Charcot und Sigmund Freud wiesen später darauf hin, dass die Hysterie nicht ausschließlich bei Frauen auftritt, was ab den 1880er Jahren auch kaum noch bestritten wurde.Vgl. auch Joachim Radkau: Das Zeitalter der Nervosität. Deutschland zwischen Bismarck und Hitler. Hanser, München u. a. 1998, ISBN 3-446-19310-3; als Taschenbuch ebenda 2000, ISBN 3-612-26710-8, S. 70 f.

Hexenglaube Man glaubte, dass dämonische Kräfte von Menschen angezogen wurden, die zu Melancholie (heute zu verstehen als psychische Krankheiten, Depressionen, Stimmungsschwankungen) neigen, insbesondere von alleinstehenden Frauen und älteren Menschen. Krankheitssymptome, wie psychische Erkrankungen, Krämpfe oder anormales Verhalten wurden als vermeintliche Hexenmerkmale erkannt, die durch einen Pakt mit dem Teufel hervorgerufen wurden und zu einer dämonischen Besessenheit führten.

Maßgeblich negativ beeinträchtigt wurde die gesellschaftliche Auffassung von Frauen durch den Hexenhammer (lat. Maleus malleficarum), ein Werk des Inquisitors Heinrich Kramer. Kramer schließt hier Männer nicht per se von der Hexerei aus, spricht jedoch vor allem von Frauen.

Ebenfalls verstärkt wurde die Auffassung durch fehlendes Wissen über psychische Krankheiten, die Angst vor weiblicher Sexualität und gesellschaftliche Unsicherheiten, inklusive der Sündenbocksuche. Zu Zeiten gesellschaftlicher Unsicherheit, Naturkatastrophen oder Krankheitsausbrüchen suchten die Menschen nach Erklärungen und Sündenböcken. Frauen, die unter Hysterie litten, konnten aufgrund ihrer Symptome und ihres als ungewöhnlich betrachteten Verhaltens leicht als Schuldige für solche Probleme, und somit der Hexerei bezichtigt werden.

Die Inquisitoren, zu denen auch der Autor des Hexenhammers Kramer zählte, erklärten die vermeintliche Nähe der Frauen zur Hexerei auf etymologische Weise wie folgt: „Das Wort femina nämlich kommt von fe und minus (fe = fides, Glaube; minus = weniger; also femina = die weniger Glauben hat)“. Laut dieser Auffassung herrschte somit bereits durch das Geschlecht eine erhöhte Anfälligkeit für Verführung durch Teufel und Dämonen.

17. Jahrhundert