Unter Periodisierung versteht man die Einteilung der Geschichte in aufeinander folgende Zeitalter, historische Epochen oder Zeitabschnitte, die je für sich genommen gemeinsame Merkmale aufweisen, sich aber voneinander in wichtiger Hinsicht unterscheiden lassen. Die so zustande kommenden Epochengliederungen können jedoch nur relative Gültigkeit beanspruchen, da sie durch bestimmte Perspektiven bedingt sind. Diese hängen ab vom historischen, geographischen und kulturellen Standort der Geschichtsinterpreten sowie von der Gewichtung maßgeblicher Einflussfaktoren des Wandels, zum Beispiel unter gesellschaftspolitischen, wirtschaftlichen, ökologischen oder mentalitätsbezogenen Aspekten.

Historische Ordnungsmuster erleichtern die Erfassung geschichtlicher Prozesse und Strukturen. Von manchen Historikern wird der zugehörige Begriff Periodisierung als problematisch angesehen, da er etymologisch () ein zyklisches Geschichtsbild nahelegt. Als Ersatz wurde der Begriff der Geschichtsgliederung vorgeschlagen. Dieser hat sich dafür aber nicht allgemein durchgesetzt.

Diverse frühe Ansätze zur Erfassung von Geschichte Darstellung und Einordnung historischen Geschehens bedürfen einer allgemeingültigen, umfassenden Zeitrechnung. „Nur innerhalb einer solchen Chronologie, die durch ihre astronomisch-mathematische Konstruktion auf der einen, durch die lineare Aufeinanderfolge des sprachlichen Erzählens von Geschichten und Geschichte auf der anderen Seite doppelt abgesichert ist, kann Zeitwahrnehmung zur Binnendifferenzierung beitragen“, schreibt Jürgen Osterhammel. Beschleunigung beispielsweise – so auch beschleunigter Wandel historischer Verhältnisse – zeichne sich erst vor dem Hintergrund eines zeitlichen Gleichmaßes ab.Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. München 2009, S. 116.

Grundlegende Voraussetzung etwa für die Erstellung von Annalen war die Nutzbarkeit eines Kalenderjahres entweder auf der Basis eines Sonnen- oder eines Mondkalenders. Zu den frühen Erfassungssystemen menschlicher Geschichte gehören Königslisten in Ägypten und Vorderasien sowie die 24 Dynastiegeschichten in China. In der griechischen Antike dienten die im vierjährigen Turnus angesetzten Olympiaden als Fixpunkte der Zeitrechnung, in der Attischen Demokratie war es die Archontenliste, im Römischen Reich die Liste der Konsuln. Erst später kam es in Verbindung mit dem angenommenen Geburtsjahr Jesu Christi zur Entwicklung einer umfassenden Chronologie.

In der jüdisch-christlichen Tradition gibt es Jacques Le Goff zufolge hauptsächlich zwei Periodisierungsmodelle, jeweils verbunden mit symbolischen Zahlen: mit der 4 nach der Anzahl der Jahreszeiten und mit der 6 nach den sechs menschlichen Lebensaltern. Das erste Periodisierungsmodell finde sich im Tanach bei Daniel, der in einer Vision vier Tiere erblickt – stellvertretend für die Könige von vier Reichen –, die einander verschlingen. Noch bei De quattuor monarchiis (1556) von Johannes Sleidanus handle es sich um eine Ableitung der Periodisierung Daniels, bestehend aus den vier Reichen Babylon, Persien, Griechenland und Rom.Le Goff 2016, S. 18 f.

Der Kirchenvater und Bischof von Hippo Regius Augustinus unterschied im 9. Buch seines Werkes De civitate Dei sechs Perioden: 1. Von Adam bis Noah; 2. Von Noah bis Abraham; 3. Von Abraham bis David; 4. von David bis zur Babylonischen Gefangenschaft; 5. Von der Babylonischen Gefangenschaft bis zur Geburt Christi; 6. Bis ans Ende aller Zeiten.Le Goff 2016, S. 20. Die Periodisierung des Augustinus verwies laut Le Goff zum einen auf die sechs Tage der Schöpfung, zum anderen auf die sechs Lebensalter: Kindheit (infantia), Schülerzeit (pueritia), Jugend (juventus), Adoleszenz (adolescentia), reifes Alter (gravitas) und Greisenalter (senectus). (Ebenda) Im christlichen Mittelalter wurde die Weltgeschichte heilsgeschichtlich in drei Reiche eingeteilt: das der heidnischen lex naturalis, jenes der lex mosaica des Alten Testaments und das dritte, christliche Reich. Der mittelalterliche Theologe Joachim von Fiore gliederte sie in Anlehnung an die Trinität in die Zeit des Vaters (Altes Testament), die des Sohnes (Neues Testament) und in die zukünftige Zeit des Heiligen Geistes. Dieses eschatologische „Dritte Reich“ werde ein freies, glückliches Zeitalter sein, wie es vorhersagt.Heinrich Kraft : Apokalyptik. In: Religion in Geschichte und Gegenwart. 3. Auflage, Bd. 1, directmedia, Berlin 2004, S. 470.

Die Dreiteilung der europäischen Geschichte infolge der Renaissance In der Geschichtswissenschaft ist heute eine grundsätzliche Dreiteilung in Altertum, Mittelalter und Neuzeit gängig, auch wenn sie für Gesellschaften außerhalb Europas nicht anwendbar ist.Ursula A. J. Becher: Periodisierung. In: Stefan Jordan: Geschichtswissenschaft. Hundert Grundbegriffe. Reclam, Stuttgart 2002, S. 235. Ihre Wurzeln liegen in der italienischen Renaissance. Von den ein neues Denken und Menschenbild reflektierenden Humanisten, die in der Antike maßgebliche Leitbilder fanden, wurde die Ära dazwischen geringschätzig als Mittelalter abgetan.Auf der Grundlage dieser groben Dreiteilung der Geschichte wurden weitere Untergliederungen vorgenommen, wie zum Beispiel: Alter Orient; griechisch-römische Antike (mit weiteren Unterteilungen in archaisches und klassisches Griechenland, Hellenismus, Römisches Reich), Spätantike, Frühmittelalter, Hochmittelalter und Spätmittelalter. Den Renaissance-Begriff prägte der Florentiner Künstler-Biograph Giorgio Vasari zur Abgrenzung der Kunst seiner Zeit von der des Mittelalters. Der Mediävist Le Goff sieht – im Gegensatz zur diesbezüglich vorwiegenden Periodisierung – die Renaissance nicht als Epochenauftakt der Neuzeit, sondern betrachtet sie als der Spätphase eines langen Mittelalters zugehörig, das für ihn erst mit Neuerungen des 18. Jahrhunderts endete: auf wirtschaftlichem Gebiet mit der Erfindung der Dampfmaschine als Auftakt zur Industrialisierung, hinsichtlich der Auswirkungen auf Philosophie und Religion mit der Erstellung und Verbreitung der von Diderot initiierten EnzyklopädieFür Le Goff begründete die Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers „eine rationelle, freisinnige Denkweise, Wissenschaft und moderne Technologie“. und auf politischer Ebene mit der gegen das monarchische Herrschaftsprinzip gerichteten Französischen Revolution.Le Goff 2016, S. 138 und 148 f.

Zum gängigen historischen Gliederungsprinzip wurde die Dreiteilung in Alte, Mittelalterliche und Neue Geschichte durch Christoph Cellarius, der sie seiner 1702 erschienenen dreibändigen Historia Universalis zugrunde legte.Karl Vocelka: Frühe Neuzeit 1500–1800. Konstanz 2013, S. 9. An dieses einfache Grundschema mehr oder minder anknüpfend, ist es im Zuge der geschichtswissenschaftlichen Forschung und Entwicklung zu Erweiterungen, Ausdifferenzierungen und Alternativmodellen gekommen. Der dem Altertum mit seinen ersten Hochkulturen ausgedehnt vorgelagerte Teil der Menschheitsgeschichte kam als Ur- und Frühgeschichte in Ansatz; die neuzeitliche Geschichte erwies sich spätestens in Anbetracht der Industriellen Revolution als differenzierungsbedürftig, zum Beispiel mit der Unterscheidung in Frühe Neuzeit und Neueste Geschichte. Da aber auch die letztere sich immer weiter in die jeweilige Gegenwart und Zukunft erstreckt, wird die Neueste Geschichte häufig abgelöst durch weitere Aufteilungen, etwa in ModerneDabei ist allerdings zu beachten, dass die modern history im englischsprachigen Raum und die histoire moderne im französischsprachigen Raum jeweils bereits die Renaissance als Beginn der Epoche ansetzen und die Frühe Neuzeit darin einbeziehen. An diese anschließend sind hierzulande anstelle von Moderne auch die Epochenbezeichnungen Langes 19. Jahrhundert und Kurzes 20. Jahrhundert in Gebrauch gekommen. und Zeitgeschichte. Periodisierungen sind wie andere wissenschaftsbasierte Theorien generell nur als Annäherungsbemühungen an ein objektives Geschichtsbild anzusehen und mit fortschreitender Erkenntnis entsprechend zu überarbeiten.Imanuel Geiss, Geschichte griffbreit, Bd. 6, Hamburg 1979, S. 25.

Mit der Periodisierung, heißt es bei Le Goff, bringe der Historiker bestimmte Konzeptionen von Zeit in eine Form und entwickle ein kontinuierliches Bild von der Vergangenheit. Periodisierung helfe zu verstehen, „auf welche Weise sich die Menschheit in der Dauer, in der Zeit organisiert und entwickelt.“Le Goff 2016, S. 39 und 160. Einen verbreiteten Periodisierungsbedarf gab es seiner Darstellung nach erst, als Geschichte an Universitäten und Schulen in Europa als eigenes Fach auf wissenschaftlicher Grundlage unterrichtet wurde, in Deutschland bereits ab dem 16. Jahrhundert und im Allgemeinen seit dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert.Le Goff 2016, S. 48 und 147 f. Periodisierung ist für Le Goff unter Einschluss einer Kombination von Kontinuität und Diskontinuität mit Fernand Braudels Begriff der „langen Dauer“ in Beziehung zu setzen. Lange Perioden seien von zwar wichtigen, aber nicht entscheidenden Phasen der Veränderung geprägt, die er als Unterperioden ansieht.Le Goff 2016, S. 158 f. Die Rede ist von „Unterperioden, die man im Fall des Mittelalters ‚Renaissancen‘ nennt, um das Neue (naissance=Geburt) mit der Vorstellung von einer Rückkehr zu einem goldenen Zeitalter (die Vorsilbe re=‚wieder‘ verweist in die Vergangenheit, impliziert Ähnlichkeiten) zu kombinieren“. (Ebenda, S. 159)

Periodisierungsprobleme und weitere Modelle