mini|Milo Rau (2025) mini|Milo Rau bei der Verleihung des Peter-Weiss-Preises, Dezember 2017 Milo Rau (* 25. Januar 1977 in Bern) ist ein Schweizer Regisseur, Theaterautor und Essayist.
Leben
Milo Rau studierte Soziologie, Germanistik und Romanistik in Paris, Zürich und Berlin, u. a. bei Tzvetan Todorov und Pierre Bourdieu. 1997 unternahm Rau erste Reportagereisen nach Chiapas und Kuba und war ab 2000 als Autor für die Neue Zürcher Zeitung tätig. Seit 2002 veröffentlichte er ca. 50 Theaterstücke, Filme, Bücher und Aktionen, die u. a. am Theatertreffen Berlin, Festival d’Avignon, Biennale di Venezia, Wiener Festwochen und Kunstenfestivaldesarts in Brüssel aufgeführt wurden und durch 30 Länder tourten. Rau arbeitete u. a. an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin, dem Théâtre des Amandiers in Paris, der Beursschouwburg Brüssel und den Münchner Kammerspielen. 2007 gründete er für die Produktion und Auswertung seiner künstlerischen Arbeiten die Theater- und Filmproduktionsgesellschaft IIPM – International Institute of Political Murder, die er seitdem leitet. Neben seiner Arbeit für Bühne und Film ist Rau als Dozent für Regie, Kulturtheorie und soziale Plastik an Universitäten und Kunsthochschulen tätig. Reportagereisen führten ihn u. a. nach Ruanda, in den Kongo, nach Lateinamerika, in den Irak und nach Syrien an die Kriegsfront zum IS.
Im Jahr 2017 hatte Rau die Saarbrücker Poetikdozentur für Dramatik inne. Zudem ist er seit Januar 2017 neben Elke Heidenreich, Rüdiger Safranski und Martin Ebel fester Experte der Sendung Literaturclub. Ab der Saison 2018/19 war Rau bis 2024 Intendant des NTGent. Dort hat Rau nach eigenen Angaben ein auf internationale Tourneen spezialisiertes „globales Volkstheater“ etabliert. Seit Juli 2023 ist er Intendant der Wiener Festwochen.
Milo Rau ist Vater von zwei Töchtern und lebt mit seiner Lebenspartnerin in Köln und Wien.
Werk
Unter anderem bearbeitete Rau die Verurteilung und Erschießung des Ehepaars Ceausescu (Die letzten Tage der Ceausescus), ein ruandisches Völkermord-Radio (Hate Radio) und den norwegischen Rechts-Terroristen Anders Behring Breivik (Breiviks Erklärung). Mit einer virtuellen Partei startete er eine Petition für das Ausländerstimmrecht im Stadtparlament von St. Gallen (City of Change). Mit zwei mehrtägigen Justiz-Spektakeln (Die Moskauer Prozesse und Die Zürcher Prozesse) begründete er ein eigenes Theaterformat. Mit seiner mehrteiligen Die Europa Trilogie bearbeitete er das Genre des Erzähltheaters.
Rau versammelte 2015 im kongolesischen Bürgerkriegsgebiet 60 Zeugen und Experten zu seinem Kongo Tribunal. „Eines der ambitioniertesten politischen Theaterprojekte, das je inszeniert wurden“, urteilte die Zeitung The Guardian über das Stück. Raus im Vorfeld kritisiertes Stück Five Easy Pieces, in dem Kinder die Verbrechen des Kindermörders Marc Dutroux nachspielen, wurde 2016 als erste ausländische Produktion mit dem Spezialpreis der Jury der Belgischen Theaterkritik ausgezeichnet. 2017 lud das Berliner Theatertreffen Five Easy Pieces ein.
Seine erste Saison am NTGent eröffnete Rau 2018 mit dem Stück Lam Gods, das er mit seinem Ensemble auf Grundlage des „Genter Manifests“ (enthalten in seinem Buch Globaler Realismus) zum Genter Altar der Brüder Van Eyck entwickelte. Der Deutschlandfunk sah in dem Stück den „Versuch, die von Konflikten und Spaltungen zerrissene Genter Gesellschaft mithilfe des größten Kunstwerkes der Stadt zu versöhnen.“ Zum Beginn seiner Intendanz startete er zudem am NTGent in Kooperation mit dem Verbrecher Verlag die Reihe „Goldenes Buch / Golden Book“, um dort seine programmatischen Texte zu Theater, Ästhetik und Politik zu veröffentlichen, sowie Texte zu den größeren Projekten am NTGent.
Mit der ersten Festivalausgabe 2024 seiner Intendanz bei den Wiener Festwochen rief Milo Rau die Freie Republik Wien aus mit neuen revolutionären Institutionen von den vieldiskutierten Wiener Prozessen über die Akademie Zweite Moderne, den Rat der Republik bis hin zu Festivalzentrum (Haus der Republik) und einem Club (Club der Republik). Mit der Wiener Erklärung gab sich das Festival eine eigene Verfassung. Im Herbst 2024 initiierte Milo Rau mit den Wiener Festwochen die globale Debatten-Tour Resistance Now!. 2025 wurde das größter Cross-Over Festival Europas zur „Republik der Liebe“Republik der Liebe, in den „Wiener Kongressen“Wiener Kongressen wurden Fälle wie Otto Muehl und Rammstein verhandelt und mit der Inszenierung von „Burgtheater“Burgtheater nach Elfriede Jelinek in einer Bearbeitung von Milo Rau und Ensemble sowie der szenischen Lesung „Der Prozess Pelicot“Der Prozess Pelicot (gemeinsam mit Servane Décle) erregte Milo Rau großes internationales Medieninteresse.
Im Februar 2026 inszenierte Rau im Thalia Theater den Prozess gegen Deutschland. Bei dieser ohne Drehbuch durchgeführten Aufführung ging es um eine fiktive Gerichtsverhandlung über ein Verbot der AfD. An dieser Verhandlung waren verschiedene bekannte Vertreter des öffentlichen Lebend als Ankläger, Verteidiger, Sachverständige, Zeugen und Richter beteiligt, darunter Herta Däubler-Gmelin, Gabriele Heinecke, Andreas Speit, Carsten Brosda, Susan Neiman, Frauke Petry, Harald Martenstein und Andreas Rödder.NDR vom 15. Februar 2026: "Prozess gegen Deutschland": Spröder Ablauf - fesselnder VorgangDie Zeit vom 16. Februar 2026: Und plötzlich diskutiert das ganze LandTaz vom 20. Februar 2026: Ohne Dabeisein ist alles nichts Eine siebenköpfige Bürgerjury repräsentierte die Hamburger Bevölkerung und stimmte am Ende über das Urteil ab.NDR vom 16. Februar 2026: AfD verbieten? So ist der "Prozess gegen Deutschland" ausgegangen
Rezeption Rau wurde unter anderem mit dem Schweizer Theaterpreis, dem Hörspielpreis der Kriegsblinden, einer Besonderen Auszeichnung auf dem Festival des deutschen Films, dem Jurypreis des Festivals Politik im Freien Theater, dem Konstanzer Konzilspreis. Preis für Europäische Begegnungen und Dialog und als jüngster Preisträger mit dem Preis des Internationalen Theaterinstituts (ITI) ausgezeichnet. 2015 schrieb der Tages-Anzeiger: „Der ‚Milometer‘ ist inzwischen so etwas wie der Goldstandard der Postdramatik: Milo Rau, der mit dokumentarischen Theatersprengungen die Häuser füllt, ist es gelungen, seine Kunst weit hinauszuwerfen aus dem Elfenbeinturm. So weit, dass sich seine Person selbst wieder zu einer Projektionsfigur verfestigt hat.“
Sein oft von Prozessen und öffentlichen Auseinandersetzungen begleitetes Werk hat Rau den Ruf eines Skandalregisseurs“ eingebracht. So wurde Raus Stück Breiviks Erklärung u. a. im Nationaltheater Weimar und im Münchner Haus der Kunst die Aufführung verweigert, Die letzten Tage der Ceausescus führten zu einem Prozess des Adoptivsohns des Diktators gegen den Regisseur, anlässlich der Moskauer Prozesse kam es zu einer Razzia der russischen Behörden und Aufführungen von Five Easy Pieces wurden in Singapur und verschiedenen deutschen Städten zensiert oder abgesagt. „Ist hier am Ende ein politischer Wirrkopf am Werk? Ein Künstler, der sich das Superman-Kostüm übergestreift hat und nun den Weltenretter mimt?“, fragte Esther Slevogt auf nachtkritik.de anlässlich von Raus Kongo Tribunal. Eugen Sorg bemerkte bei Rau „masslose Schweiz-Beschimpfungen“ und warf ihm mangelnde Bodenhaftung durch das Fehlen der „Schwerkraft des praktischen Lebens“ vor. Raus auf einen gleichnamigen Text von Lenin anspielender Essay Was tun? enthülle „blasierten Zynismus, Wichtigtuerei und moralischer Nihilismus“ hinter der angeblichen Sorge um die Welt.Eugen Sorg: Katastrophen-Theater in der Weltwoche Nummer 3–19 auf Seite 8 Der Kritiker Magnus Klaue bezeichnete Rau 2017 anlässlich der Verleihung des Peter-Weiss-Preises durch Laudatorin Carolin Emcke ironisch als „Herzensdramatiker der Republik“. In seiner Kritik bezeichnet Klaue Rau als „multifunktionale Ich-AG, die nicht nur die Produktion, sondern auch die Rezeption, Kritik und propagandistische Verwertung des eigenen Kunstausstoßes besorgt“.
Anlässlich der ersten Wiener Festwochen unter Raus Intendanz und von diesem getätigter Aussagen über seine Visionen für das Festival ordnete Michael Scharang Milo Rau 2024 als einen „linksradikale[n] Kulturbetriebler“ ein, der „sich als zuverlässige Stütze des Bestehenden“ erweise. 2025 diagnostizierte Ulrich Morgenstern dem diesjährigen Motto der Wiener Festwochen – „Republik der Liebe“ – etwas „Totalitäres“. Morgenstern argumentierte, „ein flüchtiger Blick auf die europäische Geschichte“ zeige, „dass soziale Ordnungen, die Liebe und zwischenmenschliche Harmonie einfordern, zu den brutalsten gehören“. Ebenso problematisierte Morgenstern einen mutmaßlich einseitigen Antikapitalismus bei Rau, für den „der kapitalistische Westen auf die Anklagebank“ gehöre, während er vergleichbare Missstände im Realsozialismus oder vormodernen Gesellschaften übersehe. In Folge diagnostizierte Morgenstern Rau ein „wenig originelles, aber wirkmächtiges ideologisches Weltbild“ und bezeichnete ihn als einen „Regisseur mit durchaus begrenzter historischer Bildung“.
Zitate „‚Die Fenster des Himmels stehen weit offen‘, heißt es in einem religiösen Lied. Das Theater, so denke ich, kann diese Fenster einen Spalt weit öffnen. Und auch wenn sie gleich wieder zugeschlagen werden: Man hat den Himmel kurz gesehen.“ (2016)
Werke (Auswahl)
2002: Paranoia Express, UA Autorenfilmtage Thun/Spiez (Spielfilm) 2005: Dämonen, UA Hebbel am Ufer Berlin (Theaterstück) 2005: Amnesie, UA Theaterdiscounter Berlin (Theaterstück) 2005: Bei Anruf Avantgarde!, UA Sophiensaele Berlin / Theaterhaus Gessnerallee Zürich / FFT Düsseldorf / Kampnagel Hamburg (Theaterstück) 2006: Das höchste Glück, UA Junges Theater Bremen (Theaterstück) 2006: Pornografia, UA Staatsschauspiel Dresden/Kleines Haus (Theaterstück) 2006: Out of focus, UA Maxim-Gorki-Theater Berlin/Studio (Performance) 2007: Montana, Uraufführung Theaterhaus Gessnerallee Zürich / Ballhaus Ost Berlin/auawirleben Festival für zeitgenössisches Theater Bern (Theaterstück) 2009/10: Die letzten Tage der Ceausescus, UA Teatrul Odeon Bukarest / HAU Berlin (Theaterstück, Film, Buch im Verbrecher Verlag, Berlin) 2010/11: City of Change, UA Theater St. Gallen (Theaterperformance, Buch, Film) 2011/12: Hate Radio, UA Kunsthaus Bregenz / Memorial Centre Kigali / HAU Berlin (Theaterstück, Film, Ausstellung, Buch im Verbrecher Verlag, Berlin) Für die Hörspielfassung, produziert vom WDR/ORF, haben Milo Rau und die Hörspiel-Regisseurin Milena Kipfmüller 2014 den Hörspielpreis der Kriegsblinden erhalten 2012: Breiviks Statement, UA Deutsches Nationaltheater Weimar / Theaterdiscounter Berlin (Theaterperformance) 2013: Die Moskauer Prozesse, UA Sacharow-Zentrum Moskau / Deutsches Nationaltheater und Staatskapelle Weimar / Stadttheater Bern (Theater, Film, Ausstellung, Buch) 2013: Die Zürcher Prozesse mit Anklage der Weltwoche. Theater am Neumarkt Zürich.Die Zürcher Prozesse. In: SRF 1 (Theater, Film, Buch) 2013: Die Enthüllung des Realen, Sophiensaele Berlin (Szenische Ausstellung, Buch) 2013/14: Die Berliner Gespräche, Schweizerische Botschaft Berlin (Talkshow) 2014: The Civil Wars, Beursschouwburg Brüssel / Theaterspektakel Zürich (Theater) 2015: The Dark Ages, Uraufführung 11. April 2015, Regie: Milo Rau, Residenztheater, München (auch Hörspiel WDR)Mitteilung des Residenztheaters zu The Dark Ages, abgerufen am 17. April 2015. 2015: Leitfaden für Britische Soldaten in Deutschland, Uraufführung 8. Mai 2015, Regie: Milo Rau; Ursendung Hörspiel: 9. Mai 2015, WDR (Realisation: Milo Rau) 2015: Das Kongo Tribunal, Bukavu-Hearings, Collège Alfajiri, 29.–31. Mai 2015; Berlin-Hearings, Sophiensaele, 26.–28. Juni 2015, Konzept und Regie: Milo Rau (Theater, Film, Buch) 2016: Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs, Uraufführung 16. Januar 2016, Regie: Milo Rau, Schaubühne am Lehniner Platz (auch Hörspiel WDR)