mini|Viktor E. Frankl, Wien, 1965, Viktor-Frankl-Archiv
Logotherapie (von griechisch lógos „Sinn, Gehalt“) und ExistenzanalyseVgl. auch Kurt Goldammer: Krankheitsdiagnose als Existenzanalyse in religiöser Bildsprache. In: Christa Habrich, Frank Marguth, Jörn Henning Wolf (Hrsg.) unter Mitarbeit von Renate Wittern: Medizinische Diagnostik in Geschichte und Gegenwart. Festschrift für Heinz Goerke zum sechzigsten Geburtstag. München 1978 (= Neue Münchner Beiträge zur Geschichte der Medizin und Naturwissenschaften: Medizinhistorische Reihe. Band 7/8), ISBN 3-87239-046-5, S. 145–162. bezeichnen als eng miteinander verwobene Begriffe eine anthropologische Theorie und psychologische Behandlungsform, deren Entstehung auf den österreichischen Neurologen, Psychiater und Holocaust-Überlebenden Viktor E. Frankl (1905–1997) zurückgeht.
Dieser begründete in den späten 1920er Jahren einen eigenständigen Ansatz, der in besonderer Weise die geistige Dimension des Menschen in den Blick nimmt und sein existenzielles Streben nach Sinn im Leben als dessen primäre Motivationskraft betrachtet. Neben der Psychoanalyse Sigmund Freuds und der Individualpsychologie Alfred Adlers wird die Logotherapie und Existenzanalyse vielfach auch als die „Dritte Wiener Schule der Psychotherapie“ bezeichnet.Diese häufig zitierte Einordnung geht zurück auf Walter Soucek, der in seinem 1948 erschienenen Aufsatz Die Existenzanalyse Frankls, die dritte Richtung der Wiener psychotherapeutischen Schule. In: Deutsche Medizinische Wochenschrift. 73, diesen Terminus erstmals prägte. Paradigmatisch wird sie der Familie humanistisch-existenziell orientierter Verfahren zugeordnet.J. Kriz: Grundkonzepte der Psychotherapie. Beltz, 2014, ISBN 978-3-621-28097-6.K. J. Schneider u. a.: The Handbook of Humanistic Psychology. Theory, Research, and Practice. Sage Publications, 2014, ISBN 978-1-4522-6774-6.
Entstehung Ausgangspunkt von Viktor Frankls Ansinnen war die von Edmund Husserl, Karl Jaspers, Viktor von Gebsattel, Ludwig Binswanger, Medard Boss und Rollo May geäußerte Kritik am Psychologismus der damals praktizierten Psychotherapie. Frankl setzte sich eingehend mit der existenzphilosophischen Anthropologie und besonders mit der Phänomenologie Max Schelers auseinander, die sein Weltbild und wissenschaftliches Werk maßgeblich beeinflussten und fundierten.M. Gritschneder: Der Einfluss der Philosophie Max Schelers auf die Logotherapie Viktor E. Frankls. In: D. Batthyány, O. Zsok: Viktor Frankl und die Philosophie. Springer 2005, ISBN 3-211-23623-6.
Im Gefolge der Husserl’schen und Scheler’schen Psychologismuskritik an der Tiefenpsychologie plädierte Frankl für eine Korrektur ihres als reduktionistisch aufgefassten Menschenbilds und ihrer psychotherapeutischen Methoden. Er vertrat dabei die Ansicht, dass die Psychotherapie durch die Einführung einer eigenständigen geistigen Dimension ergänzt werden müsse, da der psychologische Reduktionismus selbst alle geistigen Phänomene ausschließlich auf psychische Ursachen zurückführe, was jedoch dem „spezifisch Humanen“ des ganzen Menschen nicht gerecht würde.V. Frankl: Das Leiden am sinnlosen Leben. Psychotherapie für heute (Zur Kritik des dynamischen Psychologismus), Herder, 2000, ISBN 3-451-04859-0. So stellte er in Abgrenzung zum Reduktionismus Freud’scher und Adler’scher Prägung neben die auf die Binnendynamik psychisch-triebhafter Kräfte gerichtete Psycho-analyse eine auf Wertberührung und Sinnerfüllung gerichtete Existenz-analyse, die den Blick auf die Dimension von Person und Existenz erweitern und besonders das Sinnstreben als primäre Motivationskraft des Menschen erfassen sollte. Seine Psychologismuskritik brachte Frankl durch die prägnante Formel zum Ausdruck, dass es dem Menschen seiner Auffassung nach zuvorderst um den „Willen zum Sinn“ ginge, während in der Psychoanalyse Freuds der „Wille zur Lust“ und in der Individualpsychologie Adlers der „Wille zur Macht“ maßgebend sei.V. Frankl: Der Wille zum Sinn. Huber, 2012, ISBN 978-3-456-85077-1.
Aus seiner existenzanalytischen Anthropologie hat Frankl die Logotherapie als eine spezifische Behandlungsmethode abgeleitet, welche im Rahmen der Sinnthematik ihre praktische Anwendung findet und umfassend erstmals 1946 im Buch Ärztliche Seelsorge dargelegt wurde.B. Wicki: Logotherapie. In: G. Stumm, A. Pritz: Wörterbuch der Psychotherapie. Springer, 2009, ISBN 978-3-211-99130-5.V. Frankl: Ärztliche Seelsorge. Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse. dtv, 2007, ISBN 978-3-423-34427-2.
Theoretische Grundannahmen Viktor Frankls originäres Konzept der Logotherapie und Existenzanalyse umfasst eine grundlegende Theorie über die Möglichkeiten und Bedingungen für ein menschenwürdiges Dasein (Logotheorie). Abgeleitet aus der Existenzphilosophie formulierte Viktor Frankl mit seiner Anthropologie ein Existenzverständnis, das der besonderen Eigenart des Menschseins gerecht zu werden versucht. So spezifiziert er das Wesen von Existenz dahingehend, dass diese „eine Seinsart ist, und zwar das menschliche Sein, das dem Menschen arteigene Sein, dessen Eigenart darin besteht, dass es sich beim Menschen nicht um ein faktisches, sondern um ein fakultatives Sein handelt, nicht um ein Nun-einmal-so-und-nicht-anders-sein-Müssen […], vielmehr um ein Immer-auch-anders-werden-Können“.V. Frankl: Grundriß der Existenzanalyse und Logotherapie. In: V. Frankl: Logotherapie und Existenzanalyse. Texte aus sechs Jahrzehnten. Beltz, 2005, ISBN 3-407-22129-0. Daher sei menschliche Existenz das einzige Sein, welches nach dem Sinn konkreter Fakten und ihres eigenen Seins fragt.K. Biller, M. Stiegeler: Wörterbuch der Logotherapie und Existenzanalyse von Viktor E. Frankl. Sachbegriffe, Metaphern, Fremdwörter. Böhlau, 2008, ISBN 978-3-205-77755-7.
Diese spezifische Seinsart des Menschen ist gekennzeichnet durch das Zusammentreffen dreier voneinander verschiedener Seinsaspekte, wonach der Mensch physisch (leiblich), psychisch (seelisch) und noetisch (geistig) zugleich sei. Alle drei Dimensionen menschlichen Daseins sind verwoben und stehen in einem besonderen Verhältnis zueinander. Während die physische und die psychische Dimension in engem Zusammenhang stehen (psychophysischer Parallelismus), kann sich der Mensch kraft seiner geistigen Dimension über sein Psychophysikum erheben. So setzt sich der Mensch nicht aus den drei Seinsaspekten zusammen, wohl aber setzt sich das Geistige im Menschen mit dem Psychophysikum auseinander. Da die geistige Dimension von den anderen beiden verschieden und unabhängig ist, kann nicht unmittelbar vom Zustand des Psychophysikums auf jenen des Geistigen geschlossen werden. So muss beispielsweise etwas, das auf der leiblichen oder psychischen Ebene entlastend oder lustvoll sein mag, nicht unbedingt auch auf der geistigen Ebene als sinnvoll erfahren werden. Umgekehrt muss, was dem Menschen wert- und sinnvoll erscheint, ihm in psychischer oder körperlicher Hinsicht nicht immer angenehm sein oder unmittelbare Befriedigung erzeugen. Frankl ersann mit der Logotherapie und Existenzanalyse somit einen Ansatz, der in besonderer Weise auf die hervorgehobene Stellung der geistigen Dimension des Menschen abzielt.
Diese geistige Dimension erlaubt es dem Menschen, in Distanz zu sich selbst zu kommen (Selbstdistanzierung) und dadurch der Welt in Freiheit und eigener Verantwortung offen gegenüberzustehen (Selbsttranszendenz).V. Frankl: Der leidende Mensch. Anthropologische Grundlagen der Psychotherapie. Huber 2005, ISBN 3-456-84214-7. Die existenzanalytische Anthropologie betrachtet den Menschen somit als grundsätzlich entscheidungs- und willensfreies Wesen, das befähigt ist, sich gegenüber seinen inneren und äußeren Bedingtheiten zu verhalten und über sich selbst hinaus auf Sinn und Werte auszurichten. Durch diese potenzielle Willensfreiheit und Eigenverantwortlichkeit ist der Mensch aufgefordert, über sich selbst und seine eigene Begrenztheit hinauszugelangen: Zwar ist der Mensch nie frei von Bedingtheiten und Prägungen persönlicher, typologischer, biologischer, sozialer und kultureller Art, doch innerhalb dieser Gegebenheiten trifft er täglich auf unzählige Situationen, die ihn herausfordern, mit ihnen in für ihn bestmöglicher Weise gestaltend umzugehen. Indem der existenzanalytische Ansatz weniger nach determinierenden Prägungen und Anlagen, sondern vielmehr nach der Unmittelbarkeit im eigenen Erleben und der Lebensgestaltung fragt, wird er dem (Aufforderungs-)Charakter gerecht, den das Leben für den Menschen hat. Durch die Rückbesinnung auf dieses eigene Welterleben gibt Frankl der Sinnfrage eine kopernikanische Wendung, wonach es das Leben selbst ist, das dem Menschen Fragen stellt. Nicht er hat zu fragen, er ist vielmehr der vom Leben her Befragte, der dem Leben zu antworten, das Leben zu verantworten hat.
Kann der Mensch seinen Willen zum Sinn in der Lebenspraxis nicht zur Geltung bringen, entstehen bedrückende Sinn- und Wertlosigkeitsgefühle. Die existenzielle Frustrierung des Sinnbedürfnisses kann psychische Erkrankungen auslösen oder verstärken. So spielt in der angewandten Logotherapie und Existenzanalyse das Herausheben der geistigen Dimension eine zentrale Rolle, etwa indem sie dem leidenden Menschen existenzielle Handlungs- und Erlebensfreiräume gegenüber somatischen oder psychischen Erkrankungen aufzuschließen versucht und ihm durch die Differenzierung von (psychophysischem) Symptom und (geistiger) Person einen entscheidenden Teil seiner Selbstbestimmungsfähigkeit und Würde zurückgibt. Vor diesem Hintergrund meint die Existenzanalyse stets eine Analyse „auf Existenz hin“, nicht eine abstrakte Untersuchung von Existenz an sich, sondern jener konkreten existenziellen Bedingungen, die zu einem wertvollen und eigenverantworteten Leben führen.
In der Beratung und psychotherapeutischen Behandlung steht nach logotherapeutischer Auffassung die Bewusstmachung und Stärkung des Geistigen im Fokus, welche den Menschen (wieder) befähigen soll, die individuellen und einzigartigen Sinnmöglichkeiten, die in jeder Situation verborgen liegen, aufzuspüren und in sich und der ihn umgebenden Welt zur Geltung zu bringen (siehe auch Abschnitt zu Methoden und Anwendungsgebieten).
Vertreter und Richtungen Aus der frühen Schülergeneration Viktor Frankls, die bereits seit den 1970er-Jahren ein umfassendes Interesse und Engagement für dessen Lehren zeigte und in der Folge engen Kontakt zu Frankl unterhielt, gingen mit Elisabeth Lukas und Alfried Längle zwei zentrale Persönlichkeiten hervor, welche die Verbreitung und weitere Entwicklung der Logotherapie und Existenzanalyse maßgeblich vorantrieben und beeinflussten. Spricht man heute von Logotherapie und Existenzanalyse, muss man dabei zwischen zwei großen Richtungen unterscheiden:
Auf der einen Seite besteht rund um den Einflussbereich von Elisabeth Lukas jene Ausprägung, die sich eng an das originäre Frankl’sche Gedankengut anlehnt und sich weitestgehend für den Erhalt der reinen Lehre im Sinne des Begründers einsetzt. Lukas hat die Logotherapie besonders in Deutschland einem breiten Bevölkerungskreis bekannt gemacht und einen wesentlichen Beitrag zu ihrer Etablierung geleistet. 1986 wurde von ihr das Süddeutsche Institut für Logotherapie in Fürstenfeldbruck gegründet.E. Lukas: Vom Sinn getragen. Ein Leben für die Logotherapie. Kösel 2012, ISBN 978-3-466-37052-8.
Auf der anderen Seite hat Alfried Längle die Grundkonzepte Frankls phänomenologisch weiterentwickelt und die Existenzanalyse als umfassendes, eigenständiges Psychotherapieverfahren ausgebaut und begründet. 1983 wurde in diesem Zusammenhang die Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse (GLE) in Wien etabliert, der Viktor Frankl zunächst als Ehrenpräsident vorstand.A. Längle: 20 Jahre GLE – eine Geschichte. In: Existenzanalyse. Nr. 1, 2005, Infoheft, GLE, .