Die französische Fußballnationalmannschaft der Männer () häufig auch Les Bleus (nach den traditionell blauen Trikots) oder in deutschsprachigen Medien Équipe Tricolore (nach der Flagge Frankreichs) genannt, ist eine der erfolgreichsten Nationalmannschaften im Fußball. Aufgrund ihrer personellen Zusammensetzung entwickelte sich ab 1998 zudem in wortspielerischer Anlehnung an die Farben der Landesflagge (bleu-blanc-rouge) der Neologismus „black-blanc-beur“ („Schwarze, Weiße, Maghrebiner“).Black steht für die aus den frankophonen Teilen Schwarzafrikas, der Karibik und dem pazifischen Raum stammenden, blanc für die hellhäutigen und beur für Spieler arabisch-muslimischen Ursprungs, die in Frankreich geboren sind. Die Bezeichnung wird inzwischen sogar zur Charakterisierung der gesamten französischen Gesellschaft verwendet, auch in zeitgeschichtlichen und soziologischen Veröffentlichungen; vgl. bspw. den Artikel L’homme vertical aus dem Nouvel Observateur vom 16. Juli 1998, der Aufnahme gefunden hat in die zweite Auflage der zeithistorischen Quellensammlung von Olivier Wieviorka/Christophe Prochasson: La France du XXe siècle. Seuil, Paris 2004, ISBN 978-2-02-063236-2, S. 733–735. Zur Funktion solcher Begriffe siehe bspw. Martin Doering/Dietmar Osthus: Black, Blanc, Beur: Metaphorische Identität, identische Metaphern? – Formen und Funktionen der Metaphorik in der französischen Tagespresse zum Mondial 1998. In: metaphorik.de 3/2002, S. 17–43, hier als PDF abrufbar.
Frankreich gewann bisher zwei Weltmeisterschaften (1998, 2018) und zwei Europameistertitel (1984, 2000) sowie zweimal den Konföderationen-Pokal (2001, 2003). 2021 kam der Titel in der UEFA Nations League hinzu. Die Nationalmannschaft ist neben der brasilianischen Seleção die einzige, die für alle bisherigen Weltmeisterschaften eine Meldung abgegeben hat. Allerdings scheiterten die Bleus im Unterschied zu Brasilien bereits mehrmals in den WM-Qualifikationsturnieren oder verzichteten auf die Endrundenteilnahme (so 1950).Als den in der Qualifikation gescheiterten Franzosen aufgrund der Absage dreier Mannschaften (Schottland, Türkei, Indien) nachträglich trotzdem noch ein Platz im Teilnehmerfeld angeboten wurde, sagte die FFF trotz der Kurzfristigkeit der Offerte (Mai 1950) zunächst zu. Frankreich wurde daraufhin der Vorrundengruppe 4 zugeteilt, was innerbrasilianische Reisen über rund 3.000 km zur Folge gehabt hätte. Als der WM-Ausrichter die Forderung nach einer anderen Gruppenzuordnung ablehnte, verzichtete die FFF auf die Teilnahme. – Rethacker/Thibert, S. 197; Hardy Grüne: Fußball-WM-Enzyklopädie 1930–2006. AGON, Kassel 2004², ISBN 3-89784-261-0, S. 102; Lorenz Knieriem/Matthias Voigt: Fußballweltmeisterschaft 1950 Brasilien. AGON, Kassel 2003, ISBN 3-89784-217-3, S. 45/46 Frankreich richtete auch selbst früh Endrunden von Kontinentalturnieren aus, nämlich 1938 die dritte Welt- und 1960 die erste Europameisterschaft.
Ihre offizielle Länderspielgeschichte beginnt im Jahr 1904; allerdings gab es bereits seit der Jahrhundertwende Länderspiele, die von der Union des sociétés françaises de sports athlétiques (USFSA), dem bis zum Ersten Weltkrieg mitgliederstärksten nationalen Fußballverband, organisiert wurden. Die USFSA vertrat das Land bis 1908 im von ihr mitbegründeten Weltverband FIFA; ab 1909 ersetzte sie darin der Dachverband der konkurrierenden Verbände, der Comité Français Interfédéral. Mit der Vereinigung aller französischen FußballorganisationenAusgenommen hiervon waren und sind „Sonderorganisationen“ wie diejenigen des Arbeiter-, Militär-, Studenten-, Betriebs- u. ä. -sports, die allerdings in neuerer Zeit eng mit der FFF verbunden sind – Genaueres dazu siehe hier. im Jahr 1919 übernahm die Fédération Française de Football (FFF, bis gegen 1940 offiziell Fédération Française de Football Association bzw. FFFA) dessen Rolle.
Die FFF zählt derzeit 890 offizielle A-Länderspiele gegen 89 Gegner aus sämtlichen Kontinentalverbänden der FIFA;Auf dieser Seite der FFF sind sämtliche Spielberichte abrufbar. nach anderen Zählungen weicht die tatsächliche Zahl davon aber ab,Guillet/Laforge, S. 419 und Supplément, S. 75, kommen nur auf 715 Länderspiele bis einschließlich 2008/09, was zusammen mit den seither ausgetragenen Begegnungen insgesamt sechs Partien weniger (zudem gegen nur 86 Gegner) ergibt. Auf dieselben Zahlen wie Guillet/Laforge kommt France Football, Heft 3423, S. 7. Nach Delahais/Colombari/Dautel, S. 422/423, sind es bei wiederum 87 Kontrahenten vier Spiele weniger gewesen. weil zu unterschiedlichen Zeiten auch einzelne „Trainingsbegegnungen“, Partien gegen Mannschaften aus Frankreichs ehemaligen Kolonien, Kontinentalauswahlen und sogar Vereinsteams als offiziell gewertet wurden.Ejnès/L’Équipe, S. 366/367, listet zwischen 1922 und 1990 alleine 42 solche „vergessenen Spiele“ (matches oubliés) auf. Bei Delahais/Colombari/Dautel, S. 255, werden für denselben Zeitraum sogar 45 Partien angegeben. Mit Abstand häufigster Gegner ist Belgien, gefolgt von England, der Schweiz, Italien und Spanien. Ihre Heimspiele tragen die Franzosen in aller Regel in einem der großen Stadien der Metropolregion Paris aus; seit 1998 ist das Stade de France in Saint-Denis das „Nationalstadion“ (siehe unten).
Neben der A-Nationalmannschaft existiert noch eine B-Elf, in Frankreich seit den 1980er Jahren als Équipe A’ bezeichnet. Diese soll der Heranführung von Spielern an den Kreis der jeweiligen „ersten Wahl“ dienen und bestreitet ihre Begegnungen meist einen Tag vor einem A-Länderspiel; allerdings ist sie in den vergangenen Jahren nur noch sehr sporadisch zusammengestellt worden. Zwischen 1922 und 1968 hingegen hatte sie regelmäßig internationale Spiele ausgetragen.
Geschichte Vorläufer und Anfangsjahre bis 1919 Jahr Turnier TeilnahmePlatzierung 1900 Olympische SpieleNur Demonstrationswettbewerb; auch die Medaillenverteilung durch das IOC erfolgte erst nachträglich. Frankreich wurde durch eine Vereinsmannschaft (Club Français Paris) vertreten. in Paris Zweiter 1908 Olympische Spiele in London Halbfinale 1912 Olympische Spiele in Stockholm abgesagt
mini|links|Frankreichs Mannschaft bei den Olympischen Spielen 1900 mini|links|Szene aus dem Länderspiel gegen die Schweiz (1905)
Bereits 1893 trug eine Pariser Auswahlmannschaft ein internationales Spiel gegen das Londoner Amateur-Vereinsteam Marylebone F.C. aus; die Pariser Elf setzte sich hauptsächlich aus dort lebenden Engländern zusammen, die bei Vereinen wie White Rovers und Standard AC spielten, aber auch Franzosen vom Club Français, und unterlag mit 0:3. Zwischen 1900 und 1904 bestritten Mannschaften der USFSA fünf Begegnungen gegen Auswahlteams aus Belgien und England, zwei davon anlässlich des Fußball-Demonstrationswettbewerbs bei der Sommerolympiade 1900 am Rande der Weltausstellung in Paris; dabei vertrat der Club Français die französischen Farben. Auch gegen eine Auswahl aus Deutschland – die Partien zählen zu den sogenannten deutschen Ur-Länderspielen – spielte ein Vereinsteam (die White Rovers) im Dezember 1898 und unterlag mit 0:7; einer Pariser Stadtauswahl gelang am Tag darauf ein 1:2. Als offizielle Länderspiele zählen diese Begegnungen allerdings nicht. Als solche werden – auch wenn sie noch unter der Regie der Vorgänger der heutigen FFF stattfanden – heutzutage erst die Partien bezeichnet, die seit Gründung der FIFA ausgetragen wurden.
Das allererste dieser offiziellen internationalen Matches fand am 1. Mai 1904 vor 1500 Zuschauern im Brüsseler Vivier d’Oie gegen Belgien statt und endete mit einem 3:3. Das erste Heimspiel der Auswahl war ihr zweites Länderspiel am 12. Februar 1905: 500 Zuschauer im Parc des Princes sahen einen 1:0-Sieg der Gastgeber über die Schweiz. Blaue Trikots – wenn auch zunächst noch mit weißen Längsstreifen – trugen die Nationalspieler erstmals bei der Begegnung gegen England am 23. März 1908 in London, dem achten offiziellen Länderspiel, und diese Farbe blieb trotz einer empfindlichen 0:12-Niederlage bis in die Gegenwart das Markenzeichen der Bleus.Delahais/Colombari/Dautel, S. 48; Bonnefoy, S. 84–88 Seit 1910 zierte zusätzlich der gallische Hahn (coq gaulois) ihren Dress.nach diesem Jahresrückblick 1911 auf der Seite der FFF Das Länderspiel im Januar 1914 gegen Belgien in Lille war das erste Heimspiel, das nicht im Großraum Paris ausgetragen wurde.
Die Leistungen der französischen Elf litten in dieser Frühzeit darunter, dass die Auswahl der Nationalspieler mehreren sachfremden Erwägungen unterlag: dazu gehörte der Verbandsproporz, nach dem jedem Mitgliedsverband im Comité Français Interfédéral eine festgelegte Anzahl an Spielern zuerkannt wurde. Und davon waren bis 1913 die Aktiven aus Vereinen des mitgliederstärksten Verbands, der USFSA, ausgeschlossen, der sich erst dann dem CFI anschloss und anfangs nur einen einzigen Platz im Team zugeteilt bekam. Außerdem waren die meisten Spieler reine Amateure, die sich nicht immer längere Abwesenheiten von ihrem Arbeitsplatz leisten konnten. Schließlich existierte beim Comité eine gewisse Geringschätzung von Spielern, die nicht aus Paris stammten, obwohl „Provinzclubs“ aus Nordfrankreich, der Normandie und von der Mittelmeerküste etliche der erfolgreichsten Vereinsmannschaften der Vorkriegszeit stellten.Cazal, S. 4/5 Mannschaft und Verbandsfunktionäre trafen sich in aller Regel an einem Pariser Bahnhof, um zum Spielort zu reisen, oft erst am Morgen der Begegnung; Trainingslager gab es so wenig wie einen festen Trainer. Aus all diesen Gründen gab es kaum einmal zwei Spiele, in denen dieselben elf Fußballer aufgeboten wurden, so dass auch kein eingespieltes Team zusammenkommen konnte; Jean Rigal war 1911 der erste Franzose, der es auf zehn Einsätze brachte. Zu den häufiger eingesetzten damaligen „Größen“ im blauen Dress zählen auch Pierre Allemane, Gaston Barreau, Fernand Canelle, Jean-Baptiste Ducret, Lucien Gamblin, Gabriel Hanot, Eugène Maës, Louis Mesnier sowie Torhüter Pierre Chayriguès.Cazal, S. 7–11
Zwischen Mai 1914 und März 1919 trug Frankreich kein einziges Länderspiel aus; allerdings fanden während und unmittelbar nach dem Krieg zahlreiche Partien zwischen französischen, britischen und belgischen Militärmannschaften statt. Insgesamt gab es bis zur Gründung der FFF 37 offizielle Länderspiele, von denen Frankreich bei einem Gesamt-Torverhältnis von 61:165 elf gewann, fünfmal remisierte und 21 Niederlagen kassierte. Außer gegen Belgien (12) und die Schweiz (6) trat die Équipe tricolore gegen England (6, stets eine Amateurauswahl), Italien (5), Luxemburg (3), Dänemark, Ungarn (je 2) und die Niederlande (1) an. Gegen die Dänen (0:9 und 1:17 bei der Olympiade 1908) und insbesondere gegen England (0:15, 0:12, 0:11 und 1:10 zwischen 1906 und 1910 – angesichts dieser Ergebnisse wurden das 0:3 von 1911 und das 1:4 von 1913 schon als Erfolge gewertet) hagelte es besonders deftige Niederlagen; Dänemark wurde gar als „französischer Nachtmahr“ (cauchemar) bezeichnet.Ejnès/L’Équipe, S. 16, 18 und 290–294 Der höchste Sieg war ein 8:0 über Luxemburg (1913); als wichtigster Erfolg dieser Phase gilt allerdings das 4:3, mit dem sich die Franzosen 1912 in Turin gegen Italien durchsetzen konnten.Ejnès/L’Équipe, S. 20
Zwischen den Weltkriegen Jahr Turnier TeilnahmePlatzierung 1920 Olympische Spiele in Antwerpen Halbfinale 1924 Olympische Spiele in Paris Viertelfinale 1928 Olympische Spiele in Amsterdam Achtelfinale 1930 Weltmeisterschaft in Uruguay (Kader) Vorrunde 1934 Weltmeisterschaft in Italien (Kader) Achtelfinale 1938 Weltmeisterschaft in Frankreich (Kader) Viertelfinale