Kham-Magar (bzw. Kham) ist der Name einer Gruppe von Dialekten, die im mittleren Westen Nepals gesprochen werden, und zwar von den nördlichen Clans der Magar (Budha, Pun, Gharti und Rhoka). Die Sprache Magar wird von den südlichen Clans gesprochen. Nicht zu verwechseln ist die Sprache der nördlichen Magar mit der tibetischen Region Kham. Dort leben die Khampa, deren Sprache als Khams oder Khampa bezeichnet wird.

Der Dialekt, der in der Grammatik von David E. Watters besprochen wird, heißt Takale Kham (gesprochen im Dorf Taka). Dieser wird auch im Folgenden beschrieben.

Phonologie Tonologie Kham ist eine Tonsprache.

Morphologie / Morphosyntax Substantive Numerus Substantive werden flektiert für Singular, Dual und Plural. Der Singular ist unmarkiert, Dual und Plural sind durch Suffixe markiert.

(1) luhzaka:h-nilũ:-rəKind.SGHund-DUStein-PL"ein Kind""(zwei) Hunde""(viele) Steine"

Anmerkung: Alle Abkürzungen dieser Art finden sich in den Leipziger Glossierungsregeln

Das Pluralsuffix -rə taucht auch als -ra auf, und zwar immer dann, wenn ein weiteres Suffix folgt:

(2) mi:-ra-səPerson-PL-COM „mit den Leuten“

Plural Dinge, die gewöhnlich nicht einzeln auftreten (typischerweise bestimmte Körperteile wie Augen, Zähne oder Haare) oder von denen man häufig in der Mehrzahl spricht ("Magst du Kinder?") tragen zwar das Pluralsuffix, die Markierung am Verb, die Kongruenz anzeigt, ist allerdings ein Singularsuffix.

(3) har-nwĩ:o-dənə-ha:-rəpalpal-ota-nyaleKuh-Milchtrinken-NF2SG.POSS-Zahn-PLweißweiß-NMLsein-INFsein[-3SG] „Du wirst Kuhmilch trinken und deine Zähne werden blendend weiß werden.“

(4) za:-rəma-dəi-woKind-PLNEG[-3SG]-gebären-3SG „Sie hat keine Kinder bekommen.“

Der Plural wird aber auch benutzt, um bestimmte Ausdrücke zu verstärken:

(5) ŋa-ŋəih-rəbənəihur-ke1SG.POSS-Kopf-PLvielschmerzen-PFV[-3SG] „Mein Kopf tut schrecklich weh.“

(6) nəm-rəwa-keHimmel-PLregnen-PFV „Es regnet wirklich!“ (nicht: „Die Himmel regnen.“)

Kasus Genitiv Der Genitiv wird durch das Suffix -e/-ye realisiert und taucht nur an Substantiven und an Pronomen der 3. Person auf. Er signalisiert verschiedene Abhängigkeitsbeziehungen zwischen zwei Substantiven:

MODIFIKATION

(7) sən-ekwa:Wolle-GENKleidung „wollene Kleidung“

(8) baza-ekərVogel-GENFlügel „Vogelflügel“

ITERATION

(9) zihm-ezihmzəta-keHaus-GENHausEMPsein-PFV „Es gab nichts als Häuser.“

POSSESSION (bei Elementen, die von einer 3.Person besessen werden)

(10) ŋa-nəĩ-yeo-re:1SG.POSS-Freund-GEN3SG-Ehemann „der Ehemann meines Freundes“

(11) baza-eo-kərVogel-GEN3SG-Flügel „der Flügel des Vogels“ (vgl. Modifikation)

Es funktioniert nicht bei Elementen, die von einer 1. oder 2. Person besessen werden:

(12) *ŋa:-yeŋa-zihm1SG-GEN1SG-Haus „mein Haus“

diese Relation wird durch ein freies Pronomen ausgedrückt:

(13) ŋa:ŋa-zihm1SG.NOM1SG.POSS-Haus „mein Haus“

Instrumental Der Instrumental wird ebenfalls durch das Suffix -e/-ye realisiert und markiert belebte und unbelebte Elemente, mit denen ein Agens eine Handlung ausführt.

(14) rowa-epəl-dədəhləi-ke-oAxt-INShacken-NFfällen-PFV-3SG „Er fällte es durch das Hacken mit einer Axt.“

(15) aomi:-yejəi-si-udasPerson-INSmachen-DETR-NML „Das ist künstlich“ (wörtlich „das ist durch eine Person entstanden“)

(16) aoməsin-ejəi-si-udasMaschine-INSmachen-DETR-NML „Das ist maschinengefertigt.“

Ergativ Der Ergativ wird durch das Suffix -e/-ye realisiert und markiert in transitiven Sätzen (und nur da) das Subjekt. Allerdings nur, wenn es in der 3. Person steht.

INTRANSITIV (es gibt ein Subjekt, aber kein Objekt)

(17) la:si-keLeopard[ABS]sterben-PFV[-3SG] „Der Leopard starb.“

TRANSITIV (es gibt ein Subjekt und ein Objekt)

(18) tipəlkya-ela:səih-ke-oTipalkya-ERGLeopard[ABS][3SG-]töten-PFV-3SG „Tipalkya tötete den Leoparden.“

(19) no:-yela:səih-ke-o3SG-ERGLeopard[ABS][3SG-]töten-PFV-3SG „Er tötete den Leoparden.“

(20) *ŋa:-yela:ŋa-səih-ke1SG-ERGLeopard[ABS]1SG-[3SG-]töten-PFV „Ich tötete den Leoparden.“

Absolutiv Diesen Kasus tragen Objekte transitiver Sätze, die ein Subjekt der 3. Person haben (18). Der Absolutiv wird nicht durch ein Suffix realisiert.

Nominativ Diesen Kasus erhalten Subjekte der 1. und 2. Person in transitiven und intransitiven Sätzen. Nominativ wird nicht durch ein bestimmtes Suffix realisiert.

(21) ŋa:la:ŋa-səih-ke1SG[NOM]Leopard[ABS]1SG-töten-PFV[-3SG] „Ich tötete den Leoparden.“

Objektkasus Da der Nominativ nicht durch ein bestimmtes Suffix realisiert wird (22), muss in transitiven Sätzen, in denen es ein Subjekt der 1. oder 2. Person gibt, das Objekt markiert werden. Dieser Objektkasus wird durch das Suffix -lai realisiert. Im Deutschen erfüllt diese Funktion (das Objekt transitiver Sätze zu markieren) der Akkusativ. Da im Kham aber auch das Dativ-Objekt den Objektkasus erhält, kann man hier nicht von einem Akkusativ sprechen (siehe ditransitive Verben).

(22) ŋa:no:-laiŋa-ri:-ke1SG[NOM]3SG-OBJ1SG-sehen-PFV „Ich sah ihn.“

(23) ni:ŋa-lainə-ri:h-na-ke2SG[NOM]1SG-OBJ2SG-sehen-1SG-PFV „Du hast mich gesehen.“

Verben Person- und Numeruskategorien Verben sind für 1., 2. und 3. Person im Singular, Dual und Plural markiert. Die Kategorien Person und Numerus werden zu einem Morphem zusammengefasst. Eine Ausnahme bildet hier nur die 1. und 2. Person Dual; hier gibt es ein eigenes Personmorphem und ein eigenes Dualmorphem.

Anders als in den meisten tibeto-birmanischen Sprachen gibt es im Kham keine inklusiv/exklusiv-Unterscheidung in der 1. Person Dual und Plural.

(Inklusiv/exklusiv bezieht sich auf den Angesprochenen. Inklusiv schließt den Angesprochenen in das Geschehen ein: Wir gehen Eisessen, d. h. du kommst auch mit; exklusiv schließt den Angesprochenen aus: Wir gehen Eisessen, aber ohne dich).

Intransitive und transitive Verben Es gibt zwei grundlegende Typen von Verben, die sich morphologisch unterscheiden. Verben, die nur ein Argument (Mitspieler) besitzen, nennt man intransitiv (im Deutschen zum Beispiel Sie schläft./ Sie arbeitet./ Er lacht.). Dieses einzige Argument wird als S-Argument (Single- bzw. Sole-Argument) bezeichnet und kongruiert in Person und Numerus mit dem Verb. Die Kongruenz ist als Affix am Verb markiert. 1. und 2. Person werden als Präfixe, 3.Person wird als Suffix markiert (3.Person Singular wird nicht markiert).

INTRANSITIV

(24) ŋa:zihm-daŋa-ba-ke1SGHaus-ALL1SG-gehen-PFV „Ich ging zu dem Haus.“

(25) ni:zihm-danə-ba-ke2SGHaus-ALL2SG-gehen-PFV „Du gingst zu dem Haus.“

(26) no:zihm-daba-ke3SGHaus-ALLgehen-PFV[-3SG] „Er ging zu dem Haus.“

(27) no-rəzihm-daba-ke-rə3-PLHaus-ALLgehen-PFV-3PL „Sie gingen zu dem Haus.“

Bei transitiven Verben, die zwei Argumente besitzen, kongruieren beide Argumente in Person und Numerus mit dem Verb. Diese Kongruenz ist ebenfalls durch Affixe markiert. Die 1. und 2. Person des Subjekts werden als Präfixe, die 3.Person als Suffix markiert. Bei der Markierung des Objekts ist es genau umgekehrt, 1. und 2. Person werden als Suffixe und 3. Person als Präfix markiert (3.Person Singular wird nicht markiert).

TRANSITIVE SUBJEKTE

(28) ŋa:zihmŋa-jəi-ke1SGHaus1SG[-3SG]-machen-PFV „Ich baute ein Haus.“

(29) nĩ:zihmnə-jəi-ke2SGHaus2SG-[3SG]-machen-PFV „Du hast ein Haus gebaut.“

(30) no-ra-ezihmjəi-ke-rə3-PL-ERGHaus[3SG]-machen-PFV-3PL „Sie bauten ein Haus.“

1.PERSON OBJEKT

(31) no-eŋa-laisəres-na-ke-o3SG-ERG1SG-OBJerkennen-1SG-PFV-3SG „Er erkannte mich.“

2.PERSON OBJEKT

(32) no-enĩ:-laisəres-ni-ke-o3SG-ERG2SG-OBJerkennen-2SG-PFV-3SG „Er erkannte dich.“

3.PERSON OBJEKT

(33) no-eno-ra-laiya-səres-ke-o3SG-ERG3SG-PL-OBJ3PL-erkennen-PFV-3SG „Er erkannte uns.“

Intransitive Verben Bezüglich der semantischen Rolle des S-Arguments unterscheidet Watters 3 Typen intransitiver Verben:

1. Patientive Verben

S-Argument = Patiens

(34) ri:hboh-keWasserüberlaufen-PFV[-3SG] „Wasser lief über.“

(35) syakərithĩ:-keFleischtrocknen-PFV[-3SG] „Das Fleisch trocknete.“

Diese Verben bezeichnen Handlungen, die indirekt ausgeführt werden. Das heißt, dem S-Argument passiert die Handlung, es führt sie nicht selbst aus. Aus diesem Grund lässt sich mit patientiven Verben kein Imperativ bilden:

(36) *kha:nike "Verschluck dich!"

*ŋəhlnike "Schlaf ein!"

Was die jeweilige Handlung verursacht, wird nicht ausgedrückt und spielt auch keine Rolle. Das kann man ändern, indem man patientive Verben kausativiert, d. h. einen Agens einführt (siehe unter Kausativ).

2.Agentive Verben

S-Argument = Agens

(37) o-za:syã:-ke3SG-Kindschlafen-PFV[-3SG] „Das Kind schläft.“

Handlungen, die diese Verben bezeichnen werden direkt von dem S-Argument ausgeführt. Diese Verben lassen sich problemlos in den Imperativ setzen:

(38)

khasinke "Huste!"

syã:nike "Schlaf ein! / Geh schlafen!"

3. Meteorologische Verben

S-Argument

(39) nəmwa-keHimmelregnen-PFV „Es regnet.“ (wörtlich „Der Himmel regnet.“)

Diese Verben bezeichnen Wettererscheinungen und sonstige Phänomene in der Natur.

Ambitransitive Verben Typ S = P

Es gibt eine kleine Klasse von Verben, die sowohl transitiv als auch intransitiv verwendet werden, ohne dass eine morphologische Veränderung stattfindet. Diese Verben werden ambitransitiv genannt.

INTRANSITIV

(41) gəmgahgəripa:-keLehmGefäßbrechen-PFV „Der Lehmtopf zerbrach.“ (spontan, einfach so)

TRANSITIV

(42) gəmgahgəripa:-ke-oLehmGefäßbrechen-PFV-3SG „Er zerbrach den Lehmtopf.“ (direkt bzw. mittels eines Instruments)

Verben mit Medium-Morphologie Einige der agentiven und patientiven Verben besitzen ein Suffix -si, welches normalerweise anzeigt, dass die Valenz eines Verbs reduziert wurde. Allerdings gibt es für diese Verben keine Variante ohne Suffix, -si ist obligatorisch. Diese Verben werden als Deponentien bezeichnet und drücken oft Handlungen aus, die etwas mit (der Veränderung) der Körperhaltung zu tun haben (zum Beispiel hinsetzen, stellen, legen).

(43) cuh-si-kesitzen-MID-PFV „Er setzte sich hin.“

(44) bazacõ:-keVogelsich.niederlassen-PFV „Der Vogel ließ sich nieder.“ (Dieses Verb hat nur diese Bedeutung)

(45) *cuh-ke-ositzen-PFV-3SG „Er setzte ihn hin.“

Ditransitive Verben Ditransitive Verben haben drei Argumente. Es kongruieren aber nur zwei Argumente mit dem Verb, das Subjekt und das Dativ-Objekt. Das Dativ-Objekt ist das Ziel der Handlung und im Kham immer belebt.

(46) no-eŋa-laio-bəndukloi-na-ke-o3SG-ERG1SG-OBJ3SG.POSS-Gewehrleihen-1SG-PFV-3SG „Er lieh mir sein Gewehr.“

(47) no-eŋa-laiŋa-bənduklos-na-ke-o3SG-ERG1SG-OBJ1SG.POSS-Gewehrborgen-1SG-PFV-3SG „Er borgte sich mein Gewehr von mir.“

Das folgende (ungrammatische) Beispiel zeigt, dass es wirklich einen Unterschied zwischen transitiven und ditransitiven Verben gibt und dass man einer transitiven Konstruktion nicht einfach ein weiteres Argument hinzufügen kann. (Grammatische Variante dieses Beispiels, siehe Benefaktiv (66))

(48) *no-eŋa-laio-bənduksətəĩ-na-ke-o3SG-ERG1SG-OBJ3SG.POSS-Gewehrzeigen-1SG-PFV-3SG „Er zeigte mir sein Gewehr.“

Valenzverändernde Konstruktionen/Valenzalternation Kausativ Das Präfix sə- (mit den Allomorphen su-/so-, bedingt durch Vokalharmonie) erhöht die Valenz eines Verbs durch die Einführung eines neuen Arguments. Ein intransitives Verb wird transitiv und ist dementsprechend für beide Argumente markiert. Die ersten beiden Beispiele sind die kausativierten Varianten von (34) und (35).

(49) ri:hso-boh-ke-oWasser[3SG-]CAUS-überlaufen-PFV-3SG „Er/Sie ließ das Wasser überlaufen.“

(50) syakərisə-thĩ:-ke-oFleisch[3SG-]CAUS-trocknen-PFV-3SG „Er/Sie trocknete das Fleisch.“

(51) o-za:-laisə-ŋəhl-ke-o3SG-Kind-OBJ[3SG-]CAUS-einschlafen-PFV-3SG „Er/Sie ließ das Kind einschlafen.“

Im Unterschied zu inhärent transitiven Verben wie zum Beispiel hainya "herausziehen" (52) wird die Handlung jedoch indirekt verursacht. D. h. das Agens tut etwas (oder tut etwas nicht) und verursacht dadurch eine Handlung an einem Objekt (51).

INHÄRENT TRANSITIV

(52) o-nəĩ-laikuwa-nihai-ke-o3SG-Freund-OBJBrunnen-ABL[3SG-]herausziehen-PFV-3SG „Er zog den Freund aus dem Brunnen.“

PATIENTIV

(53) syakərici-keFleischverderben-PFV