Palliativmedizin (abgeleitet von „palliativ“, aus , erstmals belegt um 1363 bei Guy de Chauliac, von palliare „mit einem Mantel umhüllen“, „bemänteln“, „verbergen“, „schützen“, von pallium: „Mantel“)Michael Stolberg: Die Geschichte der Palliativmedizin. 2011, S. 16 und 29–42. ist nach den Definitionen der Weltgesundheitsorganisation und der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin „die aktive, ganzheitliche Behandlung von Patienten mit einer progredienten (voranschreitenden), weit fortgeschrittenen Erkrankung und einer begrenzten Lebenserwartung zu der Zeit, in der die Erkrankung nicht mehr auf eine kurative Behandlung anspricht oder keine kurative Behandlung mehr durchgeführt werden kann und die Beherrschung von Schmerzen, anderen Krankheitsbeschwerden, psychologischen, sozialen und spirituellen Problemen höchste Priorität besitzt“.dgpalliativmedizin. (PDF; 0,3 MB) Sie geht als Bestandteil von Palliative CareG. Bollig, M. Unger, P. Pani: Gibt es einen Unterschied zwischen Palliative Care und Palliativmedizin? In: Zeitschrift für Palliativmedizin. Nr. 6, 2010, S. 309, Abstract, bzw. Zusammenfassung (deutsch und englisch) über eine rein palliative Therapie beziehungsweise Palliation hinaus. Es stehen die Lebensqualität des Patienten – sein subjektives Wohlbefinden, seine Wünsche und Ziele – im Vordergrund der Behandlung. Als wesentliche Komponenten der Palliativmedizin gelten Symptomkontrolle, psychosoziale Kompetenz, TeamarbeitKommunikation im Team. In: Eberhard Aulbert, Friedemann Nauck, Lukas Radbruch (Hrsg.): Lehrbuch der Palliativmedizin. Mit einem Geleitwort von Heinz Pichlmaier. 3., aktualisierte Auflage. Schattauer, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-7945-2666-6, S. 77–103. und Begleitung des Patienten und seiner Angehörigen.A. S. Lübbe, Isabell-Annett Beckmann: Palliativmedizin. 2018, S. 4–7 und 69.
Geschichte
Anfänge Die Linderung des Leidens und die Unterstützung des Patienten stand auch früher schon im Zentrum der Aufgaben des Arztes, wie ein französisches Sprichwort aus dem 16. Jahrhundert zusammenfasst: Guérir quelquefois, soulager souvent, consoler toujours („Heilen manchmal, lindern oft, trösten immer“). Bereits aus den hippokratischen Schriften lässt sich die Forderung, der Arzt solle auch unheilbare Krankheiten behandeln,Renate Wittern: Die Unterlassung ärztlicher Hilfeleistung in der griechischen Medizin der klassischen Zeit. In: Münchener medizinische Wochenschrift. Band 121, 1979, S. 731–734. ableiten.Guido Guidi: De curatione generatim. In: Guido Guidi [1508–1569]: Opera omnia sive ars medicinalis. Frankfurt 1626, S. 121. Seit dem Spätmittelalter wurde es als zum Aufgabenbereich von Ärzten gehörig angesehen, auch ihren schwerkranken und sterbenden Patienten, welche keine Aussicht auf Heilung mehr hatten, eine Behandlung und Betreuung zukommen zu lassen.Michael Stolberg: Die Geschichte der Palliativmedizin. 2011, S. 9 f. und 21 f. Wie der Krankenbesuch gehört auch die Heilkunde zu den Werken der Barmherzigkeit und dementsprechend wurde (etwa in einer Würzburger, vom Fürstbischof 1502 erlassenen Medizinalordnung) es als selbstverständlich erachtet, dass kein Arzt die Behandlung eines Patienten ablehnen dürfe, selbst wenn keine Aussicht auf Heilung bestand.Peter Kolb: Das Spital- und Gesundheitswesen. In: Ulrich Wagner (Hrsg.): Geschichte der Stadt Würzburg. 4 Bände. Theiss, Stuttgart 2001–2007, Band 1, 2001, S. 386–409 und 647–653, hier: S. 405. Band I-III/2 (I: Von den Anfängen bis zum Ausbruch des Bauernkriegs. 2001, ISBN 3-8062-1465-4; II: Vom Bauernkrieg 1525 bis zum Übergang an das Königreich Bayern 1814. 2004, ISBN 3-8062-1477-8; III/1–2: Vom Übergang an Bayern bis zum 21. Jahrhundert. 2007, ISBN 978-3-8062-1478-9). In den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Hospizen und Hospitälern fanden neben Alten, Gelähmten und Invaliden auch chronisch Kranke und Pflegebedürftige eine Zuflucht. Eine ärztliche Versorgung und Betreuung oder gar eine (palliativ)medizinische Versorgung wurde ihnen jedoch dort in der Regel nicht geboten.
Ab dem ausgehenden 16. Jahrhundert befassten sich die Ärzte zunehmend mit Fragen der palliativen Krankheitsbehandlung, lateinisch Cura palliativa genannt. Die erste größere Abhandlung zur Palliativmedizin verfasste 1692 Elias Küchler mit seiner in Erfurt erschienenen Doktorarbeit De cura palliativa, woraufhin im 18. Jahrhundert weitere Arbeiten zum Thema veröffentlicht wurden.Michael Stolberg: Die Geschichte der Palliativmedizin. 2011, S. 34–38; Kai Brodersen: Elias Küchler: De cura palliativa (Erfurt 1692) und weitere Zeugnisse für die Frühgeschichte der Palliativmedizin. Speyer 2025. ISBN 978-3-911973-00-7. Im 19. Jahrhundert erschienen Dutzende von Arbeiten speziell zur ärztlichen Sterbebegleitung, der sogenannten „Euthanasia medica“.Michael Stolberg: Die Geschichte der Palliativmedizin. 2011, S. 119–132 (Aufstieg und Niedergang der Euthanasia medica). Eine stationäre Aufnahme von Patienten mit unheilbaren Krankheiten wie „Krebs“, die zumindest gelindert werden sollten, erfolgte unter Johann Bartholomäus von Siebold um 1814Barthel von Siebold: Geschichte und gegenwärtige Einrichtung des Chirurgischen Clinicums im Julius-Spitale zu Würzburg. Stahel, Würzburg 1814, §§ 95–96. auch im Würzburger Juliusspital.Andreas Mettenleiter: Das Juliusspital in Würzburg. Band III: Medizingeschichte. Herausgegeben vom Oberpflegeamt der Stiftung Juliusspital Würzburg anlässlich der 425jährigen Wiederkehr der Grundsteinlegung. Stiftung Juliusspital Würzburg (Druck: Bonitas-Bauer), Würzburg 2001, ISBN 3-933964-04-0, S. 140. In einer Veröffentlichung aus dem Jahr 1819 findet sich erstmals der französische Begriff Médicine palliative; 1880 war bereits der englische Ausdruck Palliative medicine in Gebrauch.Michael Stolberg: Die Geschichte der Palliativmedizin. 2011, S. 124. Nicht gleichzusetzen sind jedoch die zur Symptomlinderung schwerer, aber nicht unbedingt tödlicher Krankheiten schon frühneuzeitlich eingesetzte cura palliativa und eine sich explizit auf die Leiden Sterbenskranker beziehende cura mortis palliativa als Sonderform palliativer Behandlung.Michael Stolberg: Die Geschichte der Palliativmedizin. 2011, S. 43. So kommt auch die moderne Palliativmedizin, als deren Vorreiter auch William MunkWilliam Munk: Euthanasia: or, Medical Treatment in Aid of an Easy Death. Longmans, Green, and Co., London 1887. gilt,David Clark: To Comfort Always: A History of Palliative Medicine Since the Nineteenth Century. Oxford University Press, 2016, ISBN 978-0-19-967428-2. nicht nur Sterbenskranken zugute, sondern auch Schwerstkranken, denen – beispielsweise nach erfolgter medikamentöser Einstellung – ein Leben und sogar Arbeiten außerhalb stationärer Palliativeinrichtungen wieder möglich gemacht werden kann.
Um 1817 wurden in Nürnberg von den Armenwundärzten wie dem Chirurgen Schmidt „Palliativ-Mittel“ zur Linderung verabreicht und in deutscher Sprache angeordnet.Manfred Vasold: Zur Situation der Nürnberger öffentlichen Krankenhäuser und Spitäler 1770 bis 1845. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 17, 1998, S. 399–438, hier: S. 408–409. Im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert traten diese Bemühungen jedoch mit dem Aufstieg der modernen Medizin in den Hintergrund. Die Betreuung von Patienten mit weit fortgeschrittenen tödlichen Erkrankungen konzentrierte sich einseitig auf Heilungsbemühungen bis zum Schluss, auch wenn so gut wie keine Erfolgsaussichten mehr bestanden. Gleichzeitig wurden die Patienten oft mit ihren Symptomen und ihrer Angst vor Sterben und Tod alleine gelassen. (Die mangelnde menschliche Zuwendung im Krankenhaus wurde von August Stöhr bereits 1882August Stöhr: Handbuch der Pastoralmedicin mit besonderer Berücksichtigung der Hygiene. 2. Auflage. Freiburg im Breisgau 1882, S. 290. als „wichtigster Grund“Michael Stolberg: Die Geschichte der Palliativmedizin. 2011, S. 220. für die Furcht von Patienten vor einem Tod im KrankenhausMichael Stolberg: Die Geschichte der Palliativmedizin. 2011, S. 219–226 (Tod im Krankenhaus – die Patientenperspektive). angesehen.)
Eine Studie zur Historie der Palliativmedizin im British Medical Journal (BMJ) analysierte die ersten Verwendungen des englischen Begriffs palliative care im 19. Jahrhundert in Großbritannien. Um einige Beispiele für frühere Verwendungen des Begriffs zu untersuchen, unternahmen Mark Taubert und seine Kollegen eine Literaturrecherche in den frühesten verfügbaren BMJ-Archivabschnitten, zwischen den Jahren 1840 und 1842. Dies gab einen Einblick in die Verwendung des Wortes in der medizinischen Literatur in der viktorianischen Zeit, Mitte des 19. Jahrhunderts. Einige viktorianische Ärzte assoziierten das Wort „palliativ“ damit, dass es keine Aussicht auf Heilung gab, sondern nur auf die Linderung der schlimmsten Symptome zum Beispiel der Tuberkuloseerkrankung ankam. Es gab jedoch schon früh Überlegungen, ob palliative Behandlungen in einigen Fällen sogar die Lebenserwartung der Patienten verlängern können.
Vor diesem Hintergrund wurde 1967 von Cicely Saunders nach dem Vorbild älterer Sterbehospize wie St. Luke’s in London das St Christopher’s Hospice gegründet, das die Keimzelle der modernen Hospizbewegung darstellt.
Im Jahr 1990 formulierte die Weltgesundheitsorganisation ihre richtungsweisende Definition der Palliativmedizin, welche 2002 angepasst wurde.
Entwicklungen in Deutschland Die Erfahrungen aus dem Londoner St. Christopher Hospiz wirkten sich auch auf die Entwicklung der Palliativmedizin in der Bundesrepublik Deutschland aus. Die erste palliativmedizinische Einrichtung in Deutschland war eine Fünf-Betten-Modellstation, die (finanziert von der von Mildred Scheel gegründeten Deutschen Krebshilfe) am 7. April 1983 in der Klinik für Chirurgie der Uniklinik Köln eröffnet wurde. Sie gilt als Vorbild für Palliativstationen und ähnliche Einrichtungen der Palliative Care. Ergänzt wurde das Projekt mit dem ersten Mildred-Scheel-Haus sowie einer weiteren derartigen Einrichtung in Dresden.Zentrum für Palliativmedizin Köln – Die erste Palliativstation Deutschlands Mittlerweile existieren mehr als 300 Palliativstationen und stationäre Hospize in Deutschland. Allerdings ist der Bedarf damit bei weitem noch nicht gedeckt, die Deutsche Krebshilfe als Betroffenenvertretung fördert die Palliativmedizin weiterhin schwerpunktmäßig. Bundesweit stehen bereits einige stationäre pädiatrische Hospize (Kinderhospize) zur Verfügung, deren aktuelle Standorte durch den Bundesverband Kinderhospiz in laufend aktualisierter Form öffentlich einsehbar sind.
Die im Juli 1994 gegründete Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) ist die erste medizinische Fachgesellschaft, die neben Ärzten auch Angehörige anderer Berufsgruppen als Mitglieder zulässt. Sie formuliert als Ziel, Aufbau und Fortschritt der Palliativmedizin zu fördern und die bestmögliche Versorgung der Patienten anzustreben. Alle zwei Jahre führt sie einen Kongress durch, auf dem die aktuellen Entwicklungen in der Palliativmedizin vorgestellt und diskutiert werden.