Das Helene-Lange-Gymnasium Hamburg (kurz: HLG) ist ein staatliches Gymnasium im Südwesten des Hamburger Stadtteils Harvestehude, an der Grenze zu Eimsbüttel. Es wurde 1910 als staatliche höhere Mädchenschule gegründet und ist seit 1969 auch Jungen zugänglich. Zwischen 1910 und 1957 änderte sich der Name der Schule insgesamt sieben Mal. Seit 1954 ist das Gymnasium Mitglied im Netzwerk der UNESCO-Projektschulen. Damit ist die Schule die älteste UNESCO-Projektschule Deutschlands.Vgl. Die Schule pflegt Schulpartnerschaften mit Schulen in Daressalam (Tansania), Chicago (USA) und London (Großbritannien). In allen Klassen wird ab dem siebten Jahrgang ein Teil der Unterrichtsfächer auf Englisch unterrichtet. Außerdem ist es für jährlich 24 Schüler aus ganz Hamburg möglich, das International Baccalaureate (IB) am Helene-Lange-Gymnasium zu machen. Mit diesem auf Englisch absolvierten Abschluss kann an vielen internationalen Universitäten weltweit studiert werden. Am Helene-Lange-Gymnasium gibt es insgesamt 26 Klassenverbände und weitere Oberstufenkurse in neun Jahrgangsstufen. Der Oberstufenunterricht findet im Wege des Eimsbüttler Modells gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums Kaiser-Friedrich-Ufer statt. Seit 2003 ist die Schule eine Ganztagsschule.
Gebäude Das Helene-Lange-Gymnasium wurde zwischen 1908 und 1910 errichtet, Architekt war Albert Erbe. Die Architektur knüpfte größtenteils an den Bauten der Realschulen für Jungen an. Da aber die Klassenfrequenz statt 50, wie es auf Jungsschulen üblich war, nur 30 betrug, fielen die Klassenräume kleiner aus. Für heutige Standards sind die Klassenräume daher relativ klein. Außerdem entwarf Erbe eine kleinere Turnhalle, die auch heute noch in restaurierter Form genutzt wird.Vgl. Dieter Schädel (Hrsg. für das Fritz-Schumacher Institut): Wie das Kunstwerk Hamburg entstand. S. 91. Ein anderer Teil des Sportunterrichts findet heute in der nahe gelegenen Sporthalle Bogenstraße sowie in der Sporthalle des Oberstufengebäudes statt.
Die Schülerzahl ist auf Grund der Größe des Gebäudes begrenzt, sodass Anmeldungen für die fünfte Klasse abgewiesen werden müssen. Im Schulgebäude befinden sich eine Aula und mehrere Fachräume für Musik und Naturwissenschaften. Das ehemalige Bismarckgymnasium wird als Oberstufengebäude genutzt, wo der Großteil des Oberstufenunterrichts stattfindet. Auch dieses 1906 gegründete Schulgebäude wurde von Albert Erbe entworfen.
Kantine Auf Grund der verlängerten Schulzeiten durch das achtstufige Abitur führte die Schulleitung eine 50-minütige Mittagspause ein. Zur Nutzung der Pause baute die Schule das gesamte Untergeschoss um. Die Kosten des Umbaus betrugen 410.000 €, die teilweise durch Erlöse eines Sponsored Walks der Schülerschaft getragen wurden. Das Untergeschoss kann als Aufenthaltsraum frei genutzt werden. Es befindet sich dort auch eine Kantine, die sowohl warme als auch kalte Küche anbietet.
Im Oberstufenhaus war bis 2013 ebenfalls eine Kantine, in der auch warme Speisen gekauft werden konnten.
Geschichte Von der Gründung bis zur Weimarer Republik Seit 1872 gibt es höhere Mädchenschulen in Hamburg. 1872 wurde die Klosterschule St. Johannis und 1897 das Emilie-Wüstenfeld-Gymnasium gegründet. Beide Schulen wurden durch private Stiftungen ermöglicht. Auf Grund des Erfolges wurde am 22. Juni 1904 ein bürgerschaftliches Ersuchen an den Hamburger Senat formuliert, in dem um die Errichtung staatlicher höherer Mädchenschulen gebeten wurde.Vgl. Hermann Hipp, DuMont Kunst-Reiseführer für die Freie und Hansestadt Hamburg Geschichte, Kultur und Stadtbaukunst an Elbe und Alster (S. 387) Darauf beschloss der Senat am 15. Januar 1908 die Errichtung von zwei staatlichen höheren Mädchenschulen. Infolgedessen entstanden das Lyzeum Lerchenfeld (heute Gymnasium Lerchenfeld) und das heutige Helene-Lange-Gymnasium.Vg. Ernst Christian Schütt: Die Chronik Hamburgs. S. 370.
Am 1. April 1910 eröffnete der Senat das heutige Helene-Lange-Gymnasium unter dem Namen Staatliche höhere Mädchenschule an der Hansastraße. 1913 beschloss die Hamburger Bürgerschaft, die Schule zu einem Lyzeum umzufungieren. Daraufhin hieß die Schule Lyzeum mit Studienanstalt an der Hansastraße. Es gab von nun an drei Parallelklassen für die unteren drei Jahrgangsstufen und für die oberen beiden Jahrgangsstufen jeweils zwei Klassen. Die Schule wurde von einem Lyzeum zur Oberrealschule umbenannt. Während des Ersten Weltkriegs wurde in der Oberrealschule Eimsbüttel (Bogenstraße 32) ein Reservelazarett eingerichtet.Medizinhistorisches Museum Hamburg (Hrsg.): Lebenszeichen : Fotopostkarten aus den Lazaretten des Ersten Weltkriegs. Begleitheft zur Sonderausstellung vom 19. Hamburg 2018 bis 16. Februar 2020, S. 18–21. (Online)
1926 hieß die Schule kurzfristig Mädchen-Oberrealschule an der Hansastraße. Auf Nachfrage des Lehrerkollegiums bestätigte der Senat die Umbenennung zur Helene-Lange-Oberrealschule noch im selben Jahr. Ein großer Nachteil des alten Namens war, dass die Schule nicht einmal zu einem Zehntel in der Hansastraße (heute Helene-Lange-Straße) liegt und kein Eingang an dieser Seite zu finden ist. Im selben Jahr wurde Emmy Beckmann Schulleiterin, sie war damit die erste Frau, die Schulleiterin einer höheren staatlichen Schule in Hamburg wurde. Als sie nur ein Jahr später – wiederum als erste Frau – zur Oberschulrätin ernannt wurde, übernahm ihre Zwillingsschwester Hanna die Leitung der Schule.
mini|1927 trug die Schule erstmals den Namen Helene-Lange Am 2. Februar 1927 fand die Zeremonie der Umbenennung statt. Namenspatin ist seitdem, mit Ausnahme der Jahre 1935 bis 1945 die Frauenrechtlerin und Pädagogin Helene Lange. Die damals 78 Jahre alte Namenspatin nahm an der Feier teil und trug eine Rede vor, in der sie den Schülerinnen deutlich machte, wie sehr sich deren Situation gegenüber vorigen Generationen verändert hat:
1928 formulierte Bruno Italiener, ein Lehrer der Helene-Lange-Oberrealschule, ein Begehren an die Oberschulbehörde, in dem er jüdischen Religionsunterricht forderte. Dem Begehren wurde nicht stattgegeben, aber es wurde angeboten, die Klassenräume der Schule nach Ende des Regelunterrichts für den Religionsunterricht unentgeltlich nutzen zu dürfen. Im Laufe des Jahres wurden weitere Anträge an die Schulbehörde eingereicht. Dies hatte zur Folge, dass eine Umfrage gestartet wurde, die das Interesse der Schülerschaft am jüdischen Religionsunterricht ermitteln sollte. Auf Grund dieses Ergebnisses wurde am 17. April 1929 in der Behörde der Beschluss gefasst, am Heinrich-Hertz-Realgymnasium (heutige Heinrich-Hertz-Schule) sowie an der Helene-Lange-Oberrealschule für das Schuljahr 1929/1930 jüdischen Religionsunterricht als Schulfach einzuführen. An beiden Schulen wurde der Unterricht von Italiener, Grete HolzerIna Lorenz, Jörg Berkemann: Die Hamburger Juden im NS-Staat 1933 bis 1938/39. Band II S. 744 und Paul Holzer geleitet. Bis 1933 wurde nur an zwei weiteren staatlichen Schulen in Hamburg jüdischer Religionsunterricht eingeführt.Ina Lorenz: Die Juden in Hamburg zur Zeit der Weimarer Republik. Band 2, S. 746 f, 772 f.
Zeit des Nationalsozialismus Die Schulleiterin Hanna Beckmann wurde 1933 von dem nationalsozialistischen Regime des Amtes enthoben. Der Nachfolger Viktor Grüber forderte eine erneute Umbenennung der Schule, da der alte Name nicht mehr „zeitgemäß“ sei. 1935, während der Feier zum 25-jährigen Bestehen der Schule wurde die Schule in Hansa-Oberrealschule umbenannt. Während der Feier lobte der Schulleiter, dass die Schule vom neuen Geist inspiriert werde. So hob er hervor, dass bereits ein Fünftel der Mädchen Mitglied im Bund Deutscher Mädel, seien. Im Februar des gleichen Jahres stellte er einen Antrag an die Schulbehörde, dass ein Wechsel von der unteren Schule in die höhere Schule als neue Registrierung gelte. Damit sollte erreicht werden, dass der Anteil der offiziell neu registrierten jüdischen Schülerinnen über 1,5 % der Gesamtschülerzahl liegt. Dies hätte dem Schulleiter ermöglicht, jüdische Schülerinnen der Schule zu verweisen. Diesem Antrag wurde jedoch nicht stattgegeben. Später stellte er weitere Anträge, einzelne Schülerinnen der Schule verweisen zu dürfen. 1938 wurde es als notwendig erachtet, die Schule erneut umzubenennen. So bekam die Schule den Namen Hansa-Schule, Oberschule für Mädchen (sprachliche Form). Der Schulleiter ordnete persönlich an, im Unterricht antisemitische Texte zu lesen.Vgl. Uwe Schmidt: Aktiv für das Gymnasium. S. 365.
Bis 1933 durchliefen annähernd 300 jüdische Schülerinnen die Schule. Der Anteil der jüdischen Schülerinnen betrug in den 1910ern ungefähr 15 Prozent. Dieser Anteil sank nach 1935 auf unter 0,5 Prozent. Im Januar 1933 besuchten 40 „volljüdische“ und zehn „halbjüdische“ Schülerinnen die Schule. Sieben von ihnen konnten noch bis 1936 die Reifeprüfung ablegen.Helga Raape: Das Schicksal jüdischer Schüler und Lehrkräfte an der Helene-Lange-Schule. In: Reiner Lehberger, Hans-Peter de Lorent (Hrsg.): „Die Fahne hoch“ Schulpolitik und Schulalltag in Hamburg unterm Hakenkreuz. Hamburg 1986, ISBN 3-925622-18-7, S. 332 (Erstveröffentlichung in: 50 Jahre Helene-Lange-Schule. Hamburg 1960, S. 8 ff)
In den Jahren 1937 und 1938 gab es an der Schule keine jüdische Schülerin mehr. Zwischen 1933 und 1943 verließen 65 jüdische, „nicht-arische“ oder „mischblütige“ Mädchen die Schule, die meisten davon freiwillig. Mehrfach wurden Umschulungen – auch mitten im Schuljahr – zur Israelitischen Mädchenschule vorgenommen, in eine Umgebung, „in der jüdischen Kindern der Schulalltag nicht durch Intoleranz vergiftet wurde.“Helga Raape: Das Schicksal jüdischer Schüler.... S. 332. Fast alle der fünfzig Schülerinnen, die 1933 die Schule besuchten, konnten auswandern und überlebten den Holocaust. Marion Werner war lutherische Protestantin, wurde aber von den Behörden als „nicht-arisch“ eingestuft und musste deshalb im Herbst 1938 die Schule verlassen, kurz nach dem behördlichen Beschluss, alle „jüdischen“ Kinder von den Schulen auszuschließen. Sie wurde mit ihren Eltern am 25. Oktober 1941 ins Ghetto Litzmannstadt (Łódź) gebracht, wo sie verstarb. 1991, 50 Jahre nach der Deportation, wurde auf Anregung der Deutsch-Jüdischen Gesellschaft in der Schule eine Gedenktafel angebracht, die an das Schicksal Marion Werners erinnern soll.Vgl. Harald Vieth: Hier lebten sie miteinander … in Harvestehude-Rotherbaum. S. 74 f. Trotz des offiziellen Verbotes verblieben zwei „nicht-arische“ Schülerinnen bis zum Herbst 1940 auf der Schule. Es blieben ebenfalls sieben „Mischblütige“ bis 1943 auf der Schule. Sie wurden von Lehrern gedeckt.
Nachkriegszeit und Bundesrepublik Deutschland Nach Kriegsende erfolgte am 7. November 1945 eine Umbenennung der Schule in Helene-Lange-Schule. Seitdem trägt die Schule wieder ihre Namenspatin im Schulnamen. Wie alle Schulen Hamburgs wurde auch das Helene-Lange-Gymnasium kurz nach Wiederaufnahme des Unterrichts von der Britischen Militärregierung kontrolliert. Seit 1954 ist das Helene-Lange-Gymnasium die erste deutsche anerkannte UNESCO-Projektschule. Grund für die Wahl war zum einen, dass in Hamburg das UNESCO-Institut für Pädagogik lag und der Name „Helene Lange“ ideal mit den Themen und der Ideologie der UNESCO verbunden werden kann. 1957 wurde die Schule das vorerst letzte Mal umbenannt. Seitdem heißt die Schule Helene-Lange-Gymnasium. 1969 wurde die Koedukation eingeführt. Im darauf folgenden Jahr wurde das Eimsbüttler Modell gegründet. Ebenfalls 1970 gab es erstmals bilingualen Unterricht am Helene-Lange-Gymnasium.Vgl. Schmidt S. 677 Seit 2003 können bis zu 24 Schüler an der Schule das International Baccalaureate (kurz: IB) machen.
Die Schule heute Das Helene-Lange-Gymnasium unterrichtet ungefähr 900 Schüler aus vielen Nationen von der fünften Klasse bis zum Abitur, also derzeit bis zur zwölften Klasse.
Für den Unterricht stehen ungefähr 75 Lehrkräfte zur Verfügung. Insgesamt gibt es 25 Klassen in der Unter- und Mittelstufe und weitere Oberstufenkurse.